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Senka Karic, Lea Heyer u.a.: Multiprofessionalität weiterdenken

Cover Senka Karic, Lea Heyer, Carolyn Hollweg, Linda Maack: Multiprofessionalität weiterdenken. Dinge, Adressat*innen, Konzepte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 164 Seiten. ISBN 978-3-7799-6111-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die Publikation setzt an der Beobachtung an, dass vor dem Hintergrund der gesteigerten Komplexität gesellschaftlicher Problemlagen der Diskurs um Multiprofessionalität in den vergangenen Jahren zugenommen hat und es vielfach zur Etablierung veränderter bzw. neuer multiprofessioneller Hilfesettings, wie beispielsweise die Frühen Hilfen oder die Ganztagsschule gekommen ist. Zentrale Grundannahme solcher Settings, in denen unterschiedliche Professionen und Berufsgruppen zusammenwirken, ist es, dass mit ihrer Hilfe eine bessere, da multiprofessionelle, Unterstützung der Adressat_innen möglich wird. Gleichzeitig jedoch verbleibt der Begriff der Multiprofessionalität trotz seiner gesteigerten Prominenz oftmals auf einer programmatischen Ebene. Daher ist es das Ziel der vorliegenden Publikation, die mit dem Begriff einhergehenden unhinterfragten Wissensanordnungen offen zu legen und in einen reflexiven Kontext zu stellen.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen Senka Karic, Lea Heyer, Carolyn Hollweg und Linda Maack sind Promotionstipendiatinnen des Graduiertenkollegs „Multiprofessionalität in der Bildungsinfrastruktur und in Sozialen Diensten“.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist im Kontext des Graduiertenkollegs „Multiprofessionalität in der Bildungsinfrastruktur und in Sozialen Diensten“ entstanden. Das durch das niedersächsische Promotionsprogramm geförderte Graduiertenkolleg setzt sich mit der Erforschung und der empirischen Analyse aktueller Herausforderungen auseinander, die im Kontext von Multiprofessionalität und ihrer Herstellung in Organisationen identifiziert werden können. In diesem Graduiertenkolleg forschen seit Herbst 2016 bzw. Frühjahr 2017 12 StipendiatInnen zum Thema Multiprofessionalität in der Bildungsinfrastruktur und in sozialen Diensten. Die einzelnen Beiträge fußen auf im Rahmen des Kollegs geführten Diskussionen, sowie der in dem Kolleg verankerten Forschungsarbeiten.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband ist in drei Teile (Teil 1 Das Neue; Teil 2 Das Andere; Teil 3 Das Soziale) gegliedert. Diesen drei Teilen ist ein einführender Beitrag der Herausgeberinnen vorangestellt. In dieser Einführung loten die Herausgeberinnen zunächst den Stand der Debatte zur Multiprofessionalität in der Bildungsinfrastruktur und in Sozialen Diensten aus. Darauf aufbauend entwickeln sie die leitende These der Publikation, durch die Offenlegung der mit Multiprofessionalität verbundenen Wissensanordnungen den Diskurs hinsichtlich seiner blinden Flecken zu analysieren und um eine reflexive Perspektive zu ergänzen, mit dem Ziel, die bestehenden Wissensanordnungen aufzubrechen. Damit dies gelingen kann, setzen sich in jedem der drei Teile jeweils zwei Beiträge mit dem Neuen, dem Anderen dem Sozialen im Diskurs um Multiprofessionalität auseinander.

