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Nora Fuhrmann: Geschlechterpolitik im Prozess der europäischen Integration

Cover Nora Fuhrmann: Geschlechterpolitik im Prozess der europäischen Integration. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 317 Seiten. ISBN 978-3-531-14405-4. 32,90 EUR, CH: 57,10 sFr.

Reihe: Forschungen zur europäischen Integration - Band 11.
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Thema und Aufbau

Die Geschlechterpolitik der Europäischen Union stellt seit Mitte der neunziger Jahre eines der dynamischsten politischen Handlungsfelder dar. Mit der Methode des "Gender Mainstreaming" wurde ein für alle Mitgliedsländer verbindliches Instrument der Gleichstellungspolitik rechtlich verankert, das mittlerweile in allen Bereichen politischen Handelns etabliert ist. Das Buch beschreibt die Entwicklung der Geschlechterpolitik der Europäischen Union in den letzten Jahrzehnten und stellt deren Umsetzung an den Beispielen Deutschland und Dänemark vor. Das Buch ist insgesamt in drei Teile untergliedert, diesen ist eine Einleitung vorangestellt, die den inhaltlichen und methodischen Rahmen dieses zunächst als Dissertation an der Universität Osnabrück vorliegenden Werkes verdeutlicht. Fuhrmann knüpft mit ihrer Arbeit direkt an die von feministischen Sozialstaatsexpertinnen geführte Kritik am Modell der Wohlfahrtsstaatsregime von Esping-Andersen an. Dabei basiert die Studie Fuhrmanns auf der Überlegung, dass es neben der heterogenen Geschlechterpolitik in den Mitgliedsländern der EU eine supranationale Geschlechterpolitik gibt, die seit Mitte der neunziger Jahre einen markanten Wechsel zu verzeichnen hat und enorm an Dynamik gewonnen hat.

Teil 1: Geschlechterpolitik in Dänemark und Deutschland

Im ersten Teil des Buches stellt die Autorin die Geschlechterpolitik von zwei typischen Vertretern der Wohlfahrtsregime-Typologie dar, die wie alle anderen Sozialstaaten Europas eine je spezifische Geschlechterpolitik entwickelt haben: zum einen von Dänemark als Beispiel eines skandinavischen Wohlfahrtsstaats und zum anderen von Deutschland als Beispiel eines kontinental-europäischen Wohlfahrtsstaats. Dabei untersucht sie systematisch für beide Länder folgende geschlechterpolitischen Dimensionen:

    Familienstruktur und Einkommensverteilung,
  • Arbeitsmarkt, Soziale Sicherung, Abtreibung sowie
  • (explizite) Geschlechterpolitik.

Die dabei zutage geförderten Tatsachen lassen sich jeweils klar entweder als Charakteristika einer hierarchiestabilisierenden oder aber einer enthierarchisierenden Geschlechterordnung interpretieren. Dabei werden diese beiden Charakteristika als Pole eines Kontinuums dargestellt.

Um nun die untersuchten Länder auf diesem Kontinuum zu verorten, verfährt Fuhrmann dergestalt, dass sie für jede der untersuchten Dimensionen einen Ausprägungsgrad ermittelt, der dann Auskunft darüber gibt, ob es sich dann bei der Zusammenschau aller Dimensionen um einen eher enthierarchisierenden oder hierarchiestabilisierenden Wohlfahrtsstaat handelt. Ihr Ergebnis dürfte kaum verwundern, kommt sie doch zu dem Schluss, dass Dänemark eher als enthierarchisierend, Deutschland hingegen als hierarchiestabilisierend zu bezeichnen ist. Fuhrmann stellt ihre Ergebnisse, die allesamt sehr detailliert und nachvollziehbar entwickelt wurden, im Rahmen ihrer Interpretation in einen historischen Zusammenhang, der insgesamt etwas knapp ausfällt, aber insgesamt als ausreichend zu bewerten ist.

