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Sandra Kostner (Hrsg.): Identitätslinke Läuterungsagenda

Cover Sandra Kostner (Hrsg.): Identitätslinke Läuterungsagenda. Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. 314 Seiten. ISBN 978-3-8382-1307-1. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 25,80 sFr.

Reihe: Impulse. Debatten zu Politik, Gesellschaft, Kultur - 1.
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Die offene Gesellschaft und ihre falschen Freunde

Um es vorweg zu sagen: Mit diesem Sammelband liegt ein hochgradig diskussionswürdiger Versuch vor, über Themen in die Diskussion zu kommen, zu denen es nach Auffassung vieler Akteure und Akteurinnen in Sozialwissenschaft und Politik gar keiner Diskussion (mehr) bedarf: Critical Whiteness-Studies, Postkolonialismus, Privilegiertenkritik, Minderheiten(schutz)rechte und die Gleichstellungspolitik bezüglich ethnisch, religiös oder sexuell definierter Minoritäten-Gruppen bilden heute einen vielfach unhinterfragten Kernbestand Sozialer Arbeit in ihrem Selbstverständnis als humanistische Menschenrechtsprofession.

Die in Disziplin und Praxis Sozialer Arbeit eingeübten moralischen Abwehrreflexe verweisen jedwede Kritik an nichtintendierten Nebenfolgen bestimmter Gleichstellungspraktiken in den Bereich einer rechten ‚No-Go‘ Gesinnung und grenzen sie diskursiv aus. Doch sind es gerade solche diskursiven „Reflexe“, hinter deren Kritik Sandra Kostner und die Beiträgerinnen und Beiträger des Sammelbandes Gefahren für den Erhalt eines liberalen, offenen Gesellschaftsklimas im Sinne Poppers (2003) vermuten. Denn – so die Kernthese Kostners – „Identitätsgerechtigkeit fragmentiert die Gesellschaft“ (S. 27), da sie letztlich (neue) Kollektive auf Basis essentialistischer Zuschreibungen als entweder marginalisierte Opfer oder aber privilegierte Täter konstruiert und diese wechselseitig gegeneinander ausspielt.

Dahinter verbirgt sich nach Kostner letztlich eine spezifische Machtpraxis, die einer neuen intellektuellen Klasse (die identitätslinken „Schuldentrepreneure“ S. 11) auf Basis moralischer Überlegenheitsargumentationen eine Schiedsrichterposition im Kampf sozialer Identitäten zukommen lässt, von der diese Klassen wiederum durch Anhäufung von politischer Reputation und Deutungsmacht profitiert. Kritisiert wird mithin die Ersetzung der Verteilungsungerechtigkeit durch Identitätsgerechtigkeitsthemen bei den diskursmächtigen, politisch-emanzipativen Kräften der (deutschen) Gegenwartsgesellschaft.

Der Band geht zwei Fragen nach: 1.) Welche Folgen hat die identitätspolitische Läuterungsagenda für den Zusammenhalt in der Migrationsgesellschaft bzw. welche Polarisierungspotenziale sind darin enthalten? Und zum anderen: 2.) Welche Folgen haben identitätslinke Positionen und Politiken für die Aufrechterhaltung freiheitsbeschränkender Praktiken in migrantischen, paternalistischen Communities und für die Beschränkung der Selbstbestimmung von Frauen und Kindern in diesen? (S. 15).

Das Diskursfeld in dem sich Kostners Band verortet kann dabei zwischen als ‚kontrovers‘ markierten Veröffentlichungen wie Fukuyamas (2019) „Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“, Stegemanns (2018): „Moralfalle“ und Sarrazins (2014) „Der neue Tugendterror“ abgesteckt werden. In Abhängigkeit vom jeweiligen Wertehorizont dieser unterschiedlichen Autoren wird hier eine kritische Debatte um die Folgen einer moralisierenden Identitätspolitik für freie Gesellschaften geführt.

Kostner und die Beiträgerinnen und Beiträger ihres Sammelbandes versuchen sich im analytischen Blick hinter diskursiv abgesicherte Machtstrukturen.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Sandra Kostner ist promovierte Soziologien, akademische Mitarbeiterin und Geschäftsführerin des Masterstudienganges „Interkulturalität und Integration“ und Diversitätsbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

Entstehungshintergrund

In der Einleitung schildert die Herausgeberin eine persönliche Erfahrung in Australien, bei der Lehrerinnenkolleginnen ihr mitteilten, dass eine Vermittlung ‚westlicher‘ Wissensformen wie Mathematik an Kinder australischer Aborigines als neokolonialistischer Akt abzulehnen sei, da sie als Form des Aufzwingens einer (neo)kolonialistischen Denkform zu bewerten sei.

Auf die von Kostner vorgebrachte Kritik dieser Auffassung als Ausdruck eines ‚inverse racism‘ (also die essentialistische Festlegung aller Aborigines-Kinder auf eine essentielle Nicht-Befähigung zur westlichen Mathematik aufgrund ihrer Kultur) durch westliche (weiße) Lehrerinnen, sah sich die Herausgeberin mit Diskursverweigerung und Ausgrenzung ihrer Person durch sich dezidiert antirassistisch verstehenden Kolleginnen konfrontiert (S. 8 f.).

