socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Titus Simon (Hrsg.): Schwere Arbeit

Cover Titus Simon (Hrsg.): Schwere Arbeit. Erzählungen vom gelingenden Beziehungsaufbau zu schwer zugänglicher Klientel. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-6134-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Entstehungshintergrund

Der Band versammelt 16 Erzählungen/​Geschichten unterschiedlicher AutorInnen, die auf je individuelle Art und Weise um die „Frage“ kreisen, wie eine gelingende Beziehung zu sogenannter schwer erreichbarer Klientel – „zu den nicht Zugänglichen (…), die andere als 'auffällig', 'störend', 'ungehobelt', 'schwierig' oder gar als 'gefährlich', 'gewalttätig' oder 'kriminell' bezeichnen“ (S. 7) – aufgebaut werden kann. Die AutorInnen sind Menschen, denen der Herausgeber Titus Simon im Verlauf seines (Berufs-)Lebens begegnet ist und die ihm „nachhaltig in Erinnerung geblieben sind“ (ebd.). Die Beiträge fokussieren dabei bewusst keine „klassisch“ wissenschaftliche (fachlich-abstrakte) Darstellung. Sie sind zu verstehen als Zeugnisse erlebter Praxis wie zugleich auch als Zeugnisse professionellen Handelns aus mehreren Jahrzehnten Professionsgeschichte.

Herausgeber

Prof. i.R. Dr. Titus Simon arbeitete zwischen 1975 und 1992 u.a. in der offenen Jugendarbeit und der Wohnungslosenhilfe. Zuletzt hatte er die Professur „Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung“ an der Hochschule Magdeburg-Stendhal inne. Darüber hinaus ist er Autor mehrerer Romane.

Aufbau

Die 16 Erzählungen des Bandes werden gerahmt durch Vorbemerkungen des Herausgebers und Informationen zu den AutorInnen.

  • Du bist okay, Alter (Bernd Klenk)
  • Villa 5 (Winfried Dahlen)
  • Vom Paradox des Scheiterns im Gelingen – eine Geschichte in drei Szenen (Beate Blank)
  • Schlüssel wurden zum Schlüssel (Titus Simon)
  • Zugang finden (Jörg Kraußlach)
  • Kirchhofstraße (Monika Hauser)
  • Mein weiter Weg mit der Familie Dalkaya (Harald Huber)
  • Das Sinnhafte im vermeintlichem Unsinn entdecken (Ekkehard Felis)
  • Der schmale Grat zwischen Hilflosigkeit und Gewalt (Lothar Böhnisch)
  • Stolpernd voneinander lernen (Michael May)
  • Junge Studentin trifft auf Mobile Jugendarbeit (Heike Münker)
  • Ich mag keine Hunde (Michael Gabriel)
  • Wind (Liane Kanter)
  • „Das hier ist heiliger Boden“ (Sr. Lydia Kaps FMA)
  • Harte Schalen haben einen Sinn … und es braucht viel Geduld und noch mehr Wertschätzung, um sie aufzubrechen … (Jana Dosdall)
  • Geduldsspiel (Johanna Simon)

Inhalt

Da es nur schwer möglich ist, die Geschichten nachzuerzählen, und dies auch das eigene Leseerlebnis quasi vorwegnehmen würde, möchte ich an dieser Stelle nur einen kurzen Überblick über einzelne Charakteristika geben.

Die Beiträge (im Umfang von drei bis 18 Seiten) thematisieren unterschiedliche Schlüsselsituationen, in denen es den AkteurInnen gelungen ist, Beziehung(en) aufzubauen bzw. in Beziehung zu treten. Dies sind gemeinsame Aktivitäten, Begegnungen, wichtige Augenblicke oder auch länger anhaltende Prozesse. Manche der AutorInnen haben ihren Beruf noch in Zeiten der Fürsorge begonnen und andere mitten in den Zeiten der Modernisierungen der 1970er/​1980er Jahre. Die meisten sind bis heute in der Sozialen Arbeit tätig.

