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Dagmar Hoffmann, Rainer Winter (Hrsg.): Mediensoziologie

Cover Dagmar Hoffmann, Rainer Winter (Hrsg.): Mediensoziologie. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 356 Seiten. ISBN 978-3-8329-7991-1. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 69,90 sFr.
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Thema

Trotz der großen Bedeutung der Medien in der heutigen Gesellschaft, werden für viele Menschen kommunikationswissenschaftliche und mediensoziologische Forschungen – nach Auffassung der Herausgeber des vorliegenden Handbuchs – in der allgemeinen Soziologie zu wenig rezipiert. Ziel dieses Werkes ist es daher, die mediensoziologische Perspektive auf Medien und Kommunikation (S. 9) in systematischer Weise innerhalb wie außerhalb der Soziologie zur Geltung zu bringen und somit ausgewählte Perspektiven, Themen, Methoden und Ergebnisse des Faches vorzustellen (S. 11).

Herausgeberin und Herausgeber

Dagmar Hoffmann ist Professorin für Medien und Kommunikation an der Universität Siegen.

Rainer Winter ist Professor für Medien- und Kulturtheorie sowie Vorstand des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Klagenfurt.

Aufbau

Das Handbuch gliedert sich nach der Hinführung in insgesamt vier Themenblöcke:

  1. „Zentrale Begriffe und Bezugssysteme“,
  2. „Theoretische Zugänge und Perspektiven“,
  3. „Forschungszugänge“,
  4. „Forschungsfelder“ sowie
  5. „Methoden“.

Inhalt

Im ersten Abschnitt geht es um zentrale Begriffe der Kommunikationswissenschaften, darunter „Interaktion“, „(Medien-)Kommunikation“ (Axel Schmidt), „Lebenswelt“ und Alltagshandeln sowie Mediatisierung (Friedrich Krotz).

Der zweite Hauptpart bietet theoretische Zugänge, worunter hier unter anderem soziologische (Meta-)Theorien (Tilmann Sutter), Medien als „Akteur-Netzwerke“ (Matthias Wieser) sowie der Begriff des „Medienspektakels“ (Douglas Kellner) gefasst werden.

Danach werden unter „Forschungszugänge“ einzelne Medien wie „Bild“ (Daniel Suber), „Film“ (Rainer Winter), „Computer“ (Christian Stegbauer), „Mobile Medien“ (Dagmer Hoffmann) und – etwas aus der Reihe springend – „Populäre Musik“ (Andreas Gebesmair) präsentiert und hinsichtlich ihrer Bedeutung in der und für die Mediensoziologie erörtert.

Eine noch größere inhaltliche Bandbreite bietet das Kapitel zu den „Forschungsfeldern“, darunter fallen unter anderem die Bereiche „Wissen“ (Wolfgang Reißmann), „Politik“ (Manfred Mai), „Gender“ (Kornelia Hahn), „Sport“ (Moritz Böttcher/Robert Gugutzer), „Gewalt“ (Waldemar Vogelgesang) und „soziale Ungleichheiten“ (Nicole Zillien). 

Erst im Abschlusskapitel geht es um mediensoziologische Methoden, ihre geschichtliche Entwicklung (Michael Jäckel) sowie um ihr qualitatives (Ruth Ayaß) und quantitatives Repertoire (Nicole Zillien/Roman Pauli).

Wegen ihrer Vielzahl kann hier nicht auf die einzelnen Beiträge genauer eingegangen werden, wohl aber kann gerade der Umfang und vor allem auch die Vielfalt des Beitragsrepertoires dieses Handbuches zunächst gewürdigt werden.

