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Heinz-Jürgen Voß, Michaela Katzer (Hrsg.): Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien

Cover Heinz-Jürgen Voß, Michaela Katzer (Hrsg.): Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien. Neue Zugänge zur Sexuellen Bildung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 382 Seiten. ISBN 978-3-8379-2858-7. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft.
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Entstehungshintergrund

Der Sammelband gehört zu der Reihe „Angewandte Sexualwissenschaft“. Bücher dieser Reihe haben ein positives Verständnis von Sexualität, sehen diese in gesellschaftliche Systeme eingebunden und möchten den Raum für den Diskurs öffnen, wie Geschlecht und Sexualität in der Gesellschaft wertschätzend und selbstbestimmt verhandelt werden können.

Autor*Innen

Herausgeber*innen des Buches sind Prof. Dr. Dipl.-Biol. Heinz-Jürgen Voß und Michaela Katzer.

  • Heinz-Jürgen Voß ist Leiter*in, Forscher*in und Professor*in des Instituts Angewandte Sexualwissenschaft der Hochschule Merseburg.
  • Michaela Katzer ist Fachärzt*in für Urologie sowie Projektmitarbeiter*in im Lehr- und Forschungsbereich „Angewandte Sexualwissenschaft“ der Hochschule Merseburg.

Weitere Autor*innen sind: Marion Denis, Thomas Fuest, Yvonne Most, Angela Altendorfer, Sophie Kirchner, Anja Stopp, Bettina Brandi, Johann Bischoff, Elisabeth Tuider, Nicola Döring, Joachim von Gottberg, Astrid Nelke, Maja Götz, Marco Geßner, Anna-Leena Lutz und Melissa Bütner.

Aufbau und Inhalt

In dem Buch werden Wissen und Praxiserfahrungen dieser Expert*innen in Zusammenhang mit der Sexualwissenschaft gebracht. Es gliedert sich in drei Teile:

  1. Künstlerische Beiträge zur Förderung geschlechtlicher Selbstbestimmung
  2. Kultur – und medienpädagogische Zugänge zur Selbstbestimmung
  3. Chancen – Selbstbestimmung in Film, Fernsehen und Neue Medien

Teil 1

Im ersten Teil des Bandes stellen verschiedene Fotograf*innen ihre Arbeiten, in denen es vor allem um das Thema geschlechtliche Selbstbestimmung geht, anhand von Bildern dar. In Form von Texten positionieren sie sich persönlich, politisch und gut recherchiert, sodass Leser*innen einen sehr guten Einblick in die Arbeitsweisen, Absichten, Themen und Erkenntnisse der Künstler*innen bekommen.

Teil 2

In dem Beitrag von Anja Stopp geht es um die Kunstvermittlung und Pädagogik zum Thema geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung. Hierfür werden die zwei methodischen Ansätze „Pädagogik vielfältiger Lebensweisen“ nach Jutta Hartmann und „Ästhetische Forschung“ nach Helga Kämpf-Jansen vorgestellt und verglichen. Es wird erläutert, wie sich diese beiden Konzepte verknüpfen lassen und wie in Bezug auf die Themen der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt gearbeitet werden kann. Für die Praxis werden Voraussetzungen, Herausforderungen und Handlungsempfehlungen geschildert.

Die zwei folgenden Kapitel handeln von zwei Künstler*innen. Zunächst berichtet Bettina Brandi über David Greenspan. Greenspan hatte als Autor*in, Regisseur*in und Schauspieler*in eine provokante Rolle in der Geschichte des Theaters. Ende der 80er Jahre wurde das Publikum durch Produktionen herausgefordert, in denen Sexualität inszeniert, Körper gezeigt und die Realität in Frage gestellt wurde. Dabei stellte sich Greenspan die Frage, wie explizit und direkt Sexualität auf der Bühne gezeigt werden kann, ohne dass die Inszenierung zu einer pornografischen Darstellung wird.

Eingebettet in einen Überblick über die Frauenbewegung und den Feminismus, folgt eine Filmanalyse des Filmes „Madame X“ von Ulrike Ottinger in Hinblick auf sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Dieser stellt einen Kultfilm der feministischen und queeren Szene dar. Die Analyse beruht auf einem studentischen Projekt unter der Leitung von Johann Bischoff.

Ein weiterer Beitrag von Johann Bischoff untersucht das Thema Gewalt in Film und Fernsehen. Es wird auf die verschiedenen Formen von Gewalt eingegangen, sowie auf die Wirkungsforschung bei Darstellung von Gewalt aus Sicht der Lerntheorie, der Psychoanalyse und des Nutzenansatzes. Nach der Schilderung von Strategien der Angsterzeugung wird ein Horrorfilm in Hinblick auf Gewalt analysiert. Fazit ist, dass kurzfristiges, aggressives Verhalten nur dann gefördert wird, wenn die Gewaltdarstellung besonders realistisch erscheint. Zudem werden Anregungen gegeben, wie Kulturpädagog*innen zu dem Thema arbeiten können.

