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Stefan Timmermanns, Maika Böhm (Hrsg.): Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

Cover Stefan Timmermanns, Maika Böhm (Hrsg.): Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Interdisziplinäre Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 416 Seiten. ISBN 978-3-7799-3899-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Ausgehend von der Tatsache, dass in den letzten Jahren eine Pluralisierung bzw. Diversifizierung der Kategorien und Begrifflichkeiten für die sexuellen Orientierungen und die geschlechtlichen Identitäten stattgefunden hat, haben Stefan Timmermanns und Maika Böhm es unternommen, namhafte in Forschung und Praxis arbeitende Fachleute, die sich mit dem Thema der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt beschäftigen, für Beiträge zu diesem Buch zu gewinnen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema erscheint der Herausgeberin und dem Herausgeber notwendig, da die gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber und der Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt nach wie vor ambivalent sind. Die homonegativen Einstellungen der Bevölkerung haben zwar in den letzten Jahren abgenommen und einer größeren Akzeptanz von LSBTIQ*-Personen Platz gemacht. Doch nach wie vor sind „17 % der Deutschen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe (…) und ca. 40 % würden einen schwulen Sohn oder eine lesbische Tochter ablehnen“ (S. 10). Ähnlich ist es hinsichtlich der rechtlichen Bestimmungen und Gesetze, bei denen sich einerseits national wie international eine Liberalisierung zeigt. Gleichzeitig finden sich aber vor allem im internationalen Kontext auch wachsende Widerstände oder sogar Rückschritte.

Herausgeber*innen

Stefan Timmermanns, Dr. paed., ist Erziehungswissenschaftler und tätig als Professor am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Frankfurter University of Applied Sciences für Sexualpädagogik und Diversität in der Sozialen Arbeit. Er war Mitarbeiter von pro familia, der Deutschen Aids-Hilfe und ist Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualpädagogik. Kontakt: timmermanns.stefan@fb4.fra-aus.de

Maika Böhm, Dr. phil. Dipl.-Soz-päd, M.A. Gender und Arbeit, ist Professorin für Sexualwissenschaft und Familienplanung an der Hochschule Merseburg. Sie ist Sexualpädagogin, systemisch-integrative Beraterin (DGSF) und Vorstandsmitglied in der Gesellschaft für Sexualpädagogik. Kontakt: maika.boehm@hs-merseburg.de

Die 35 Autor*innen der 24 Beiträge sind Fachpersonen aus einer großen Zahl verschiedener Fächer, wie Soziale Arbeit, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Medizin.

Entstehungshintergrund

In Anbetracht der Entwicklung, die sich in Bezug auf die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den letzten Jahren zeigt, ist es der Herausgeberin und dem Herausgeber dieses Werkes wichtig, einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Praxis zu vermitteln. Die 24 Beiträge aus den Fächern der Psychologie, der Queer und Gender Studies, der Bildung und Erziehung sowie der Sozialen Arbeit, präsentieren ein weites Feld von Befunden aus Forschung und Praxis und führen zu Empfehlungen hinsichtlich weiterer Forschung und in Bezug auf Programme für die Verbesserung der Lebenssituation von LSBTIQ*-Personen.

Aufbau und Inhalt

In 24 Beiträgen behandeln die 35 Autor*innen das Thema der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt aus der Sicht der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Anmerkungen finden sich in Fußnoten. Die zitierte Literatur wird jeweils am Ende der einzelnen Beiträge aufgelistet. Am Ende des Buches befinden sich Angaben zu den Autor*innen.

In der Einleitung skizzieren Stefan Timmermanns und Maika Böhm den langen Weg „vom Urning (Karl Heinrich Ulrichs) über das dritte Geschlecht (Magnus Hirschfeld) und medizinische Begriffe wie Transsexualismus und Intersexualität bis hin zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“ (S. 9), wie sie sich uns heute darstellt. Die Autorin und der Autor erklären hier auch, dass ihnen die Formulierung „sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ angemessener als der Akronym LSBTIQ* erscheint, „um die Bandbereite der unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, körpergeschlechtlichen Verfasstheiten und geschlechtlichen Identitäten zu bezeichnen“ (S. 13). Dadurch werden alle angesprochen und niemand ausgeschlossen, dessen Zugehörigkeitsgefühl nicht durch einen Buchstaben repräsentiert ist. Aus diesem Grund haben sie die Formulierung „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ auch als Titel dieses Sammelbandes gewählt. In der Einleitung stellen Timmermanns und Böhm ferner die Struktur und den Aufbau des Sammelbandes mit den 5 großen Kapiteln „Identitätsentwicklung und Diskriminierungserfahrungen im Lebenslauf“, „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Bildung und Erziehung“, „Sexualitäten, Beziehungs- und Lebensformen“, „Körper und Gesundheit“ und „Herausforderungen für professionelles und gesellschaftliches Handeln“ vor.

Das Kapitel I „Identitätsentwicklung und Diskriminierungserfahrungen im Lebenslauf“ enthält fünf Beiträge, von denen vier sich mit der Situation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen sowie genderqueeren Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Das fünfte Kapitel thematisiert „LSBT*-Personen in Arbeit und Wirtschaft: Diversity and (Anti-)Diskriminierung“.

