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Steffen Mau: Lütten Klein

Cover Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 284 Seiten. ISBN 978-3-518-42894-8. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Wie haben die Menschen in den neuen Bundesländern die mit dem Untergang der DDR verbundene gesellschaftliche Transformation verarbeitet, die das Arbeitsleben, die Lebensentwürfe, die Sozialkontakte im Alltag – kurz alles veränderte? Das ist das Thema der soziologischen Studie.

Autor

Steffen Mau hat eine Professur für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat, Jahrgang 1968, selbst eine DDR-Sozialisation erfahren, was für die methodische Herangehensweise wichtig ist. Es sei vorweg betont, dass er bemüht ist, stets in der Rolle als Sozialwissenschaftler Distanz zu seinem Gegenstand zu wahren.

Entstehungshintergrund

Lütten Klein ist ein Stadtteil von Rostock, als „Plattenbausiedlung“ in den 1960er und 70er Jahren errichtet. Der Autor ist dort aufgewachsen, hat den persönlichen Zugang zur dortigen Lebenswelt genutzt und über 30 Interviews durchgeführt. Es handelt sich jedoch nicht um eine qualitative Untersuchung nach üblichem Muster.

Inhalt und Aufbau

Die zweigeteilte Darstellung gibt im ersten Teil einen Einblick in das Leben in der DDR und schildert im zweiten Teil die Transformationen, die den ehemaligen DDR-Bürger*innen im Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft zugemutet wurden. Erst nachdem im ersten Teil verständlich gemacht worden ist, welchen Habitus das Leben in der DDR begünstigt hat, werden die späteren Zumutungen nachvollziehbar.

Intention des Autors ist „eine nüchterne Bestandsaufnahme, die uns helfen soll zu verstehen, dass wir es nicht mit Übergangsphänomenen oder damit zu tun haben, dass der Osten einfach nur anders ‚tickt‘“ (16). Mau setzt sich dabei mit modernisierungstheoretischen Interpretationen des Übergangs auseinander und stellt ihnen „die These struktureller Brüche“ gegenüber (14). Den „Freiheitsgewinnen“ (12) stehen nach Mau „Deklassierungs- und Entmündigungserfahrungen“(15) gegenüber.

Im ersten Teil wird in sechs Kapiteln ein möglichst konkretes Bild vom Alltag in der DDR gezeichnet, wobei sich der Autor auf wissenschaftliche Studien, Statements von Gesprächspartner*innen und eigene Lebenserinnerungen stützt, zu deren Bestätigung oft Statistiken herangezogen werden.

Ein erstes Thema ist die soziale Schichtung mit dem besonderen Status der Arbeiterklasse bei klassenlosen Nachbarschaften in großen Wohneinheiten. Geprüft wird die Funktion des Bildungssystems für die soziale Mobilität. Unter anderem betont Mau die Blockade der Aufwärtsmobilität in der Spätphase der DDR. Er charakterisiert die DDR-Gesellschaft als „proletarische Kleinbürgergesellschaft“ (65, in Anführungszeichen gesetzt), in der die Familie als privater Rückzugsraum hoch bedeutsam war. Weitere Themen sind Rolle und Rechte der Frauen, ihre Einbindung in den Arbeitsmarkt und ihre politische Repräsentation, Sexualnormen, der Stellenwert des Kollektivs, besonders im Schulalltag, Disziplinierungspraktiken und der Umgang damit. Das Kapitel „Einschluss nach innen, Abschottung nach außen“ behandelt das Identitätskonzept der DDR und den Umgang mit den ausländischen Vertragsarbeitern. Im letzten Kapitel werden jugendkulturelle Milieus und Phänomene der Klientel- und Tauschwirtschaft geschildert. Die Gesellschaft erscheint weit widersprüchlicher, als es dem Klischee entspräche. Die DDR als „totalitäres Regime“ zu charakterisieren hält Mau für unzutreffend (101). Besser werde sie im Hinblick auf die allseitige Einbindung in politische Organisationen mit ihrem Reglement als „Organisationsgesellschaft“ bezeichnet (104).

