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Thomas Gabriel, Renate Stohler: Abbrüche von Pflegeverhältnissen

Cover Thomas Gabriel, Renate Stohler: Abbrüche von Pflegeverhältnissen im Kindes- und Jugendalter. Perspektiven und Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3956-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Pflegekinderforschung.
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Thema

Dieses Buch ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zusammenarbeit mit der University of London und der Universität Siegen. Als Praxispartner waren die Pflegekinderaktion Schweiz und der Schweizerische Fachverband für Sozial- und Sonderpädagogik INTEGRAS involviert. Das Forschungsprojekt „Unerwartete Abbrüche von Pflegeverhältnissen im Kindes- und Jugendalter“ hat die Rekonstruktion des Abbruchprozesses in ihren interaktiven Dimensionen zum Inhalt. Dabei stehen das Erleben der Pflegekinder und das der Pflegeeltern im Vordergrund. Damit sollte ein tieferes Verständnis für die Einflüsse, die das Risiko von Platzierungsabbrüchen erhöhen, erlangt werden.

Autor*in

Prof. Dr. Thomas Gabriel ist Leiter des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Lic. Phil. I. Renate Stohler ist Dozentin und Projektleiterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Aufbau und Inhalt

Als Herausgeberband ist das Buch durch zehn Beiträge unterteilt.

Die sehr umfassende Einleitung greift einerseits verschiedene Studien zu dem Thema Instabilität und Abbrüchen von Pflegeverhältnissen auf und stellt fest, dass es trotz vieler Studien eine unsichere Forschungslandschaft gibt, weil die Abbrüche aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden müssen, was nicht immer erfolgt ist. In den vorliegenden Studien geht es einerseits um Erkenntnisse zur Sicherung der Stabilität von Pflegeverhältnissen, andererseits geht es um Einflussfaktoren, die im Zusammenhang mit Platzierungsabbrüchen stehen. Dabei sind sowohl das Pflegekind selbst, die Herkunftsfamilie des Pflegekindes, die Pflegeeltern und auch die Pflegekinderhilfe in den Blick zu nehmen. Zu unterscheiden ist auch zwischen Verwandtenpflege und Fremdplatzierung wie auch das Lebensalter und die Lebensphasen der Pflegekinder.

Schon bei der Frage, was ist ein Abbruch, werden unterschiedliche Verständnisse zugrunde gelegt. Während einige Autor*innen darunter den radikalen Bruch verstehen, ist es für andere Autor*innen der Endpunkt eines längeren Prozesses und wiederum andere interpretieren es als jegliche Beendigung jenseits eines verabredeten Hilfeplans.

„Die Studie folgt der Prämisse, dass es eine interaktive Dimension im Abbruchprozess zwischen dem Jugendhilfesystem, der Pflegekinderfamilie, der Herkunftsfamilie und den Heranwachsenden gibt. Diese Einflüsse können sich gegenseitig verstärken, sich gegenseitig aufheben oder auch in das Gegenteil verkehren. So ist es beispielsweise plausibel, dass viele bisherige Platzierungswechsel und auffällige Verhaltensmuster des Kindes die Erwartungen und Motive der Pflegeeltern beeinflussen. Möglicherweise bemerken sie jedoch auch eher potenzielle Belastungen und sind auch eher bereit, professionelle Hilfe anzunehmen, weshalb die Risikofaktoren in der Interaktion mit anderen Einflussfaktoren potenziell auch eine schützende Wirkung entfalten können (…). Das übergeordnete Ziel der Studie bestand darin, übertragbares Wissen zu produzieren. Um durch das Verständnis von Abbruchprozessen die Stabilität von Pflegekinderplatzierungen zu verbessern. Im Allgemeinen zielt die Studie darauf auf, durch fallrekonstruktive Analysen die (In-) Stabilität von Pflegeplätzen zu verstehen, indem sie die Prozesse und Zusammenhänge on Faktoren rekonstruiert, die zu Platzierungsabbrüchen führten“ (S. 15 f.).

Klaus Wolf fragt in seinem Beitrag „Wie können wir Abbruchverhältnisse in Pflegeverhältnissen erklären“ nach Erklärungsmodellen und zeigt zwei Modelle auf: zum einen sind es quantitative Untersuchungen wirksamer Einzelfaktoren, zum anderen sind es Interdependenzmodelle. Unter Rekurs auf das o.g. Forschungsprojekt zeigt er verschieden Faktoren und Ebenen auf und plädiert für eine Fortsetzung der Forschungen als Interdependenzmodell zur Erfassung der Prozesse auf Mikro-, Meso- und Makroebene.

