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Mirko Zwack: Scheitern

Cover Mirko Zwack: Scheitern – oder: Mit sich selbst neu anfangen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. 80 Seiten. ISBN 978-3-525-40682-3. D: 12,00 EUR, A: 13,00 EUR.

Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten.
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Thema

Der Autor befasst sich in seinem Buch mit existentiellen Erlebnissen des Scheiterns, die für die betroffenen Personen eine tiefe Erschütterung bedeuten und nach der nichts mehr so zu sein scheint wie zuvor.

Autor

Dr. Mirko Zwack ist psychologischer Psychotherapeut, Coach und Berater. Er ist in eigener Praxis in Kempten (Allgäu) tätig und Dozent am Helm-Stierlin-Institut für Systemische Beratung und Therapie in Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien im Rahmen der Reihe „Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten“. Die Reihe befasst sich mit menschlichen Lebensthemen und bietet kompakt, auf unter 100 Buchseiten, kontextspezifisches Wissen, methodische Werkzeuge und konkrete Fallbeispiele. Die Bücher dieser Reihe richten sich an systemische Berater*innen, können aber auch für Betroffene hilfreich sein.

Aufbau

Das Buch beinhaltet zwei Schwerpunkte. Einerseits wird der Frage nachgegangen, was mit Scheitern gemeint ist, dem Zusammenhang zwischen Identität und der Erfahrung des Scheiterns und den Auswirkungen dieser Erfahrung. Andererseits wendet sich der Autor der Frage nach dem Erfolg zu und unterscheidet nutzenorientierten, ästhetischen und ethischen Erfolg.

Inhalt

In der Einleitung stellt Mirko Zwack dar, welch schwierige Erfahrung die des Scheiterns für Menschen ist. Sein Buch diene dazu, Beratenden Ideen und Anregungen für die Arbeit mit Menschen zu geben, die eben jene Erfahrung gemacht haben.

Auf die Einleitung folgt der erste Hauptteil, der sich dem Thema Scheitern widmet.

Hier wendet sich der Autor im ersten Unterkapitel der Frage, „Was kann mit Scheitern gemeint sein?“ (S. 20) zu. Zunächst stellt er die Unterscheidung der fünf Stufen des Lernens von Gregory Bateson dar. Ausgehend von der Abfolge von Reiz und Reaktion, also z.B. die Schulglocke klingelt und die Schüler*innen gehen nach Hause, über Konditionierung und das Erlernen von Kontextmarkierungen zeigt dieses Modell auf, wie auch Verhaltensmodifikationen vom Individuum erlernt werden. Plastisch werden diese theoretischen Ausführungen an einem Beispiel: Eine Klientin hat schon früh gelernt, dass sie stark sein muss, diese Haltung führt dazu, dass sie in Beziehungen zu viel erträgt, schließlich zusammenbricht und sich als gescheitert erlebt. Der Autor führt aus, dass es sich hier um eine Unfähigkeit zum Musterwechsel handle, wenn das bisherige „Erfolgsmuster“ nicht mehr greife und hierdurch Selbstverständnis und Selbstbild ins Wanken geraten. Der Autor schlägt als hilfreiche Methode die Zeitlinienarbeit zur Identifikation von (Über-)Lebensregeln vor. Hierbei werden emotionale Schlüsselerlebnisse identifiziert und von diesen ausgehend mögliche (Über-)Lebensregeln beschrieben. Diese werden in einem weiteren Schritt reflektiert und Modifikationen werden überlegt. Eine andere Methode nimmt stärker die Geduld mit sich selbst, sich selbst Zeit geben, in den Blick. Über mentale Veränderungsmodelle in Form von Stufenmodellen, einer Kugel, die über einen Berg geschoben wird oder eines Zickzack-Kurses wird der*die Klient*in ermutigt, auch Krisen und Rückschläge als Teil des Weges zu sehen.

