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Winfried Böttcher (Hrsg.): Europas vergessene Visionäre

Cover Winfried Böttcher (Hrsg.): Europas vergessene Visionäre. Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2019. 521 Seiten. ISBN 978-3-8487-4583-8. 98,00 EUR.

Reihe: Edition KWV.
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Europa: Sehnsucht oder Abscheu?

Als der „Europäische Konvent“ im Auftrag des „Europäischen Rates“ am 20. Juni 2003 den Entwurf eines Vertrags über eine Verfassung für Europa vorlegte, tat sich eine Tür auf, die dem Jahrtausende alten Nachdenken über die Bedeutung des abendländischen Kontinents einen neuen Schwung und Perspektiven zu geben schien: Es ist das „Bewusstsein, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner, die ihn seit den Anfängen der Menschheit in immer neuen Schüben besiedelt haben, im Laufe der Jahrhunderte die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründeten: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft“. Dieser idealisierten Idee wurde in der Präambel des europäischen Verfassungsentwurfs ein prominenter Platz zugewiesen. Aus egoistischen, ethnozentristischen und nationalistischen Gründen der Regierungen in Europa ist es bisher nicht gelungen, eine europäische Verfassung zu etablieren.

Entstehungshintergrund

Das Nachdenken über die vergangenen europäischen Entwicklungen stellt sich janusköpfig dar. Eine „europäische Identität und Dimension“, wie sie z.B. in der Entschließung des Rates und der im Rat Vereinigten Minister für das Bildungswesen vom 24. Mai 1988 gefordert und bereits mit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. Juni 1978 – „Europa im Unterricht“ – als Bildungsauftrag ausgewiesen wurde, ist weiterhin nicht in Sicht. Europa hat zwei Gesichter, „eine doppelte Identität, schwankend zwischen Gut und Böse“, zwischen Krieg und Frieden, Ideologie und Hoffnung, Revolution und Evolution, Demagogie und Versöhnung, Herrschaft und Anpassung, Fortschritt und Rückschritt (Enrique Barón Crespo, Das Doppelgesicht Europas, in: UNESCO-Kurier 7-8/1992, S. 5f). Insbesondere in der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden (Einen?) Welt stellt sich die Idee EUROPA als Herausforderung und Hemmschuh dar: Ist der Kontinent Europa Hegemon oder Zwerg? Ist dem homo determinans, dem auf Selbstbestimmung ausgerichteten Lebewesen bewusst, dass ohne Vergewisserung der Vergangenheit keine Visionen für die Zukunft entwickelt werden können? Sind es unrealistische Utopien, sich ein geeintes Europa vorzustellen und es verwirklichen zu wollen? Ist das Universelle europäisch oder mundan?

Herausgeber

Der Aachener Politikwissenschaftler Winfried Böttcher lässt nicht locker! Er ist überzeugt, dass ein Vereinigtes Europa notwendig und sinnvoll ist. Bereits 2014 versammelte er in einem gewichtigen, lexikalischen Werk zahlreiche Expertinnen und Experten, um über „Klassiker des europäischen Denkens“ zu informieren (Winfried Böttcher, Hrsg., Klassiker des europäischen Denkens. Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17006.php). Mit einem „Hau-Ruck“ – und angesichts der verstörenden Europa-Skepsis und -Ablehnung -nimmt er die Vision für einen „ewigen Frieden“, der nur mit europäischer und globaler, friedlicher und gerechter Gemeinsamkeit möglich ist.

Aufbau und Inhalt

Im Geleitwort zum Buch (S. 7ff) weist der österreichische Schriftsteller und politische Essayist Robert Menasse darauf hin, dass „Utopie“, im Zusammenhang mit dem Wollen und Sollen für ein Vereintes Europa unangebracht sei; es gehe vielmehr um eine Reflexion des bisher erreichten, in Kritik der unproduktiven Widersprüche des Status quo, in Kritik der Visions-Ignoranz der gegenwärtig europapolitisch Verantwortlichen, in Kritik der Geschichtsvergessenheit der europäischen Völker, die eingelullt werden von nationalen Mythen. Die Gestaltung des Sammelbandes orientiert sich an der Systematisierung, wie sie Böttcher bereits beim Lexikon über die europäischen Klassiker vorgenommen hat. Es sind vier Kapitel: Im ersten reflektiert der Herausgeber den „Möglichkeitssinn“ unseres Bildes und Denkens von Europa; im zweiten stellt er in Kurzporträts die europäischen Visionäre vor, die er geschichtlich differenziert: „Auf dem Weg in die Frühe Neuzeit“ – „Die Aufklärung und ihre Folgen“ – „Der Umbruch zur Moderne“ – „Die beiden Urkatastrophen und die Zeit danach“. Im dritten Kapitel skizzieren Expertinnen und Experten die einzelnen „vergessenen Visionäre“; und im Epilog entwickelt Böttcher seine (phantastische) Vision „Zur Zukunft Europas“.