In ihrem Beitrag „Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten: Thinking outside the box(es)?“ klärt Meike Watzlawik die Begriffe „sexuelle Identität und Orientierung“ und verweist auf die Tatsache, dass die Identitätsentwicklung ein lebenslanger Prozess im Austausch mit der sozialen Umwelt ist. Wichtig auch die Hinweise der Autorin auf die Intersektionalität, die davon ausgeht, dass gemäss einer Definition von Walgenbach (2012) „soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen“, wobei der „Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen“ (S. 33).

Die drei folgenden Beiträge von Bettina Kleiner („Lebenslagen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und inter*geschlechtlichen sowie genderqueeren (Kindern und) Jugendlichen“), von Kerstin Oldemeier („Coming-out Verläufe und Freizeiterfahrungen von jungen lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und divers* geschlechtlichen Menschen“) sowie von Stefan Timmermanns und Peter Martin Thomas („ ‚Dass sich etwas ändert und sich was ändern kann’. Ergebnisse einer qualitativen Studie über die Lebenssituation von lsbt*q Jugendlichen in Hessen“) thematisieren die Situation von Kindern und Jugendlichen, die sich nicht als heterosexuell und/oder cis*geschlechtlich verstehen. Die Hauptresultate der zitierten Studien lassen sich wie folgt beschreiben: die LSBTIQ*-Jugendlichen durchlaufen während ihres Coming-out eine Zeit voller Ängste und Entbehrungen, machen mit dem Coming-out aber mehrheitlich positive Erfahrungen. In der Folge sind Diskriminierungserfahrungen jedoch häufig, wobei die Jugendlichen überwiegend auf sich allein gestellt sind.

Anhand des Forschungs-Praxis-Projekts „Wie leben lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Jugendliche in Hessen? Gesellschaftliche Teilhabe und Unterstützung von queeren Jugendlichen“ arbeiten Stefan Timmermanns und Peter Martin Thomas konkrete Konsequenzen für die Jugendpolitik und Jugendarbeit heraus (ich werde sie hier etwas ausführlicher darstellen, da sie nach meiner Einschätzung nicht nur für Hessen, sondern auch für andere deutsche Bundesländer ebenso wie für andere deutschsprachige Länder gelten): Die erste Konsequenz ist „Es müssen für LSBT*Q-Jugendliche die gleichen Teilhabemöglichkeiten in Hessen aufgebaut werden wie für alle anderen Jugendlichen“, was „durch Qualifizierungsmaßnahmen für die Träger der Jugendarbeit, eine nachhaltige Öffnung der bestehenden Angebote der Jugendarbeit für lsbt*q Jugendliche bzw. eigenständige Angebote für diese Jugendlichen in den Regelstrukturen sowie eigenständige LSBT*Q-Jugendarbeitsangebote“ erreicht werden muss (S. 86). Als zweite Konsequenz nennen die Autoren „die Notwendigkeit, ein flächendeckendes altersgerechtes Beratungsangebot zu Fragen der geschlechtlichen Identität und der sexuellen Orientierung zu etablieren“ (S. 86), insbesondere solche elternunabhängiger Art und ergänzende Eltern-Kind-Angebote, in denen Berater*innen mit umfassenden Kenntnissen zu Fragen der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität tätig sind. In eine ähnliche Richtung weist die dritte Konsequenz: „Teilhabe und Unterstützungsmöglichkeiten für junge Menschen zur sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität müssen für alle Jugendlichen in Hessen bekannt und zugänglich sein“ (S. 87). Da umfassende Bildung und Aufklärung eine Voraussetzung für ein gelingendes Aufwachsen von lsbt*q Jugendlichen ist, lautet die vierte Konsequenz: „Die Vielfalt von Lebensentwürfen, von Familien- und Beziehungsmodellen und geschlechtlichen Identitäten soll Kindern in Kindergärten und Grundschulen in angemessener Weise und als gleichberechtigt dargestellt werden. Dazu müssen diese Themen Bestandteil sämtlicher Bildungs- und Lehrpläne werden, die in öffentlicher Verantwortung liegen“ (S. 87). In einer fünften Konsequenz wird festgehalten, dass die genannten Forderungen voraussetzen, „dass die politischen und sonstigen Entscheidungsträger*innen ihrer Verantwortung im öffentlichen Diskurs zur geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt gerecht werden“ (S. 87).

Der fünfte Beitrag des I. Kapitels „LSBT*-Personen in Arbeit und Wirtschaft: Diversity und (Anti-)Diskriminierung“ von Dominic Frohn und Florian Meinhold liefert einen Überblick über die Forschung zur Situation von nicht-heterosexuellen und nicht-cis*geschlechtlichen Personen im Arbeits- und Wirtschaftskontext. Das Fazit lautet: Obwohl lesbische und schwule Beschäftigte innerhalb der letzten zwanzig Jahre zunehmend offener mit ihrer sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz umgehen, erfahren sie dort genauso häufig wie vor zehn Jahren Diskriminierungen. Bisexuelle und trans* Personen sind demgegenüber wesentlich verschlossener und berichten zwei bis dreimal so häufig von Diskriminierungserfahrungen. Relativ stabil lässt sich in der Gesellschaft Homo-, Bi- und Trans*-Negativität nachweisen. Die Autoren weisen darauf hin, dass es – auch für die Forschung – wichtig ist, die häufig bestehende „defizitorientierte Perspektive zu verlassen und einen stärker ressourcenorientierten Fokus einzunehmen“ (S. 102). Aufgrund der spezifischen Lebenssituation verfügen LSBT*-Personen häufig über eine „lesbische/​schwule bzw. bisexuelle oder Trans*-Kompetenz“ (S. 102), die sie mit Gewinn in die Arbeitswelt einbringen können. Für die Forschung kommt es in Zukunft darauf an, „regelmäßige, fundierte, affirmative“ Studien durchzuführen, „um einerseits die bestehenden Defizite auszugleichen und andererseits in einem sinnvollen zeitlichen Abstand die aktuellen Entwicklungen bezogen auf LSBT*-Themen überprüfen zu können“ (S. 103). Um eine umfassende Antidiskriminierungsarbeit zu betreiben, sind Maßnahmen auf verschiedenen Wirkebenen notwendig: neben juristischen Maßnahmen sind spezifische LSBT*-Diversity Maßnahmen indiziert, die „explizit bisexuelle und Trans*-Personen mitberücksichtigen“ (S. 104), sowie mehr wissenschaftliche Forschungs(förderung) für LSBT*-Themenstellungen.