Diese Erfahrung kognitiver Dissonanz hätte Kostner zur systematischen Befassung mit „identitätslinken Läuterungsdemonstrationen“ (S. 10). geführt: „Diese Zwangszuweisung von Schuld- und Opferidentitäten, durch die Menschen quasi in Identitätsgefängnisse eingesperrt werden, bildet aus meiner Sicht die Grundlage jener spezifischen Form der Identitätspolitik, die ich identitätslinke Läuterungsagenda nenne.“ (S. 11). Ein alternativer Begriff hierfür wäre im Übrigen auch das als „Virtue Signalling“ aus dem US-amerikanischen Hochschulbereich bekannte Vorgehen so genannter Social Justice Warriors, die sich für die aktive Ausschließung von als ‚sexistisch‘, ‚rassistisch‘ oder ‚homophob‘ klassifizierten Professorinnen und Professoren an den Hochschulen engagieren.

Aufbau

Das Buch erscheint als erster Band einer neuen Reihe mit Titel „Impulse“, in der jeweils ein Impulstext in mehreren Repliken diskutiert werden soll. Im vorliegenden Fall bildet Kostners 58-seitiger Text „Identitätslinke Läuterungsagenda – Welche Folgen hat sie für Migrationsgesellschaften?“ den Aufschlag, der anschließend in zwölf Beiträgen inhaltlich zuspitzend interpretiert und (überwiegend zustimmend) diskutiert wird. Die zur Replik eingeladenen Autorinnen und Autoren können dabei zum einen dem, mit Einwanderungsthemen befassten, ‚rein‘ akademischen Spektrum der Sozial- und Geisteswissenschaften und zum anderen dessen Übergang in den Bereich konservativer und liberaler bis libertärer Publizistik zugerechnet werden können. Explizite Vertreterinnen und Vertreter der von Kostner kritisierten Positionen und Programmatiken kommen dabei leider kaum zu Wort, was – vorab gesagt – ein konzeptuelles Problem des Buches als „Debattenband“ darstellt.

Inhalt

Der titelgebende Aufsatz Kostners soll als Referenzunkt der Debatte hier (zu Lasten der Repliken) etwas ausführlicher in seiner Argumentation dargestellt werden.

Die Herausgeberin rekonstruiert die Genese des „westlichen Täter-Opfer-Schuldbewusstseins“ (S. 18) als Ergebnis der weltweiten Dekolonialisierungs- und Emmanzipationsbewegungen in Folge von „1968“. Diese „Politisierung von Diversität“ sei eine Strategie der Linken gewesen, um deren Neuorientierung, von der sozialen Revolution hin zum kulturellen Umbau der Gesellschaft, eine breitere Anschlussfähigkeit in der Gesellschaft zu ermöglichen (S. 23). Dabei habe die „Identitätslinke“ u.a. die Übertragung der Schuldkomplexe gegenüber den Opfern des Holocaust in Deutschland auf Migrantinnen und Migranten betrieben (Muslime als ‚neue Juden‘), ebd. Im Rekurs auf Shelby Steeles Buch „White Guilt“ (S. 19) argumentiert Kostner mit der Interdependenz von (schuldlosen) Opfer- und (schuldbewussten, reumütigen, läuterungsbedürftigen) Täterkollektiven im Hinblick auf die Steigerung jeweiliger Machtpotenziale. Dabei verlieren ehedem exkludierende, privilegierte Täterkollektive (etwa die gebildete, weiße Mittelschicht) zunächst an moralischem Prestige gegenüber den von ihnen ausgegrenzten Schwarzen, Homosexuellen und anderen Minoritäten – können diese Verlust an Glaubwürdigkeit und moralischer Reputation jedoch (über-)kompensieren, in dem sie – auf den Abfall einer moralischen Dividende spekulierend – sich scheinbar selbstlos für die Herstellung identitätsgerechter Teilhabechancen für die ehemaligen Opfergruppen einsetzen.

Die „Opferentrepreneure“ profilieren sich als Gruppe gerade dadurch, dass sie von den „Schuldentrepreneuren“ erst kollektiv als solche definiert werden. Es macht beispielsweise Sinn, sich explizit als Mitglied einer gesellschaftlich anerkannten Opfergruppe zu definieren, wenn damit eine Besserstellung auf dem Arbeitsmarkt verbunden ist, die den Ausfluss einer identitätslinken Läuterung der Personalverantwortlichen (etwa über Gleichstellungsgesetze) bildet. Mithin profitierten letztlich beide „Moralunternehmergruppen“ opfer- wie täterseitig von einem routinierten Läuterungs- und Vergebungsritual (als wechselseitigem Anerkennungsverhältnis). Dieses Anerkennungsverhältnis zwischen Eliten und Opfergruppen wird allerdings regelmäßig zu Lasten der Majoritätsgesellschaft etabliert, die mit negativen Attributionen (eurozentrischer, „weißer“, maskuliner…) Täterschaft bzw. als Täterkollektiv leben muss.

Verbreitet werden die für Durchsetzung und Erhalt dieser alternativen Machtstrukturen notwendigen (moralischen) Deutungsmuster über die Medien, deren Akteure häufig ebenfalls dem ‚identitätslinken‘ Spektrum zuzuordnen seien. Nachteilig wirkt sich diese Identitätspolitik auf die „Dominanzgesellschaft“ aus, die dadurch in wechselseitig um Ressourcen, Anerkennung und Teilhabe konkurrierende Opfergruppen polarisiert wird. Gleichzeitig – und das wird bei Kostner eher nur implizit gesagt – zementiert die Rolle des ‚moralisch überlegenen‘ weil selbstkritisch-reumütigen Schiedsrichters im Konkurrenzkampf der Opfergruppen die relative Machtposition akademisch-medialer Eliten aus den alten, privilegierten ‚Tätermilieus‘.

