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Uta Wagner: Übergänge hinter Gittern

Cover Uta Wagner: Übergänge hinter Gittern. Übergangserfahrungen junger Menschen von Haft in Freiheit im Spiegel institutioneller Bedingungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 266 Seiten. ISBN 978-3-7799-6108-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Bildung und Erziehung im Abseits.
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Thema

Die Dissertationsschrift rückt anhand der biographischen Rekonstruktion vier junge Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, deren gemeinsamer Erfahrungshorizont sich in einer zurückliegenden Freiheitsstrafe widerspiegelt. Die qualitative Untersuchung betrachtet anhand des persönlichen Erlebens der Interviewpartner*innen die vielschichtige Auseinandersetzung gegenwärtiger Bedingungen gelingender Entlassungsvorbereitung aus dem (Jugend-)Strafvollzug. Damit reiht sie sich in die aktuellen Diskussionen zum sogenannten Übergangsmanagement ein und untersucht dessen Wirkungsweise mithilfe eines subjektbezogenen Ausgangspunktes. Insofern interessieren die innerinstitutionellen wie auch institutionsübergreifenden Unterstützungs- und Hilfeleistungen, auf die die Zielgruppe in diesem von Übergängen gekennzeichneten Lebensabschnitt zugreifen kann und die ggf. mit sehr heterogenen Berührungspunkten, Zugangsvoraussetzungen wie auch Bewertungsmaßstäbe einhergehen (S. 10). Zur Perspektiverweiterung tragen in diesem Zusammenhang die fünf leitfadengestützten Interviews der professionellen Fachkräfte bei, die auf Basis der (sozial)pädagogischen Prägung mit gleichsam verschiedenen Ansatzpunkten für eine koordinierende und kooperierende Entlassungsvorbereitung junger Menschen aus dem Strafvollzug insbesondere die Beratungs- bzw. Zusammenarbeit fokussieren (S. 15).

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Autorin Frau Dr. Uta Wagner promovierte an der Universität zu Hamburg. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fakultät für Erziehungswissenschaften lehrt sie im Bereich der Behindertenpädagogik und forscht darüber hinaus an verschiedenen Schwerpunktthemen, die insbesondere marginalisierte Zielgruppen betrachten. Neben der institutionell angelegten Übergangsgestaltung aus dem Strafvollzug befasst sich Wagner mit inklusiven Bildungsformen und -angeboten für Menschen mit Behinderung und setzt sich ferner mit dem Gegenstand der Flucht- und Asylthematik auseinander.

Entstehungshintergrund

Die in Beltz Juventa publizierte Reihe „Bildung und Erziehung im Abseits“ platziert insbesondere Institutionen, deren Verortung neben oder am Rande der bildungsbeauftragten Regeleinrichtungen liegen. „Übergänge hinter Gittern“ als eine dazugehörige Betrachtungsperspektive rückt – entsprechend des Anliegens dieses Formates – „die totale Institution Gefängnis und deren Programme aus dem Abseits“ (Hinweise zum Vorliegenden; Schweder, S. 8).

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptabschnitte:

