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Lisa Pokorny: Emotionale Empfindungen bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung

Cover Lisa Pokorny: Emotionale Empfindungen bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. 96 Seiten. ISBN 978-3-7455-1071-3. 24,00 EUR.
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Thema

In unserem alltäglichen Leben spielen Emotionen eine bedeutsame Rolle z.B. in sozialen Interaktionen, in der Kommunikation sowie in der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Es ist bekannt, dass Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, in Bezug auf emotionale Empfindungen und Ausdrucksformen beeinträchtigt sind. Eine Annäherung an dieses komplexe Thema gelingt der Autorin, insbesondere zu den Aspekten der Häufigkeit zentraler Emotionen und deren Intensität. Sie nutzt dabei verschiedene Blickwinkel wie eine Literaturrecherche, ein Interview mit Axel Brauns und einer eigens durchgeführten Online-Befragung. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse ergeben zusammengenommen wichtige Grundlagen z.B. für das Zusammenleben und auch für die therapeutische Arbeit mit Menschen aus dem Autismus Spektrum.

Autorin

Lisa Pokorny hat einen Masterabschluss in „Clinical Casework“. Seit mehr als 10 Jahren (seitdem sie 16 ist) arbeitet sie mit autistischen Kindern und Jugendlichen verschiedener Alters- und Geschlechtergruppen. Heute bietet sie neben ihrer Tätigkeit als Koordinatorin Fortbildungen zu verschiedenen Themeninhalten des Autismus Spektrum an.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A 5 Softcoverformat erschienen und hat einen Umfang von fast 100 Seiten. Diese gliedern sich in 16 Kapitel plus Anhängen. An den oberen Seitenrändern findet sich jeweils die Überschrift. Die Seiten sind eng beschrieben, Kapitelüberschriften und Zwischenüberschriften lockern auf, dazu gibt es 18 Abbildungen.

  1. Einleitung
  2. Definition Autismus-Spektrum-Störung
  3. Ursachenforschung Autismus-Spektrum-Störung
  4. Emotionspsychologie/​-physiologie
  5. Gefühle
  6. Emotionen
  7. Emotionen aus Sicht von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung
  8. Gedicht über das Innenleben eines Betroffenen
  9. Auswertung Interview Axel Brauns
  10. Forschungsfragestellung
  11. Empirische Untersuchung
  12. Ergebnisse – Emotionale Empfindungen
  13. Ergebnisse – Intensität von Emotionen
  14. Definitionsversuch „Liebe“ NT
  15. Interventionsmöglichkeiten
  16. Fazit und Ausblick

Nach der Einleitung folgt die Definition „Autismus-Spektrum-Störung“ (Kapitel 1 und 2). Beschrieben wird neben dem sog. Asperger Syndrom und dem sog. Atypischen Autismus auch der sog. Frühkindliche Autismus mit den Merkmalen qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation, Rituale, sensorische, körperliche und komorbide Störungen.

Die Erforschung der Ursachen der Autismus-Spektrum-Störung steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels. Pokorny beruft sich auf Kenntnisse von Michaela Hartl und wenigen anderen Autoren. Neben der Ätiologie von Autismus wird das Thema der Spiegelneuronen in Verbindung mit der sog. „Salience-Landscape-Theorie“ beschrieben. Der Mandelkern (die Amygdala) filtert und erstellt eine Art Wichtigkeitslandschaft emotionaler Bedeutungen. Forschende gehen davon aus, dass bei Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, eine Unschärfe vorliegen könnte, in deren Folge es extreme emotionale Reaktionen gibt. Es wird vermutet, dass diese durch eine Schläfenlappenepilepsie in der frühen Kindheit begründet ist.

Das vierte Kapitel hat die Emotionspsychologie bzw. die Emotionsphysiologie zum Gegenstand. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Charakteristika von Emotionen, Komponenten von Emotionen, Emotionen und dem peripheren Nervensystem sowie auf Emotionen und dem zentralen Nervensystem gelegt.

Die Unterscheidung von „Gefühl“ und „Emotionen“ wird in den Kapiteln 5 und 6 besprochen. Mittels eines Klassifikationsschemas werden Emotionen anhand von drei „Hauptklassen“ eingeordnet:

  • Hauptklasse 1: ereignisbezogene Emotionen
  • Hauptklasse 2: handlungsbezogene Emotionen
  • Hauptklasse 3: Beziehungsemotionen

Konkret werden der Hauptklasse 1, also den ereignisbezogenen Emotionen sog. Wohlergehens-Emotionen, Erwartungs-Emotionen und Empathie-Emotionen zugeordnet. In der Hauptklasse 2, also den handlungsbezogenen Emotionen werden Emotionen anhand von Normen und Standards bewertet. Die Hauptklasse 3 (Beziehungsemotionen) beinhaltet die Bewertung von Personen und Objekten sowie ihren Eigenschaften, Merkmalen und Fähigkeiten. Ein Kriterium für diese Bewertung stellen die subjektiven Werte der Person sowie Vorlieben und Abneigungen dar.