Die Frage der Zugänge zu einem Fall und das Verstehen als Interpretationsgrundlage für die Bearbeitung ist eine zentrale Frage jeglicher Sozialer Arbeit, auch in diesem Forschungsprojekt. Andrea Dittmann und Daniela Reimer stellen in ihrem Beitrag „Die Fallgeschichte als Zugang zum sozialpädagogischen Verstehen von Abbruchprozessen in der Pflegekinderhilfe“ einen Fall in seiner gesamten Komplexität vor. Am Schluss ihres Beitrages diskutieren sie noch Chancen und Grenzen als Grundlage für die Fort- und Weiterbildung.

Renate Stohler, Bujare Ibrahimi und Thomas Gabriel wählen statt eines hermeneutischen einen deskriptiven Zugang und beschreiben „Abbrüche von Pflegeverhältnissen in der Schweiz – ausgewählte Befunde einer Aktenanalyse“. Sie stellen fest, dass der Begriff Abbruch negativ konnotiert ist und auch vermieden wird, was zu einem Verdeckungszusammenhang führt. Die fehlende Standardisierung erschwert die Aktenanalyse erheblich und lässt viele Fragen offen, zumal manche Parameter gar nicht erhoben werden (z.B. Vorgeschichte und Eigenschaften des Kindes).

Pflegeverhältnisse sind dynamische Prozesse in der Interaktion von Pflegeeltern und Pflegekindern/​-jugendlichen. Clara Bombach und Klaus Wolf kritisieren, dass amtlicherseits Pflegeverhältnisse einmal begonnen (die ‚richtige‘ Familie für ein bestimmtes Kind) häufig als stabiles Miteinander gesehen wird. Sie beschreiben mit „Matching – Passungsherstellung und die Stabilität von Pflegeverhältnissen“ ein dynamisches Verhältnis, wo „Stabilität und Instabilität (…) dabei nicht als zwei dichotome Zustände verstanden (werden) – entweder das Pflegeverhältnis ist stabil oder es ist instabil – sondern als ein offener Prozess“ (S. 104). Der Beitrag endet mit Konsequenzen für die professionelle Praxis und die weitere Forschung.

Wie schon mehrfach angedeutet, fehlt in der Pflegekinderforschung häufig der multiperspektivische Blick. Insbesondere die Betroffenen, auf die sich die Hilfe richtet (Pflegekinder) sind dabei nicht berücksichtigt. Clara Bombach und Daniela Reimer gehen darauf besonders ein: „Kinderperspektive auf Abbruchprozesse in der Pflegekinderhilfe“. Häufig sind es eher (diagnostische) Zuschreibungen an die Kinder, die herangeführt werden, als dass die Perspektive der Kinder zu den Abbrüchen überhaupt berücksichtigt wird. Wenig erstaunlich, aber hier mittels diverser Interviews belegt, gibt es vielfältige Perspektiven/Gründe der Kinder und Jugendlichen, die zu Abbrüchen führten. In der amtlichen Begleitung ist es wichtig, Kindern keine Schuld zuzuweisen, sondern gemeinsam mit ihnen nach Perspektiven und Möglichkeiten zu suchen.

Fortführend bzw. ergänzend zu dem vorherigen Beitrag greift Daniela Reimer eine weitere Perspektive auf: „Abbruchprozesse: Die Perspektive der Pflegeeltern“. Ebenso wie es nicht das Pflegekind gibt, ist die Schar der Pflegeeltern heterogen. Pflegeeltern eigen ist eine Form der Verletzbarkeit, weil es überwiegend gut überlegte Entscheidungen sind, ein Pflegekind aufzunehmen, verbunden mit einem Anspruch eines Gelingens, in dem Abbruch einem Scheitern gleichgesetzt wird. Anhand von zwei exemplarischen Fällen wird das beleuchtet, auch die Verbundenheit über die Beendigung des Pflegverhältnisses hinaus. Wichtig für die Pflegeeltern, insbesondere für die Pflegemütter, ist, dass die Komplexität des Abbruches mit ihnen herausgearbeitet wird, denn durch die „Entwicklung einer differenzierten Deutung (können sie) ihre ambivalenten Gefühle und Versagensängste tatsächlich bearbeiten und denen es so gelingt, das unerwartete Ende des Pflegeverhältnisses in ihre eigene Lebensgeschichte und in ihr (Eltern-) Selbstbild zu integrieren“ (S. 190).

Einen ähnlich akzentuierten Beitrag wie die beiden vorherigen ist unter dem Titel „Ich wusste nicht wie ich Tschüss sagen sollte und wie’s weitergeht“ von Renate Stohler und Karin Werner verfasst. Sie beziehen sich auf die Schweizer Teilstudie, die im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführt wurde. Der Titel lässt es schon vermuten, dass hier diverse Interviews (Pflegekinder N = 13, Pflegeeltern N = 20) geführt wurden. Das Ergebnis bestätigt auch schon andere Befunde aus dem Buch wie aus anderen Forschungen, dass die Abbrüche ein großes Spektrum an Prozessen umfassen, die mit der Trennung voneinander längst nicht beendet sind. Wichtig ist, dass es sowohl für Pflegekinder wie auch Pflegeeltern die Möglichkeit der Nachbearbeitung eines Abbruchs gibt, was häufig nicht der Fall ist.