  1. Kontextuelle und theoretische Rahmung
  2. Methodologie und Methodik
  3. Analyse

Inhalt

Kontextuelle und theoretische Rahmung

Um sich der Zielgruppe der Jugendstrafgefangenen anzunähern und ein genaueres Verständnis hinsichtlich ihrer spezifischen Übergangsanforderungen erhalten zu können, führt die Autorin zunächst in die grundlegenden Erkenntnisse der Übergangsforschung ein. Dabei definiert und problematisiert sie in der weiteren Analyse die Schwierigkeiten, die mit dem Begriff der „Jugendkriminalität“ einhergehen und sich insbesondere in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieses Phänomens widerspiegeln. Des Weiteren zeigen die von ihr ausgewählten Erklärungsansätze für die Entstehung von Kriminalität (z.B. Lerntheorie, Theorie der differentiellen Kontakte, Etikettierungsansatz) ein facettenreiches, wenn auch überblicksartiges Bild, verschiedener ursachenbeschreibender Ansatzpunkte auf. Gleichwohl richtet sie ihren Fokus auf die Darstellung der Desistance-Forschung, die daran interessiert ist, (subjektbezogene) Bedingungen zu ergründen, unter denen die Zielgruppe die Bereitschaft aufzeigt, sich von strafrechtlich sanktionswürdigen Verhaltensmuster zu lösen und erhofft sich mithilfe dessen Anregungen für die konzeptionelle Ausrichtung einer überleitungsorientierten Vollzugsgestaltung, die eine prozessuale Entlassungsvorbereitung mitdenkt. Den Hauptfokus richtet Wagner – neben der Darstellung der historischen Entwicklung des Jugendstrafrechts und dessen Adressat*innen – auf die kritische Diskussion der Bedeutung des Erziehungsauftrages im Kontext einer totalen Institution, wie dem Jugendstrafvollzug. Neben der heterogenen juristischen Auslegung verdichtet Wagner ihre Analyse mithilfe der Erkenntnisse Goffmans (Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen) und bringt somit gleichermaßen die dem Handlungsauftrag entgegengesetzten Funktionsweisen totaler Institutionen wie auch die daraus resultierende Deprivationsfolgen für die Zielgruppe zum Ausdruck. Darüber hinaus betrachtet sie den Erziehungsbegriff im Kontext des Lernens und bezieht aktuelle Erkenntnisse ein, die darauf verweisen, dass erworbene Bildungs- oder Qualifizierungsabschlüsse positiven Einfluss auf die Legalprognose inhaftierter Menschen nehmen können. Gleichsam problematisiert sie vor dem Hintergrund föderaler Gesetzgebung und aus einem überleitungsorientierten Blickwinkel heraus die mangelnde, wenn auch nachweislich vielversprechende, Nutzung vollzugsöffnender Maßnahmen (z.B. offener Vollzug) bzw. alternativer Vollzugsformen (z.B. Vollzug in freien Formen).

Methodologie und Methodik

Die Autorin wählt für ihren Untersuchungsgegenstand eine qualitative Herangehensweise und nutzt in ihrem Forschungsprozess die Grounded Theory Methodologie, da jene „die Rekonstruktion [des] subjektiven, sozialen oder vorgedeuteten Sinns anstrebt“ (S. 87 f.). Die damit einhergehende Theoriegenerierung findet zirkulär „in einem stetigen Wechselspiel zwischen Feldphase zur Datenerhebung und Reflexionsphase zur Analyse der Daten“ (S. 88) unter Berücksichtigung forschungsethischer Standards statt. Einen Schwerpunkt setzt sie in der Betrachtung ihres herausfordernden Feldzuganges, wobei ihr behördlich verweigert blieb, zum Interviewzeitpunkt mit inhaftierten Jugendlichen und Heranwachsenden in Kontakt zu treten. Dahinter vermutet sie u.a. die Befürchtung der Vollzugsbehörde, dass die Gesprächspartner*innen „[…] lediglich Negatives über ihre Haftzeit und das Übergangsmanagement berichten könnten“ (S. 101).

Als Erhebungsmethode wählt sie im Falle der vier hafterfahrenen (männlichen) Jugendlichen das episodische Interview und für die fünf pädagogischen Fachkräfte (Justizlehrer*innen, Übergangsmanager*innen sowie extramural angesiedelten Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen) das Experteninterview. Der Zugang zu den Heranwachsenden gelingt ihr mithilfe sogenannter Gatekeeper, also professionellen Fachkräften, die selbst im Kontakt zur Zielgruppe stehen. Darüber hinaus gibt Wagner über das Vorgehen bei der Interviewführung, der Transkription, Anonymisierung wie auch über die Datenanalyse Auskunft.

Analyse

Die Rekonstruktion und Analyse des vorliegenden Datenmaterials bildet den Hauptkern dieser Arbeit und untergliedert sich in die Dimension des Hafterlebens, den Erfahrungsschatz der jungen hafterfahrenen Männer und die Dimension der Begleitung ergo das Wirken professioneller Fachkräfte die entsprechend ihrer jeweiligen Funktion ggf. bei der Gestaltung des Übergangs unterstützen.

Rafael (S. 127- 145): Die von Goffman beschriebenen Merkmale des „Überleben“ und „Unterleben“ innerhalb einer totalen Institution verdeutlicht insbesondere die Rekonstruktion des Erfahrungshorizont von Rafael. Neben der besonderen Wertigkeit, die die Unterteilung in spezifische Statusgruppen, nämlich die der Justizvollzugsbediensteten bzw. Mitarbeiter*innen sowie die der Inhaftierten und die Abgrenzung voneinander einnimmt, bezieht er sich die Narration auf die omnipräsente Gefangenenhierarchie, die sich auf Grundlage eigener Werte und Normvorstellungen herausbildet, um schließlich eine „soziale Ordnung“ herzustellen. Jene grenzt sich von den institutionellen Vorgaben mithilfe gegensätzlicher Regeln ab. Für Rafael gleicht die Haft in der Retrospektive einer traumatisierenden Erfahrung.

Nadim (S.-146-163): „Übergang kann man in die Tonne schmeißen“ (S. 150). Dieses sehr prägnante Bild des Interviewpartners Nadim gilt stellvertretend für die Übergangserfahrungen der vier jungen Menschen, die in der Analyse hinsichtlich ihrer Hafterfahrung sowie der dabei erforderlichen Entlassungsvorbereitung in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt werden. Die unzureichenden Unterstützungsleistungen im Übergangsprozess, bspw. von Seiten der Mitarbeiter*innen im Justizvollzug, eint die ansonsten sehr heterogenen Erfahrungswerte der jungen Menschen. Alle Interviewpartner fühlen sich – wenn auch nicht durchgängig und in unterschiedlicher Intensität – an neuralgischen Punkten der Entlassungsvorbereitung allein gelassen. Dieser Umstand resultiert auch daraus, dass sich mehrere junge Menschen vollkommen unverhofft in einer unerwarteten und plötzlichen Entlassungssituation wiederfinden, in der sie weitestgehend auf sich allein gestellt bleiben.

Malik (S. 163–179): Demgegenüber stehen die Erfahrungen Maliks, der auf eine gänzlich andere Übergangserfahrung zurückblicken kann, da ihm die Chance eingeräumt wurde, seine Entlassungsvorbereitung aus dem offenen Vollzug heraus zu organisieren und somit einen sanften Übergang vom geschlossenen Vollzug hin zur eigenverantwortlichen Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu erfahren. Damit bildet er eine Ausnahme, denn die anderen Interviewteilnehmer hätten sich eine Verlegung in den offenen Vollzug für sich selbst gewünscht, die Möglichkeit blieb ihnen aber verwehrt. Neue Erfahrungen des Scheiterns im Anschluss an die Haft führen sie bspw. darauf zurück, keine überleitungsorientierte Entlassungsvorbereitung in Gestalt von Vollzugslockerungen erhalten zu haben. In der subjektiven Wahrnehmung gehen vollzugsöffnende Maßnahmen mit der Konnotation der Vollzugsbegünstigung einher und ihnen wird von Seiten der Vollzugsmitarbeiter*innen nicht den Stellenwert beigemessen, den sie eigentlich bräuchten – nämlich der einer notwendigen Komponente zur gelingenden Entlassungsvorbereitung.

Jamal (S. 179–193): Ungleich schwerer wirken die Anforderungen der Übergangsgestaltung bei zurückliegender Migrations- und Fluchterfahrung mit einhergehendem ungeklärten Aufenthaltsstatus. Neben den Ausgrenzungs- und Stigmatisierungserfahrungen sowie den erschwerten behördlichen Voraussetzungen für die Bewältigung entlassungsbedingter, existentieller Fragestellungen (bspw. fehlender Wohnraum) charakterisiert Jamals Rückschau die Bedeutung sozialer Isolation. In seinem sozialen Umfeld gibt es niemandem der verlässlich für ihn da ist und auf den er zurückgreifen kann. Obgleich einer anderen Einbettung der weiteren Interviewteilnehmer in ein soziales Gefüge, teilen auch sie die Erfahrung des unterstützenden bzw. belastenden Arbeitsbündnisses. Verlässliche Bezugspersonen, die während des Haftzeitraumes gleichbleibend und kontinuierlich zur Verfügung stehen, fungieren aus der subjektiven Perspektive heraus „als Schlüssel zu einer erfolgreichen Übergangsbewältigung“ (S. 159).

Die Autorin leitet in ihrem Resümee (S. 149 – 197) aus den biographischen Rekonstruktionen der jungen Menschen fünf zentrale und im Kontext einer (überleitungsorientierten) Entlassungsvorbereitung wichtige Erkenntnisse ab:

  1. Zielgruppe bei der Planung der Übergangsgestaltung einbinden, Verantwortung übergeben und transparentes Vorgehen ermöglichen.
  2. Sogenannte Blitzentlassungen laufen einer schrittweisen und verzahnten Entlassungsvorbereitung zuwider.
  3. Charakteristisch für die Haft sind die „institutionell organisierten Beziehungsabbrüche“ (S. 196), die nicht nur das persönliche soziale Umfeld betreffen, sondern sich auch auf die innerinstitutionelle Praxis beziehen.
  4. Der Mangel an unzureichenden Schul- sowie Ausbildungsplätzen, wie auch die begrenzten Belegungsmöglichkeiten im offenen Vollzug, verringern die Chance des Einzelnen sich zu qualifizieren und die Vorbereitung für das Leben nach der Haft ist ggf. stark eingeschränkt. Hierin sieht Wagner die Gefahr der „doppelten Bestrafung“ für die jungen Menschen.
  5. Übergangsmanagement und Entlassungsvorbereitung als zentraler Auftrag des Strafvollzuges sollte sich in der Praxis wiederfinden. 