Des Weiteren werden die Basisemotionen betrachtet. Der Mensch hat angeboren eine begrenzte Anzahl von Basisemotionen. Basisemotionen gehen mit einem bestimmten Verhalten und einer Funktion einher. Einzelne Autoren wie z.B. Ekman legen sich auf eine bestimmte Anzahl dieser Basisinformationen fest, allgemein ist die Wissenschaft über Anzahl und Kriterien aber nicht einig.

Gegenstand des siebten Kapitels sind Emotionen aus Sicht von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, wurden befragt, was das Wort „Emotionen“ an sich für sie bedeutet und welche Emotionen Personen am häufigsten empfinden. Die Autorin zitiert einige O-Töne (S. 28–32).

Das achte Kapitel ist ein Gedicht über das Innenleben eines Betroffenen, dieses wird anhand geltender Standards von einer Referendarin (Grundschule) analysiert. Dieses Kapitel endet mit folgendem Fazit: Im Autismus Spektrum gibt es viele Besonderheiten im Umgang mit Emotionen und deren Einflüssen im Alltag.

Daran schließt sich in Kapitel 9 ein Interview mit dem Autisten Axel Brauns an. Bekannt wurde er als Autor des Buches „Buntschatten und Fledermäuse“. Pokorny fasst das Interview aus ihrer Sicht zusammen und ergänzt ihre Aussagen durch Statements von Brauns. Zum Beispiel weiß Brauns heute, dass er als kleiner Junge durchaus Gefühle hatte, aber nicht wusste, wie er sie zeigen sollte. Mittlerweile erkennt er Gefühle bei seiner Mutter gut. Ihm ist bewusst, dass es für ein Gegenüber schwer ist, Gefühle von ihm zu erkennen. Das erklärt er am Beispiel „Stresserleben“.

Der bisherige Inhalt und der Abgleich mit der Forschung zeigt, dass es noch viel zu tun gibt. In der Wissenschaft herrscht keine Einigkeit über die Definition von Emotionen (S. 43). Erschwerend kommt für Menschen aus dem autistischen Spektrum hinzu, dass Menschen ohne Autismus viele Gefühle und Regeln beherrschen, aber nicht in der Lage sind, diese in Gänze zu verbalisieren und zu erklären. Aus diesem Umstand leitet Pokorny ihre Forschungsfragestellung ab, die sie mittels einer Querschnittsstudie empirisch untersucht (Kapitel 10 - 13). Als Untersuchungsinstrument nutzt sie eine schriftlich strukturierte Online-Befragung mit einem teilstandardisierten Fragebogen. Die Autorin hat diese schriftliche Form mit Bedacht gewählt: mit dieser Methode lassen sich Inhalte klar strukturieren und die Gefahr, dass die befragte Person durch die Interviewer-Person beeinflusst wird, ist verhindert. Der Fragebogen wurde in Selbsthilfeforen verbreitet. Die Stichprobe setzte sich aus 93 Personen zusammen. 47 Personen (ohne Autismus, sog. Neurotypische) und 46 Personen aus dem autistischen Spektrum. Das Vorgehen sowie Ergebnisse finden sich auf den Seiten 47–54. Die Auswertung ergibt eine hohe Intensität von Emotionen bei Menschen mit Autismus.

Im Kapitel 14 wagt die Autorin im Anschluss an die Untersuchungsergebnisse einen Definitionsversuch, was Liebe für einen neurotypischen Menschen (NT) bedeutet, denn auch für Menschen, die nicht unter den Bedingungen von Autismus leben, stellt diese Definition eine große Herausforderung dar. Ziel dieser Definitionssammlung war, herauszufinden, ob es NTs gelingen kann, Menschen aus dem Autismus Spektrum die Liebe zu erklären. Vorgestellt werden fünf Definitionsversuche und es wird sehr deutlich, wie schwer es ist, zu erklären, was der Begriff Liebe meint. Dieses Beispiel zeigt sehr anschaulich, dass es nicht verwunderlich ist, warum es so schwer ist, Menschen aus dem Spektrum Gefühle zu erklären.

Pokorny weist im Anschluss an das 14. Kapitel auf zwei Interventionsmöglichkeiten (Kapitel 15) hin. Im Mittelpunkt steht eine Autismus spezifische Verhaltenstherapie namens „MIA“ (Münsteraner Intensivprogramm für Kinder unter der Regie von Prof. Hanns Rüdiger Röttgers). Als zweite Interventionsmöglichkeit stellt die Autorin ein Emotionsspiel vor, welches sie beim Schreiben dieser Masterarbeit selbst entwickelt und hergestellt hat (am Ende des Buches findet man einen Hinweis, wo das Spiel gekauft werden kann). Voraussetzung für das Spiel ist die Möglichkeit, verbal zu kommunizieren. Ziel des Spiels ist, Emotionen situativ einzuordnen und passende Emotionen auszuwählen. Erste Erprobungen haben ergeben, dass das Spiel für die Praxis geeignet ist.