Im ersten Teil Das Neue nimmt zunächst Leonie Wagner unter der Überschrift „Die Erfindung der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession: Soziale Arbeit als multidisziplinäres und monoprofessionelles Projekt“ eine historische Perspektive auf Multiprofessionalität ein. Damit fokussiert dieser Beitrag die Anfänge der Sozialen Arbeit als Profession, die u.a. mit der Einführung einer Ausbildung verbunden sind. Dabei interessieren Leonie Wagner insbesondere folgende Fragen: Welches Wissen war aus Sicht der Begründer_innen der Ausbildungseinrichtungen für die Ausübung Sozialer Arbeit als Beruf erforderlich? Auf welche vorhandenen Disziplinen und Professionen wurde zu Beginn der Professionswerdung und Disziplinbildung Sozialer Arbeit zurückgegriffen? Entlang dieser Fragen soll das Verhältnis der Profession zur Multiprofessionalität bestimmt werden. Mit Hilfe einer Analyse der Ausbildungspläne der Sozialen Frauenschulen sowie unter Einbeziehung von Texten, die wichtige Protagonist_innen der Berufswerdung Sozialer Arbeit verfasst haben, sollen Antworten auf diese Fragen gefunden werden. Der zweite Beitrag dieses ersten Teils trägt die Überschrift „Multiprofessionalität Optimierungslogik des Sozialen“. Daniel Rohde, Inga Truschkat, Vera Volkmann und Florian Weis nehmen eine diskursanalytische Perspektive auf das Konzept der Multiprofessionalität. Dazu analysieren sie mit Hilfe dreier Fallbeispiele, einem Sportinternat, einem Hospiz und einer Ganztagsgrundschule, die diskursiven Konstruktionen von Multiprofessionalität als Optimierungslogik des Sozialen. Der erste Beitrag des zweiten Teils Das Andere ist von Carolyn Hollweg, Linda Maack, Luisa Peters, Gunther Graßhoff und lautet „Multiprofessionalität als neue Formation der Adressierung. Eine akteurstheoretisch inspirierte Kritik“. Wie es die Überschrift bereits andeutet, diskutiert dieser Beitrag die möglicherweise mit dem Anspruch der Multiprofessionalität verbundenen Konsequenzen für die Adressat_innen solcher Hilfesettings. Dabei wird das Spannungsverhältnis von Multiprofessionalität und adressat_innenbezogenen Perspektiven herausgearbeitet. Im zweiten Beitrag „Dinge in der Multiprofessionalität? Alltägliche (Un-)Ordnungen menschlicher und nichtmenschlicher Professionsträger*innen“ setzen sich Maria Milbert, Anna Korth und Wolfgang Schröer mit der Perspektive auseinander, inwieweit sich Multiprofessionalität auch in Gegenständen, Materialien und Konzepten widerspiegelt. Diese dingtheoretischen Perspektive verfolgen sie anhand dreier theoretischer Zugänge: Grenzobjekte, epistemische Dinge sowie Assemblage, verstanden als ein Miteinander von Akteur_innen und den sie umgebenden Dingen. Schließlich wendet sich der dritte Teil Das Soziale der Rolle von Konflikten und Vergemeinschaftungsprozessen zu. Hier findet sich zunächst der Beitrag „Multiprofessionalität und Konflikt“ von Melanie Fabel-Lamla, Anna-Lena Lux, Anja Schäfer und Carina Schilling. Mit Hilfe empirischer Beispiele werden in diesem Beitrag verschiedene Konfliktlinien in multiprofessionellen Settings markiert, die oftmals Fragen der Zuständigkeit, des Verfahrens und des Mandats betreffen. Darauf aufbauend wird u.a. ein Überblick über empirische Befunde zu Konflikten in unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfeldern, z.B. Hilfen zur Erziehung und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen gegeben und Möglichkeiten des funktionalen Nutzens von Konflikten in multiprofessionellen Teams diskutiert. Im abschließenden letzten Beitrag “ Entwürfe der Zusammenarbeit zwischen Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung: wie Multiprofessionalität hergestellt werden soll. Ein handlungsvergleichender Blick“ fragen Lea Heyer, Peter Cloos, Senka Karic und Anna Korth fokussiert auf vier ausgewählte Handlungsfelder aus der Bildungsinfrastruktur und den Sozialen Diensten, Erziehungs- und Familienberatung, Schulsozialarbeit, außerschulische kulturelle Jugendbildung und Frühe Hilfen, nach dem Zusammenhang zwischen den Zielen, der Herstellung und der Aufrechterhaltung der multiprofessionellen Zusammenarbeit verschiedener Berufs- und Statusgruppen.