So unterschiedlich die einzelnen Darstellungen sind, so unterschiedlich sind auch die Handlungsfelder, in denen die „schwere Arbeit“ stattfand und stattfindet: Offene und Mobile Jugendarbeit (selbstverwaltete Jugendzentren, Kinder- und Jugendtreffs, Cliquenarbeit), Jugendhilfe, Arbeit mit Geflüchteten, Wohnungslosenhilfe, Arbeit mit Fußballfans (Hooligans) oder Suchtberatung.

Diskussion

Titus Simon bedankt sich in seinen Vorbemerkungen beim Verlag dafür, „dieses nicht als Sachbuch konzipierte Bändchen“ (S. 13) ermöglicht zu haben. Diesem Dank kann ich mich anschließen. Der Band bildet quasi das Gegenstück zu verschiedenen in letzter Zeit veröffentlichten Publikationen, die erfreulicherweise zunehmend die Perspektiven wie Expertisen der Adressat*innen in den Blick nehmen und diesen eine eigene Stimme geben (z.B. Weiß/Sauerer 2018, Redmann/​Gintzel 2017 oder Schulz/​Zuaboni 2014). Zugleich erhalten diese auch in den einzelnen Geschichten des Bandes „Schwere Arbeit“ eine Stimme, indem deren Geschichten, wenngleich aus der Perspektive der jeweiligen AutorInnen, miterzählt werden. Ein ähnliches Anliegen wie der Herausgeber Titus Simon, wenn auch nur aus einer Perspektive, verfolgt zum Beispiel Monika Staemmler (2017) in ihrem Band „Das erzähl ich nur Ihnen! Die Kunst der Beziehungsarbeit in 15 Geschichten“. 

Die einzelnen Erzählungen des Bandes sind sowohl vom Umfang wie auch der Darstellungsweise sehr unterschiedlich. Einige werfen auf wenigen Seiten ein Schlaglicht auf besondere Momente und einzelne Adressat*innen. Andere zeichnen längere (Entwicklungs-)Prozesse ganzer Gruppen, chronologisch wie auch szenisch, nach. Der Sprach- und Schreibstil reicht von erzählend, rekonstruierend bis hin zu literarisch-poetisch, assoziativ – in der Wirkung auf mich von ganz nah und mittendrin bis rückblickend, vom Jetzt in die Ferne zurück. Diese Unterschiede machen für mich eine Stärke des Bandes aus. Sie ermöglichen der Leser*in über individuelle Zugänge selbst für sich Zugänge zu den Geschichten zu finden.

Eine weitere Stärke ist aus meiner Sicht, dass es dem Band hervorragend gelingt, deutlich zu machen, was es praktisch und konkret heißt, wenn sich Soziale Arbeit als Beziehungsprofession versteht. Dabei zeichnen die Geschichten keine „idealtypischen Verläufe“ nach, die zu gelingenden Beziehungsrezepten führen. Alle Geschichten lassen Raum für Offenes, für Brüche, für das Paradox des Scheiterns im Gelingen und umgekehrt (Beate Blank); dafür, wie man stolpernd voneinander lernen kann (Michael May). Diesen Raum auch selbst zu füllen und weiter zu öffnen – auf eigene Praxen zu beziehen und ggf. auch theoretisch zu reflektieren, ist Aufgabe der Leser*in.

In jeder Geschichte haben mich bestimmte Sätze (oft die vordergründig ganz „einfachen“) besonders angesprochen – Sätze, über die es sich lohnt zu diskutieren, die auf eigenes Erleben bezogen und weitergedacht werden können, wie zum Beispiel:

  • „Wo kreuzen sich unsere Lebenswege und Interessen und was können wir gemeinsam tun?“ „Genauso wichtig ist das Worte finden“ (Bernd Klenk, S. 18 und S. 20).
  • „Wo können junge Menschen sich heute noch in einem 'Schonraum' mitgestaltend selbst verwirklichen und ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen kennenlernen?“ (Winfried Dahlen, S. 37).
  • „Alles Handeln und Nichthandeln sollte von einer brennenden Geduld getragen sein; eine, die nichts erwartet und doch alles für möglich hält“ (Beate Blank, S. 38 f.).
  • „Man muss halt näher herantreten. Nähe wagen! Distanz ist einfach.“ „Wir sind von Subjekt zu Subjekt in einen Dialog getreten“ (Jörg Kraußlach, S. 64 und S. 72).
  • „Jeder hat etwas, wo er mir Lehrer, Meister sein kann und ich sein Schüler“ (Ekkehard Felis, S. 97).
  • „Schmutziger Kampf um Anerkennung“ (Lothar Böhnisch, S. 105).
  • „Je länger ich mit ihnen zusammenarbeitete, umso stärker setzte ich den Akzent auf die Beziehung zu ihnen und nicht auf die Umsetzung meiner Utopien“ (Michael May, S. 118).
  • „Spannend ist die Frage, wie heute Randgruppen definiert werden und wer diese Definition vornimmt.“ „Unsere Aufgabe war erstmal nur vor Ort zu sein, (…) und ZUZUHÖREN“ (Heike Münker, S. 120).

Fazit

Ein kleiner Band über die „Blue Note Sozialer Arbeit“ (S. 7) mit großer Wirkung: Die Erzählungen vom gelingenden Beziehungsaufbau zu schwer zugänglicher Klientel lassen (manchmal abstrakte oder auf den ersten Blick scheinbar selbst-verständliche) Theorie lebendig werden, ohne sich anzumaßen, Rezepte liefern zu wollen (oder zu können). Sie zeigen auf, was entstehen kann, wenn Menschen (Fachkräfte und Klientel) aufeinandertreffen. Trotz der Unterschiede (Arbeitsfelder, Zeithorizonte, Professionen) haben die AutorInnen, zumindest nach meiner Lesart, eines gemeinsam: Ihr Handeln gründet „in einer Verbundenheit mit den Menschen, mit denen sie in einem gemeinschaftlichen Dasein die guten und die schlechten Verhältnisse ihrer Gesellschaft, deren Raum und ihre Zeit, menschliche Würde und überhaupt die conditio humana teilen“ (Wendt 2013: 8). Der Band bietet eine Fülle an lehrreichen Zugängen zur Wirkmächtigkeit gelingender Beziehungen, ohne belehrend zu wirken. Er ist Lehrenden, Studierenden, Praktiker*innen, aber auch durchaus sozialpolitischen Entscheider*innen nachdrücklich zu empfehlen als Einladung zur Bestärkung, Irritation oder Inspiration bestehender Praxen.

Literatur

Redmann, B. & Gintzel, U. (Hrsg.) (2017): Von Löweneltern und Heimkindern. Lebensgeschichten von Jugendlichen und Eltern mit Erfahrungen in der Erziehungshilfe, Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Schulz, M. & Zuaboni, G. (Hrsg.) (2014): Die Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten, Köln: BALANCE buch + medien.

Staemmler, M. (2017): Das erzähl ich nur Ihnen! Die Kunst der Beziehungsarbeit in 15 Geschichten, Köln: BALANCE buch + medien.

Weiß, W. & Sauerer, A. (Hrsg.) (2018): „Hey, ich bin normal!“. Herausfordernde Lebensumstände im Jugendalter bewältigen: Perspektiven von Expertinnen und Profis, Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Wendt, Wolf. R. (2013): Zur Einführung: Über Verbindlichkeit und Verbundensein im Handeln. In: Wendt, Wolf. R. (Hrsg.): Zuwendung zum Menschen in der Sozialen Arbeit. Festschrift für Albert Mühlum, Lage: Jacobs, S. 7-12.


Rezension von
Prof. Michael Domes
Diplom-Sozialpädagoge, Professor für Theorien und Handlungslehre in der Sozialen Arbeit, TH Nürnberg Georg Simon Ohm
Homepage www.michaeldomes.de
E-Mail Mailformular


Alle 16 Rezensionen von Michael Domes anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 04.12.2019 zu: Titus Simon (Hrsg.): Schwere Arbeit. Erzählungen vom gelingenden Beziehungsaufbau zu schwer zugänglicher Klientel. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6134-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26062.php, Datum des Zugriffs 03.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung