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Ulrich Deinet (Hrsg.): Herausforderung angenommen

Cover Ulrich Deinet (Hrsg.): Herausforderung angenommen – Offene Kinder- und Jugendarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 205 Seiten. ISBN 978-3-7799-6096-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die offene Kinder- und Jugendarbeit hatte sich auf eine neue Situation einzustellen, nämlich auf die seit 2015 vehement wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung, insbesondere unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Wie und mit welchen Konzepten ist ihr das gelungen?

Autorinnen und Autoren

Die insgesamt 18 Fachleute, die zu diesem Buch beigetragen haben, sind an der Universität Siegen und der PH Freiburg, vor allem der Fachhochschule St. Gallen und namentlich an der Hochschule Düsseldorf in Forschung und Lehre tätig, andere bei der Arbeitsgemeinschaft Offene Türen (AGOT) in Nordrhein-Westfalen angestellt. Ein Beitrag stammt von der Vertreterin des Landesjugendamtes Westfalen-Lippe.

Entstehungshintergrund

Die Hochschule Düsseldorf hat die neue Herausforderung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zum Anlass genommen, eine Begleitforschung anzugehen, die schließlich auch vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert wurde. Die vorliegende Publikation geht im Wesentlichen auf die abschließende Fachtagung im März 2018 zurück.

Aufbau

Auf die Einleitung von Ulrich Deinet folgen insgesamt 13 Beiträge, nämlich von

  • Ulrich Deinet und Lisa Scholten über die schnelle Reaktion der Jugendarbeit auf die Flüchtlingsbewegungen,
  • Ulrich Deinet über die Prinzipien von Offenheit und Freiwilligkeit,
  • Maria Icking, die die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit vorstellt,
  • Lisa Scholten und Deinet über die Methoden der Begleitforschung als Teil der Praxisausbildung,
  • Bettina Brüschweiler, Heidi Furrer, Christian Reutlinger und Madeleine Vetterli über “Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen in der Schweiz”,
  • Moritz Schumacher, Jennifer Buchna und Thomas Coelen über “subjektive Raumkonstruktionen von Jugendarbeit durch geflüchtete Besucher/​innen“,
  • Katja Jepkens und Lisa Scholten, die dem „Raumerlebnis junger Geflüchteter“ in zwei Düsseldorfer Stadtbezirken nachgehen,
  • Kai Habrich und Katja Jebkens über die Einbindung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in lokale Konzepte und die Kooperation mit anderen Diensten und Einrichtungen,
  • Nina Howenga und Lars Niehr über Einrichtungen, die ihre Konzepte auf die Arbeit mit Geflüchteten eingestellt haben,
  • Mareile Kalscheuer aus jugendpolitischer Sicht über die schnelle und flexible Reaktion der Offenen Jugendarbeit,
  • Lasse Gundelach und Matthias Meißner aus juristischer Sicht über die Leistungsberechtigung von ausländischen Kindern und Jugendlichen,
  • Ulrich Deinet über mögliche Transfers aus den Erfahrungen in der Praxis mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen und
  • Albert Scherr über die Möglichkeiten und Grenzen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit über das hier dargestellte Arbeitsfeld hinaus.

Inhalt

Wie der Titel auch ankündigt, sind sich die Autoren und Autorinnen darin einig, dass die Offene Kinder- und Jugendarbeit die Herausforderung erkannt und angenommen hat, die sich aus der Situation (in der Einleitung auch mal „Flüchtlingswelle“ genannt) ergaben. Den Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen wurden die Angebote der Offenen Tür nahegebracht, gerade auch jenen, die diesen Typ von Freizeitaktivitäten nicht kannten. Vielfach gingen die Haupt- und Ehrenamtlichen aber auch gezielt in Flüchtlingsunterkünfte oder suchten die Zielgruppe in anderen Einrichtungen auf, insbesondere Schulen. Über den Kontakt mit den Kindern ergaben sich weitergehende Beziehungen, zum Beispiel die Beratung der Eltern. Unter dem Motto „Vielfalt- Wir leben sie“ haben die Häuser der offenen Tür, wie ihre Arbeitsgemeinschaft AGOT-NRW berichtet, ein umfassendes Angebot an Aktivitäten entwickelt, handwerkliche wie sportliche, ob nun Nähkurse, Kochgruppen oder digitale Filmgestaltung, auch mal nur für Mädchen, oft auch mit Besuchern und Besucherinnen ohne Fluchterfahrung.

Soweit die kurze Zusammenfassung, die den eigentlichen, durchaus bekannten Sachverhalt und üblichen Diskussionsstand wiedergibt. Die Frage ist nun, welche neuen und besondere Akzente die vorliegende Publikation setzt.

Diskussion

Die vorliegende Studie baut auf eine bundesweite Befragung, die im Sommer 2017 von der Forschungsstelle der Hochschule Düsseldorf durchgeführt wurde; befragt wurden Einrichtungen der Offenen Kinder-und Jugendarbeit, 555 Fragebogen konnten ausgewertet werden. Danach haben Zweidrittel angegeben, dass sie – vorwiegend im Haus, der Einrichtung also, seltener in der Flüchtlingsunterkunft – spezifische Angebote für Kinder- und Jugendliche mit Fluchterfahrung machen, allerdings Mädchen weniger erreichen; insgesamt erschwere der unsichere Aufenthaltsstatus die pädagogische Beziehung. Ich sehe nicht, wofür diese Momentaufnahme heute, nach zwei Jahren noch gut sein soll, was überhaupt eine Statistik über mehr als 500 Standorte bringen soll: Die Pluralität der (freien oder kommunalen) Träger und der Konzeptionen verbietet dies von vornherein. Viel wichtiger wären Fallstudien, die auch die lokalen Verhältnisse einbeziehen.