Teil 2: Geschlechterpolitik in der EU

Insbesondere vor dem Hintergrund der Tatsache, dass dieser Ländervergleich nur einen Teil des Werkes ausmacht, ist dies durchaus legitim, denn der zweite Teil des Buches widmet sich gänzlich der Geschlechterpolitik der Europäischen Gemeinschaft bzw. der Europäischen Union. Bevor die Autorin auf diese Thematik eingeht, stellt sie lobenswerterweise knapp und präzise die politischen Organe der EU und deren Kompetenzen dar. Dies ermöglicht auch Leserinnen und Lesern ohne intime Kenntnisse in diesem Bereich eine gewinnbringende Lektüre der sich daran anschließenden Teile.

Wie bereits angedeutet, stellt Fuhrmann die supranationale Geschlechterpolitik in Europa entlang einer deutlichen Zäsur dar, die Mitte der neunziger Jahre zu verzeichnen ist. Dabei wird deutlich, dass sich die Geschlechterpolitik der Europäischen Gemeinschaft bis Mitte der neunziger Jahre im Wesentlichen als arbeitsmarktbezogene Gleichstellungspolitik beschreiben lässt. In dieser ersten Etappe der Geschlechterpolitik Europas ermittelt die Autorin vier Phasen, die sie jeweils differenziert darstellt.

    In der ersten Phase von 1957 bis 1972 lag der Fokus einer noch kaum entwickelten Gleichstellungspolitik auf dem Aspekt der Lohngleichheit. Höchst spannend liest sich in diesem Abschnitt die Darstellung der ersten Klagen beim Europäischen Gerichtshof gegen geschlechtsspezifische Lohndiskriminierung.
  1. Die zweite Phase von 1973 bis 1983 kennzeichnet Fuhrmann als eine der "aktiven Gleichstellungspolitik", die als die dynamischste Phase bis zum Paradigmenwechsel Mitte der neunziger Jahre zu bezeichnen ist. Hierfür ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren verantwortlich zu machen, angefangen vom Wirtschaftswachstum, dem Erstarken der Frauenbewegung in vielen Ländern Europas sowie dem Trend zu sozialdemokratischen bzw. sozialliberalen Regierungen in einer Vielzahl von Mitgliedsländern der Europäischen Gemeinschaft. Diese Entwicklungen beförderten die Schaffung von Gleichstellungsorganen auf europäische Ebene wie dem "Frauenbüro" bei der Generaldirektion Beschäftigung und Soziales, das ab 1994 unter dem Titel "Büro für Chancengleichheit «" firmierte. Auch die erste Direktwahl der Europäischen Parlaments hatte einen deutlichen Einfluss auf die zunehmende Bedeutung frauenpolitischer Fragestellungen. Ein weiterer wichtiger Aspekt in dieser Dekade stellt die Verabschiedung von drei gleichstellungspolitischen Richtlinien dar. Ein wichtiges Kennzeichen in dieser Phase stellt die Ausweitung der Gleichstellungspolitik über die Fixierung auf den Erwerbsbezug dar.
  2. Die sich daran anschließende dritte Phase von 1984 bis 1991 beschreibt die Autorin als eine der Stagnation, die die Dynamik der vorhergehenden gänzlich vermissen lässt. Auslösende Faktoren hierfür waren vornehmlich die wirtschaftliche Rezession und die Ablösung vieler sozialdemokratischer Regierungen in Mitgliedsländern der EG durch konservative bzw. liberale. Dennoch waren in dieser Zeit einige Urteile des Europäischen Gerichtshofes von hoher Bedeutung für die Geschlechterpolitik, die insgesamt deutlich machten, dass ein Rückschritt in Sachen Gleichstellung nicht mehr vorstellbar war. Allerdings schlug sich dies nicht auf der Ebene der Richtlinien nieder, von denen in dieser Phase kaum eine für die Gleichstellung relevante erlassen wurde.
  3. Die vierte Phase ab 1992 kennzeichnet Fuhrmann als den "Abgesang auf den Erwerbsbezug", insofern hier bereits vorher angedeutete Tendenzen einer Fixierung auf diese Thematik gleichsam vollendet wurden. Den krönenden Abschluss dieser Phase bildete die Einführung des Gender Mainstreaming im Rahmen des dritten mittelfristigen Aktionsprogramms für die Chancengleichheit.