Das Kapitel II „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Bildung und Erziehung“ umfasst vier Beiträge, die sich mit sexualpädagogischen Themen beschäftigen.

Das Thema „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Kontext frühindlicher Inklusionspädagogik“ behandeln Stephanie Nordt und Thomas Kugler. Sie geben einen Überblick darüber, „wo die Themen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – immer im weiten Horizont der Menschenrechte, insbesondere der Kinderrechte – in der frühkindlichen Bildung auftauchen und wie wichtig ein umfassender inklusiver Umgang mit sozialer Vielfalt in der pädagogischen Praxis der Kitas ist“ (S. 111). Da Kinder schon früh im Leben Erfahrungen von Einschluss und Ausschluss machen, ist für Kindertageseinrichtungen „von Anfang an eine inklusive pädagogische Praxis, die Ausgrenzungen wahrnimmt, ihnen entgegentritt und die gleichzeitig Vielfalt wertschätzt und fördert“ (S. 120) von großer Bedeutung für das weitere Leben der Kinder.

Ebenfalls dem Thema der Geschlechtervielfalt in der Kita ist der Beitrag „Geschlechtervielfalt in der Kita – Theorie und Praxis: Inklusion und Kinderrechte als menschenrechtlich fundierter Zugang einer genderbewussten Pädagogik“ von Thomas Kugler gewidmet. Der Autor arbeitet fünf Leitlinien für einen inklusiven Umgang mit Geschlechtervielfalt in der frühen Bildung heraus: „Geschlechtervielfalt sichtbar machen“ (altersangemessene Informationen, Sprache und Ansprache; pädagogische Materialien und Medien; Beobachtung und Dokumentation), „Selbstdefinitionen respektieren“, „Selbsterprobung ermöglichen“, „Einschreiten bei Diskriminierungen“ und „Die eigene Position und pädagogische Haltung reflektieren“ (Fachwissen zu Genderaspekten erwerben; biographische Erfahrungen reflektieren; neue Verhaltensweisen einüben).

Mit der gesellschaftspolitischen Dimension in der Jugendbildung setzt sich Jutta Hartmann in ihrem Beitrag „Heteronormativitätskritische Jugendbildung – Pädagogische Professionalisierung zum Themenfeld ‚geschlechtliche und sexuelle Vielfalt’“ auseinander. Ausgehend von dem Modellprojekt „All included – Museum und Schule gemeinsam für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“, einem von 2015 bis 2019 am Jugend Museum in Berlin-Schöneberg durchgeführten Projekt, wurden mittels verschiedener Methoden der Qualitativen Sozialforschung pädagogische Interaktionen, Perspektiven der pädagogisch Handelnden wie die (Re-)Aktionen und Projektergebnisse der daran teilnehmenden Kinder und Jugendlichen untersucht. Die Resultate des Projekts lassen sich auf zwei Ebenen interpretieren: Zum einen auf der Ebene „Anhaltende Reflexivität – Eckpunkte pädagogischer Professionalität“, womit gemeint ist, „unter Anwendung wissenschaftlichen Wissens reflektiert und zielgerichtet methodisch zu arbeiten“ (S. 139). Hier nennt die Autorin fünf wichtige Prinzipien: „(Selbst-)Reflexivität verankern“ (dies vor allem auch im Hinblick auf die eigene Verstrickung der Pädagog*innen in heteronormative Mechanismen), „Didaktische Fragen des Was, Warum und Wie klären“ (um „Brücken des Verstehens herzustellen“, S. 140, wobei von den Antworten auf diese Fragen „die Auswahl konkreter Materialien, Begegnungen und methodischer Tools“ abhängen, S. 144), „Theoretische Fundierung durchdenken“; „Paradoxien balancieren“; „Wissenschaftliches Denken und praktisches Handlungswissen verbinden“. Die zweite Ebene betrifft die Frage „Welche didaktischen Entscheidungen treffen? – Elementares, Fundamentales und Exemplarisches bestimmen“.