Kostner spricht hier von den Benefits für die „Opferanwälte“ (S. 29). Deren Diskursmacht und Selbstabschottung in Echokammern führe unter anderem dazu, dass jedwede Kritik am Moralunternehmertum als Ausdruck gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (bzw. Islamophobie, Sexismus, Rassismus usw.) moralisch diskreditiert und die Kritikerinnen aus dem Diskurs ausgeschlossen werden. (ebd.). Für Kostner wird damit jedoch mit Milton Friedman argumentierend die Antinomie von Freiheit und Gleichheit zu Gunsten letzterer aufgelöst, was für eine offene und pluralistische Gesellschaft verheerend sei.

An aktuellen Beispielen politischer (Massen-)Bekundungen in der jüngeren Einwanderungsdebatte seit 2015 (S. 35 f.) will die Autorin zeigen, dass eine auf gleichberechtigte Teilhabe ausgerichtete Politik, die etwa über Quotenregelungen den Anteil von Personen mit bestimmten Diversitätsmerkmalen in der öffentlichen Verwaltung erhöhen will, damit faktisch neue askriptive Eignungsmerkmale einführt, die meritokratischen Qualifizierungskriterien faktisch entgegenstehen bzw. diese aushebeln. Aus der Einführung eines Proporzes für „politisierte Diversitätsgruppen“ in öffentlichen Positionen kann somit faktisch die neue Ungerechtigkeit einer Bevorzugung von Mitgliedern dieser Gruppen resultieren (S. 38). Neben den Schwierigkeiten, eine angemessene und abschließende Liste relevanter Gleichstellungsmerkmale (Welche ethnische Gruppen soll etwa stärker als andere von „Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund“ profitieren?) zu definieren können unterschiedliche „Quotengruppen“ in ihren Gleichstellungsinteressen sich faktisch in neuen Hierarchien gegenseitig Konkurrenzdruck machen (Wie kann die Gleichstellung von Frauen unter den Bedingungen der Einführung weiterer Geschlechteridentitäten realisiert werden? Welche Identität ‚zieht‘ im Falle der Vergabe einer lukrativen Position eher: Migration, Geschlecht, sexuelle Identität?). „Das Hauptproblem einer auf Ergebnisgleichheit ausgerichteten Politik ist, dass sie im Namen der Gerechtigkeit für neue Ungerechtigkeiten sorgt und im Laufe der Zeit das gesellschaftliche Klima vergiftet.“ (S. 44) schlussfolgert die Autorin. Stattdessen insistiert Kostner auf dem Prinzip der Chancengleichheit – ohne Ansehe der Person und der zugeschriebenen Identitätsmarker.

Einen Kern der Auseinandersetzung zwischen liberaler und identitätslinker Auffassung findet sich auf S. 50ff, in dem Kostner sich kritisch mit Stellungnahmen gegen Integrationskurse (als Instrumente postkolonialer Unterdrückung und Ausdruck einer Defizitperspektive auf Einwandernde) auseinandersetzt. Insbesondere wird dabei das im Böckenförde-Diktum thematisierte Problem angesprochen, dass liberale Staaten sich zur Durchsetzung ihrer Ziele keiner illiberalen Mittel (wie etwa Integrationskurszwang) bedienen dürften. Die aus der Durchsetzung identitätslinker Anerkennungszwänge bestimmter Haltungen bestimmter religiöser und/oder migrantischer Milieus gegenüber Frauen resultierenden Probleme für die freiheitliche Ordnung (und der Rolle von Frauen darin) werden der Autorin zu Folge über ein strikt dichotomes Freund-Feind-Denken entlang der Begriffe von Rassismus und Hegemonialer Männlichkeit und ihrer Pendants ausgeblendet: Es kann nicht sein, was nicht sein darf bzw. was „Beifall von der falschen Seite“ einbringen könnte.

Letzteres wäre im Übrigen ein Vorwurf, dem sich auch der vorliegende Band (zu Unrecht) ausgesetzt sehen dürfte. Denn letztlich wird im Text deutlich, zur Erbringung welcher Opfer an persönlichen Freiheitsrechten die identitätslinke Läuterungsagenda im Namen einer Überwindung von Kolonialismus und Eurozentrismus bereit wäre: Etwa das Insistieren auf kritiklose Akzeptanz gruppenbezogener restriktiver Umgangsformen mit Frauen und Mädchen, sofern diese nur kulturell/​religiös als opfergruppentypisch abgesichert gelten (S. 66).

Kostner spricht sich hier klar gegen eine selbstbestimmungsorientierte Lesart des muslimischen Kopftuches aus. Polarisierung, Fragmentierung und Stärkung illiberaler Strukturen in der pluralistischen Gesellschaft sind folglich die Outcomes identitätslinker Läuterungspraxis. Im Fazit ihres Aufsatzes unterbreitet Kostner folgende Vorschläge für „Identitätslinke“ (S. 67).

  1. sie sollten selbstkritisch reflektieren, warum sie aus kulturell-religiösen Praktiken resultierende Wertekonflikte reflexhaft wegerklären und von welchen Motivationen sie sich dabei leiten lassen
  2. Abstandnahme von verabsolutierten Positionen und Rechtsgütern zu Gunsten der Einsicht, dass andere legitime Positionen und Rechtsgüter die von ihren Setzungen abweichen deswegen nicht zwingend vielfaltsfeindlich, diskriminierend oder gar rassistisch sind
  3. sie sollten nicht ihre eigene Agenda sondern die Konsequenzen von kulturell-religiösen Praktiken für individuelle Lebenswege zum primären Betrachtungs- und Handlungsmaßstab machen (Mithin, um mit Weber zu reden: weniger gesinnungs- sondern eher verantwortungsethisch argumentieren).

