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Karin Werner: Leben als Pflegekind

Cover Karin Werner: Leben als Pflegekind. Die Perspektive jugendlicher Pflegekinder auf ihre Lebenssituation. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 347 Seiten. ISBN 978-3-7799-6093-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Pflegekinderforschung.
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Anlass

Das Buch ist eine Dissertation, die von der Universität Zürich im Herbst 2017 angenommen wurde.

Autorin

Katrin Werner ist Dozentin und Forschungsprojektleiterin am Institut für Kindheit, Jugend und Familie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kinder und Jugendhilfe, Care Leaving und Entwicklungspsychologie des Jugendalters.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einleitung (Kapitel 1), woran sich gleich rechtliche Grundlagen des Pflegekinderbereichs anschließen, die sich hier auf die Schweiz beziehen. Darauf folgt die Klärung zentraler Begriffe und schließlich wird der Aufbau der Arbeit mit den verschiedenen Kapiteln und Unterkapiteln erläutert.

Das zweite Kapitel widmet sich dem ganzen Pflegekinderbereich, wobei es hier vor allen Dingen auf die deutschsprachige Fachdiskussion zurückgreift. Dabei geht es zum einen um die professionelle Fachdiskussion, das ist die, wie sie beispielsweise von Eltern oder aber auch begleitenden Fachleuten geführt wird, und es geht andererseits in den Debatten um die Wissenschaft, die für sich Untersuchungen anstellt und Ergebnisse diskutiert. Diese beiden Diskussionsstränge werden häufig nicht miteinander in Beziehung gesetzt. An besonderen Stichworten sei hier genannt: die Entwicklungen im Pflegekinderbereich, die Forderungen an die Fachpersonen der Pflegekinderhilfe, die Herausforderung der Pflegekinderhilfe sowie auch ein wandelnder Blick auf das Pflegekind. Ging es ursprünglich um den Fokus, das Kind sei Träger von Störungen, gibt es inzwischen einen veränderten Blick, der das Kind als Experte für seine eigene Lebenssituation auffasst.

Kapitel 3 nimmt den Forschungsstand in den Blick. Dabei unterscheidet die Autorin verschiedene Forschungsstränge: Pflegekinderhilfeforschung, Pflegefamilienforschung, Herkunftselternforschung, und schließlich Pflegekinderforschung. Hier bezieht die Autorin auch internationale Studien in ihren Überblick ein. Ein besonderer Teil dieses Kapitels ist auch den Forschungsergebnissen zum Pflegekinderbereich in der Schweiz gewidmet. Eine sehr gute Zusammenfassung sowie eine Fokussierung auf die Fragestellung dieser Arbeit runden dieses Kapitel ab.

Kapitel 4 hat die theoretischen Grundlagen zum Inhalt. Die Autorin weist darauf hin, dass die ursprüngliche Fokussierung auf die Bindungstheorie nach dem heutigen Diskussionsstand zu kurz greift und die Diskussion zurzeit auch von einer Suche nach einer sozialpädagogischen Theorie bestimmt wird. Entsprechend diesem Gedanken geht es im Folgenden um Pflegefamilienkonzepte, wobei dabei diskutiert bzw. gefragt wird, was ist eigentlich der Status bzw. die Rolle und die Funktion von Pflegefamilie. Den sozialpädagogischen Gedanken fortführend geht es im Weiteren um Sozialisationstheorie und um Belastungs-Ressourcen-Modell. Dazu gehören natürlich auch Betrachtungen zu Entwicklungsaufgaben des Jugendalters sowie Identitätsentwicklung. Die Unterbringung in einer Pflegefamilie stellt immer ein kritisches Lebensereignis dar, weshalb die Autorin auch pflegekindspezifische Entwicklungsaufgaben noch einmal besonders in den Blick nimmt. Zum Schluss dieses Kapitels stellt die Autorin kurz das „psychosocial model of long-term foster care“ vor. Dieses psychosoziale Modell basiert auf der Bindungstheorie und wurde auf der empirischen Basis von Interviews mit ehemaligen Pflegekindern entwickelt. Aus den vorherigen, erarbeiteten, theoretischen, fachlichen und empirischen Zusammenhängen formuliert die Autorin nun Forschungsfragen, die da lauten:

  • „Wie nehmen Pflegekinder ihre aktuelle Lebenssituation als Pflegekind wahr?
  • Welche besonderen Anforderungen stellen sich den jugendlichen Pflegekindern aufgrund ihrer Pflegesituation?
  • Wie erleben sie diese Anforderungen und welche intrapsychischen und sozialen Ressourcen stehen ihnen dabei zur Verfügung?“ (S. 126)

Diese Forschungsfragen sollen zu folgenden Zielen führen:

  • „Personen der Pflegekinderhilfe, Pflegeeltern und weitere Interessierte erhalten einen Einblick in die bis dahin in der Schweiz noch wenig erforschte Sichtweise von Pflegekinder auf ihre Pflegekindsituation.
  • Die Arbeit soll zu einem Erkenntnisgewinn führen bezüglich pflegekindspezifischer Anforderungen und Ressourcenpotenziale und zur Theorieentwicklung in diesem Bereich beitragen.
  • Die Erkenntnisse aus dem Interview können Hinweise geben auf möglichen sozialpädagogischen Unterstützungsbedarf für Pflegekinder“ (S. 127).

In Kapitel 5 geht es um die Forschungsmethode, die hier qualitativ begründet ist. Die Autorin beschreibt ihre Datenerhebungsmethode und die Durchführung. Dabei nutzt sie problemzentrierte Interviews, die mittels eines Interviewleitfadens durchgeführt und aufgezeichnet werden. In der Auswertung liegt sie die Grounded Theory zugrunde.

Die etwas über 100 Seiten umfassende Vorstellung der Ergebnisse erfolgt in Kapitel 6. Die Autorin geht dezidiert auf diverse Aspekte ein, die zum einen vorher theoretisch herausgearbeitet wurden, und zum anderen sich aus den Befragungen ergeben haben. Das sind die belastenden Erfahrungen in der Herkunftsfamilie, die noch einmal unterteilt sind in Zusammenleben mit einer psychisch erkrankten Mutter, Gewalterfahrungen sowie Erkrankung und Tod eines Elternteils. Weiter geht es um pflegekindspezifische Anforderungen wie Regeln als Bestandteil einer neuen Familienkultur, Diskontinuitätserfahrungen, was noch einmal differenziert wird in Trennung von Geschwistern bei Fremdunterbringung; Wechsel der Schule und des sozialen Umfelds, Veränderung in der Pflegefamilienkonstellation, Umplatzierungen und Wechsel der Beistandsperson.

Ein weiteres Unterkapitel widmet sich der Frage des Umgangs mit dem Tod der Mutter oder des Vaters. Weiterhin geht es um die Einstellung der Eltern gegenüber der Fremdunterbringung. Auch die Religionszugehörigkeit und Religiosität der Pflegeeltern wird aufgegriffen. Ein weiterer Aspekt ist die Umkehrung der generationalen Sorge. Die Reaktionen der Umwelt auf die Pflegekindsituation werden ebenfalls thematisiert, wobei es hier zum einen um die Erklärungsbedürftigkeit der Pflegekindsituation geht, aber auch um die befürchtete Stigmatisierung als Problemkind (vgl. S. 220). Schließlich widmet sich die Autorin der Bedeutung der Pflegefamilie. Die Pflegefamilie nimmt dabei verschiedene Funktionen und Rollen in den Blickwinkeln der Pflegekinder ein. Sie bietet einerseits Unterstützung, sie bietet auch Schutz, sie wird zum einen wie eine normale Familie angesehen, aber sie wird auch als eine andere Familie betrachtet. Der Kontakt mit der Herkunftsfamilie spielt auch eine Rolle, weshalb die Autorin noch einmal besonders auf die Kontaktsituation mit der Mutter oder dem Vater eingeht. Schließlich geht sie noch auf verschiedene Typen vom Arrangement doppelter Elternschaft ein, was das Leben von Pflegekindern auch häufig charakterisiert. Während dieses Kapitels der Vorstellung der Forschungsergebnisse greift die Autorin immer wieder auf die gemachten Interviews zurück und fügt Zitate aus diesen ein.