Den Abschluss dieses Kapitels bildet der Beitrag „Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit als Formen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“ von Helge Jannink und Christina Witz. Anhand von Fragen zur Sexualität und Geschlechtlichkeit, die häufig von Jugendlichen gestellt werden, diskutieren sie, ob pädagogische Interventionen ohne jeglichen Ausschluss gestaltet werden können. Fazit: „Sexualpädagogik kommt dabei nicht umhin, das Heteronormative einerseits immer wieder bestätigen zu müssen und sich andererseits damit zu beschäftigen, wie das Nonkonforme seinen Platz erhält. (…) Ein großer Verdienst von Pädagogik geschlechtlicher und sexueller Vielfalt ist es, sich Perspektiven zuzuwenden, die im heteronormativ durchzogenen Alltag zu verschwinden drohen, bzw. Menschen in den Fokus zu stellen, die direkter Diskriminierung bis zu körperlicher Gewalt ausgesetzt sind“ (S. 166).

Das III. Kapitel „Sexualitäten, Beziehungs- und Lebensformen“ mit vier Beiträgen beginnt mit einer Reflexion von Kim Scheunemann zum Thema „Über die (Un-)Wirklichkeiten von (A-)Sexualität“. Hier wird die Frage nach der ontologischen Setzung von Sexualität gestellt („Sexualität: Von der Handlungs- zur Seinskategorie“, S. 175) und es wird untersucht, wie diese Setzung verändert werden kann. Die Ursache dafür, dass in vielen sexualwissenschaftlichen Diskursen Asexualität nicht benannt wird, sieht Kim Scheunemann darin, dass Asexuelle offenbar „Konzepte hegemonialer Machtstrukturen (…) in Frage stellen (…), da sie die Norm einer binärgeschlechtlichen heterosexuellen Gesellschaft in Frage stellen“ (S. 176).

Im folgenden Beitrag „Interdisziplinäre Perspektiven auf BDSM aus queer-theoretischer Sicht“ verweist Robin Bauer darauf, dass BDSM in den letzten Jahrzehnten zwar eine weitgehende Entpathologisierung und Normalisierung erfahren hat und als Teil sexueller Vielfalt diskutiert wird. Zugleich besteht vielfach jedoch noch immer eine klinische Perspektive, die BDSM-Praxen pauschalisierend als Störung betrachtet. Der Autor zeigt, dass sich im queeren BDSM spezifische Formen entwickelt haben, so das Experimentieren und Spielen mit Geschlecht. „Die Spielwiese BDSM ermöglicht also das Respektieren, Wertschätzen und Feiern von Vielfalt hinsichtlich von Geschlecht auf der Szene-Ebene und erlaubt es Individuen, neue Geschlechterkonzepte zu entwerfen und zu leben. Hier scheint queerer BDSM also eine transformative Kraft zu entwickeln“ (S. 188).

Der dritte Beitrag dieses Kapitels ist dem Thema „’Viele Lieben’ – Polyamorie als Identität und Praxis“ gewidmet. Wie Renate Baumgartner ausführt, bricht die Polyamorie mit der „Mono-Normativität“, der „Monogamie als Norm“ (S. 195/197), und wird deshalb häufig negativ konnotiert. Die polyamorösen Lebensweisen beinhalten die „Etablierung eines neuen ‚ethischen Codes’ (…). Dazu gehören Kommunikation, Transparenz, Einvernehmlichkeit und (Selbst)-Reflektion“ (S. 207). Als zukünftige Themen der Polyamorie-Forschung nennt die Autorin u.a. Diskriminierungserfahrungen und polyamoröses Leben als Familie bzw. mit Kindern sowie die Erfassung von Zahlen über die Verbreitung von polyamorösen Lebensweisen im deutschsprachigen Bereich.

Die Frage nach der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt spielt auch im Alter eine wesentliche Rolle. Diesem Thema ist der Beitrag „Ein schwul(-lesbisches) Wohnprojekt für Ältere: Freizeit, Kommunikation und Teilhabe homosexueller Senior*innen“ von Tamara-Louise Zeyen und Ralf Lottmann gewidmet. Häufig wird die Gruppe der LSBTIQ*-Personen bei Studien zum Leben älterer Menschen nicht berücksichtigt. Sie werden gleichsam„übersehen“. Anhand von problemzentrierten Interviews haben Tamara-Louise Zeyen und Ralf Lottmann Bewohner*innen des Wohnprojekts „Lebensort Vielfalt“ (Berlin) zu den Themen Motivation für den Einzug in das Wohnprojekt, Freizeitgestaltung sowie geschlechterspezifische Aspekte in Kommunikation und Erwartungen an ein Zusammenleben befragt. Aus den vielfältigen Informationen, die auf diese Weise gewonnen werden konnten, seien die folgenden genannt: Das Wohnprojekt „Lebensort Vielfalt“ stellt für die Bewohner*innen einen Schutzraum dar, in dem sie so leben können, wie sie sind. Dabei leistet die verbindende Komponente der sexuellen Identität einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität. Ein Unterschied hat sich zwischen den weiblichen und männlichen Bewohenr*innen gezeigt: Es bestehen Konfliktfelder zwischen den Geschlechtern einerseits aufgrund der fehlenden Sichtbarkeit von Frauen (dort leben nur etwa 20 % Frauen) und andererseits aufgrund eines unterschiedlichen Nähe- und Distanz-Verhältnisses (höhere Erwartungen der Frauen an verbindliche soziale Beziehungen).

Dem Thema „Körper und Gesundheit“ ist das IV. Kapitel mit fünf Beiträgen gewidmet.