Mithilfe der Expert*inneninterviews arbeitet die Autorin fünf für die Zusammenarbeit mit der Zielgruppe zentrale Dimensionen heraus:

Professionelle pädagogische Haltung

Die professionellen Fachkräfte legen Wert auf Ehrlichkeit, einen lebenslagenverstehenden Blickwinkel, eine unbedingte Toleranz gegenüber den Normalitätsvorstellungen anderer. Sie begreifen sich in der Zusammenarbeit mit den jungen Menschen als Unterstützer*innen auf dem Weg in die Freiheit, möchten sowohl die „Hilfe zur Selbsthilfe“ anregen als auch aus einem pädagogischen Verständnis heraus Grenzen aufzeigen.

Ressourcen, Koordination und Kooperation im Übergangsmanagement

Die Interviewteilnehmer*innen problematisieren insbesondere veränderte Strukturen, die sich aus dem subjektiven Erleben heraus gegenwärtig als ungünstig herauskristallisieren. Zudem bewerten sie die Förderbedingungen bei Projektfinanzierungen externer Träger als kritikwürdig, da diese Praxis die Beständigkeit spezifischer Angebotsformen verhindere und ihnen somit die Chance verwehrt bleibe, sich zu etablieren. Zudem sehen sie die Personalsituation im Strafvollzug und die damit einhergehenden Arbeitsbedingungen als ausschlaggebend dafür, dass viele Arbeitsprozesse zwischen intramural angesiedelten Mitarbeiter*innen mit den inhaftierten Heranwachsenden wie auch in der institutionsübergreifenden Zusammenarbeit scheitern.

Eigenverantwortung

Als besonders handlungsleitend verstehen die professionellen Fachkräfte für ihre Unterstützungsangebote die Komponente der Freiwilligkeit, auf dessen Basis sich eine tragfähige Arbeitsbeziehung herausbilden kann. Sie verstehen sich in ihrer Funktion als Übersetzer*innen, die zwischen der Zielgruppe und der Institution vermitteln. Eine zentrale Kernaufgabe sehen sie darin, die Heranwachsenden dabei zu begleiten, ein Verantwortungsgefühl zu entwickeln und sie darin zu bestärken, personenbezogene Angelegenheiten in Eigenregie zu klären. 

Bindung und Beziehung

Darüber hinaus definieren die professionellen Fachkräfte als wichtige Aufgabe, den jungen Menschen ein tragfähiges Beziehungsangebot zu unterbreiten, da jene in der subjektiven Wahrnehmung vielfach auf instabile Beziehungserfahrungen zurückblicken und ihnen das Erleben sicherer Bindung verwehrt blieb. Der Einbezug von Angehörigen aus dem familiären Umfeld in die Zusammenarbeit findet, obgleich seiner stabilisierenden Wirkung für die haftentlassenen Menschen, in der Regel nicht statt.

Bildung

Insbesondere dem Aspekt der Bildung, also dem Erwerb qualifizierender Schul- bzw. Ausbildungsabschlüssen, messen die professionellen Fachkräfte einen hohen Stellenwert im Hinblick auf die Rückfallvermeidung bei. Gleichsam arbeiten sie mit jungen Menschen zusammen, die in diesem Zusammenhang eine Reihe von Ausschlusserfahrungen sammeln konnten. Die professionellen Fachkräfte kritisieren insbesondere die mangelnde Bereitschaft von Seiten des Lehrpersonals, herausfordernde junge Menschen auszuhalten und ihnen somit Zyklen wiederholender Schulwechsel zu ersparen.

Abschließend formuliert die Autorin Empfehlungen, die in Ableitung aus dem Datenmaterial notwendig sind, um eine prozessuale Entlassungsvorbereitung im Übergangsmanagement zu verbessern:

  1. Durchgängige Entlassungsvorbereitung von Anfang an
  2. Beachtung und Einbindung des sozialen Umfeldes
  3. Einbindung von Ehrenamt und Mentoring
  4. Vermeidung von Änderungen der Zuständigkeiten
  5. Sensibilisierung für die Lebenslage Migration und Flucht
  6. Entwicklung eines Verständnisses, indem die zentrale Aufgabe des Jugendstrafvollzuges im Übergangsmanagement liegt.