Elisabeth Tuider thematisiert den Blick von Jugendlichen auf Gewalt und Sexualität in Verbindung mit der digitalen Welt, basierend auf der These, dass Jugendliche nicht mehr zwischen einer digitalen und analogen Welt unterscheiden. Der Beitrag bezieht sich dabei auf die Erkenntnisse, des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojektes „Safer Places“, dass u.a. die Frage danach stellt, was Jugendliche als sexualisierte Grenzüberschreitung und Gewalt einschätzen und wie ihre Ansichten mit der geschlechtlichen Selbstoptimierung zusammenhängen. Teil des Ergebnisses ist, dass Jugendliche einen differenzierten Blick auf Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt haben.

Teil 3

Nicola Döring stellt öffentliche Debatten über Jugendsexualität und das Internet den Erkenntnissen aus Studien gegenüber und diskutiert diese. Dazu gibt sie einen Überblick über die sexuellen Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen und geht auf Sexualaufklärung, Pornografie, sexuelle Aktivitäten und Produkte im Internet ein. Sie gibt Handlungsempfehlungen für Fachkräfte, Eltern, Politik und Journalismus.

Joachim von Gottberg schreibt über das Thema Werte und Normen, über die Entwicklung der Sexualethik vom Christentum bis zur Liberalisierung in die Gegenwart und darüber, dass Sexualitäten trotz Zensuren und Ängsten immer wieder medial dargestellt und gezeigt wurden. Er beschreibt den Wertewandel durch die Medien, deren Funktion und Umgang damit und wie Medien sich Tabus zunutze machen.

Astrid Nelke untersucht in ihrem Beitrag Definitionen von Identität und geschlechtlicher Selbstbestimmung und welchen Einfluss Medien auf Identitätsbildung und das Selbstbild haben. Es wird dargestellt, wie Medien die Entwicklung des Sexuallebens beeinflussen können, wie Geschlechterrollen medial dargestellt werden und welche Veränderungen es gibt. Teil des Ergebnisses ist, dass es für eine Geschlechtergerechtigkeit eine ständige mediale Thematisierung der Problematiken braucht und dafür Journalismus, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ihren Beitrag leisten müssen.

Maya Götz beschreibt an Beispielen die Darstellung von Geschlechtsstereotypen in Film und Fernsehen. Dabei werden die Darstellungsformen der Held*innen untersucht und es wird darauf eingegangen, was für Konsequenzen dies für das reale Leben der Mädchen* und Jungen* haben kann.

Marco Gößner gibt einen Überblick über die Homosexualität im deutschen Spielfilm vor historischem Hintergrund. Dabei liegt der Fokus auf im Kino präsentierten Spielfilmen, in denen homosexuelle Charaktere vorkommen. Die historische Zeitreise beginnt 1871, als Homosexualität noch strafbar war und endet in den 2000er Jahren.

Anna-Leena Lutz legt den Fokus auf die Dekonstruktion des Weiblichen* in Musikvideos der letzten 20 Jahre aus den Bereichen Elektro, Pop, Hip-Hop und Rock mit Konzentration auf Underground. Sie nutzt die Clips als Beispiele, um Tendenzen der Dekonstruktion oder Neukonstruktion von Geschlecht zu beschreiben.

Melissa Büttner widmet sich der Frage wie Mädchen* im Internet über Pornografie diskutieren, dabei werden die unterschiedlichen Positionen zu Pornografie deutlich gemacht und geforscht, welche Rolle dabei Geschlechterstereotype haben. Dazu wertete sie anhand qualitativer Datenanalyse Diskussionen aus Internetforen aus.

Diskussion und Fazit

In diesem Sammelband geht es um kreative Zugänge zur geschlechtlichen und sexuellen Selbstbestimmung. Und kreativ ist auch der Aufbau des Buches. So wird einerseits ein Zugang zu Kunst und Medien geschaffen und über grundlegende sexualwissenschaftliche Themen berichtet, die auf aktuellen Studien basieren. Die Beiträge bieten einen inspirierenden Einblick in aktuelle Debatten um Themen wie Geschlecht, Sexualität, Selbstbestimmung, Stereotype, Pornografie, Gewalt und Jugendsexualität. Sie finden eine Zusammenführung mit Kunst-, Medien und Kulturpädagogik durch die Beiträge sehr unterschiedlicher Expert*innen. Sie berichten interessant und umfassend über Erfahrungen aus der Praxis, diskutieren Studien, beziehen kritisch Position zu aktuellen Debatten und beziehen historische Hintergründe mit ein.

Das Werk ist eher ein Aufbau- statt ein Grundlagenwerk und richtet sich v.a. an Fachkräfte der Themenbereiche. Es lädt ein, eigenes Wissen und Arbeitsweisen zu erweitern und zu reflektieren. Für die Praxis geben einige Autor*innen Hinweise und Empfehlungen. Das Buch kann auch eine gute Grundlage bei Neuzugang zu den Themenfeldern sein, braucht aber dann v.a. für die Anwendung in der Praxis weiterführende Informationen.


Rezensentin
Jarah Fäth
Sexualwissenschaftlerin (M.A.); Kunst im Sozialen (B.A.)
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Zitiervorschlag
Jarah Fäth. Rezension vom 30.09.2019 zu: Heinz-Jürgen Voß, Michaela Katzer (Hrsg.): Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien. Neue Zugänge zur Sexuellen Bildung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2858-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26125.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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