Im Beitrag „Biologische Geschlechterbetrachtungen und ihre Relevanz für Perspektiven geschlechtlicher Vielfalt“ zeigt Heinz-Jürgen Voß auf, dass die Binarität der Geschlechter nicht nur in den Sozialwissenschaften in Frage gestellt wird, sondern es auch zu einer Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive gekommen ist. So kommt Claire Ainsworth in einem 2015 in der renommierten Zeitschrift „Nature“ publizierten Übersichtsartikel zum Schluss „Biologen haben inzwischen eine sehr differenzierte Sichtweise der Geschlechter – die Gesellschaft muss hier erst noch nachholen“ (S. 237). Weiter heißt es in diesem Artikel in Bezug auf die Genetik „Betrachtet man die Genetik, verschwimmt die Grenz zwischen den Geschlechtern noch mehr. (…) Es gibt eine wesentlich größere Vielfalt der Geschlechter als nur das der Männer und das der Frauen“ (S. 237). Den aktuellen Forschungsstand hat Heinz-Jürgen Voß u.a. in seinem Buch „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ dargelegt und verweist darauf, dass die Dichotomie der Geschlechter, auch aus biologischer Sicht, nicht aufrechterhalten werden kann, sondern dass „der Komplexität des Zusammenwirkens vieler Faktoren Rechnung zu tragen“ ist (S. 238). Daraus resultiert für pädagogische Fachkräfte „die Notwendigkeit, sich den aktuellen wissenschaftlichen Sachstand (…) anzueignen – und ihn angemessen, u.a. auf Basis des genannten Materials, in der Arbeit mit ihren Zielgruppen zu berücksichtigen“ (S. 238/239).

Kathinka Schweizer und Ursula Rosen beleuchten in ihrem Beitrag „Intergeschlechtlichkeit in Familie und Gesellschaft. Wie wir über diverse Körper, Identitäten und Varianten der Geschlechtsentwicklung sprechen können“ das Thema Intergeschlechtlichkeit und zeigen, wie begrenzt unsere Sprache beim Sprechen über die Variabilität und Vielfalt körpergeschlechtlicher Formen ist. Ziel der Autorinnen ist es, „eine respektvolle und passende Sprache für körpergeschlechtliche Mehrdeutigkeiten und angemessene Formen des Benennens“ (S. 242) zu finden. Dies geht einher mit wachsenden politischen Bemühungen um eine Verbesserung der menschenrechtlichen und gesundheitsbezogenen Situation intergeschlechtlicher Menschen. Ein Beispiel für eine angemessene Sprache ist beispielsweise die Ersetzung des häufig verwendeten Begriffs der „Uneindeutigkeit“ durch den Begriff der „Mehrdeutigkeit“ (S. 253). Eine andere Möglichkeit ist es, von „inter*-Kindern/​Jugendlichen“ zu sprechen (S. 253), wobei die Kleinschreibung von „inter*“ deutlich machen soll, „dass es lediglich um einen Aspekt der Persönlichkeit geht, der die Person aber nicht in Ausschließlichkeit zu einem Inter*Menschen“ macht (S. 253).

Da das somatische und psychische Gesundheitsrisiko von LSBTIQ*-Personen höher ist als in der Allgemeinbevölkerung, behandeln Ute Lampalzer, Pia Behrendt, Arne Dekker, Peer Briken und Timo O. Nieder diese Fragen in ihrem Beitrag „LSBTI* und Gesundheit: Partizipative Forschung und Versorgung im Zusammenspiel von Sexualwissenschaft, Psychologie und Medizin“. Den spezifischen Gesundheitsbedarfen stehen z.T. nur unzureichend spezialisierte Versorgungsangebote gegenüber. Die Autor*innen stellen in ihrem Beitrag den ersten Teil eines insgesamt dreiteiligen Projekts vor, das auf einem partizipativen Forschungsansatz basiert und am Ende eine partizipative Implementierung der Ergebnisse vorsieht. Im Rahmen dieser qualitativen Studie sind Expert*innen-Interviews und Fokusgruppengespräche geführt worden. Die Ergebnisse: Es braucht für eine angemessene Gesundheitsversorgung der LSBTIQ*-Personen ein verstärktes interdisziplinäres Wissen der Fachleute; es sollte bei allen beteiligten Disziplinen praktisches Anwendungswissen aus der Kommunikationspsychologie vorhanden sein; es besteht ein großer Bedarf an Zusammenarbeit und Netzwerken zwischen den Fachleuten sowie an Kontakten zwischen Forschenden, Praktiker*innen und Mitgliedern der Community.