In einem zweiten Unterkapitel widmet sich Mirko Zwack der Frage, „Wer scheitert eigentlich, wenn er scheitert?“ (S. 29). Der Autor führt aus, dass diese Frage auf die Identität abzielt und führt als Beispiel Herrn U an, der nach einer OP nicht sofort wieder leistungsfähig ist und hierüber zusammenbricht, da er sich als Winner-Typ sieht. Hier gilt es einerseits, den Identitätsverlust besser zu verstehen lernen, andererseits den „Preis der Nicht-Veränderung gegenüberzustellen“ (S. 32). Identität ist aber auch etwas, was narrativ entsteht. Mirko Zwack stellt darum eine Methode der narrativen Therapie von Michael White vor, bei der die Gegenwart und Vergangenheit hinsichtlich Handlungen befragt werden, die identitätskonstituierende Wirkung haben. Als Beispiel wird hier ein Mann vorgestellt, für den ein wichtiges Lebensereignis war, wie er seinen Geschwistern Fahrradfahren beigebracht hat. Anhand dieses Ereignisses wird mit ihm erarbeitet, dass sich dahinter das Thema „anderen mit Wenig zu mehr Freiheit helfen“ (S. 35) verbirgt und im folgenden kann mit dem Mann geprüft werden, wie diese identitätsstiftende Grundhaltung bei aktuellen Entscheidungen miteinfließen kann. Als weitere Methode schlägt Mirko Zwack das Entwickeln von attraktiven Zukunftsbildern und das Rückkoppeln mit somatischen Markern vor.

Das dritte Unterkapitel ist mit „Scheitern als Scheitern des Selbst“ (S. 41) überschrieben. Mirko Zwack beschreibt, dass jedes Scheitern ein doppeltes sei, nämlich das Scheitern vor sich selbst und oft auch das Scheitern vor anderen. Darauf aufbauend stellt er dar, dass das Eingestehen des Scheiterns eine Form der Selbstkonfrontation sei. Um dies in der Arbeit mit Klient*innen aufzugreifen schlägt der Autor die Methode der Gefühllandkarte vor, mit der Gefühle wie z.B. Peinlichkeit, Scham oder Schuld exploriert werden können anhand von Fragen wie „Was ist das Schlimmste, was die anderen von Ihnen denken könnten?“ oder „Welche alternativen Bewertungen fallen Ihnen ein?“ (S. 45) Auch das Vorstellen des Selbstwertzirkels (Selbstannahme → Selbstbestimmtes Handeln → Selbstwirksamkeit → Selbstwert) führt der Autor als Methode an. Ebenso erörtert er, dass persönliche Verführbarkeiten ihren Anteil am Scheitern haben, als Beispiel präsentiert er den Fall eines Vorgesetzten, der seinen Beschäftigten schlecht behandelt, aber der Beschäftigte wehrt sich nicht. Hier gälte es zu hinterfragen, warum keine Handlung erfolgt. Gründe könnten sowohl eine narzisstische Kränkung als auch Selbstzweifel oder anderes sein. Um die Dimension des Scheiterns vor anderen erfassen zu können, stellt Mirko Zwack die Methode „Auftragskarussell“ vor. Hierbei werden zunächst tatsächliche oder vermeintliche Auftraggeber*innen in einer konkreten Situation gesammelt. In berufsbezogenen Fragen können dies beispielsweise der*die Chef*in und die Kolleg*innen, aber auch das Netzwerk sein. Jede*r Auftraggeber*in wird mit einem Stuhl symbolisiert. In einem nächsten Schritt wird das Karussell zum Sprechen gebracht, indem Sätze der Auftraggeber*innen ausgesprochen werden. Der*die Klient*in erhält nun die Möglichkeit, die Aufträge anzunehmen, nachzuverhandeln oder sie abzulehnen. Eine weitere Methode, die Mirko Zwack vorstellt, sind die Zwei-Stuhl-Dialoge aus der Emotionsfokussierten Therapie (EFT).

„Unumkehrbarkeit“ ist die Überschrift des vierten Unterkapitels. Hier geht es vor allem um Ereignisse, die nicht mehr gutzumachen sind und die Frage nach der Schuld in sich tragen. Zum Beispiel, wenn es aufgrund von Alkohol am Steuer zu einem tödlichen Unfall kam. In Situationen, in denen andernfalls Ohnmacht erlebt werden würde, können Schuldgefühle dazu beitragen, „ein Gefühl der grundsätzlichen Kontrollmöglichkeit zu bewahren“ (S. 69). Hier kann helfen, im Rahmen einer Stühlearbeit die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Im Falle der Unumkehrbarkeit handelt es sich nicht mehr um ein Problem, sondern um eine Restriktion, die im Gegensatz zum Problem nicht lösbar ist. Dann gilt es Fragen nachzugehen wie die der Art des Umgangs mit der Schuld oder was es braucht, um sich selbst verzeihen zu können.

