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Gerd E. Schäfer: Bildung durch Beteiligung

Cover Gerd E. Schäfer: Bildung durch Beteiligung. Zur Praxis und Theorie frühkindlicher Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 356 Seiten. ISBN 978-3-7799-3976-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema und Ziel

Das Hauptanliegen des Autors ist es eine Bildungstheorie der frühen Kindheit vorzulegen bzw. diese vor dem Hintergrund seiner bisherigen Veröffentlichungen zu diesem Thema weiter zu führen und zu ergänzen. Er identifiziert dabei die Frage nach dem Verständnis frühkindlicher Bildung zunächst als ein erkenntnistheoretisches Problem, da er von der These ausgeht, dass dem pädagogischen Handeln mit kleinen Kindern die Beantwortung der Frage vorangehen sollte, wie kleine Kinder Erkenntnisse gewinnen und welchen Anteil die soziokulturelle Umwelt daran hat.

Es geht ihm dabei aber nicht nur um eine pädagogische Fragestellung, obwohl diese in großen Teilen dieses Werkes in den Fokus genommen wird, sondern auch um die mit der Beteiligung verbundenen politischen Implikationen, oder wie er es in seinem Vorwort schreibt um das „Durchdenken eines grundlegend demokratischen Ansatzes im pädagogischen Verständnis“

Diese Überlegungen fasst er in einer „Kultur des Lernens“ zusammen, welche für ihn den Kern eines Verständnisses frühkindlicher Bildungsprozesse bildet. Diese beinhaltet sowohl die Vorstellung vom Lernen durch Teilnahme wie auch ein Modell der Weitergabe von Wissen und Können und er versucht diese beiden Lernmodell zueinander in Relation zu setzen.

Autor

Gerd E. Schäfer, Dr. rer. soc., Dr. phil. habil., ist Professor i. R. für Erziehungswissenschaft, Pädagogik der frühen Kindheit, Familie, Jugend an der Universität zu Köln.

Aufbau und Inhalt

Schäfer gliedert diese Veröffentlichung in fünf Teile und schließt diese mit einer Zusammenfassung seiner Sichtweise von frühkindlicher Bildung in einer Kultur des Lernens ab.

Teil I Grundlegung

In diesem biografischen Teil zu Beginn beschreibt Schäfer sehr persönlich gehalten seinen persönlichen wie auch seinen wissenschaftlichen Werdegang, der ihn zu seinen Forschungen und Erkenntnissen zum Verständnis frühkindlicher Bildung geführt hat.

Dem schließt sich im nächsten Abschnitt dieses ersten Teils seine Deutung zentraler Grundbegriffe einer Pädagogik der frühen Kindheit an. Dabei macht der Autor u.a. sein Verständnis von Bildung deutlich und setzt es ins Verhältnis zum Begriff der Erziehung. Er grenzt die Begriffe Lernen und Bildung voneinander ab und lässt seine begrifflichen Klärungen einmünden in die Definition von Grundbegriffen frühpädagogischen Handelns und Denkens.

Teil II Dokumentationen, Beschreibungen, Reflexionen

An dem Anfang dieses Abschnittes stellt Schäfer seine Definition von Bildung: “Bildung ist das Potenzial eines Menschen, mit welchem er sich an seiner sozialen und kulturellen Um-Welt beteiligen kann. Bildung beginnt so gesehen spätestens mit der Geburt.“ (Seite 92). Ausgehend von dieser Sichtweise stellt er drei Praxisbeispiele vor, welche ihm dazu dienen, das Erfahrungslernen zu erläutern und zu reflektieren. In diesem Zusammenhang rückt das kindliche Spiel als Ort des Erfahrungslernens in den Fokus seiner Überlegungen. So stellt er ebenfalls die sprachliche Bildung vor und erläutert sie als das Produkt des Erfahrungslernens. Vor diesem Hintergrund wird für ihn das Sprechenlernen zum zentralen Ereignis im Erfahrungslernen und zur wichtigen Voraussetzung für eine wachsende Beteiligung der Kinder am kulturellen Raum.

Teil III Didaktik in der frühen Kindheit

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich für Schäfer in der Frage der pädagogischen Realisierung eine partizipatorischen Didaktik. Dabei schließt er an das Konzept der Reggiopädagogik an, welche die Bildungsprozesse der Kinder als eine gemeinschaftliche Aufgabe sieht im Sinne einer Didaktik, die Beziehungen ermöglichen will, um die Potenziale der Kinder in den Rahmen der sozialen Resonanz zu stellen und so eine Kultur des Lernens zu begründen. „Kultur des Lernens versteht sich als Alternative zum Gedanken einer Vermittlung von Kompetenzen als Grundidee kindlicher Lernprozesse.“ (Seite 154) Dadurch verändert sich auch die Rolle des Erwachsenen, vom Vermittler hin zum Regieführenden bei der Inszenierung kindlicher Bildungsprozesse. Als Realisierungsbeispiel führt er dazu das Hamburger Raumgestaltungskonzept an. Dem schließen sich Beispiele einer partizipatorischen Didaktik in der Lernwerkstatt Natur an.

