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Lea Schütze: Schwul sein und älter werden

Cover Lea Schütze: Schwul sein und älter werden. Selbstbeschreibungen älterer schwuler Männer. Springer VS (Wiesbaden) 2019. 332 Seiten. ISBN 978-3-658-25711-8. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Geschlecht & Gesellschaft - Band 74.
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Thema

In ihrer Dissertationsschrift: Schwul sein und älter werden beschäftigt sich Lea Schütze in intersektionaler Perspektivierung und vor dem Hintergrund einer gesellschaftlich diagnostizierten Unsichtbarkeit ‚schwulen Alterns‘ mit Selbstkonstitutionsprozessen älterer, schwuler Männer.

Autorin

Lea Schütze hat als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der LMU München gearbeitet und promoviert. Gegenwärtig leitet sie das Regionalbüro Süd und übernimmt dort die Gesamtkoordination der Transferagentur Bayern für Kommunales Bildungsmanagement.

Hintergrund und Inhalt

Der Arbeit liegt die forschungsleitende Fragestellung zugrunde, wie Subjektordnungen und Selbstbeschreibungen im Kontext gesellschaftlicher Rahmungen und biographisch-identitätsbezogener Herausforderungen als Bestandteile der Selbstformierung schwuler, älterer Männer und ‚schwulen Alterns‘ operieren bzw. entsprechend über Erzählungen rekonstruiert werden können. Selbstbeschreibungen werden hierbei verstanden als „Ausdeutungen eines Ich-Bezugs, […die] im Kontext von diskursiven Setzungen um die Kategorisierungen Alter(n) und Homosexualität (und anderer) produziert“ (S. 7) werden. Im Mittelpunkt stehen insbesondere Fragen, wie ältere schwule Männer Kategorien und auch damit verbundene Kategorisierungsprozesse (schwulen) Alter(ns) und (schwulen) Begehrens bearbeiten und in ihre Selbstbeschreibungen integrieren und in welchen Verhältnissen „Deutungen über Alter(n), Pflege und Homosexualität, zu Vorstellungen über die Zukunft und zu Erfahrungen in der Vergangenheit“ (S. 8) stehen. Den damit verbundenen Fragen nähert sich die Verfasserin aus einer qualitativ-rekonstruktiv informierten Perspektive.

Aufbau

Ihre Arbeit hat Lea Schütze in mehrere Abschnitte untergliedert, wobei sie sich aus verschiedenen Perspektiven ihren Fragestellungen und dem Forschungsgegenstand nähert. Die im Vordergrund stehenden Formierungs- bzw. Adressierungsprozesse und damit verbundene theoretische Facetten werden in mehreren theoretischen Abschnitten als Facetten intersektionaler Subjektordnungen bearbeitet. Der Verfasserin geht es in den theoretischen Abschnitten insbesondere darum verschiedene Konzeptualisierungen für/von Selbstbeschreibungen zu entfalten bzw. diese weiterzuentwickeln und für ihre eigene Forschung ein tragfähiges, theoretisches Gerüst zu entwickeln. Neben einer erkenntnisreichen und hochgradig spannenden Skizzierung des Forschungsstandes zu Fragen ‚Schwule(n) Alterns‘ (Forschungen im Kontext von Public-Health, ‚gay-aging‘ etc.) identifiziert die Verfasserin zahlreiche Leerstellen in unterschiedlichen Diskursen, die darüber hinaus und im Kontext verschiedener Subjektivationskonzepte, u.a. von Judith Butler, aufgegriffen und diskutiert werden. Insbesondere Butlers Theorie ‚des postsouveränen Subjekts‘ hat hierbei besondere Relevanz, v.a. dahingehend, inwiefern „über die Anerkennung bestimmter Geschlechter- und Begehrensformen auch […] bestimmte Subjekte als intelligibel konstituiert werden“ (S. 20 ff.), wobei diese Ausführungen [und identifizierte Leerstellen] durch Connells Konzept hegemonialer Männlichkeit ergänzt werden. Das Selbst wird in diesen Zusammenhängen als das Resultat von verschiedenen Subjektivierungsprozessen gefasst, die ein Zusammenspiel von Anrufung, Umwendung, Anerkennung und Widerständigkeit umfassen.

Im dritten Abschnitt werden neben einer Konkretisierung der Fragestellungen die methodisch-methodologischen Rahmungen der Arbeit sowie das empirische Vorgehen skizziert. Neben Beschreibungen zur Datenerhebung und -analyse umfasst dies insbesondere auch methodologische Zusammenhänge von Selbst, Biographie und Diskurs, die mit Blick auf die empirische Forschung konkretisiert werden. Die methodischen Grundlagen der Arbeit basieren auf der Grounded-Theory-Methodologie nach Anselm Strauss, die durch die Situationsanalyse nach Clark ergänzt werden, wobei mit letztgenannter methodisch-methodologischer Erweiterung das Ziel verfolgt wird die Komplexität und Instabilität von Identitätskategorien in Selbstbeschreibungen ‚einzufangen‘. Grundlage der Forschung sind 10 leitfadengestützte Interviews mit Männern, die sich selbst als schwul bezeichnen, im Alter zwischen 60 und 90 Jahren. Mithilfe dieser Interviews sucht Lea Schütze die Modi zu rekonstruieren, über die sich die Befragten positionieren bzw. selbst beschreiben und damit verbundene Subjektpositionierungen in den Blick zu bekommen, die diskursiv (re-)produziert und individuell verschiedenartige Bedeutsamkeiten entfalten.