Diskussion

Der mit der Publikation verbundene Anspruch, die unhinterfragten Wissensanordnungen und Bedeutungsinhalte von Multiprofessionalität durch eine Analyse sichtbar zu machen, kann als eingelöst betrachtet werden. Die Herausgeberinnen haben mit der Dreiteilung ihrer Publikation eine gute Systematisierung der möglichen Perspektiven auf Multiprofessionalität gewählt. Die einzelnen Beiträge innerhalb dieser drei Teile nehmen jeweils eine eigene spezifische Perspektive auf Multiprofessionalität und damit verbundene Fragestellungen ein und zeigen ihre spezifische Bearbeitung auf. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung eröffnet sich dadurch ein Einblick in die unterschiedlichen Forschungsvorgehensweisen. Dadurch, dass diese Beiträge im Kontext des Graduiertenkollegs entstanden sind, bzw. dort verortet sind, sind sie alle in umfangreiche theoretische Bestände eingebettet, die nicht nur für die jeweilige Fragestellung, sondern auch darüber hinaus interessante Anknüpfungspunkte eröffnen. Auch wenn bei einem HerausgeberInnenband nicht alle Beiträge für alle LeserInnen gleichermaßen von Interesse sein werden, eröffnen sie dennoch in der Gesamtheit einen guten Überblick über den Diskurs um Multiprofessionalität und die damit verbundenen Wissensanordnungen.

Fazit

Multiprofessionalität ist nicht nur in der Bildungsinfrastruktur und in den Sozialen Diensten ein vielfach gefordertes Qualitätsmerkmal. Welche unterschiedlichen theoretischen Perspektiven auf diesen Gegenstandsbereich geworfen werden können, welche Herausforderungen damit verbundenen sind und welche Konsequenzen daraus für das Handeln in der Praxis gezogen werden können, wird jedoch vielfach nicht diskutiert und empirisch bearbeitet. Sofern dieser Leerstelle ungefüllt bleibt, besteht die Gefahr, dass Multiprofessionalität in der Praxis letztlich auf einer programmatischen Ebene verharrt, da der für die Soziale Arbeit stets erforderliche wechselseitige Bezug von Theorie und Praxis nicht geleistet wird. Die vorliegende Publikation eröffnet die Gelegenheit, sich mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis von Multiprofessionalität auseinanderzusetzen und damit die angemahnte Leerstelle zu füllen. Dabei nehmen die in dem Sammelband enthaltenen Beiträge jeweils eine spezifische Perspektive aus Multiprofessionalität ein. Aufgrund ihrer Heterogenität eröffnen sie umfangreiche Einblicke in und Denkanstöße mit Multiprofessionalität. Der Gefahr, das nicht alle Beiträge für alle Leser_innen gleich von Interesse sind, wird durch die Klammer der Dreiteilung der Publikation entgegen gewirkt. Damit kann sowohl jeder Beitrag für sich als auch die gesamte Publikation, verbunden durch die Klammer der Dreiteilung, gelesen werden. Auf diesem Wege werden sowohl Lesende aus der Praxis als auch der Wissenschaft der Sozialen Arbeit angesprochen.


Rezension von
Prof. Dr. Petra Mund
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft und Sozialmanagement, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.khsb-berlin.de
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Zitiervorschlag
Petra Mund. Rezension vom 02.01.2020 zu: Senka Karic, Lea Heyer, Carolyn Hollweg, Linda Maack: Multiprofessionalität weiterdenken. Dinge, Adressat*innen, Konzepte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6111-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26077.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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