In der Forschung besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass LSBTIQ*-Personen „nicht nur eher Substanzen konsumieren als die hetero- und cis*geschlechtliche Mehrheitsbevölkerung, sondern auch mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit von sogenannten ‚substanzbedingten Störungen’ und ‚Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen’ betroffen sind“ (S. 274). Diesem Thema ist der Beitrag „Substanzkonsum unter LSBT*: Zwischen erhöhter Prävalenz und Defizitorientierung“ von Niels Graf gewidmet. Bei der Beschäftigung mit diesem Thema fällt auf, dass der Substanzgebrauch unter LSBT* in Deutschland fast unerforscht ist. Der Autor rekurriert deshalb primär auf Literatur aus dem anglo-amerikanischen Bereich. Ein zweiter erstaunlicher Befund ist der, dass sich die Forschung zum Substanzgebrauch auf Männer konzentriert, die Sex mit Männern (MSM) haben, wobei neuere Studien zeigen, dass der Gebrauch von Alkohol unter MSM und heterosexuellen Männern ähnlich verbreitet ist. Anders ist es hingegen beim Gebrauch von sog. Party- oder Clubdrogen wie Amphetamine, Ecstasy oder GHB/GBI, die von MSM deutlich häufiger konsumiert werden. Innerhalb der MSM konsumieren die Jüngeren eher Substanzen als die Älteren. Die Forschung zum Substanzkonsum von lesbischen und bisexuellen Frauen ist vom Fokus auf den Gebrauch von Alkohol gekennzeichnet, wobei diese Frauen – und zwar insbesondere die jüngeren – deutlich mehr Alkohol konsumieren als heterosexuelle Frauen. Die Forschung zum Substanzgebrauch unter trans* Personen ist noch rudimentär. Die Befunde aus US-amerikanischen Studien weisen auf eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit der Konsums illegalisierten Substanzen, nicht aber von Alkohol, hin. Die Ursachen der Unterschiede zwischen LSBTIQ*-Personen und der Mehrheitsbevölkerung lassen sich nach Niels Graf vor allem mit zwei Ansätzen erklären: zum einen mit der sozial-kognitiven Lerntheorie, der zufolge das individuelle Konsummuster wesentlich durch die Beobachtung und Imitation des Konsumverhaltens im sozialen Umfeld erlernt wird, und zum andren durch ein stresstheoretisches Modell, wonach Benachteiligungen in der gesellschaftlichen Hierarchie mit erhöhtem Stress und weniger Bewältigungsressourcen einhergehen und daher zu einem verminderten Wohlbefinden – und damit zu einem erhöhten Konsumverhalte – führen. Dieser defizitorientierten Sicht stellt der Autor die Feststellung gegenüber, „dass trotz erhöhter Prävalenzen die überwiegende Mehrheit der LSBT* offenbar keine Substanzen gebraucht geschweige denn Symptome substanzbedingter Störungen zeigt (…) und Substanzkonsum daher dennoch ein Minderheitenverhalten unter LSBT* darstellt. Die meisten LSBT* haben also offensichtlich Stärken im Sinne einer Resilienz entwickelt“ (S. 284). Für die Zukunft ist allerdings wichtig, dass LSBT*-spezifische affirmative Beratungs- und Behandlungsangeboten geschaffen werden.

Das Suizidrisiko ist bei LSBTIQ*-Personen – z.T. wesentlich – höher ist als in der Mehrheitsgesellschaft, wie Martin Plöderl in seinem Beitrag „Suizidrisiko bei LSBTI*“ darlegt. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass „die Mehrheit (…) noch keinen Suizidversuch gemacht hat. Dies ist wichtig zu betonen, um eine unnötige Pathologisierung und Stereotypisierung zu vermeiden“ (S. 297). Bei der Suche nach Erklärungsmodellen nennt der Autor die krankmachende Rolle verschiedener Formen von Stigmata: erlebtes Stigma, erwartetes Stigma, internalisiertes Stigma und strukturelles Stigma, wobei der Minoritätenstress eine wesentliche Rolle spielt. Als wichtiger Schutzfaktor wirkt vor allem die soziale Unterstützung durch Eltern. Bei der Suche nach den Gründen für individuelles suizidales Verhalten muss indes, so Martin Plöderl, der Komplexität von sozialen, ökonomischen und kulturellen Faktoren mehr Rechnung getragen werden. Im Hinblick auf Präventionsmaßnahmen sind beispielsweise LSBTI*-spezifische Krisenhotlines und spezifische psychotherapeutische Angebote notwendig, und bestehende psychosoziale Einrichtungen müssen LSBTI*-spezifische Diversitäts-Kompetenzen erwerben. Wichtig sind ferner familientherapeutische Angebote und die Unterstützung der Eltern. „Schließlich ist die Eliminierung des strukturellen Stigmas unumgänglicher Teil der LSBTI*-spezifischen Suizidprävention“ (S. 300).

Das Kapitel V. befasst sich in sechs Beiträgen mit „Herausforderungen für professionelles und gesellschaftspolitisches Handeln“.

In ihrem Beitrag „Regenbogenkompetenz in der Sozialen Arbeit“ definiert Ulrike Schmauch die Regenbogenkompetenz als „Fähigkeit einer sozialen Fachkraft, mit dem Thema der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität professionell, vorurteilsbewusst und möglichst diskriminierungsfrei umzugehen“ (S. 308). Dabei lassen sich vier Ebenen unterscheiden: Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz und Selbstkompetenz, wobei diese individuellen Kompetenzen immer in einem institutionellen Rahmen zu denken sind, der ihre Entwicklung erst ermöglicht. Anhand von kasuistischen Vignetten aus verschiedenen sozialen Institutionen schildert Ulrike Schmauch „gelingende Situationen“ und „schwierige Situationen“ und stellt für verschiedene Praxisfelder die Bedeutung von Regenbogenkompetenz für soziale Fachkräfte dar.

Dem Thema Regenbogenfamilien ist auch der Beitrag „Regenbogenfamilien in der Beratung – Hürden, Ressourcen und zentrale Themen“ von Elke Jansen und Kornelia Jansen gewidmet. Anlass für Beratungen – vorrangig werden die beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) angesiedelten LSBTI*-Spezialberatungsstellen aufgesucht – sind: Suche nach Unterstützung bei der Familienplanung, nach Informationen und Erfahrungen bei der Stiefkindadoption gemeinsamer Wunschkinder, nach einer beraterischen Begleitung bei der alltagspraktischen Umsetzung von Mehrelternkonstellationen sowie nach praktischen Empfehlungen bei Diskriminierungserfahrungen der Kinder im schulischen Kontext oder einer beraterisch-therapeutischen Begleitung im Umgang mit eigenen Verletzungen und Unsicherheiten beim alltäglichen Coming-out als Regenbogenfamilie.