Teil IV Aus Erfahrungen lernen

Diesen Abschnitt widmet Schäfer zunächst einer differenzierenden Betrachtung der Begriffe Bildung und Lernen. Er konzipiert vor dem Hintergrund historischer Bildungsverständnisse nicht nur ein eigenes Bildungsverständnis, sondern er spezifiziert es weiterhin auf die frühkindliche Bildung. Dazu setzt er Vorstellungen von Lernen ins Verhältnis. Dabei spielen die Dimensionen frühen Lernens ebenso eine Rolle wie auch das Lernen durch Teilnahme. Dieses wird nun im Folgenden im Sinne eines Konzeptes näher erläutert unter der Prämisse „Lernen durch Teilnahme verwirklicht sich im Lernen durch Erfahrung.“ (Seite 229) Hergeleitet wird dies von ihm durch einen hoch differenzierten interdisziplinär angelegten Diskurs, welcher in der Vorstellung von einer „multiplen Subjektgenese“ (Seite 257) mündet. Im nachfolgenden Abschnitt entwickelt er dazu Grundsätze einer pädagogischen Verwirklichung.

Teil V Bildung zwischen Natur und Gesellschaft

In diesem abschließenden Abschnitt erweitert der Autor seine Auseinandersetzung mit dem Erfahrungslernen durch Überlegungen zur Ontogenese. Sein Blick richtet sich dabei auf die neuronale Entwicklung des Kindes ebenso wie deren Rahmung und Anregung durch gesellschaftliche Prozesse.

Er versteht unter Ontogenese den “strukturellen Wandel eines Individuums von der Zeugung bis zum Tod, ohne Verlust seiner Organisation als lebendes Wesens“ (Seite 279).

Er erkennt dabei die gesellschaftlichen und sozialen Bestimmungen im Übergang in das individuelle Sein eines Menschen. Dabei tritt am Ende dieser Ausführungen in Anlehnung an Bourdieu das Habitus Konzept in den Vordergrund.

Dieses Buch endet nun mit einer Zusammenfassung unter dem Titel: „Frühkindliche Bildung in einer Kultur des Lernens“.

Diskussion

Diese Veröffentlichung von Gerd Schäfer fügt sich nahtlos ein in seine bisherigen Werke zum Themenkomplex der frühkindlichen Bildung (Bildungsprozesse im Kindesalter 1995, Bildung beginnt mit der Geburt 2003, Was ist frühkindliche Bildung 2014 sowie diverse Aufsätze). Sie stellt eine Zusammenfassung seiner Theorien und Konzepte dar, welche auf das Erfahrungslernen des Kindes im Kontext seiner kulturellen Lebenswelt abzielt. Demnach ist es für die Leserin, dem Leser sehr hilfreich sein bisheriges Werk zumindest in den Grundzügen zu kennen.

Sehr aufschlussreich ist dazu der im ersten Kapitel vorzufindende biografische Teil, der einen sehr persönlichen und damit auch sehr wertvollen Einblick in die Genese von Schäfers wissenschaftlichen Denken und Forschung gewährt. In der Form findest sich das in nur sehr wenigen Veröffentlichungen und hebt sich so von anderen Autorinnen und Autoren positiv ab.

Die sehr ausführlich gehaltenen Praxisbespiele helfen den Leserinnen und Lesern seine wissenschaftlichen Ausführungen in der frühpädagogischen Praxis zu verorten. Sie bieten Anregungen wie das Erfahrungslernen in Praxisalltag realisiert werden könnte. Damit erfüllt dieses Werk auch seinen Anspruch einen Betrag zu Weiterentwicklung der frühpädagogischen Bildungsarbeit zu leisten. Diese pädagogische Perspektive leistet somit auch einen beachtenswerten Beitrag zur frühpädagogischen Didaktik. Es zeichnen sich Muster und Strukturen didaktischen Handelns ab und regen in der dargestellten Form zur Reflexion eigenen pädagogischen Handelns in der Bildungsarbeit mit kleinen Kindern an.

Positiv zu bewerten ist die grundsätzlich interdisziplinäre Anlage der wissenschaftlichen Diskussion in diesem Werk. Dies überzeugt nicht nur in den Aussagen, sondern gibt auch ein beachtenswertes Beispiel für die Notwendigkeit der mehrperspektivischen Betrachtung des Phänomens der frühkindlichen Bildungsprozesse, welche manch andere Veröffentlichungen zu diesem Themenkomplex eher vermissen lassen. So bringt Schäfer auch sehr überzeugend das Moment des Erfahrungslernens in den Diskurs um das wachsende Verständnis frühkindlicher Bildungsprozesse mit ein. Damit stellt er auch die Beteiligung der Kinder als erforderliche Voraussetzung für das gelingende Begleiten und Unterstützen frühkindlicher Bildungsprozesse vor. Eine Beteiligung, welche in dieser Sichtweise weit über die bisherigen Diskussionen zur Partizipation von Kindern in den einschlägigen Veröffentlichungen hinausgeht. Beteiligung stellt sich als eine grundsätzliche Haltung und fachliche Überzeugung der pädagogischen Fachkräfte dar, die der spezifischen Verfasstheit kindlichen Denkens, Lernens und sich Entwickelns Rechnung trägt.

Fazit

In der Konzeption stellt diese Veröffentlichung von Gerd Schäfer eben nicht nur einen Beitrag zum akademischen Diskurs dar, sondern sie wird zudem dem Anspruch eines Buches für Praktikerinnen und Praktikern gerecht. Ebenso eignet es sich aus meiner Sicht für die Rezeption in einschlägigen Studiengängen, für Studierende gleichfalls wie für Lehrende.


Rezension von
Prof. Dr. Helmut Lechner
Hochschule München
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Zitiervorschlag
Helmut Lechner. Rezension vom 16.02.2021 zu: Gerd E. Schäfer: Bildung durch Beteiligung. Zur Praxis und Theorie frühkindlicher Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3976-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26060.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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