Letztlich plädiert die Autorin für die Suspension einer „gruppenbezogenen Identitätsgerechtigkeitsvorstellung“ zu Gunsten einer Sichtweise, die das freie Individuum wieder stärker in den Blick nimmt. Andernfalls sind „die Konsequenzen von menschenrechts- und freiheitsverletzenden Praktiken (…) zu schwerwiegend, um sie unter dem Deckmantel der Kultur- bzw. Religionssensibilität hinnehmen zu können.“ (ebd.).

Die zwölf Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes setzen sich in ihren Kommentaren wie folgt mit dem Essay Kostners auseinander:

Dimitri Almeida definiert sich selbst (als einziger Beitragender) mit dem Begriff „Idenitätslinker“ und kritisiert Kostners Auffassungen als klischeebeladen im Hinblick auf die deutschsprachige Migrations- und Diversitätsforschung, denn diese sei wesentlich pluralistischer und weniger paternalistisch wie Kostner ihr unterstellt (S. 78). Im Hinblick auf Berechtigungen von Minderheiten zur Repräsentation ihrer Identität im öffentlichen Raum (Kopftuchdebatte) plädiert Almeida für möglichst individualverantwortliche Entscheidungen und gegen pauschale Festlegungen. Migrationsbedingte Wertekonflikte seien häufig gar positiver Ausdruck erfolgreicher Integration – so etwa sei der Kopftuchstreit als Zeichen sozialen Aufstiegs muslimischer Frauen in unserer Gesellschaft zu werten (S. 85).

Dagmar Borchers unterzieht Kostners Text einer gerechtigkeitsphilosophischen Würdigung und gliedert diese in zwei Thesen, die sich auf Missverständnisse im Identitätskonzept sowie auf den Antiliberalismus der Identitätslinken beziehen. Grundproblem sei das letztlich essentialistische Kulturverständnis des Multikulturalismus, das über jenes von Herder im 19. Jahrhundert nicht hinausreiche (S. 96 f.). Solch ein Kulturbegriff würde der heutigen fluiden und komplex hybridisierten Weise menschlicher Identitätsbildung nicht mehr gerecht. Vor diesem Hintergrund mache auch die von Identitätslinken angestrebte Aufhebung der Privilegien von zuvor essentialistisch definierten Gruppen („bildungsnahe, weiße Westeuropäer“, S. 110) in ethnisierenden Gleichstellungspolitiken keinen Sinn mehr. Anstatt einer antiliberalen Agenda von Ergebnisgleichheit sei die Durchsetzung von (meritokratischer) Chancengleichheit beim Zugang zu Positionen in der Gesellschaft zur Bewahrung der Freiheit notwendig.

Heike Diefenbach bat in ihrem Text Sandra Kostner zunächst um eine – im Basistext fehlende – Definition des Begriffs „identitätslinks“. Diese lautet dann: „Identitätslinke sind (…) Personen, die sich politisch links verorten, aber statt der klassischen sozialen Gerechtigkeit nunmehr (Opfer-)Identitäten zur Grundlage ihrer Politik machen, in deren Zentrum immer noch Gerechtigkeit steht, aber nun in Form von Identitätsgerechtigkeit verwirklicht werden soll.“ (S. 127). Diefenbach zieht in Zweifel, ob es bei Gleichstellungspolitik überhaupt noch um Gerechtigkeit gehe und diskutiert anschließend, in wiefern der methodische Reduktionismus einer Zuschreibung realer Ungleichheitsphänomene auf nur jeweils ein askriptives Merkmal (Geschlecht, Ausländerstatus usw.) noch erkenntnistheoretisch vertretbar sei. Diefenbach vermutet stattdessen „Ideologen und Lobbyisten“ als Nutznießer skandalisierender Ungleichheitsforschung (S. 133). Bevölkerungsbefragungen hätten gezeigt, dass die Mehrheit gegen eine Verteilungsgerechtigkeit im Sinne von Ergebnisgleichheit eingestellt sei (S. 139). Mithin sei es undemokratisch, Gleichstellungspolitik gegen die Mehrheit durchzusetzen.

Alexander Grau macht auf die impliziten religiösen Dimensionen der Läuterungsagenda aufmerksam und rekurriert dabei u.a. auf Stegemanns Buch „Die Moralfalle“ (S. 143), in dem Identitätspolitik als „moralischer Populismus“ bezeichnet würde. Der Opferstatus der betroffenen Gruppen würde im Sinne einer Doppelmoral einerseits als überwindungsnotwendig angesehen aber durch die Kollektivzuschreibung zugleich wieder begrifflich zementiert. Die Identitätslinken vernachlässigten zentrale soziale Gerechtigkeitsfragen zu Gunsten von Genderschreibweisen und seien somit „nützliche Idioten des globalisierten Kapitalismus“ (S. 144). Letztlich sei identitätslinkes Denken „eine säkulare Variante gnostischer Weltsicht“ (S. 148) und mithin ein moralisch hochaufgeladenes, aber im Kern religiöses Kontingenzbewältigungssystem für Atheisten.