Eigens erwähnenswert ist indes der grundlegende Einführungsbeitrag von Andreas Ziemann zum Fach der Mediensoziologie, zum soziologischen Medienbegriff sowie zu einigen Kernaspekten der vielschichtigen Beziehungen zwischen Medien und Gesellschaft (S. 57 ff.). Speziell für in der Sozialwirtschaft Tätige könnte zudem der Beitrag über „soziale Ungleichheiten“ von Nicole Zillien von besonderem Interesse sein: Dieser bietet einen Überblick nicht nur zur Frage, wie soziale Ungleichheiten medial dargestellt werden, sondern auch darüber, wie Medien selbst soziale Ungleichheiten und dabei besonders „Wissensungleichheit“ produzieren (S. 305 ff.). Dies geschehe etwa dadurch, dass Journalist*innen vorwiegend der Mittel- und Oberschicht entstammen, was zu einer Berichterstattung führe, die stark von der sozialen Herkunft dieser Berichterstatter*innen geprägt sei (S. 305). Hinzu komme, dass die bevorzugten Medien „statusniedrigerer“ Gruppen meist von wesentlich geringerer Informationsqualität seien, was neben weiteren Faktoren zu einer wachsenden Wissenskluft in der Gesellschaft beitrage (S. 306 f.). Ob hingegen aus mediensoziologischer Perspektive die gesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten möglichst aller insbesondere durch die digitalen Medien verbessert werden können, darüber gibt der Beitrag von Jeffrey Wimmer in differenzierter Weise Auskunft (S. 247 ff.).

Diskussion

Neben der entsprechend begrüßenswerten Themenvielfalt, wenngleich insbesondere die für eine Mediensoziologie ebenfalls sehr relevanten Begriffe und Themen der „Identität“ und der „Mediengesellschaft“ leider nicht explizit vorkommen, kann grundsätzlich auch die Veranschaulichung der diversen Schnittstellen zwischen Mediensoziologie und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und weiterer bezüglich des Forschungsfeldes verwandter Disziplinen positiv hervorgehoben werden. Doch auch hier ist ein Manko dergestalt festzustellen, dass die konkreten Abgrenzungen der Mediensoziologie zu anderen Bezugswissenschaften nicht immer klar ist und es in manchen Beiträgen etwas verworren bleibt, aus welcher Disziplin dort nun gerade wirklich argumentiert wird.

Auch nicht ganz stimmig erscheint die Gliederung des Buches, lassen sich manche Beiträge nicht selten in mindestens eines der anderen Kapitel ebenso einordnen. So verwirrt es zunächst ein wenig, warum unter „Forschungszugänge“ Beiträge über einzelne Medien zu finden sind, wobei deren Listung ohnehin nicht vollständig ist, beklagt man etwa das Fehlen der Printmedien trotz ihrer noch immer großen Bedeutung oder der Computergames angesichts ihrer wachsenden Popularität aber auch ihrer Umstrittenheit.

Der Gegenstand der Mediensoziologie ist indes in Zeiten zunehmender Mediatisierung (siehe dazu den Beitrag von Krotz), Digitalisierung, Informationsdivergenzen und Informationsdekontextualisierung, besonders im Internet, bedeutsam für die Gesellschaft wie für die Lebensgestaltung der Einzelnen im Umgang mit Medien. Dieses Handbuch bietet nicht nur für Studierende und Promovierende – trotz benannter Schwächen – einen guten Überblick über ausgewählte Themen, Begriffe und Methoden der Mediensoziologie. Es eignet sich zudem gerade auch für fachfremde Wissenschaftler*innen, die für ihre Forschungen auf grundlegende Kenntnisse der Mediensoziologie und ggf. weiterer Bezugswissenschaften angewiesen sind. Die ausführlichen Literaturhinweise nach jedem Beitrag etwa sind ein konkretes Beispiel für den Nutzwert dieses Handbuchs. Für einen noch umfassenderen Überblick über und einen tieferen Einblick in das Fach der Mediensoziologie wird man aber weitere einschlägige Handbücher hinzuziehen müssen.

Fazit

Das Handbuch Mediensoziologie widmet sich der systematischen Dokumentation der aktuellen mediensoziologischen Forschung um diese insbesondere für die allgemeine Soziologie sichtbarer zu machen. Gerade für Fachfremde kann dieses Handbuch einen insgesamt guten ersten Überblick über die Mediensoziologie und über ausgewählte Themen des Faches bieten. Wegen der ebenfalls bestehenden Schwächen und der (wohl notwendigen) thematischen Selektivität, vermag es indes nur ergänzt um weitere einschlägige Handbücher einen wirklich umfassenden Einblick in die Mediensoziologie ermöglichen.


Rezensent
Lars Schäfers
Mag. theol., Wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach sowie Wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Christliche Gesellschaftslehre an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.ksz.de
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Zitiervorschlag
Lars Schäfers. Rezension vom 27.09.2019 zu: Dagmar Hoffmann, Rainer Winter (Hrsg.): Mediensoziologie. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8329-7991-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26109.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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