Die Autorinnen und Autoren, die die „vergessenen Visionäre“ vorstellen, kommen aus zwölf Ländern. Es sind Historiker, Juristen, Sozial- und Sprachwissenschaftler von 16 europäischen und zwei außereuropäischen Universitäten und Freischaffende. Der Schweizer Philosoph Peter Bieri bringt auf den Punkt, was bei dem Unternehmen, vergessene europäische Visionäre zu erinnern, herauskommen kann: Sie können helfen, darüber nachzudenken, wie unser Bild von Europa entstanden ist, und „es in die Zukunft hinein fortzuschreiben“ (siehe dazu auch: Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15601.php).

Mit dem o.a. Gliederungsschema stellen im Hauptteil des Sammelbandes die Autorinnen und Autoren die „vergessenen Visionäre“, beginnend im Mittelalter und endend in der Neuzeit, vor:

Auf dem Weg in die Frühe Neuzeit.

  • Der Jurist und Pionier des (europäischen) juristischen Denkens und Entscheidens, Bartolus de Saxoferrato (1313/14 – 1357), porträtiert vom Erfurter Völkerrechtler Hermann-Josef Blanke.
  • Der Historiker und „Entdecker der Geschichte“, Francesco Guicciardini (1483 – 1540), vorgestellt von Volker Reinhardt
  • Der Begründer der juristischen „Schule von Salamanca“, Francisco de Vitoria (um 1483 – 1546), von der Regensburger Sprachwissenschaftlerin Marina Ortrud M. Hertrampf.
  • Der Theologe und Philosoph Sebastian Franck (1499 – 1542) mit seiner Kritik an der weltlichen Herrschaft, erinnert vom Kieler Politikwissenschaftler Wilfried Röhrich.
  • Der Vordenker des modernen Natur- und Völkerrechts, Fernando Vázquez de Menchaca (1512 – 1569), von Marina Ortrud M. Hertrampf.
  • Der Vielschreiber Alfonso de Ulloa (ca. 1525 – 1570) wirkte als Kulturvermittler zwischen Spanien und Italien. Er suchte nach den gemeinsamen Werten, die die europäischen Völker miteinander verbindet, von Marina Ortrud M. Hertrampf.
  • Der Poet und Gegenspieler Machiavellis, Giovanni Botero (1544 – 1617) hat über die „Staatsraison“ geschrieben. Er leitet einen Perspektivenwechsel im europäischen, politischen Denken ein. Der Erfurter Politikwissenschaftler Alexander Thumfart informiert über ihn.
  • Der Jesuit und Scholastiker Francisco Suárez (1548 – 1617) trat für die Ablösung des Naturrechts durch das Völkerrecht ein und kann so als Vordenker von Staatenvereinigungen verstanden werden, von Marina Ortrud M. Hertrampf.
  • Der englische Parlamentarier Edwin Sandys (1561 – 1629) plädierte mit geschliffener Rede für Toleranz in einem gespaltenen Europa. Der Rostocker Politik- und Entwicklungsexperte Jörn Dosch informiert über Sandys‘ Weltsicht.