Claire Cameron und Hanan Hauari gehen den Weg der Unterstützung von Pflegeeltern und stellen dazu ein Modell vor: „Supporting foster carers at times of placement breakdown in England: the contribution of belonging‘“. Ihre These ist, dass abrupte Abbrüche Ausdruck eines nicht funktionierenden Systems sind. Sie betonen, dass zur Zugehörigkeit (belonging) eine Reihe von Faktoren zu berücksichtigen sind: emotional; social; cultural; spatial; temporal; physical; spiritual/​moral/​ethic; political; legal. Insbesondere die fehlende Kenntnis der Pflegeeltern über die vorherigen Lebensumstände der Pflegekinder führen häufig zu Abbrüchen. Hier sind die Pflegekinderdienste gefragt, entsprechende Informationen zu recherchieren und zur Verfügung zu stellen.

Das Buch wird mit einem Beitrag von Franziska Frohofer und Stefan Scharfenberger „Perspektiven aus der Praxis auf die Forschungsresultate des Projektes ‚Unerwartete Abbrüche von Pflegeverhältnissen im Kindes- und Jugendalter‘“ beendet. Beide sind langjährig beratend in der Praxis für Pflegeeltern wie auch Pflegedienste tätig. Sie stellen 5 Forschungsbefunde fest:

  1. Partizipation als Schlüssel zur Weiterentwicklung des Pflegekindes
  2. Pflegekinder wollen ihre Zugehörigkeit wählen
  3. Kontinuierliche Matchingprozesse dienen dem Pflegekind und seiner Entwicklung
  4. Akteurinnen und Akteure der Pflegekinderhilfe benötigen ein umfassendes Konflikt- und Krisenverständnis
  5. Aus- und Weiterbildung für Akteurinnen und Akteure der Pflegekinderhilfe

Insbesondere für den Bereich der Aus- und Weiterbildung greifen sie dezidiert die Inhalte der verschiedenen Beiträge in diesem Buch auf.

Diskussion

Das Buch unternimmt nicht weniger als eine (dringend notwendige) Neuordnung des Pflegekinderwesens. Das betrifft mindestens Deutschland, die Schweiz und auch England, lässt sich aber sicherlich auch auf andere europäische Länder übertragen. Insofern ist der Titel des Buches eigentlich eher irreführend, denn die sog. Abbrüche sind nur der Anlass, sich mit der Thematik differenziert und vertieft auseinanderzusetzen und das Forschungsprojekt hat eben auch hervorgebracht, dass Abbruch nicht gleich Abbruch ist – sowohl vom Verständnis als auch vom Ereignis her. Abbrüche sind der Ausdruck eines Prozesses, also der Verlauf einer Entwicklung, die einerseits beeinflussbar wäre und andererseits nicht zwingend als Scheitern gesehen werden muss. Neben der veränderten Perspektive auf Pflegeverhältnisse ist eine andere Form von (fachlicher) Organisation der Pflegekinderdienste erforderlich wie auch eine neue Form der Begleitung von Pflegeeltern. Neben den Forschungsbefunden umreißt das Buch damit einen anderen Zugang des Verständnisses von Pflegeprozessen, lenkt den Blick auf Institutionen wie auch auf Pflegeeltern. Wie immer ist es schwierig abzuschätzen, welche Wirkung so ein Buch hat, aber die Umsetzung in ein „Programm“ für das Pflegekinderwesen ist dringend notwendig. Der letzte Beitrag macht dieses in gewisser Weise und aus der Einleitung lassen sich da verschiedene Aspekte herauslesen, aber hier wäre es schön gewesen, wenn die Herausgeber*innen eine solche Programmatik formuliert hätten.

Fazit

Das Buch verdeutlicht viele sehr relevante Aspekte um das Pflegekinderwesen, die im Kontext der Forschungen eine Neubewertung bzw. andere Akzentuierung erfahren müssen. Für professionell Tätige in diesem Bereich ist die Lektüre dringend notwendig, aber auch der (Sozial-) Politik in den Kommunen sind die Befunde dringend zur Kenntnis zu geben, damit die Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien gelingender gestaltet werden können.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 02.12.2020 zu: Thomas Gabriel, Renate Stohler: Abbrüche von Pflegeverhältnissen im Kindes- und Jugendalter. Perspektiven und Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3956-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26074.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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