Die Darstellung der empirischen Ergebnisse steht dann in den folgenden Abschnitten im Vordergrund. Mithilfe ihrer Forschung sucht die Verfasserin Dimensionen/​Kategorien des Alter(ns) und Homosexualität zusammenzubringen und vor dem Hintergrund der poststrukturalistischen Rahmungen der einleitenden Abschnitte mithilfe der Erforschung narrativer Selbstverortung(en) zu bearbeiten. Hierbei werden nicht nur die Verschiedenartigkeit und Komplexität spezifischer Modi der Selbstbeschreibungen schwuler, älterer Männer dargelegt, sondern vielmehr kann die Verfasserin mithilfe ihrer Forschung eindringlich aufzeigen, wie Formierungsprozesse des Selbst mit der Permanenz verschiedenartiger Belastungen und entsprechenden Bearbeitungsprozessen verknüpft sind, die auf ein hochgradig komplexes Spannungsfeld verweisen und verschiedenartige selbstbezogene wie biographische Bedeutsamkeiten entfalten. Damit verbundene gesellschaftlich virulente Figurationen wie auch Bilder und Erwartungen, die für die Selbstverhältnisse und ihre Formierung relevant sind, werden hierbei ebenso aufgegriffen und diskutiert wie auch damit verbundene Bearbeitungsmodi, die als identitätsbezogene Deutungen in die Selbstbeschreibungen integriert sind. Der Verfasserin geht es dabei ausdrücklich nicht um die Erarbeitung spezifischer Typen oder gar einer Typologie ‚schwulen Alterns‘, sondern vielmehr darum in und über die Rekonstruktionen darlegen zu können, wie Alter(n) und Homosexualität subjektiv gedeutet werden und subjektive wie biographische Bedeutsamkeiten entfalten. Ihre Befragten erleben dies sowohl in Form von Verwerfungen wie auch Stigmatisierungen, wobei Begehren und Alter als riskant eingestuft und erlebt werden und mit zahlreichen, komplexen Abwertungs-, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen verbunden sind, die doch zugleich immer wieder auf die Unsichtbarkeit schwulen Alterns verweisen bzw. entsprechend (mit-)konstituieren. Entlang von vier Themen (Alter[n], Männlichkeit, Mann-sein sowie Begehren und Pflege) werden Selbstpositionierungen herausgearbeitet, die sich vielfach durch zahlreiche Abgrenzungsleistungen auszeichnen und zugleich auf einen prekären Dauerzustand in Form von Selbstbeschreibungen verweisen, in denen immer wieder darlegt wird, „was man nicht ist“ (S. 157). Damit verbundene kategoriale Eigenheiten werden in differenten Zusammenhängen mit mehrfach belastenden (Selbst-)Zuschreibungen verknüpft, die als prekärer Status entfaltet und in das Selbst integriert sind.

Fazit

Dabei ist Lea Schütze mit vorliegender Arbeit eine spannende, durch und durch lesenswerte und tiefgründige Untersuchung gelungen, die verschiedene, bisher kaum erforschte Fragen aufgreift und erkenntnisreiche Einsichten präsentiert, die zu überzeugen wissen. Insbesondere die Erkenntnis, dass von einer spezifischen, kollektiven Identität des ‚schwulen Älteren‘ nicht auszugehen sei, ist als ein zentrales Ergebnis der Arbeit hervorzuheben. Darüber hinaus verweisen die Ergebnisse auf eine Vielfalt und Komplexität eines bisher vernachlässigten Forschungsfeldes und gesellschaftliche Dynamiken bzw. Herausforderungen, v.a. mit Blick auf die lebenspraktische Bedeutsamkeit ‚schwulen Alterns‘. Dabei wird „die Vorstellung der Eindeutigkeit einer ‚Andersheit‘ des ‚Schwulen Alten‘“ (S. 305) als uneindeutig und vielmehr vielgestaltig hervorgehoben. Vielmehr, und das ist unbedingt hervorzuheben, verweist die Arbeit auf die Komplexität eines Forschungsfeldes und die Notwendigkeit der Entwicklung einer Sensitivität für die Thematik des Alter(ns) schwuler Männer. Dabei liefert die Arbeit von Lea Schütze wichtige und facettenreiche Einsichten und Erkenntnisse, die wichtige Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungen bereithält und auf ein komplexes Forschungs- und Praxisfeld im Konnex mit zahlreichen gesellschaftlichen wie auch sozialpolitischen Herausforderungen verweist. „Schwul sein und älter werden“ ist daher ein durch und durch empfehlenswertes Buch.


Rezension von
Matthias Völcker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Arbeitsschwerpunkte: neben sozialisations- und identitätstheoretischen Fragestellungen im Besonderen die empirische Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Matthias Völcker. Rezension vom 15.01.2020 zu: Lea Schütze: Schwul sein und älter werden. Selbstbeschreibungen älterer schwuler Männer. Springer VS (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-25711-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26098.php, Datum des Zugriffs 14.08.2020.


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