Die Aufklärung und ihre Folgen

  • Die Unterzeichnung der Vereinbarungen zum „Westfälischen Frieden“ war für den niederländischen Historiker und Sprachwissenschaftler Marcus Zuerius Boxhorn (1612 – 1653) Anlass, aufgeklärtes, freiheitliches Denken als Europa-Perspektive zu erkennen, vorgestellt von der Jülicher Politologin Johanna Krawczynski.
  • Der englische Adelige Richard Zouche (1590 – 1661) trat für ein Völkerrecht ein, das auf der moralisch begründeten Selbstbeschränkung der Staaten beruhte, von Jörn Dosch.
  • Der Schleswig-Holstein-Gottorfer Staatsmann Samuel Rachel (1628. 1691) setzte sich in seinen Völkerrechtsschriften für „ein römisch-christliches Europa zwischen Föderalismus und Fetialen-Kommission“ ein, erläutert vom Münsteraner Gelehrten Mariano Barbato.
  • Der sächsische Jurist, Natur- und Völkerrechtler Samuel (von) Pufendorf (1632 – 1694) zählt zu den wichtigsten Europavisionären. Naturrechtliches Denken und Handeln begründete er mit vier Zuständen: den Stand des Individuums, den natürlichen Zustand, die bürgerliche Gesellschaft und das Verhältnis der Republiken untereinander, aufgeschlossen vom Mainzer Historiker Martin Espenhorst.
  • Der Hallenser Philologe, Orientalist und Pädagoge Christoph Cellarius (1638 – 1707) begründete sein Europabild auf der dreigeteilten, historischen Entwicklung: das antike, das mittelalterliche und das neue Europa, ebenfalls von Martin Espenhorst erklärt.
  • Das politische und gesellschaftliche Anliegen des englischen Quäkers und christlichen Sozialisten John Bellers (1654 – 1725) war es, den Regierungen und Regierten bewusst zu machen, dass Kriege Unglück und Frieden Glück und Wohlfahrt bedeuten, von Winfried Böttcher.
  • Der rückwärts schauende neapolitanische Visionär Vico Giambattista (1668 – 1744) hat „die Geschichte als ganzheitliche, die Entwicklungen von Kunst, Sprache und Recht in sich aufnehmende Wissenschaft vom Wandel des Menschen in der Zeit begründet“ und damit einen kulturwissenschaftlichen Zugang ermöglicht, von Volker Reinhardt.
  • Der Hallenser Gelehrte Nicolaus Hieronymus Gundling (1671 – 1729) kritisierte die „unzivilisierten Beziehungen der europäischen Staaten untereinander“ und plädierte für eine Friedensinitiative, so Martin Espenhorst.
  • Der aus einer niederländischen Familie stammende, in Marburg und Halle Jura und „Schöne Wissenschaften“ studierende Johann Michael von Loen (1694 – 1776) setzte sich in seinen Schriften für einen „beständigen Frieden in Europa“ ein, vom Kölner Literaturgeschichtler Andreas Anglet vorgestellt.
  • Pierre André Gargaz (1728 – 1801) entwickelte einen „Contrat Social“, eine Friedensschrift, in der die Bürger der Französischen Republik und die aller Nationen aufgefordert werden, ihre Beziehungen und Konflikte friedlich und einvernehmlich zu lösen, ein Ansatz für die Vereinten Nationen? – vorgestellt vom Europahistoriker Wolf D. Gruner (Rostock/Los Angeles)
  • Johann August Schlettwein (1731 – 1802) vertrat die in Frankreich entwickelte „Physiokratische Wirtschaftstheorie“, mit der Gleichgewicht und Gerechtigkeit in den europäischen Staaten hergestellt werden solle, die von den autorisierten Regierungen zu gewährleisten seien, erläutert von der Bonner Historikerin Annabelle Petschow.
  • Der Jurist und Übersetzer Johann Franz v. Palthen (1725 – 1804) kann als Vordenker des 200 Jahre später realisierten Völkerbundes verstanden werden. In den Auseinandersetzungen mit Lessing plädierte er dafür, dass „Widerspenstige“ auch mit Waffengewalt gezwungen werden sollten, friedlich zu sein, von Martin Espenhorst.
  • Dass die europäischen Völker freundschaftlich miteinander umgingen und sich gegenseitig unterstützten, das war die Europa-Idee des Kieler Historikers Dietrich Hermann Hegewisch (1740 – 1812). Er schlug sogar schon vor, eine europäische Währung einzuführen, von Martin Espenhorst.
  • Joseph Marie de Maistre (1753 – 1821) gilt als Vertreter der französischen Gegenrevolution. Im Papsttum sah er die legitime Herrschaftsform in Europa, von Mariano Barbato.