Dies bereitete den Boden für die eigentliche Zäsur, die den Wandel von der Gleichstellungs- zur Geschlechterpolitik mit dem Amsterdamer Vertrag 1997 markierte. In den darauf folgenden Jahren sind neben wichtigen Urteilen des Europäischen Gerichtshofes vor allem die Verabschiedung umfassender Richtlinien zu nennen, wie beispielsweise die Richtlinie zur Gleichbehandlung im Berufsleben, die der Rat 2002 erließ. Außerdem wurden einige bedeutende Gremien gegründet, wie der Ausschuss für Chancengleichheit beim Generalsekretariat des Rates (COPEC), um nur eine stellvertretend für andere zu nennen. Mit der Verabschiedung der "Rahmenstrategie der Gemeinschaft für die Gleichstellung von Frauen und Männern" im Jahr 2000 wurden die Aktivitäten der EU im Bereich Geschlechterpolitik in bislang nicht gekannter Weise gebündelt. Hier beschreibt Fuhrmann detailliert die Veränderungen, die dies in einzelnen Politikbereichen mit sich brachte, wie z.B. die Beschäftigungspolitik, die Finanzierung durch Europäische Strukturfonds, Soziale Rechte, Menschenhandel und Gewalt, Bildung und Forschung sowie Außenbeziehungen der EU.

Nach der ausführlichen Darstellung der historischen Entwicklung der Gleichstellungs- bzw. Geschlechterpolitik der EG bzw. später dann der EU stellt Fuhrmann einige vergleichende Überlegungen der beiden Zeitabschnitte zum einen bis 1995 und zum anderen nach 1995 an, die den zweiten Teil des Buches abschließen.

Teil 3: Supranationalität als Motor geschlechterpolitischer Entwicklung?

Im dritten und letzten Teil des Werkes diskutiert die Autorin die Fragestellung, inwieweit "Supranationalität als Motor geschlechterpolitischer Entwicklung" fungieren kann, wobei sie hier insgesamt zu einer eher optimistischen Einschätzung kommt.

Zielgruppe

Das Buch ist für vornehmlich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch Studierende konzipiert, die sich mit der Europäischen Union im Allgemeinen und der Geschlechterpolitik in Europa im besonderen befassen wollen. Es stellt aber insgesamt für alle an Europa interessierten Fachkräfte der Sozialen Arbeit ein wichtiges Werk dar, die einen Blick "hinter die Kulissen" der EU und ihrer Institutionen werfen wollen.

Nutzen für die Zielgruppe

Durch seine gute Lesbarkeit stellt das Buch eine unverzichtbare Lektüre für die Zielgruppe dar, wenngleich der Charakter einer Dissertation durch die Abarbeitung der eingangs genannten Hypothesen unverkennbar ist. Gleichzeitig ist dies aber auch als Pluspunkt zu werten, denn die Autorin versteht es immer wieder, die komplexe Materie sehr übersichtlich (teilweise auch in Tabellenform) zu systematisieren.

Fazit

Im deutschsprachigen Raum stellt das Buch ein Novum dar, da es die genderanalytische Sichtweise der Wohlfahrtsstaatsregime mit einem Abriss über die supranationale Geschlechterpolitik Europas kombiniert. Insofern kann dieses Werk als Basislektüre in den sozialwissenschaftlichen Studiengängen empfohlen werden, für die ein europa- und geschlechterpolitischer Bezug heutzutage obligatorisch ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 22.11.2005 zu: Nora Fuhrmann: Geschlechterpolitik im Prozess der europäischen Integration. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14405-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2606.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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