In ihrem Beitrag „Defizite und Ressourcen in den Lebenswelten von LSBTQ* Jugendlichen und jungen Erwachsenen: zwei Seiten einer Medaille“ weisen Kerstin Oldemeier und Stefan Timmermanns auf die wichtige Tatsache hin, dass zur Gewinnung eines ganzheitlichen Bildes der LSBTQ* Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht nur der Hinweis auf die spezifischen Benachteiligungen und Herausforderungen aufgrund einer nicht-heterosexuellen und/oder nicht-cisgeschlechtlichen Lebensweise notwendig ist, sondern dass dabei auch die „Ressourcen und die für lange Zeit vernachlässigte Perspektive der Resilienz“ (S. 344) berücksichtigt werden müssen. Dies bedeutet, Abschied von einer einseitig defizitorientierten Perspektive zu nehmen, die vor allem die Diskriminierungen in Schule und Öffentlichkeit betont hat, und anstelle dessen eine ressourcenorientierte Perspektive einzunehmen. Dabei unterscheiden Kerstin Oldemeier und Stefan Timmermanns zwischen Ressourcen der individuellen Ebene (wie Selbstwirksamkeit, Problemlösefähigkeit und aktive Bewältigungsstrategien, Selbstregulierungsfähigkeit, optimistische Lebenseinstellung, Kreativität und Kommunikationsfähigkeit) und Ressourcen auf der sozialen Ebene (z.B. Unterstützung durch peers, soziale Unterstützungsangebote, Vorhandensein von geschützten Räumen, aber auch Aufklärung der Gesellschaft über sexuelle und geschlechtliche Diversität). In diesen Feldern ist deshalb auch verstärkt Forschung nötig. „Dabei ist es jedoch wichtig, das Vorhandensein von Resilienz bzw. Ressourcen nicht in die Verantwortung der Individuen zu legen, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe anzusehen“ (S. 355).

Da Schulen häufig Orte ausgeprägter Homo- und Transnegativität sind, stellt Ulrich Klocke in seinem Beitrag „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Schule. Interventionen zum Abbau von Diskriminierung und Aufbau von Akzeptanz“ Möglichkeiten dar, wie pädagogische Fachkräfte die Situation von lsbti* Kindern und Jugendlichen verbessern können. Wichtige Strategien sind die Förderung von Kontakt (Intergruppenkontakte und aktive Unterstützung solcher Kontakte sowie offener Umgang der Lehrkräfte mit der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität); die Erhöhung des Wissens über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und der Sichtbarkeit, z.B. indem in der Schule Informationsmaterial über lsbti* Freizeiteinrichtungen und Beratungsstellen aufgehängt wird; die Reflexion von Geschlechternormen; das aktive Vorgehen gegen Diskriminierungen; die direkte Unterstützung von lsbti* Schüler*innen. Wenn die positiven Einflüsse, welche die Schule bieten kann, intensiviert werden sollen, stellt sich die Frage, was pädagogische Fachkräfte dazu bewegt, sich zu engagieren. Dies sind Qualifizierung (z.B. durch Teilnahme an Fortbildungen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt), gute Rahmenbedingungen (etwa in Form eines Zugangs zu Lernmaterialien zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, aber auch Bestehen eines Leitbildes, das beispielsweise betont, das Diskriminierungen geächtet werden) und persönliche Einflüsse (lsbti* Personen im eigenen Bekanntenkreis).

Des oft in Diskussionen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt vernachlässigten Themas „LGBTIQ-Geflüchtete – Überlegungen zu einer heteronormativitäts- und rassismuskritischen Sozialen Arbeit im Spiegel biografischer Erfahrungen“ hat sich Marc Thielen angenommen. Obwohl in etlichen Ländern die Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung als asylrelevant anerkennungsfähig ist, liegen bisher nur wenige Studien zur Lebenssituation von LGBTIQ* Geflüchteten vor. Ausgehend von qualitativen Interviews mit LGBTIQ* Geflüchteten beschreibt der Autor die Lebenssituation der Geflüchteten in der deutschen Aufnahmegesellschaft und zeigt auf, „dass die geschlechtlich-sexuellen Identitäten und Lebensweisen im migrationsgesellschaftlichen Kontext in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen realisiert werden“ (S. 374). Dabei wird deutlich, dass diese Geflüchteten in den dominanten Migrationsdiskursen gleichsam unsichtbar sind und heteronormative Erwartungen im deutschen Asylverfahren wirksam sind. Als besonders schwerwiegendes Problem erweisen sich zudem homonegative Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen in Gemeinschaftsunterkünften, zu denen es aufgrund der repressiven Lebensbedingungen in den totalen Institutionen, in denen Geflüchtete untergebracht sind, kommt. Leider bietet auch die Community den LGBTIQ* Geflüchtete keine große Unterstützung, da die dort geknüpften Begegnungen oft oberflächlich und auf unverbindliche sexuelle Kontakte ausgerichtet sind. „Gerade für Geflüchtete, die noch über kein tragfähiges soziales Netzwerk verfügen und emotionale Nähe suchen, sind derartige Erfahrungen besonders enttäuschend“ (S. 382). Für die Soziale Arbeit mit LGBTIQ* Geflüchteten ergeben sich aus den von Marc Thielen geführten Interviews die folgenden Forderungen: es bedarf eines differenzsensiblen professionellen Handelns in der Migrationsgesellschaft mit mehrsprachigen Beratungsangeboten mit Dolmetscher*innen; Unterstützung bei der Entfaltung eigener Ressourcen; Unterstützung bei der Überwindung von Barrieren und Hindernissen in der aktuellen Lebenssituation; Nutzung spezifischer queerer Hilfsangebote; sowie eine nachhaltige Sensibilisierung des Personals für die Situation von LGBTIQ* Geflüchteten in den unterschiedlichen Behörden und Institutionen.

