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Peer Briken (Hrsg.): Perspektiven der Sexualforschung

Cover Peer Briken (Hrsg.): Perspektiven der Sexualforschung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 550 Seiten. ISBN 978-3-8379-2918-8. D: 54,90 EUR, A: 56,50 EUR.

Reihe: Beiträge zur Sexualforschung - Band 108.
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Thema

Das „Institut für Sexualforschung“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf wurde 1959 gegründet. Zu diesem Jubiläum gab der jetzige Direktor des Instituts den vorliegenden Würdigungsband heraus, der Rückblicke und Bestandsaufnahmen sowie Ausblicke ehemaliger und aktueller Mitarbeiter*innen versammelt.

Autor und Herausgeber

Der Herausgeber Peer Briken ist Sexualwissenschaftler und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie. Seit 2010 bekleidet er eine Professur für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er ist Leiter des dort ansässigen „Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie“.

Aufbau

Die 38 Beiträge des Sammelbandes, zu denen noch zwei Geleitworte und ein Vorwort kommen, sind historisch chronologisch den Entwicklungsschritten des Instituts folgend angeordnet. Der Band gliedert sich in die vier Kapitel: Aufbau, Vertiefung, Kontinuität und Ausblick.

Inhalt

Das Hamburger „Institut für Sexualforschung“ ist die älteste sexualwissenschaftliche Instanz im Nachkriegsdeutschland und war, neben dem „Institut für Sexualwissenschaft“ am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, das im Jahr 2006 leider geschlossen wurde, zentraler Impulsgeber für die westdeutsche Sexualwissenschaft und Sexualpolitik und im wiedervereinigten Deutschland. In der Geschichte des Hamburger Instituts spiegeln sich die sexualpolitischen Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland, an denen es zugleich beteiligt war.

Die im Band versammelten Beiträge der ersten drei Kapitel vollziehen die Geschichte nach. Sie eröffnen fundierte Einblicke in das Institutsgeschehen, reflektieren sachlich, zuweilen verbunden mit einer persönlichen Note, sodass plastisch wird, wie „verschlungen“ Entwicklungswege sind. Psychiatrischer und psychotherapeutischer Profession entsprechend wird dabei deutlich, dass es sich bei Sexualwissenschaft um eine intervenierende Wissenschaft handelt, deren theoretische Analysen und Überzeugungen direkte Auswirkungen auf Klient*innen haben.

Die Beiträge reflektieren dies – entsprechend bedeutsam, auch im Hinblick auf ganz persönliche Biografien von Klient*innen, erscheinen die im Band nachvollzogenen Entwicklungsschritte des Instituts. Ausgehend von den Darstellungen rings um die Gründung des Instituts und bei ausführlicher und kritischer Würdigung der Nazi-Vergangenheit der zentralen Akteure in der Anfangszeit – Hans Giese und Hans Bürger-Prinz – werden die Veränderungen durch die Jahrzehnte beschrieben. Dabei wird auch die Reichweite des Hamburger Instituts ersichtlich: Eberhard Schorsch, Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch, wobei letzterer später das Frankfurter Institut leitete, waren zunächst Schüler bzw. Assistenten am Hamburger Institut – und konnten sich im Weiteren mit reflektiert-kritischen Auseinandersetzungen profilieren. Wer sich heute mit Sexualwissenschaft in Deutschland auseinandersetzt, kommt an diesen zentralen Protagonisten nicht vorbei, die jeweils empirisch und/oder gesellschaftswissenschaftlich wichtige Fundamente der Disziplin gelegt haben.

Durch die persönlichen Noten in den Beiträgen, wie sie einer Bestandsaufnahme angemessen sind, werden die Veränderungen auch mit Blick auf die einzelnen Biografien nachvollziehbar. So führt etwa Hertha Richter-Appelt aus, wie Zweigeschlechtlichkeit für sie bei ihrem Einstieg ins Institut selbstverständlicher und unhinterfragter Fixpunkt war – und sie heute, bei all ihren wegweisenden Arbeiten in den Themenfeldern Trans* und Inter*, Geschlechtlichkeit offener sieht.

Noch größer ist die Wirkung der gesellschaftlichen Veränderungen. Im zeitlichen Verlauf des Instituts spiegelt sich die Entwicklung der Sexualpolitik in Westdeutschland: Von der Sanktionierung etwa gegen Homosexualität bis hin zu den „neosexuellen“ Entwicklungen, wie sie Volkmar Sigusch beschreibt und damit heute die sexualwissenschaftlichen Betrachtungen prägt. Diese Veränderungen werden im Band besonders in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung sowie sexualisierte Gewalt thematisiert – Veränderungen in den medizinischen Handlungskonzepten werden so nachvollziehbar. Schließlich werden auch Anregungen für die Sexualpädagogik gegeben. Insbesondere das vierte Kapitel fokussiert auf die Neuerungen.

Diskussion

Der Band ist eine erfreuliche Zusammenschau sexualwissenschaftlicher Entwicklungen in Westdeutschland. Dabei werden auch kritische Reflexionen nicht ausgespart, sind etwa die kritischen Auseinandersetzungen mit Giese und Bürger-Prinz mustergültig. Angedeutet werden Kooperationen, wie sie sich mit anderen universitären Standorten der deutschen Sexualwissenschaft ergeben haben und wie sie sich auch mit den Instituten an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften abzeichnen.

Fazit

Entsprechend der Diskussion ist der Sammelband eine wichtige Standortbestimmung und ein unbedingtes Muss für alle diejenigen, die sich mit der deutschen Sexualwissenschaft befassen.


Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 05.03.2020 zu: Peer Briken (Hrsg.): Perspektiven der Sexualforschung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2918-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26097.php, Datum des Zugriffs 13.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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