In den Beiträgen wird der Integrationsbegriff kaum näher diskutiert, verschiedentlich wird die „Inklusion“ dagegengesetzt, nämlich das Ziel, Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung ganz ebenso zu ihrem Recht kommen zu lassen wie die Unterschiede der religiösen, kulturellen, sexuellen Orientierungen oder körperliche Beeinträchtigungen zu akzeptieren. Eine Frage stellt sich sofort: Vielfalt ist gut, aber doch nicht frei von Konflikten? Das sind ja nicht Probleme oder Störungen, sondern reale Lernfelder. Wie sieht nun die Praxis aus? In der Vielfalt werden besondere Gruppen sichtbar, die doch spezifische (exklusive?) Angebote wünschen oder einfordern. Seit es sie gibt, ist Offene Arbeit Rivalität, schon zwischen Mädchen und Jungen, Jüngeren und Älteren, Einheimischen und Neulingen. Wer dominiert? – eine der Standardfragen in jedem Jugendzentrum!

Die juristische Expertise irritiert zunächst, da sie alle Varianten der Gliederung (bis zu Kleinbuchstaben), nicht aber das sog. amerikanische System nutzt; die römischen Zahlen des Textes und der SGB-Bücher kommen einander in die Quere. Davon abgesehen gelingt es den beiden Autoren jedoch vorzüglich, die Rechte unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge systematisch zu begründen. Diese komplizierte Materie jedoch zu beherrschen, kann vom pädagogischen Personal nicht erwartet werden. Für die politische Auseinandersetzung wäre es viel wichtiger, die Kinderrechtskonvention deutlicher herauszuheben und die Misere der Ausbildungs-Duldung massiver zu kritisieren.

Der Beitrag aus der Schweiz betont die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung nicht separiert, geradeso, oft sehr zögerlich versorgt werden, sondern sich in den Gemeinden zugehörig fühlen, gesellschaftliche Zugänge haben und Teilhabe erfahren. Sie sollen „andocken“ können. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist genau der Ort, wo dies stattfinden kann. Neben einer größeren Befragung (mit den bekannten Problemen, s.o.) werden auch zwei Fallanalysen angekündigt, Ergebnisse liegen noch nicht vor. Klar ist aber spätestens hier, dass es einen großen Unterschied machen wird, ob es um einen womöglich selbstverwalteten Treff in der Kleinstadt oder ein Jugendzentrum in der Großstadt geht, das von hauptamtlichem sozialpädagogischem Personal “betrieben“ wird.

In seiner Zusammenfassung spricht Scherr einige Punkte an, die vorher noch nicht thematisiert waren. Einerseits können die Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen in den Offenen Einrichtungen mit Altersgenossinnen und -genossen mit und ohne Migrationshintergrund zusammenkommen, andererseits ist dies für jene auch ein kulturelles Lernfeld, vor allem aber ein politisches: Wer Flüchtlinge und Asylbewerber/​innen kennengelernt hat, wird sich mit ihnen solidarisieren, nach Möglichkeiten suchen, z.B eine drohende Abschiebung abzuwenden.

Zwar hat die Offene Jugendarbeit damit eine „große neue Zielgruppe“, die auch in den bekannten und komplexen migrantischen Kontext gehört, aber doch unter den besonderen Bedingungen von Flucht, ja Traumatisierung und Statusunsicherheit lebt. Für die Praxis der Offenen ergeben sich durchaus neue Ansätze und Anregungen, insbesondere in die Richtung größerer Mobilität, häufigeren Aktivitäten im öffentlichen Raum. Während die Offene Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen oft Geschwister und Eltern einbezieht, kannte die bisherige Praxis dies kaum. Ähnliches gilt auch für die Kooperation mit Schulen, wobei am Prinzip der Freiwilligkeit nicht gerüttelt werden darf.

Mehrere Beiträge könnten anschaulicher sein. Weniger Jargon, frischere Alltagssprache wäre schön. Wann endlich verzichtet man auf die „Angebote, die. angeboten“ werden?

Fazit

Die Protagonisten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit stellen ihr Arbeitsfeld überzeugt und überzeugend vor, die „neue Zielgruppe“ wird erreicht. Die Herausforderung ist „angenommen worden“: Hatten die freien Träger und die Fachkräfte, die Freiwilligen und die Kommunen denn eine Wahl? Der Auftrag des SGB VIII, wie Scherr abschließend betont, besteht, aber wie weit reicht er? Was kann die Offene Kinder- und Jugendarbeit leisten? Chillen, Freizeitgestaltung, Demokratielernen, Unterstützung in Bildung und Ausbildung, Intervention bei drohender Abschiebung? Die Praxis der Offenen Tür ist nach wie vor aufgefordert, Realität und Konzept ins Verhältnis bringen. Der vorliegende Band ist eine gute Grundlage dafür.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 03.01.2020 zu: Ulrich Deinet (Hrsg.): Herausforderung angenommen – Offene Kinder- und Jugendarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6096-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26061.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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