Der letzte Beitrag von Simon Merz und Richard Lemke beschäftigt sich mit dem Thema „Das gesellschaftliche Meinungsklima über Homosexualität“. Bei der Beurteilung der Lebenssituation von LGBTIQ*-Personen sind nicht nur die manifesten Kriterien wie rechtliche Situation, Gleichstellungsgesetze etc. wichtig, sondern es muss auch die „latente Ebene“ beachtet werden, welche die Autoren in Anlehnung an Noelle-Neumann als das „gesellschaftliche Meinungsklima“ bezeichnen. Damit sind die in der Gesellschaft existierenden Meinungen, Einstellungen und Gefühle gegenüber Homosexualität gemeint, die zum Teil öffentlich geäußert oder in anderer Form gezeigt werden, zum Teil aber auch nicht. Wie die Autoren zeigen, ist die latente Ebene durchaus empirisch messbar. Ausgehend vom Konzept des Minderheitenstress (Meyer) unterscheiden sie die vier Aspekte Viktimisierung, Ablehnungssensitivität, internalisierte Homophobie und das Verbergen der sexuellen Identität. Bei der Frage nach dem Meinungsklima kommt der Ablehnungssensitivität mit der Antizipation von Viktimisierung und Diskriminierung besondere Bedeutung zu. Ferner sind für das Meinungsklima die in der Gesellschaft bestehende Heteronormativität und die Homonegativität entscheidende Faktoren. Zukünftige Forschung muss sich vor allem der beiden folgenden Fragen annehmen: Erforschung der „neuen Öffentlichkeiten und Teilöffentlichkeiten“ (Internet und soziale Netzwerke) und des Themas der „Ressourcen und Intergruppendynamik“ (Ressourcen und Resilienz sexueller Minderheiten).

Diskussion

Stefan Timmermanns und Maika Böhm legen hier einen Sammelband mit Aufsätzen vor, die in jeder Hinsicht überzeugen und einen wertvollen Beitrag für die Diskussion von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt darstellen. Besonders positiv sind die interdisziplinäre Perspektive und die starke Konzentration auf pädagogische Aspekte. Während in vielen anderen Darstellungen vor allem erwachsene LGBTIQ*-Personen im Zentrum stehen, legen die Autor*innen dieser Beiträge ihr Augenmerk insbesondere auch auf entwicklungspsychologische Aspekte und auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Dabei ist es für die Leser*innen wohltuend – und für die konkrete Arbeit mit LGBTIQ*-Personen wichtig –, dass neben der realistischen Darstellung der Schwierigkeiten im Leben dieser Personengruppe auch ausdrücklich und differenziert die Ressourcen und Resilienzfaktoren behandelt werden. Durch den Einbezug etlicher Beiträge aus dem Bereich der Sozialen Arbeit weist dieses Sammelwerk einen starken Praxisbezug auf und berücksichtigt dadurch die für das Leben von LGBTIQ*-Personen wichtigen sozialen Faktoren. Die interdisziplinäre Perspektive dieses Sammelbandes lässt auch deutlich werden, dass es zu positiven Entwicklungen nur kommen kann, wenn sich gesamtgesellschaftlich etwas ändert. Dies ist zum einen das gesellschaftliche Meinungsklima und zum anderen die Sensibilisierung aller im psychosozialen Bereich Tätigen für die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Es ist Stefan Timmermanns und Maika Böhm gelungen, in dem von ihnen herausgegebenen Werk eine sehr gute Mischung zwischen Theorie und Praxis zu erzielen. Positiv hervorzuheben ist ferner, dass hier auch Themen wie BDSM, Polyamorie, das Leben älterer LGBTIQ*-Personen und insbesondere die Situation von Geflüchteten, behandelt werden, Themen, die sonst oft vergessen werden. Alles in allem: Ein hervorragender Sammelband mit wertvollen Beiträgen!

Fazit

Ein sehr informatives, ein weites Spektrum von wichtigen Themen im Zusammenhang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt behandelndes Buch, das interessierten Fachkräften der verschiedensten Disziplinen ebenso wie Forschenden, Lehrenden und Studierenden unbedingt empfohlen werden kann.


Rezension von
Prof. emer. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPG, DGPT). Ehem. Leitender Psychologe Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel. In privater psychotherapeutischer Praxis.
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Zitiervorschlag
Udo Rauchfleisch. Rezension vom 16.09.2021 zu: Stefan Timmermanns, Maika Böhm (Hrsg.): Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Interdisziplinäre Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3899-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26057.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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