Kapitel 7 ist als „Diskussion“ überschrieben, ist aber tatsächlich eine sehr gute Zusammenfassung der ausführlichen Ergebnisdiskussion aus Kapitel 6.

In Kapitel 8 geht es um die Zusammenfassung und Abschluss des Buches. Zum einen macht die Autorin noch einmal abschließende Betrachtungen der Ergebnisse und sie formuliert verschiedene Anregungen für die Pflegekinderhilfe. Hier sei besonders genannt: 

  • Bildungsorientierung der Pflegeeltern,
  • gesellschaftlicher Status und die Stigmatisierung von Pflegekindern,
  • Religiosität und Religionszugehörigkeit der Pflegeeltern,
  • Abbrüche von Pflegeverhältnissen,
  • Finanzierung der Pflegeverhältnisse,
  • Bedeutungszuweisung zur Pflegefamilie,
  • Kontaktgestaltung zu den leiblichen Eltern und
  • Umgang mit Tod von Mutter oder Vater.

Es ist der Autorin ein Anliegen, dass es hier nicht um eine Neupositionierung der Pflegekinderhilfe gehen muss, sondern sie bemerkt ausdrücklich: „Abschließend ist anzumerken, dass selbstverständlich viele Fachpersonen der Pflegekinderhilfe die genannten Themen bereits heute im Blickfeld haben und in ihrer professionellen Arbeit berücksichtigen. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie helfen in diesem Fall, den besonderen Fokus auf diese Themen zusätzlich zu legitimieren“ (S. 337).

Diskussion

Es gelingt der Autorin außerordentlich gut, die verschiedenen Ebenen wie Empirie, Theorie und Gesellschaft nebeneinander abzubilden und gleichzeitig dann in ihren Forschungen aufeinander zu beziehen. Die von ihr durchgeführten Interviews und die sehr ausführliche Ergebnisdiskussion geben tiefe Einblicke in das Pflegekinderwesen an sich, auf die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen, und auf die besondere Bedeutung von Pflegefamilien in ihren Funktionen und Rollen. Obwohl es sich insgesamt doch um ziemlich komplexe Materie handelt, hat die Autorin es gut lesbar und nachvollziehbar aufbereitet und bietet damit einen relativ leichten Zugang zu dieser Thematik an. Die Zusammenfassungen am Ende eines Kapitels und die Fokussierung auf ihre Forschungsfrage helfen ungemein, den Überblick in diesen ganzen Zusammenhängen zu behalten. Die von ihr formulierten Empfehlungen sind noch einmal explizite Hinweise darauf, wie in einer vermeintlich modernen Gesellschaft mit bestimmten Lebenslagen umgegangen wird und was getan werden muss, um Kindern und Jugendlichen in besonderer Lebenssituation ein gelingenderes Leben zu bieten.

Fazit

Die Autorin hat hier nicht nur eine Fülle an Material zusammengetragen, sondern sie bietet auch den hervorragenden Überblick über den gegenwärtigen Diskussionsstand der Pflegekinderhilfe an. Die von ihr vorgestellten Ergebnisse sind sowohl für weitere theoretische Ausarbeitung wertvolle Hinweise, gleichzeitig sind sie für die Praxis der Pflegekinderhilfe eine wichtige Fundierung und zumindest in der Zusammenfassung eigentlich eine Pflichtlektüre für alle Personen, die sich in der Pflegekinderhilfe fachlich betätigen. Das bezieht sich sowohl auf Pflegekinderdienste, als auch auf Ämter und Institutionen wie auch auf Pflegeeltern. Für Studierende in den Studiengängen Soziale Arbeit und Psychologie ist dieses Buch ein wertvoller Fundus an Grundlagen der Pflegekinderhilfe und gibt ihnen einen hervorragenden Überblick für eine spätere Berufspraxis in diesem Bereich.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 03.04.2020 zu: Karin Werner: Leben als Pflegekind. Die Perspektive jugendlicher Pflegekinder auf ihre Lebenssituation. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6093-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26069.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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