Neben einem Fazit und Ausblick endet das Buch mit einem Literaturverzeichnis, einem Abbildungsverzeichnis, einem Abkürzungsverzeichnis sowie Internet- und sonstige Quellenangaben. Der Anhang enthält das Interview mit Axel Brauns sowie ein Lernprogramm, mit dessen Hilfe sich Emotionen erkennen/​benennen und interpretieren lassen. Dort findet man zudem das von der Autorin entwickelte Emotionsspiel sowie zwei Fragenkataloge. Fragenkatalog 1: „Emotionen – Häufigkeit im Alltag“ und Fragenkatalog 2: „Intensität von Emotionen“.

Diskussion

Die Autorin Lisa Pokorny gibt einen kompakten Überblick über ein komplexes Thema. Bemerkenswert ist, dass das Buch nur einen Umfang von 100 Seiten hat, sich aber dennoch in 16 Kapitel gliedert, sodass die dargestellten komplexen Inhalte sich gut aufteilen. Neben der Beschreibung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Ergebnissen ihrer empirischen Untersuchung mittels einer Online-Befragung lässt Pokorny auch Menschen aus dem autistischen Spektrum zu Wort kommen.

Zum Beispiel Axel Brauns aus Hamburg. Bekannt wurde er durch sein Buch „Buntschatten und Fledermäuse“. Menschen, die nicht unter den Bedingungen von Autismus leben, bezeichnet er im Buch als „Buntschatten“, Menschen aus dem autistischen Spektrum sind wie er „Fledermäuse“, wissenschaftliche Begrifflichkeit unterscheidet hier neurotypische Menschen (Buntschatten) und autistische Menschen (Fledermäuse). Das Buch von Pokorny endet mit den Aussagen eines 14-jährigen Asperger-Autisten, der die wichtigsten Inhalte des Buches auf seine Art zusammenfasst.

Das Buch zeigt einerseits sehr gut auf, wie komplex das Thema Emotionen ist und gleichzeitig gibt es anschauliche Hinweise im Umgang. Pokorny ließ es aber nicht nur bei der Beschreibung des Sachverhaltes, im Laufe ihrer Forschungsarbeit entwickelte sie ein praxistaugliches Spiel, das das Lernen eines Umgangs mit Emotionen unterstützt. Deutlich wird, dass es einige Fähigkeiten braucht, um mit Gefühlen umzugehen: 1) die Fähigkeit, diese einzuordnen und sich zwischen den Kategorien „positiv/​negativ“ und „nicht einzuordnen/​neutral“ zu entscheiden und 2).Emotionen bestimmten Situationen zuzuordnen und die passende Emotion für eine Situation zu erkennen und zu benennen (S. 62). Das von ihr entwickelte Spiel eröffnet die Möglichkeit, Erlerntes aus der Therapie auch im Alltag anwenden zu können, es bietet zudem Möglichkeiten der positiven Verstärkung in einem Rahmen, der Spaß macht.

Fazit

Im Alltag spielen Emotionen eine bedeutsame Rolle z.B. in sozialen Interaktionen, in der Kommunikation sowie in der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Es ist bekannt, dass Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, in Bezug auf emotionale Empfindungen und Ausdrucksformen beeinträchtigt sind. Eine Annäherung an dieses komplexe Thema insbesondere zu den Aspekten der Häufigkeit zentraler Emotionen und deren Intensität gelingt der Autorin, indem sie sich aus verschiedenen Blickwinkeln (Literaturrecherche, einem Interview mit Axel Brauns und den Ergebnisse einer Online-Befragung) nähert. Diese Erkenntnisse ergeben wichtige Grundlagen für das Zusammenleben und auch für die therapeutische Arbeit mit Menschen aus dem Autismus Spektrum.

Grundlage des Buches ist eine wissenschaftliche Ausarbeitung. Bemerkenswert ist, wie die Autorin Theorie mit Praxis verbindet, wissenschaftliche Erkenntnisse werden durch O-Töne aus der Lebenswelt einzelner Protagonisten aus dem Autismus Spektrum ergänzt. Empfehlenswert für alle, die sich von der Wissenschaft kommend, intensiver mit dem Thema Emotionen, Häufigkeit und Intensität beschäftigen wollen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 13.11.2019 zu: Lisa Pokorny: Emotionale Empfindungen bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. ISBN 978-3-7455-1071-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26094.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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