Oliver Hidalgo diskutiert das Thema weniger polemisch aus demokratietheoretischer Perspektive und verweist warnend auf die damit einhergehende Polarisierung in der Gesellschaft (S. 155), die er in Analogie zur Zwischenkriegszeit des frühen 20. Jahrhunderts sieht. In der Konfrontation der antagonistischen, dabei zunehmend fundamentalistisch argumentierenden Lager sieht Hidalgo die Kritiker der Identitätslinken in der Gefahr, den in Demokratien völlig normalen und funktionalen Prozess (der moralischen Abwertung politischer Gegner) als ‚unnormal‘ darzustellen (S. 171 f.). Tabuisierte Themen im politischen Diskurs (etwa die gesellschaftlichen Kosten von Einwanderung) artikulierten sich jedoch in radikalisierten Minderheiten. Der Autor spricht sich daher dafür aus, ein öffentliches Klima zu erhalten, das eine möglichst breite Artikulation politischer Positionen in der Öffentlichkeit ermöglicht.

Maria-Sibylla Lotter knüpft in ihrem Beitrag an Francis Fukuyama an und verbindet Kostners Thesen mit dessen Einschätzungen zum Bedeutungsgewinn von Identitätspolitiken im 21. Jahrhundert. Postkoloniale Schuld- und Schamgefühle werden als essentiell für erstarkende Opferidentitäten angesehen: Der Opferstatus ist „selbst zu einer politischen Macht geworden“ (S. 194). Dabei formieren sich durch gesellschaftliche Zuschreibung (bzw. auf individueller Ebene: auch Unterstellung) kollektiver Opfererfahrungen neue tribalistische Gruppen, die wiederum untereinander in Konkurrenz um Status und Unterstützung treten (S. 201). Im Anschluss an Böckenfördes Satz von den Voraussetzungen des freiheitlichen, säkularen Staates, die dieser aus sich selbst nicht garantieren kann (S. 205) plädiert Lotter zur Befriedung neotribalistischer Konkurrenzen für die Förderung einer offenen Debattenkultur als „Leitkultur“ unserer Gesellschaft.

Stefan Luft plädiert in seinem Beitrag dafür, den „Verstand (zu) bewahren“ und kritisiert sich als progressiv verstehende politische Bewegungen wie #unteilbar anhand ihrer programmatischen Aufrufe als Beiträge zur Spaltung bzw. Polarisierung der Gesellschaft, da sie im Namen eines Moralismus die „Grenzen des Sagbaren“ immer enger zögen (S. 211). Luft kritisiert die zunehmend „aggressive Sprache, die zur vorgeblichen Verteidigung von Menschenrechten und Humanität eingesetzt wird“ (S. 212) und sieht meint, dass insbesondere Migrationsforscher, die vom hegemonialen Diskurs abweichende Positionen zur Einwanderungspolitik moralisch diskreditieren nicht zur politischen Argumentation beitragen und die Demokratie untergraben (S. 219).

Elham Manea versucht zu zeigen, wie das „Schuldbewusstsein der ‚Weißen‘ dem Islamismus Vorschub leistet.“ Auch hier wird von der gesellschaftlichen Polarisierungsthese in den sozialwissenschaftlich dominanten postkolonialen Theorien ausgegangen, wobei die essentialistische Reduktion von Menschen auf ihre nationale und religiöse Identität als ursächlich für westlichen Kulturrelativismus und die Entstehung eines „pluralen Monokulturalismus“ angesehen wird (S. 223). Am Beispiel der Förderung der Muslimbruderschaft (als Vertreter einer solcher monokulturalisierten Gruppen) durch die politischen Eliten in Schweden kann Manea sehr differenziert zeigen, dass und wie der Islamismus im Namen von Integrationsbemühungen und der Gewinnung von neuen Wählergruppen aktiv gefördert wurde (S. 247 f.).

Boris Palmer reflektiert seine eigenen Erfahrungen, als grüner Oberbürgermeister von Tübingen im Jahr 2018 zum Opfer von Rassismusvorwürfen geworden zu sein. Palmer findet in den Analysen Kostners (endlich) einen Deutungs- und Verständnisrahmen für seine persönlichen Erfahrungen (S. 261). Der Beitrag ist mithin als Einzelfallstudie zur Auswirkung der identitätslinken Ausschließungsstrategien zu verstehen. Palmer hofft, dass die Identitätslinke Einsicht in die Notwendigkeit einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit den blinden Flecken ihrer Weltwahrnehmung entwickelt, um den Machtgewinn rechter und rechtsextremer Kräfte einzudämmen.

Roland Preuss plädiert für einen klugen Diskriminierungsschutz als Voraussetzung von Leistungsgerechtigkeit (S. 268) und widerspricht dabei Kostners Annahmen von (rein) subjektiver Diskriminierungserfahrungen in unserer Gesellschaft. Preuss geht von der objektiven Benachteiligung von Migranten in Deutschland aus – schlägt aber gerade nicht eine identitätspolitische Gruppenförderungspolitik als Lösung vor, sondern insistiert darauf konsequent „das Leistungsprinzip diskriminierungsfrei anzuwenden“ – für Individuen, nicht Gruppen (S. 276).

Christof Roos fragt nach Wegen, die Einwanderungsgesellschaft liberaler zu gestalten. Rationaler Dialog und gegenseitiger Respekt sollten hierfür die politische Kommunikation bestimmen. Moralisierende Verabsolutierung von (identitätslinken) Positionen verstoßen gegen die Grundprinzipien des Liberalismus und entmündigen letztlich die Bürgerinnen und Bürger bei der Organisation des Zusammenlebens.