Der Umbruch zur Moderne

  • Ein einheitlicher deutscher Staat sei nur in einem europäischen Staatenbund friedensbildend, ebenso wie ein einheitliches, europäisches Recht, das vertrat Arnold Mallinckrodt (1768 – 1825). Der Historiker Peter Brandt von der Fernuniversität Hagen erinnerte an ihn.
  • Stanislaw Staszic (1755 – 1826) war ein polnischer Geistlicher und Aufklärer. Seine politischen, gemeingesellschaftlichen und ökonomischen Reformvorschläge zielten auf nationalen Wohlstand, dem ein europäischer folgen solle, ausgegraben vom Münchner Slawisten Marc Stegherr.
  • Politisches Gleichgewicht und Subsidiarität, das seien die wesentlichen Grundlagen für eine europäische Republik, so Nikolaus Vogt (1756 – 1836), interpretiert vom Siegener Bildungshistoriker Jürgen Nielsen-Sikora.
  • Der französische Parlamentarier Emmanuel Joseph Sieyès (1748 – 1836) wirkte bei der Verfassungsgebung seines Landes mit und schuf Grundlagen für europäische und Menschenrechtsdeklarationen, von der Aachener Pädagogin Doris Lauer.
  • Ludwig Börne (1786 – 1837) war nicht nur ein deutscher Journalist, Literatur- und Theaterkritiker, sondern auch ein überzeugter, kämpferischer europäischer Republikaner. Freiheit „zielt auf die Abwesenheit von Gewalt durch Herrschaft“, von Winfried Böttcher.
  • Der Göttinger Historiker Arnold Heeren (1760 – 1842) warb mit seinen Schriften für ein universalhistorisches Denken und Handeln, in dem er die Geschichte Europas als Weltgeschichte einband, von Annabelle Petschow.
  • Der preußische Offizier und Generalfeldmarschall Karl Friedrich von dem Knesebeck (1768 – 1848) wird in der Geschichtsschreibung im wesentlichen in seiner militärischen Funktion genannt. Mit seinen (anonymen) Flugschriften und Europaplänen warb er für ein politisches Gleichgewicht der Völker, vom Mannheimer Historiker Erich Pelzer.
  • Als Journalist und Geschichtsforscher trat Jacques Nicolas Augustin Thierry (1795 – 1856) dafür ein, die Feindschaften zwischen England und Frankreich zu beenden, um daraus eine Einigung Europas zustande zu bringen, von Doris Lauer.
  • Der französische Sozialist und Journalist Constantin Pecqueur (1801 – 1887) sah in der Friedenserziehung und Aufklärung die Voraussetzung für eine europäische Einigung, von Jürgen Lauer.
  • Jean-Baptiste André Godin (1817 – 1888) war ein französischer Unternehmer und sozialer Reformer. Mit der „Familistère“ wollte er nationalen und europäischen Wohlstand schaffen, vom Regensburger Kulturwissenschaftler Ralf Junkerjürgen.
  • Der deutsch-baltische Jurist August Michael von Bulmerincq (1822 – 1890) hat mit der 1874 in Leipzig erschienenenSchrift „Praxis, Theorie und Kodifikation des Völkerrechts“ den bis heute gültigen Grundsatz von der Vorherrschaft des Rechts über politische Interesen befördert, vom russischen Wissenschaftler Alexander Erochin.
  • Charles Lemonnier (1806 – 1891) kann als „Kämpfer für Frieden, soziale Freiheit und europäische Einheit“ bezeichnet werden. Seine Visionen und von seinen konservativen Gegnern als „Hirngespinste“ diskriminierten Ideen sind Wirklichkeit und Praxis im europäischen Einigungsprozess geworden, von Ralf Junkerjürgen und Stephanie Wolff-Rohé.
  • Der ungarische Politiker, Journalist und Emigrant Lajos Kossuth (1802 – 1894) sah die Lösung im Konfrontations- und österreich-ungarischen Konfrontations- und Kompromissprozess nur in einer europäischen Einigung, vom Budapester Historiker Gábor Erdödy.
  • Bruno Geiser (1846 – 1898) war ein sozialistischer (SDAP, SAP, SPD) Politiker. Er schrieb und vertrat seine Hoffnungen und Programme von einer sozialen, europäischen Einigung mit dem Pseudonym Kurt Falk, von Marc Stegherr.
  • Der belgisch-französische Ökonom Gustave de Molinari (1819 – 1912) war der Meinung, dass jede Form von Monopolisierung Unrecht und Ungerechtigkeit erzeuge und der für seine Produktion verantwortlich sei, von Stephanie Wolff-Rohé.
  • Der russisch-französische Soziologe Jakov Aleksandrovič Novikov (1849 – 1912) wollte mit einer europäischen Föderation „Europa als Kultureinheit” bilden, von Alexander Erochin.
  • Der französische Sozialist Jean Jaurès (1859 – 1914) sah im Dreiklang „Region – Nation – Internationale” den Weg hin zu einem Vereinten Europa, von Jürgen Lauer.