Im zweiten Hauptteil befasst sich Mirko Zwack mit der „Volkskrankheit: Erfolgsabhängigkeit“. Entlang der Kriterien für Abhängigkeitssyndrome nach Dilling und Freyberger 2016, lädt er die Leser*innen ein, zu prüfen, ob sie „erfolgsabhängig“ ist. In einem zweiten Schritt unterscheidet der Autor nutzenorientierten, ästhetischen und ethischen Erfolg hinsichtlich ihrer Auswirkungen. In Bezug auf den nutzenorientierten Erfolg führt Mirko Zwack die Begriffe achievement und performance ein. Achievement bezeichnet die Zielerreichung, z.B. den Abschluss eines Vertrages, performance die Darbietung, das Sich-Verkaufen. Mirko Zwack führt aus, dass nutzenorientierter Erfolg zwar grundlegendes „Mittel zur Partizipation in unserer Gesellschaft“ sei, aber nicht „einzige Nährstoffe des Selbstwerts“ sein sollten (S. 78). Unter ästhetischem Erfolg versteht der Autor „ein stimmiges Verhalten zwischen eigenem Vermögen und anliegender Herausforderung“ (S. 78). Ethischen Erfolg definiert er als Eintreten „für Werte, die sich im Moment der Handlung selbst verwirklichten“ (S. 79). Er illustriert dies am Beispiel einer Jugendamtmitarbeiterin, der es hilft, das Erfolgserleben auf den Beziehungsaufbau zu einer drogenabhängigen Klientin zu legen und nicht darauf, dass die Klientin clean wird. Als konkrete Methoden in der Arbeit mit Klient*innen schlägt Mirko Zwack vor, mit Klient*innen anhand von Fragen zu Erfolgsquellen ein „Erfolgsquellenportfolio“ zu erstellen.

Das Buch endet mit einem kurzen Schlusswort, in dem der Autor auf Gedanken des Philosophen Karl Jaspers zu Grenzsituationen verweist.

Diskussion

Es ist beachtlich, wie es dem Autor gelingt, auf nur 88 Seiten nicht nur fundierte theoretische Grundlagen darzustellen, sondern darüber hinaus konkretes Handwerkszeug anzubieten. Besonders bereichernd fand ich die Schaubilder und dass die methodischen Werkzeuge inklusive konkrete, an die Klient*innen gerichtete Fragen kompakt in grau hinterlegten Kästen vorgestellt werden. Dies erhöht die Übersichtlichkeit und gute Lesbarkeit des Buches und so ist es dem*der Praktiker*in möglich, Methoden und Fragen schnell wiederzufinden und in Beratungsgesprächen anzuwenden.

Fazit

Mirko Zwack gelingt es, anspruchsvolle theoretische Grundlagen wie die von Gregory Bateson über das Lernen und jene von Niklas Luhmann, Peter Fuchs und Werner Vogt zum Themenkomplex Identität verständlich darzustellen. Unter zur Hilfenahme von gut nachvollziehbaren Fallbeispielen stellt er verschiedene Methoden vor, wie z.B. das narrative Interviewen und Externalisieren, die Zeitlinienarbeit, die narrative Befragung im Sinne von Michael White und die „Zwei-Stuhl-Dialoge“ aus der Emotionsfokussierten Therapie. Das Buch zeichnet sich durch seine Zukunftsgewandtheit aus; so sollen die Klient*innen ermutigt werden, nicht bei der Erfahrung des Scheiterns stehen zu bleiben, sondern für sich zu erkennen, was zukünftig gut und wichtig ist. Im zweiten Teil diskutiert der Autor die „Volkskrankheit Erfolgsabhängigkeit“ und zeigt in wohltuender Weise auf, wie ästhetischer und ethischer Erfolg Gegenmittel zur ausschließlichen Konzentration auf den nutzenorientierten Erfolg darstellen. 


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig in der stationären Behindertenhilfe
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Zitiervorschlag
Franziska Günauer. Rezension vom 01.04.2020 zu: Mirko Zwack: Scheitern – oder: Mit sich selbst neu anfangen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-525-40682-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26083.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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