Roland Springer kritisiert in seinem, den Band beschließenden, Beitrag die „Ideologie der Weltoffenheit“, deren „linke“ Ausrichtung der Autor allerdings stark in Zweifel zieht. Springer ist der erste und einzige Autor des Bandes, der die begrifflich naheliegenden Parallelen zwischen identitätslinken und rechts-identitären Positionen (in der gleichnamigen Jugendbewegung) explizit thematisiert (S. 291). In Bezug auf die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen stünden die linke Parteien in anderen europäischen Ländern nach Auffassung Springers heute vielfach eher dort, wo sich in Deutschland die AfD bzw. die Identitäre Bewegung sich positionieren: Als Vertreter einer protektionistischen Arbeitsmarktpolitik zur Milderung globalisierungsbezogener Ungerechtigkeit. Die Agenda identitätslinker Akteure sei mithin Ausdruck einer Verbürgerlichung linken Denkens und der Übernahme arbeitnehmerfeindlicher Positionen (Senkung des nationalen Lohnniveaus durch Förderung von Arbeitskräftemigration). Springer diagnostiziert den Umbau der tradierten politischen Lager: rechts-konservative und links-progressive Parteien in Deutschland und Frankreich koalieren im Sinne kapitalistischer Globalisierung gegen globalisierungskritische, rechte, Parteien Bewegungen die im Namen der Interessen der „einheimischen Bevölkerung“ (S. 307) aufträten. Springer schließt mit Goodhart, dass „Einwanderung die aggressivste Form der Globalisierung“ (S. 308). darstelle und die sie befürwortenden Identitätslinken sich von ihrem ursprünglichen Klientel, der Arbeiterschaft, nachdrücklich abgewandt hätten.

Diskussion

Beim Lesen des Bandes drängen sich zunächst Parallelen zu den literarischen Werken von Dietrich Schwanitz auf, die bereits sehr früh (Sein Roman „Der Campus“ wurde 1995 veröffentlicht) auf eine ironisch-satirische Weise die Thematik machtpolitisch instrumentalisierter Gleichstellungspolitik an Universitäten aufgriffen, die dem Thema vielleicht auch heute bisweilen wieder gut täte. Gleichwohl ist der zugehörige Diskurs innerhalb wie außerhalb der Hochschulen heute in mancherlei Hinsicht wesentlich festgelegter und emotionsbeladener als vor 25 Jahren.

Es ist festzuhalten, dass die These eines wechselseitigen Profitierens von Moralunternehmern als Mitglieder von „Täterkollektiven“ und „Opfergruppen“ im diskursiven Rahmen der identitätslinken Läuterungsrituale zu Lasten einer nicht involvierten Mehrheitsbevölkerung im Feld der heutigen Sozial- und Geisteswissenschaften durchaus als „Nestbeschmutzung“ wahrgenommen werden dürfte. Dieses (auch persönliche) Risiko im Namen der Freiheit wissenschaftlichen Räsonierens auf sich genommen zu haben, ist der Herausgeberin hoch anzurechnen.

Schon in der Einleitung (S. 14) antizipiert die Autorin den möglichen Backlash: „Bist du dir sicher, dass du das wirklich publizieren willst? (…) Hast Du keine Sorge, dass Dir so ein Text schaden wird?“ So nachvollziehbar und plausibel diese Bedenken sein mögen, zeigen sie doch zugleich auf, dass das analysierte Feld und seine Strukturen auch Gültigkeit für den Band und seine Beitragenden selbst beanspruchen können.

Identitätslinke Läuterungsagenden schaffen in ihrer Anklage der vorgeblich „Privilegierten“ zugleich neue selbst definierte Opfergruppen, die aus ihrem Status aber gerade keinen Profit bei den Eliten schlagen, dafür aber beim neuen Prekariat der Globalisierung: Auch die rechte „Alternative für Deutschland“ oder die „Identitäre Bewegung“ können beispielsweise als „Opferentrepreneure“ aus ihrem gesellschaftlichen Paria-Status Profite bei anderen – im Sinne der Identitätslinken ‚privilegierten‘ – Wählergruppen schlagen.

Die Dialektik von Selbst- und Fremdausgrenzung als Spiel um gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe gilt folglich auch auf der ‚rechten‘ Seite des Politischen Spektrums und wird hier indirekt und spiegelverkehrt durch die tonangebende identitätslinke Agenda geprägt. Am ehesten hat Roland Springers Beitrag dies im Blick. Dennoch wäre für eine ausgewogene Perspektive auch die Einbeziehung der politisch rechten und rechtsextremen Opferstatus-Profiteure instruktiv gewesen.

Deutlich wird in jedem Falle, dass eine aufgeklärte, pluralistische und freiheitlich/​liberale Gesellschaft ihr Politik- und Kulturverständnis nicht auf einer metaphorischen Machtgefällelogik (Opfer/Täter) aufbauen kann, um ihren Mitgliedern die anzustrebende Begegnung von Mensch zu Mensch auf „Augenhöhe“ zu ermöglichen. Keine historische Gruppenerfahrung rechtfertigt die Suspension des Einzelnen von der Verantwortung für seine individuelle Lebensführung und Integration – keine staatliche Kompensationspolitik kann eine Gleichstellung durch exklusive Bevorzugung von Menschen als Träger zugeschriebener Gruppenmerkmale als „gerecht“ durchsetzen. Eine Moralisierungspolitik im Sinne der Läuterungsagenda kommt über das seit Friedrich Nietzsches Kritik christlicher Machtpolitik auf der Basis des Ressentiments geläufige ‚abendländische‘ Schema nicht hinaus.