Die Weltkatastrophe und die Zeit danach

  • Ernest Nys (1851 – 1920), belgischer Politiker und Richter, setzte sich für internationale, gerechte Friedensgespräche und -verhandlungen, und für die Bildung eines Internationalen Gerichtshofs ein, von Wolf D. Gruner.
  • Der ignorierte und vergessene österreichische Völkerrechtler und Friedensaktivist Heinrich Lammasch (1853 – 1920) hätte es verdient, dass seine Arbeiten, z.B. zum Asylrecht, in die Tat umgesetzt werden, vom Innsbrucker Historiker Gerhard Oberkofler.
  • Der Theoretiker des Pazifismus, Otto Umfrid (1857 – 1920), war sich sicher, dass die “soziale Frage” nur dann gelöst werden könne, wenn die internationale Frage gelöst sei, so die Grazer Europawissenchaftlerin Anita Ziegerhofer.
  • Max Leonard Waechter (1837 – 1924) war ein preußisch-britischer Industrieller, der nicht allein aus ökonomischen Gründen für eine Europäische Föderation nach dem Beispiel der USA eintrat, von Wolf D. Gruner.
  • Goldsworthy Lowes Dickinson (1862 – 1932) war ein britischer Philosoph und Pazifist. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten gilt er als geistiger und inhaltlicher Mitgestalter des Völkerbundes, von Wolf D. Gruner.
  • Der Pfälzer Geograf Karl Theodor von Traitteur von Luzberg (1756 – 1830) vertrat in seinen wissenschaftlichen Werken zur Menschheitsgeschichte und zur Wohlfahrt der Menschheit die Auffassung, dass die individuelle und kollektive Sicherheit Frieden in der Welt möglich mache, von Wolf D. Gruner.
  • Der Jurist und Sozialist Hermann Heller (1891 – 1933) zählte zu den wichtigsten Staatstheoretikern der Weimarer Republik. Seine Überzeugung, dass die politische Kultur Bedeutung für Demokratie und Staat habe, ist erinnerungswert, von Rüdiger Voigt.
  • Henri Pirenne (1862 – 1935): „Pirenne ist eine der größten Persönlichkeiten der europäischen Geschichtswissenschaft am Ende des 20. Jahrhunderts gewesen…“, so die Einschätzung über den belgischen Historiker. Unter anderem setzte er sich mit der Bedeutung des Islam im historischen, europäischen Werden auseinander, vom Aachener Geschichtswissenschaftler Max Kerner.
  • Walter Schücking (1875 – 1935) wird in der Zunft der Völkerrechtler genannt, in der öffentlichen Wahrnehmung jedenfalls kaum. Dabei sind seine Überlegungen zum „Möglichkeitssinn“ als „Frieden durch Recht“ nach wie vor gültig, von Winfried Böttcher.
  • Walter Hasenclever (1890 – 1940) war in der Zeit der Weimarer Republik ein viel beachteter Theaterautor und Journalist. Sein Thema war: Kampf dem Faschismus und Nationalismus. Seine Literatur wurde von den Nazis verbannt und verbrannt, und er wurde ins spanische Exil getrieben, von Jürgen Lauer.
  • Der neapolitanische Politikwissenschaftler Guglielmo Ferrero (1871 – 1942) hat die Fragen nach der europäischen, demokratischen Legitimität gestellt und den „Geist des Gemeinwesens“ hervorgehoben, von Jürgen Lauer.
  • Benedetto Croce (1866 – 1952) hat in seinen Schriften besonders darauf hingewiesen, dass die Verbundenheit mit den geistigen und sittlichen Werten das gemeinsame Erbe der Völker Europas sei, von Hermann-Josef Blanke und Pauline Mische.
  • Der französische Abgeordnete Edouard Herriot (1872 – 1957) erhielt 1954 vom Weltfriedensrat den Internationalen Friedenspreis für sein ständiges, politisches Bemühen um die europäische Einigung, von Jürgen Lauer.
  • Der italienische Historiker Federico Chabot (1901 – 1960) ging in seinen Forschungen insbesondere den Fragennach der prägenden Bewusstseins- und Identitätsbildung der „Europäer“ nach und setzte sich mit objektiven und subjektiven Meinungen auseinander, von Alexander Thumfart.