Die Beschreibung der Transformationen und „Frakturen“ im zweiten Teil beginnt mit dem Zerfall der DDR und der letzten, stark von westdeutschen Parteien beeinflussten Volkskammerwahl. Wirtschaftliche Talfahrt und kulturelle Desorientierung leiteten eine gesellschaftliche Destabilisierung ein (125). Der Vollzug der Vereinigung „im Schnelldurchgang“ (133) habe zum „Gefühl des Überrollt-Werdens“ geführt (136). In allen Bereichen habe die westliche Ordnung als „Blaupause“ gedient (134). Anstatt die Bürger*innen bei der Schaffung der neuen erweiterten Bundesrepublik partizipatorisch einzubinden, „strapazierte man… die Bande nationaler Einheit“ (147). Extrem schockierend für die Erwerbstätigen waren die Folgen der De-industrialisierung. 40 Prozent wurden mindestens ein Mal arbeitslos (153). Fast alle mussten einen beruflichen Abstieg in Kauf nehmen. Bilder aus dem heutigen Lütten Klein illustrieren die Folgen der wirtschaftlichen „Restrukturierung“. Neben den Verlierern registriert Mau durchaus auch Gewinner. Aber für viele wurde das Leben zu einem „fortwährenden Überlebenskampf“ (159). Dazu kam die bis heute wirksame Übernahme der Führungspositionen durch Westdeutsche – eine kaum vorstellbare soziale „Überschichtung“, auch hinsichtlich Einkommen und Vermögen (166 ff.). Eine Reaktion darauf war demographischer Art (Abwanderung etc., 186 ff.), eine andere mentaler Art: Gefühle der Entwertung als Bürger zweiter Klasse, Misstrauen, Verteidigungshaltung, Abwehr von Ausländern (200 ff.). Nach dem Versuch, die „Verwilderung des sozialen Konflikts“ unter dem Einfluss rechter Gruppierungen zu erklären, gibt Mau mit einem „Hausbesuch“ im Plattenbau seiner Kindheit noch einen Einblick in heutige soziale Milieus, bevor er eine Schlussbilanz zieht.

Diskussion

Die Darstellung ist von der Absicht geleitet, heutige Mentalitäten, auch politische Tendenzen zu verstehen, was für Westdeutsche, auch für den Rezensenten, keineswegs selbstverständlich ist. Nach den beschönigenden medialen Botschaften über die „Wiedervereinigung“ ist das eine große Verständnishilfe. Die Intention des Autors mag dazu führen, dass Zustände partiell überzeichnet werden. Dem Vorteil der Authentizität durch die Herkunft steht außerdem eine Fokussierung auf das städtische Milieu gegenüber. Das ländliche Milieu in der ehemaligen DDR (LPG) wie im heutigen Ostdeutschland bleibt ausgeblendet. Das beeinträchtigt jedoch nicht die Überzeugungskraft der empirisch gestützten Gesamtschilderung, zumal die Situation auf dem Land eher bedrückender sein soll. Vom Verdacht einer Dramatisierung des Umbruchs sprechen den Verfasser nicht nur die Zahlen frei. Er ist unübersehbar um einen wissenschaftlichen Beobachterstandpunkt bemüht. Sein ost-westlicher Werdegang bewahrt ihn vor der Identifikation mit seinen Forschungsobjekten, verhilft aber zur Empathie.

Fazit

In den Medien wird inzwischen diskutiert, ob man damals 1989 ff. in der allgemeinen Marktgläubigkeit nicht etwas falsch gemacht hat. Politiker*innen könnten in dieser Hinsicht aus dem Buch Gewinn ziehen. Allen politisch Aktiven, in Sozialdiensten oder im Bereich Bildung und Erziehung Tätigen möchte der Rezensent die Lektüre dringend nahelegen. Dass für die Sozialwissenschaften die Interpretation jenes historisch einmaligen Feldexperiments von Interesse ist, bedarf keiner Begründung


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 18.09.2019 zu: Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-42894-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26096.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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