Diskussion

„Übergänge hinter Gitter“ bietet einen – im Kontext gegenwärtiger Diskussionen hinsichtlich gelingender Übergangsgestaltung aus dem Strafvollzug – herausragenden Beitrag im aktuellen Diskurs. Der Autorin gelingt es auf eine sehr sensible, wenngleich auch schonungslose Art und Weise, die Erfahrungswerte junger Menschen zu betrachten. Es ist keine Arbeit, die sich über hafterfahrene Heranwachsende hinwegsetzt, sondern ein Format, in dem es gelingt, auf Grundlage eines intensiven Forschungsprozess der Zielgruppe einen Platz im „Scheinwerferlicht“ einzuräumen, ihnen Gehör zu verschaffen, ihr Erleben nicht zu werten, sondern die versucht, zu verstehen. Wagner stellt darin nicht nur den hohen Aktualitätswert Goffmans im Hinblick auf totale Institutionen heraus, sondern zeigt trotz aller positiver Initiativen (vgl. DBH 2012) auf, dass ein auf die Zielgruppe abgestimmtes, partizipatives und langfristig ausgerichtetes Übergangsmanagement nicht flächendeckend existiert und nach wie vor in den Kinderschuhen zu stecken scheint.

Gleichsam kristallisiert sie die Bedeutsamkeit vollzugsöffnender Maßnahmen – in Form des offenen Vollzuges – heraus (S. 82, 152, 162, 165, 196, 236), denen ein hoher Stellenwert nicht nur im Kontext der Rückfallvermeidung zugesprochen wird, sondern darüber hinaus dazu beitragen kann, den sogenannten „Entlassungsschock“ abzumildern, weil diese Unterbringungsform eine schrittweise Rückkehr in das gewohnte gesellschaftliche Umfeld ermöglicht. Als erweiterte Anknüpfungspunkte könnten sich in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Dünkel et al. (2018) und Prätor (2016) als hilfreich erweisen, die im Vergleich der Bundesländer auf die heterogene Nutzung vollzugsöffnender Maßnahmen hinweisen und eine stark variierende Auslastung der Plätze des offenen Vollzuges herausstellen. Insbesondere Dünkel et al. sehen bei den politischen Entscheidungsträger*innen eine hohes Maß an Verantwortung, die in ihrer Ausrichtung eine ausschöpfende Nutzung ebendieser Angebote oder deren Verwehrung mit beeinflussen (2018, S. 19). Die von Wagner angeregte Diskussion hinsichtlich des Mangels an Plätzen im offenen Vollzug ließe sich durch die Frage erweitern, wie sich Entscheidungsprozesse hinsichtlich etwaiger Vollzugslockerungen in den Bundesländern, ganz praktisch, gestalten.

Fazit

„Übergänge hinter Gitter“ ist eine aus meiner Sicht sehr empfehlenswerte Lektüre – nicht nur für Mitarbeiter*innen, die intra- bzw. extramural ihre Tätigkeit ausüben, sondern auch für Entscheidungsträger*innen, die den Strafvollzug oder ambulante Unterstützungsangebote ausgestalten. In jedem Fall können Studierende der Sozialpädagogik bzw. Sozialen Arbeit von dieser Untersuchung profitieren, denn sie bietet neben den aktuellen theoretischen Diskursen zur Thematik Übergangsmanagement tiefe Einblicke in das Vollzugserleben junger Menschen und konfrontiert dialogisch und zugleich ungeschönt mit den Unbehaglichkeiten gegenwärtiger Vollzugs- und Ausschließungspraxen, wie auch deren negativer Auswirkungen auf das Leben nach der Haft.

Literatur

DBH – Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik (2012): Übergangsmanagement für junge Menschen zwischen Strafvollzug und Nachsorge. Norderstedt: Books on Demand.

Dünkel, F., Pruin, I. R., Beresnatzki, P. & Treig, J. (2018). Vollzugsöffnende Maßnahmen und Entlassungsvorbereitung – Gesetzgebung und Praxis in den Bundesländern. Neue Kriminalpolitik Forum für Kriminalwissenschaften, Recht und Praxis 30(1), 3–32.

Prätor. S. (2016). Anspruch und Wirklichkeit. Zur Auslastung des offenen Vollzuges in Deutschland. Forum Kriminalprävention, 16(4), 3–7.


Rezension von
Sarah Blume
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, TU Dresden - Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften
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Zitiervorschlag
Sarah Blume. Rezension vom 28.04.2020 zu: Uta Wagner: Übergänge hinter Gittern. Übergangserfahrungen junger Menschen von Haft in Freiheit im Spiegel institutioneller Bedingungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6108-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26080.php, Datum des Zugriffs 01.06.2020.


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