  • Der Völkerrechtler Hans Wehberg (1885 – 1962) suchte in seinen Werken nach lebenden Verbindungen von Pazifismus und Völkerrecht. Er befürwortete die Etablierung von Internationalen Organisationen und deren Wirken für Frieden, von Anita Ziegerhofer.
  • Oskar Halecki (1891 – 1973) war österreichisch-polnischer Wissenschaftler für osteuropäische Geschichte. In seinem Buch „Europäisches Jahrtausend“ zeigt er die janusköpfige Entwicklung Europas zwischen 962 bis 1962 auf und beklagt, dass der Westen im Laufe der tausendjährigen Geschichte kein Interesse an Osteuropa gezeigt habe, von Winfried Böttcher.
  • Der britische Administrator und Politikwissenschaftler James Arthur Salter (1881 – 1975) engagierte sich beim Völkerbund und später, zusammen mit Jean Monnet, bei der Vorbereitung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), von Wolf D. Gruner.
  • Der niederländische Bankier und Politiker Johan Willem Beyen (1897 – 1976) sah in der (realistischen) Politik der Regionalisierung die beste Möglichkeit zur Supranationalität. Sein (vergessenes) politisches Wirken um die ökonomische und politische Einigung Europas ist weiterhin Aufforderung, von Johanna Krawczynski.
  • Die europäischen Aktivitäten des spanischen Diplomaten und Schriftstellers Salvador de Madariaga y Rojo (1886 – 1978) sind geprägt von den Mühen und Imponderabilien der spanischen Identitätsfindung. Sein Rückgriff auf völkerpsychologische und kulturmorphologische Elemente können heute Anregung zur Auseinandersetzung sein, wie der Historiker von der Universität Bilbao, Carl Antonius Lemke Duque, meint.
  • Der britische Historiker Denys Hay (1915 – 1994) setzte sich mit den Fragen nach der europäischen und nationalen Identität auseinander. Er sah in den politischen Krisen und Rückschlägen zwar Stoppstraßen, aber zum Bau eines gemeinsamen Europas „the Emergence of an Idea“, von Jörn Dosch.
  • Beim Reigen der „vergessenen Visionäre“ bildet der französische Rechtswissenschaftler Guy Héraud (1920 – 2003) den Abschluss. Mit der Idee „L’Europe des Ethnies“ argumentierte er mit föderalistischen, pluralistischen und autonomen Gedanken: „Es ist Raum für das Konzept eines ‚europäischen Volkes‘ im konstitutionellen Sinn“, von Jürgen Lauer.

Fazit

Die Frage nach der Zukunft Europas ist eine aktuelle und drängende. Sie lässt sich nur beantworten, wenn es gelingt, die Entstehungsgeschichte der europäischen Idee und Vision zu analysieren und sich mit den janusköpfigen Entwicklungen der Völker im Kontinent Europa auseinander zu setzen. Die Europäische Union ist ein Anfang, keine zementierte Mauer. Um sie weiterzuentwickeln bedarf es des Intellekts, der Information und der Identifikation mit einem gemeinsamen Europa: „Der Hauptstörenfried für eine grundlegende Reform der EU ist der Nationalstaat“ (S. 503). Winfried Böttcher macht einen ungewöhnlichen Reformvorschlag: „Die beiden Nationalstaaten Frankreich und Deutschland verlassen die Europäische Union… und begründen in einem Gesellschaftsvertrag die Europäische Republik, die ihren BürgerInnen Rechtsgleichheit garantiert…“. So unwahrscheinlich und unmachbar diese Idee erst einmal erscheint, lohnt es sich, sie zu diskutieren und vielleicht sogar auszuprobieren.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.10.2019 zu: Winfried Böttcher (Hrsg.): Europas vergessene Visionäre. Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2019. ISBN 978-3-8487-4583-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26113.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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