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Ulrich Ladurner: Der Fall Italien

Cover Ulrich Ladurner: Der Fall Italien. Wenn Gefühle die Politik beherrschen. Edition Körber (Hamburg) 2019. 240 Seiten. ISBN 978-3-89684-273-2.
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Der Fall der Fälle

In den Analysen, Bestandsaufnahmen, Prognosen und Visionen über den Zustand der Individuen, der Kollektive und über die Welt wird nicht selten als Exempel die Entwicklung von Gesellschaften und Völkern herangezogen. Dabei werden die Diskrepanzen, die Vorstellungen des Wollens und Sollens, Theorie und Praxis des gerechten und ungerechten Zusammenlebens der Menschen ins Feld geführt. Es wird das Dilemma thematisiert, dass Anspruch und Wirklichkeit oftmals auseinanderklaffen, und rationales und emotionales Denken und Tun nicht zusammen finden. Dort, wo Pathos und Affekte überwiegen, versagt der Verstand, und es gerät aus dem Gleichgewicht, dass „Emotionen Bewegungen der Seele“ sind (Aristoteles).

Entstehungshintergrund

„Der Fall Italien“ kann als eine Erzählung von einem Land gelesen werden, in dem Menschen leben, die durch fehlende, schleppende oder fehlgesteuerte ökonomische und politische Entwicklungen in ihrer Existenz bedroht sind und sich auf den Weg machen, anderswo ihr Auskommen und ein besseres Leben zu finden. Wir reden nicht von den so genannten „Gastarbeitern“, die ab den 1950er Jahren in das „Wirtschaftswunderland“ Deutschland auswanderten und meist hier blieben, sondern von meist jungen, gut ausgebildeten Italienern, die in den letzten Jahren ihr Land verließen, weil sie dort keine angemessene Arbeit fanden und keine Perspektiven erkannten. In der Statistik wird nachgewiesen, dass dies 2017 rund 270.000 Menschen waren.

Autor

Der österreichische Journalist Ulrich Ladurner hat mehrere Jahre als Auslandskorrespondent für die Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT über Konfliktgebiete in der Welt berichtet. Seit Herbst 2016 ist er Europa-Korrespondent in Brüssel. In seinen Büchern und Artikeln widmet er sich insbesondere den Fragen und Irritationen, dass die Europäer einerseits im politischen Zusammenschluss des Kontinents die Lösung der durch die sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden Welt entstehenden Probleme erkennen, andererseits aber ego-, ethnozentrierte, nationalistische und populistische Tendenzen gegen ein gemeinsames Europa entstehen. Am Fallbeispiel zeigt er die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Italien auf, wie sie sich durch die Entstehung von rechtsnationalistischen und populistischen Parteien gebildet und zu Mehrheits- und Regierungsbildungen geführt haben: „Italien ist heute ein einsames, ein verängstigtes, ein wütendes Land“, und ein skeptischer Staat. Die Gründe dafür zeigt Ladurner schonungslos und realistisch auf, und er mahnt, „was geschieht, wenn Gefühle die Politik beherrschen“.

Aufbau und Inhalt

Es sind Exempel, die der politische Beobachter heranzieht und mit denen er aufzeigt, warum er vom einsamen, verbitterten und ängstlichen Land spricht, und von Menschen, die den politischen Rattenfängern und Demagogen wie Berlusconi, Matteo Salvini, Beppo Grillo und anderen Populisten und Euroskeptikern nachlaufen und den Demokraten und Eurobefürwortern keine Chancen geben. Oder vielleicht doch? Denn die neuesten Entwicklungen, wie sie sich durch die Auflösung der Lega- und MSS-Koalition und durch die Bildung des Bündnisses aus der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung und den Sozialdemokraten unter der Führung des Ministerpräsidenten Giuseppe Conte ergeben haben, konnte Ladurner in seiner Analyse noch nicht berücksichtigen. Ob diese neue Regierung die Chance ergreifen kann, als aktives und konstruktives Glied der Europäer gelten zu können, werden die Neuwahlen im Land zeigen.