Ein Erkenntnisgewinn besteht vor allem in der Dokumentation und kritischen Herausstellung der Blindheit identitätslinker Akteure für ihr eigenes Tun: Indem sie einerseits im vollen Bewusstsein ihrer kritisch-aufklärerischen Verantwortung das sozialkonstruktivistische Analysewerkzeug an jedwede Identitätszuschreibung auf Seiten der „eurozentrischen, weißen Tätergruppe“ ansetzen und Konzepte wie „Deutschland“, „Nation“, „Volk“, „Familie“ und gar „Staat“ als das sezieren, was sie sind: Historische Institutionalisierungsformen von Machtstrukturen unter Rekurs auf naturalisierende oder religiöse Legitimationsideologien zur Gruppenbildung im Interesse davon profitierender Akteure – sind sie zugleich auf Seiten der „Opfergruppen“ eifrig an der diskursiven Neukonstruktion ebensolcher „Imagined Communities“ (Anderson 2005) aktiv beteiligt.

Damit haben sie den Boden sozialwissenschaftlicher Analytik verlassen und treten ein ins Feld des Politischen, dessen Unterscheidungslinien eben auch auf der Ebene von „Freund“ und „Feind“ verlaufen (vgl. das Wesen des Politischen bei Carl Schmitt). Daher fördern identitätslinke Diskursstrategien die Tribalisierung (Maffesoli 1995) spätmoderner Gesellschaften, indem sie die Selbstbeharrungstendenzen (auch) antiliberaler Gruppenidentitäten stützen und deren Interessen stärken.

Was aber sind die Fehlstellen in der Argumentation?

Zunächst ist festzustellen, dass es bei Kostners Kritik der identitätslinken Läuterung vor allem um die Durchsetzungsform der damit verbundenen Diskursmacht (Foucault) geht und weniger um eine differenzierende Bestandsaufnahme der konkreten Felder, in denen gesellschaftliche Ausschließungsprozesse die Teilhabe von bestimmten Personengruppen aufgrund von nicht durch die Person unmittelbar beeinflussbaren, aber majoritätsgesellschaftlich negativ konnotierten Merkmalen (Hautfarbe, Geschlecht, Körperbau) faktisch einschränken. Daher ‚funktioniert‘ die Argumentation des Bandes prinzipiell eher dort, wo ihn der Untertitel und die beiden Leitfragen der Autorin (S. 15) auch verortet: Als Kritik nichtintendierter Nebenfolgen einer Förderung essentialistischer Kulturkonzepte bei der Gleichstellungspolitik ethnischer Gruppen bzw. von Migranten und Migrantinnen (Stichwort: islamisches Frauenbild). Diesem Strang folgen auch die meisten Beitragenden. Dabei gelingt es nur Manea, auch einmal die realisierten „Opferstatus-Gewinne“ für bestimmte (problematische) Gruppen nachvollziehbar herauszustellen. Die Mehrzahl der Artikel fokussiert auf die politische (Un-)kultur der Umsetzung bzw. des Diskursausschlusses gegenüber Skeptikern linker Identitätspolitik.

Der zwischen allen Zeilen erkennbare, aber nicht explizit thematisierte ‚grüne Elefant‘ im Diskursraum des Bandes, dürfte die gerade in Deutschland relevante Verortung von Täter/Opfer- bzw. von Schuld/Sühne/Vergebungskomplexen in der historischen kollektiven Erfahrung der Shoah darstellen. Ohne ein klare Bezugnahme (sei es als Abgrenzung oder als Eingemeindung) zu dieser kollektivpsychologischen Fundierung von Schuld und Läuterung kann die Tragfähigkeit der Rede von Täter- und Opferentrepreneuren nicht geprüft werden. Allerdings legt der Aufsatz von Kostner den Eindruck nahe, dass die Autorin einer Deutung zustimmen würde, nach der die „Identitätslinke“ gerade durch ihre diversitätspolitischen Agenden die Singularität der Shoah im kollektiven Gedächtnis untergraben und das Verhältnis der durch sie entstandenen Täter- und Opferkollektive in einen breiten und diffusen Horizont weiterer Schuldkomplexe nivellieren würde. 

Nicht diskutiert wird, warum Kostner ausgerechnet wirtschaftliche Begriffen (Entrepreneure, Opferstatusgewinne etc.) zur Kritik der Läuterungsagenda so nahezuliegen scheinen? Oder anders gefragt: Warum die Argumentation letztlich darauf hinausläuft, eine ungerechte/​ungleiche Positionierung der Akteure auf dem Markt politischer Anerkennung zu kritisieren? Einerseits spräche die Entstehung eines solchen Marktes für die (ihrerseits kritisierenswerte) Durchdringung der Wirtschaftslogik ins Feld von Politik und letztlich auch Humanismus. Wenn die menschenrechtliche Anerkennung von Anderen als Marktgeschehen gedeutet wird, bei dem Menschenrechte gegen „Opfer- bzw. Täterstatusmerkmale“ getauscht würden, dann bedeutete eine solche Vermarktlichung das Ende jeder ethischen Abwägung.

