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Helga Kelle, Stephan Dahmen: Ambivalenzen des Kinderschutzes

Cover Helga Kelle, Stephan Dahmen: Ambivalenzen des Kinderschutzes. Empirische und theoretische Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-6083-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Kindheiten.
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Die Herausgeber

Kelle Helga ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Pädagogik an der Universität Bielefeld.

Stephan Dahmen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Kindheits- und Jugendforschung an der Universität Bielefeld.

Thema

Der Sammelband bündelt aktuelle empirische und theoretische Forschungen zur (veränderten) Praxis im Bereich Kinderschutz. Der Band fokussiert insbesondere die Frage, inwiefern die Sorge um das Kindeswohl – sei es auf der Ebene der konkreten Ausübung und organisationalen Verfasstheit des staatlichen Wächteramts, des präventionspolitischen Zugriffs auf Kinder und deren Familien oder der Formulierung und Umsetzung staatlicher Politiken – mit Ambivalenzen verbunden ist, die sich auf den unterschiedlichen Ebenen je spezifisch bemerkbar machen.

Aufbau und Inhalt

Die zehn Beiträge sind zu vier Themenbereichen zusammengefasst.

I. Kinderschutz als sozialpädagogische Praxis

  • Im ersten Beitrag zeigt Timo Ackermann die schwierige Situation der Fachkräfte auf. Er verwendet dazu Daten, die bei einer Begleitung von Fachkräften gewonnen wurden. Er arbeitet einige Ambivalenzen in der Entscheidungsfindung durch multiple Akteure (Fallzuständigkeit, Informiertheit) heraus und erläutert interpretative und objektivierende Bestimmung von Kindeswohlgefährdung am Beispiel eines Risikoeinschätzbogens heraus.
  • Katharina Freres verdeutlicht an einem Fallbeispiel die Gefährdungseinschätzung die Spannung zwischen Hilfe und Kontrolle und stellt eine stärkere Bedeutung der Kontrolle fest. Sie beschreibt den Ablauf einer Gefährdungseinschätzung („Normalitätstest“), als Minimalvariante des Fallverstehens. Diese Orientierung an einer Minimalnorm dient der Abschätzung eines Wiederholungsrisikos und der Vermeidung zukünftiger Gefährdung. Die Ambivalenz zwischen Verdachtsabklärung und weiterer Fallbearbeitung wird deutlich.
  • Marion Ott thematisiert die stärkere Bedeutung der Kontrolle am Beispiel einer stationären Mutter-Kind-Einrichtung. Konflikte im Betreuungsverhältnis entwickeln sich häufig am Widerspruch zwischen Dienstleistung und Kontrolle. Sie zeigt, dass diese strukturell angelegten Konflikte über das Kind als Bezugspunkt ausgetragen werden, wobei die Schutzfunktion als moralische Dimension im Vordergrund steht.

II. Frühe Hilfen zwischen Prävention und Intervention

  • Helga Kelle legt in ihrem Beitrag eine Detailanalyse des „Anhaltsbogens“ für ein vertiefendes Gespräch vor und bemängelt, dass die Differenzierung zwischen präventivem und interventivem Kinderschutz verschwimmt.
  • Anschließend analysieren Maren Zeller, Lisa Maria Groß und Johanna Ginter Interviews mit Familienhebammen. Sie zeigen auf, wie in der Praxis mit den schon auf konzeptueller Ebene unklaren Abgrenzung von primärer, sekundärer und tertiärer Prävention situativ und fallbezogen umgegangen wird. Obwohl Familienhebammen ihre Aufgabe eigentlich im primären und sekundären Feld verstehen, können sie sich wegen des niederschwelligen Zugangs und oft wegen des Vertrauens der Familien nicht herausziehen und haben so einen ersten Blick auf drohende Kindeswohlgefährdung.

III. Kooperation und Vernetzung im Kinderschutz

  • Hannu Turba beschreibt Kooperation und Vernetzung in einer organisationstechnischen Annäherung. Er reflektiert die Ambivalenzen des Netzwerkgedankens im deutschen Kinderschutz mit den Zielen Kosteneffizienz, Kontrolle und Kooperation als pluralistisches, leicht chaotisches System und kontrastiert es mit dem norwegischen System mit einseitigen Machtkonzentrationen.
  • Tobias Franzheld beschäftigt sich mit der Ambivalenz im Jugendamt zwischen notwendiger Kooperation und verantwortlicher Federführung. Er thematisiert Kooperation als Handlungsrahmen bei der Verdachtsabklärung und beleuchtet die Kooperation aus Sicht der Polizei, der Medizin und des Jugendamtes. Abschließend arbeitet er multiprofessionelles Fallverstehen und interprofessionelle Fallbearbeitung für interventionsbezogene Interventionen im Kinderschutz als sich verschränkende Zugänge heraus.

IV. Rechtliche und strukturelle Spannungsfelder im Kinderschutz

  • Holger Ziegler setzt sich kritisch mit dem Kindeswohlbegriff auseinander. Er arbeitet heraus, dass dieser Begriff auf elterliches Versagen fokussiert, also Verhaltensmängel, und strukturelle Ungleichheit und sozio-ökonomische Mängel aber außen vor lässt und deren Beseitigung nicht als Aufgabe der Jugendhilfe formuliert. Leistungen der Jugendhilfe werden nicht durch festgestellte Bedarfe, sondern durch die Feststellung einer Kindeswohlgefährdung ausgelöst. Er stellt wieder einen Wandel von wohlfahrtsstaatlichen Dienstleistungen zurück zu obrigkeitlicher Kontrolle fest.
  • Sarah Mühlbacher bemerkt kritisch, dass trotz Reformen die Rechtsstellung des Kindes in weiten Strecken erwachsenenzentriert geblieben ist und fordert eine Neudefinition des Verhältnisses zwischen Erwachsenen und Kindern.
  • Abschließend diskutiert Thomas Meysen die Eingriffs- und Hilfeorientierung des deutschen Kinderschutzes im internationalen Vergleich und geht auf die Verfügbarkeit von Hilfen, den Umgang mit Informationen bei vermuteter oder festgestellter Gefährdung und Beteiligung und Selbstbestimmung ein.

Diskussion

In der Praxis des Kinderschutzes sind die beteiligten Personen mit vielfältigen Ambivalenzen konfrontiert. Das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle ist nicht auflösbar.

Dieser Band zeigt das Bewusstsein für dieses Spannungsfeld bzw. beschreibt es deutlich in unterschiedlichen Bereichen. Das deutsche System lässt den Fachkräften größere Spielräume als in vielen anderen Ländern, ist aber auch sehr belastend.

Es ist den Herausgebern gelungen, Autorinnen und Autoren zu gewinnen, die Das Spannungsfeld empirisch verdeutlichen, aber auch Hilfen für den Umgang mit den Ambivalenzen anbieten.

Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, gibt aber viele nachdenkenswerte Anregungen

Zielgruppen

Dieses Buch richtet sich an alle die in Praxis und Forschung mit Kinderschutz befasst sind.

Fazit

Das Buch spricht die Ambivalenzen im Kinderschutz an und bezieht sich auf die Bereiche der sozialpädagogischen Praxis, auf die Frühen Hilfen, die Kooperation und Vernetzung sowie auf rechtliche und strukturelle Spannungsfelder. Es arbeitet die Ambivalenzen deutlich heraus und bietet viel Nachdenkenswertes.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 22.10.2020 zu: Helga Kelle, Stephan Dahmen: Ambivalenzen des Kinderschutzes. Empirische und theoretische Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6083-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26067.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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