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James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation

Cover James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 328 Seiten. ISBN 978-3-518-58729-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Die Erzählung von der Zivilisation

„Civis“, der Bürger, so der lateinische Ursprung des Begriffs „Zivilisation“, führt hin zu der anthropologischen Kennzeichnung, dass der Mensch eine durch Technik, Wissenschaft und Politik, in der Balance von Natur und Kultur entwickelte Lebensform praktiziert. Es ist die herausfordernd, demokratisch-freiheitlich zu erringende Vision, wie sie sich in der „globalen Ethik“, der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ausdrückt, dass die allgemeingültige, nicht relativierbare Würde des Menschen die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet. Die (abendländischen) evolutionären Erzählungen zur Menschwerdung und zur Menschheitsgeschichte vermitteln das Bild, dass der Homo sapiens sich von der freibeuterischen, nomadisierenden, naturabhängigen (freien?) Lebensweise des Jägers und Sammlers hin zum domestizierten, sesshaften, Viehzucht und Ackerbau treibenden und städtischen Zivilisationsmenschen entwickelt hat.

Dieser „aufsteigenden“, wertenden Betrachtung widerspricht der US-amerikanische Politologe und Anthropologe von der Yale University, James C. Scott mit seiner Studie „Against the Grain. A Deep History oft he Earliest States“, die mit dem deutschen Titel „Die Mühlen der Zivilisation“ übersetzt wurde. Da bereits tun sich Fragen auf: Ist das Mühlen-Bild geeignet, die Entwicklungen des Menschen vom Nomaden hin zum Sesshaften zu erklären – oder zu widerlegen? Sind es nicht vielleicht Imponderabilien, Zufälligkeiten und spontan oder evolutionär entstandene Machtverhältnisse, die von der Horden- zur Städte- und Staatenbildung geführt haben? Scott bezweifelt, dass die Sesshaftigkeit den Homo faber hervorgebracht hat; zumal, wenn sich zeigt, dass sich der Homo immodestus, das maßlose und unersättliche Lebewesen, selbst von der Welt entfremdet und bewirkt, den Einklang von Natur, Kultur und Zivilisation, und nicht zuletzt, sich selbst zu zerstören (vgl. dazu: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Ffm 2000, 350 S.).

Entstehungshintergrund

Scott entwickelt die durch archäologische Forschungen und Beweisstücke gestützte These, dass die ersten sesshaften, bäuerlichen Gemeinschaften, als Dörfer, Städte und Staaten, durch Macht, Kontrolle und (meist) gewaltsamen, domestizierenden Mitteln entstanden sind. Er benutzt dabei die nicht unumstrittene, wissenschaftliche Methode, dass er, wie in einem Puzzle, bestehendes, etabliertes und prägendes Wissen auf einen neuen Prüfstand stellt und an den Fundamenten und Gerüsten wackelt. Durchaus mit dem Blick und Bewusstsein des Heutigen (und Morgigem) setzt er sich mit dem( heutigen) Wissen und den Etablierungen auseinander, dass in der Geschichte der Menschheit das Gebiet des Euphrat und Tigris als „das Kernland der ersten ursprünglichen Staaten der Welt“ gilt; gleichzeitig aber thematisiert er das Phänomen, dass sich die Sesshaftigkeit des Menschen in der Zeitmessung der Menschheitsgeschichte erst relativ spät vollzog. Scott ordnet diese anthropologische und evolutionäre Phase in die „letzten fünf Prozent unserer Geschichte als Spezies auf diesem Planeten“ ein. Das fordert heraus zu fragen, ob die Staatenbildung als Ordnungs- und Machtsymbol tatsächlich den nomadisierenden Formen der Jäger und Sammler überlegen sei, oder ob der Übergang hin zum Ackerbau – „ein Übergang der langsam, aufhaltsam, umkehrbar und manchmal unvollständig verlief – (nicht) mindestens ebenso viel Kosten wie Nutzen mit sich(brachte)“.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort, in dem Scott betont, dass seine Erkundungen der (vor-)zivilisatorischen Zeit der Menschheit nicht allein die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen, anthropologischen und historischen Forschungen seien, auch keine plötzlich entstandenen Geistesblitze, sondern als Ergebnisse einer Zusammenzählung und kritischen Betrachtung von zahlreichen Forschungsbefunden betrachtet werden sollten. In der Einleitung erkennt er, dass das traditionelle und festgefügte Narrativ in der Menschheitsentwicklung in Frage zu stellen sei. Der Autor gliedert seine Studie in sieben Kapitel.