Grundsätzlich leidet der Band unter einem Mangel an argumentativem Gegenwind von Beitragenden aus dem kritisierten Lager. Dimitri Almeida deutet an, in welche Richtung hier eine Verteidigung gleichstellungspolitischer Ideen gehen könnte, bleibt aber argumentativ schwach, indem er differenzierend auf die reale Pluralität der von Kostner unter „identitätslinks“ rubrizierten Akteure hinweist. Insgesamt – das räumt die Herausgeberin auch ein – überwiegt ein affirmativer Gestus gegenüber ihren Thesen.

Fazit

Hätte der Titel des Bandes „Rechtsidentitäre Überlegenheitspropaganda – Eine Debatte zu ihren Gefahren für Migrationsgesellschaften“ gelautet, dann wäre die Einordnung des Textes völlig unproblematisch: Es wäre ein kritischer Reader zur Gefahr rechtspopulistischer bzw. rassistischer Gruppenkonstruktionen auf Grundlage von naturalisierten Identitätskonstrukten. Nun geht es darin aber nicht um (identitäre/völkische) Rechte, sondern um „(Identitäts-)Linke“, und es geht um eine Kritik diskursiver Machttechniken, die weniger über eine ethnokulturelle Abwertung von „Fremden“ als vielmehr über die moralisierende „Läuterung“ der „eigenen“ Gesellschaft funktionieren.

Insgesamt sind die Beiträge des Bandes auf recht unterschiedlicher analytischer „Flughöhe“ und weisen – das ist z.T. als konzeptimmanentes Problem anzusehen – einige Redundanzen in Darstellung und Argumentation auf.

Deutlich wird – und das ist angesichts des verminten Diskursfeldes von Belang – dass die Position von der aus argumentiert wird gerade keine rechtspopulistische bzw. nationalistische ist, sondern sich den Prinzipien der liberalen offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers verbunden fühlt. Es geht den Autorinnen und Autoren nicht um eine pauschale Kritik an der Migrationsgesellschaft oder der politischen Handhabung von Einwanderungsprozessen sondern um die gerechte Organisation von Teilhabe unterschiedlichster Individuen an und in einer pluralistischen freiheitlichen Gesellschaftsordnung unter den Prämissen von Chancengerechtigkeit, Meritokratie und Leistungsorientierung. Kommt es zu den realpolitischen Implikationen dieser Positionierung, dann hätten die Beitragenden gern deutlicher werden dürfen: Es wäre nicht bei einer (Ideologie-)Kritik der identitätslinken Läuterungsagenda stehenzubleiben, sondern deren Konsequenzen für das Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen „Identitätskontexten“ in tribalisierten Gruppen wären zu explizieren. Eine Möglichkeit könnte beispielsweise in den gesellschaftlich empfohlenen Verhaltensweisen respektvoll-distanzierten Umgangs miteinander liegen, die Hellmuth Plessner schon 1924 in den seinem Werk „Grenzen der Gemeinschaft“ entwickelt hat.

Was Sandra Kostner und ihre Beitragenden in diesem Band leisten ist nichts weniger als eine notwendige liberale Ideologiekritik zeitgenössischer Ideen zum Thema: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ Damit eignet er sich sehr gut zur kritischen Auseinandersetzung mit gleichstellungskritischen Positionen in Seminaren zur Sozialphilosophie oder Berufsethik in der Sozialen Arbeit. Hier fehlten bislang aktuelle und ‚zitierfähige‘ Quellensammlungen.

Literatur

Anderson, Benedict R. O'G (2005): Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. 2., um ein Nachw. erw. Aufl. Frankfurt/Main, New York: Campus-Verl. (Campus Bibliothek).

Fukuyama, Francis (2019): Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Unter Mitarbeit von Bernd Rullkötter. Hamburg: Hoffmann und Campe. Online verfügbar unter http://www.hoca.de.

Maffesoli, Michel (1995): The Time of the Tribes. The Decline of Individualism in Mass Society. London: SAGE Publications (Published in association with Theory, Culture & Society).

Nietzsche, Friedrich (2019): Jenseits von Gut und Böse, Zur Genealogie der Moral (Großdruck). 1. Auflage. Hg. v. Theodor Borken. Berlin: Henricus.

Plessner, Helmuth (2016): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. 6. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1540).

Popper, Karl R. (2003): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. 8. Auflage durchgesehen und ergänzt. Hg. v. Hubert Kiesewetter. Tübingen: Mohr Siebeck (Gesammelte Werke, in deutscher Sprache; 6).

Sarrazin, Thilo; Augustin, Annegret; Schwarzmaier, Michael (2014): Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. München: Audio-Media-Verl.

Schmitt, Carl (2018): Der Begriff des Politischen. Synoptische Darstellung der Texte. [1. Auflage]. Hg. v. Marco Walter. Berlin: Duncker & Humblot.

Schwanitz, Dietrich (2005): Der Campus. Roman. Taschenbuchausg., 1. Aufl. München: Goldmann (Goldmann, 45835).

Steele, Shelby (2007): White guilt. How blacks and whites together destroyed the promise of the civil rights era. New York u.a: Harper Perennial.

Stegemann, Bernd (2018): Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik. 1st ed. Berlin: Matthes & Seitz Berlin Verlag.


Rezensent
Prof. Dr. René Gründer
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, Fakultät Sozialwesen
Homepage www.dhbw-heidenheim.de/home/Gn
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Zitiervorschlag
René Gründer. Rezension vom 06.11.2019 zu: Sandra Kostner (Hrsg.): Identitätslinke Läuterungsagenda. Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8382-1307-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26112.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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