Zurück zu Ladurners Bestandsaufnahme: Als „Sinnbild für das Land“ benennt der Autor die 1967 eröffnete und am 14. August 2018 eingestürzte Morandi-Brücke in Genua. Die Viadotto Polcevera galt als „der in Stahlbeton gegossene Glaube an den Fortschritt“ und an das „Alles-Machbare“ des Menschen. Diese Illusionen zerstoben in den Irrungen und Wirrungen einer nationalen, emotionalen, egoistischen Neubesinnung, wie sie von den Populisten schamlos und mit Fake News propagiert wurden. Die gesellschaftliche und politische Zerrissenheit Italiens kann symbolhaft als der immer größer werdende Spalt zwischen den nördlichen und südlichen Landesteilen gezeichnet werden; als Spannungsverhältnis zwischen Entwicklung und Unterentwicklung, zwischen Weltanschauung und Revolution, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Kolonisierung und Vernachlässigung. Die von den einen gewünschte und von anderen verwünschte Revolution fand nicht statt; vielmehr wurde der Staat gekapert vom Medienmogul, Demagogen und Einschmeichler Berlusconi: „Ihr Italiener müsst euch nicht ändern! So wie ihr seid, seid ihr in Ordnung! Nein, ihr seid sogar wunderbar!“. Kann es zur „Wiedergeburt der Nation“ kommen? Die ursprünglich regionale Partei Lega Nord per l’indipendenca della Padania trat zu den Wahlen 2018 als „Lega“ in ganz Italien an. Ihre rechtsradikalen, populistischen und devolutionistischen Ziele zeigen sich in einer ethnozentrierten, fremdenfeindlichen Politik und gegen europäische Entwicklungen. Ihre Anhänger stiegen von 2014 von fast 1,7 auf derzeit rund 9,6 Millionen an. Mit dem Menschenfänger Matteo Salvini an der Spitze (2013) vollzieht sich eine auf nichts als auf Emotionen aufgebaute und gesteuerte Politik.

Ist die Fünf-Sterne-Bewegung“ (M5S) aus dem Nichts entstanden? Oder aus einer medialen Laune heraus? Einer der Initiatoren, der Komiker und Einheizer Beppo Grillo, hat nichts unterlassen, Politik „als ein dreckiges, würdeloses Geschäft“ zu denunzieren und Politiker „als eine Bande von schamlosen Kriminellen“ zu beschimpfen. Es sind wie immer bei populistischen Aktivitäten, die simplen Schwarz-Weiss-Antworten auf komplizierte und differenzierte Fragen, die über das Internet verbreitet werden. Mit dem Schlagwort „la casta“, die „Kaste“ werfen die Protagonisten und Aufsteiger in der neuen Partei alle diejenigen in die Schublade, die nicht ihrer Meinung und nicht ihre Claqueure sind. Ihnen gelingt scheinbar mühelos, was Politikern anderer Parteien nicht gelingen will, mit Schlagwörtern und einfachen Bildern Aufmerksamkeit zu erringen. Eines dieser Begriffe ist „Gaia“, die aus der griechischen Mythologie bekannte Göttin, die das Chaos überwindet und eine neue Ordnung schafft. Der Songtitel „Uno vale uno“ – „Jeder ist gleich viel wert“ – macht vielen Menschen Hoffnung auf eine revolutionäre Wende und ein gutes, gelingendes Leben für alle. Der junge Politiker Luigi Di Maio geht mit diesen Visionen skrupel- und bedenkenlos um, verspricht jedem alles und schert sich einen Teufel darum, wie dies realisiert werden könne. Zugute kommt ihm und Seinesgleichen das niedrige Bildungs- und Aufklärungsniveau der Anhänger.

Als Korrektiv und gewissermaßen Bewacher der demokratischen Ordnung im Land fungiert der Staatspräsident Mattarella. Er wird von den Populisten als Feindbild aufgebaut, was die gesellschaftliche und politische Spaltung Italiens noch befördert. Die Politik der M5S hin in Richtung Faschismus trägt Früchte. Die Abwiegelungsversuche -. „Der Faschismus ist schon längst Geschichte“ – erinnert nur allzu verräterisch an die Relativierungen, wie sie vom deutschen AfD-Politiker Alexander Gauland mit dem Begriff „Vogelschiss“ in die Welt gebracht wurden.

Fazit

„Die Gier nach Macht und noch mehr Macht treibt sie an. Auf sie ist kein Verlass“. Es ist ein Paradoxon, dass in Italien und (zunehmend) in vielen anderen Staaten und Völkern auf der Erde Demagogen und Populisten auftreten, die lauthals den Menschen zubrüllen: „Ihr seid freie Bürger!“. Haben sie die Macht, bauen sie Zäune, errichten Barrikaden gegen Fremde und Fremdes, attackieren die Demokratie, beschimpfen die freien Medien als „Lügenpresse“ und führen das Land in die Schuldknechtschaft: „Die Feinde der Freiheit geben den Menschen das Gefühl, frei zu sein“. Deshalb, so Ulrich Ladurner in seiner italienischen Bestandsaufnahme, ist Italien ein europäischer Fall! Und damit eine Motivation für alle diejenigen, die sich bewusst sind, dass der zôon politikon (Aristoteles) ein Mensch ist, der rational und emotional politisch denken und handeln kann und aufgefordert ist, den Menschenfeinden, den Fake Newsern und -Followern Paroli zu bieten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.10.2019 zu: Ulrich Ladurner: Der Fall Italien. Wenn Gefühle die Politik beherrschen. Edition Körber (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-89684-273-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26124.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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