  • In EINS fragt er nach der „Domestikation des Feuers, der Pflanzen und Tiere und unserer selbst“;
  • in ZWEI setzt er sich auseinander mit dem Landschaftsbegriff und dem „Hauskomplex“;
  • in DREI erkennt er im Begriff „Zoonosen… ein epidemiologisches Verhängnis“;
  • in VIER erinnert er an „die Agroökologie des frühen Staates“;
  • in FÜNF zeigt er mit „Bevölkerungskontrolle“ die Folgen von „Knechtschaft und Krieg“ auf;
  • in SECHS verdeutlicht er mit dem Bild des (sportlichen) Pyramidenbaus „die Zerbrechlichkeit des frühen Staates“;
  • um in SIEBEN „das goldene Zeitalter der Barbaren“ auszurufen.

Die Erkenntnis, dass die Bedeutung der Entdeckung und Verwendung des Feuers durch die Hominiden als entscheidender Impulsgeber für die Menschheitsentwicklung betrachtet werden könne, ist im anthropologischen Diskurs unstrittig. Ob aber die ersten Menschen aus dem Urwald in die Trockengebiete heraustraten, oder nicht vielmehr die Feuchtebiete nutzten, um überleben zu können, ist strittig. Nimmt man nämlich an, wie Scott, dass es in den Frühphasen der Menschheit neben den Jägern und Sammlern auch gleichzeitig anbauende und domestizierende Methoden der Nahrungsbeschaffung gab, wackeln ganze festgefügte Denkgebäude, etwa von Bewirtschaftung, Vorrratshaltung, Behausung, u.a.

Die regionale und globale Bevölkerungszunahme als anfangs eher logische und natürliche Entwicklung in agrarisch und subsistenzwirtschaftlich organisierten Staaten wurde durch natürliche und menschengemachte Phänomene bestimmt: Dort wo der Boden geeignet war, wo Wasser zur Verfügung stand, Getreideanbau möglich wurde, Arbeitskräfte zur Verfügung standen und intellektueller und kreativer Sachverstand vorherrschten, überlebten immer mehr Menschen. Natürliche wie egoistische Einstellungen förderten und beförderten Bedürfnisse von Teile-und Herrsche-Prinzipien, wie auch Beute- und Ausbeutungs-Begehrlichkeiten.

Bisher wenig untersucht und bedacht sind Entwicklungen bei den frühen Staatenbildungen, die sich als Hemmnisse und Niedergang bei den Versuchen zeigen, die Herrschaftsregime auszuweiten. Sich einmauern und abgrenzen von den „Barbaren“ und Eindringlingen hat bereits bei den frühen Staatslenkern und Bewohnern wenig bis nichts bewirkt; vielmehr boten gewollte und erzwungene Öffnungen Integrations-, Handels- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten: „Staatliche und nichtstaatliche Völker, Ackerbauern und Wildbeuter, „Barbaren“ und „Zivilisierte“ sind Zwillinge, sowohl real als auch semiotisch gesehen“. Dass die aufgewiesenen Überlebensvorteile der „Barbaren“ aber so prägend waren, dass man von einem „Goldenen Zeitalter der Barbaren“ sprechen könne, belegt der Autor in nicht wenigen Fällen eher spekulativ denn objektiv. Das mag auch daran liegen, dass der von Scott eingeleitete Perspektivenwechsel im fachbezogenen und fächerübergreifenden, wissenschaftlichen Diskurs noch nicht angekommen ist und eher als Zumutung denn als ein interessanter und lohnenswerter Denkaspekt verstanden wird.

Fazit

Eine Antwort auf die Frage, warum Sesshaftigkeit gegenüber der mobilen, nomadisierenden Lebensweise von Vorteil war, ergibt sich aus den natürlichen und gewachsenen Reproduzierbarkeit und Fertilität. Während wandernde Bevölkerungsgruppen ihre Reproduktion natürlicherweise bewusst begrenzen, erlaubt die Sesshaftigkeit höhere Reproduktionsraten. Die Scott‘sche, antike Geschichtsbetrachtung ist kein l‘art pour l‘art und sollte auch nicht als Abgesang eines jahrzehntelangen wissenschaftlichen Denkens und Forschens verstanden werden; vielmehr fordert die Studie über das Entstehen und Wirken bei den Staatenbildungen in Mesopotamien und dem „südlichen Alluvium“ auf, interdisziplinär und kritisch die angedeuteten Spuren aufzugreifen und den Versuch zu unternehmen, sie entweder zu verifizieren oder zu falsifizieren – und sogar danach Ausschau zu halten, ob und ggf. wie die Jahrhunderttausende langen Entwicklungen auch Hinweise und Antworten auf die aktuelle und zukünftige, lokale und globale Welt- und Menschheitslage anbieten können (siehe z.B. dazu auch: Jörg Gertel/​Sandra Calkins, Hrsg., Nomaden in unserer Welt. Die Vorreiter der Globalisierung: Von Mobilität und Handel, Herrschaft und Widerstand, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12663.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.09.2019 zu: James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-58729-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26099.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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