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Monika Tworuschka, Udo Tworuschka: Der Islam

Cover Monika Tworuschka, Udo Tworuschka: Der Islam. Feind oder Freund? : 38 Thesen gegen eine Hysterie. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2019. 142 Seiten. ISBN 978-3-946905-69-1. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 19,90 sFr.
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Gegen den religiösen Analphabetismus

Die interreligiösen, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Glaubens- und Weltanschauungsfragen sind nicht neu. Der homo religiosus ist ein nach dem Göttlichen, und im anthropologischen Sinn, nach Vollkommenheit strebendes Lebewesen. Die Frage, ob es Gott gibt, war in den Zeiten der Unbedingtheiten keine, weil überflüssige. Seit der Zeit der Aufklärung – und der „globalen Ethik“ – gilt: „Jedermann hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 18). Ob also jemand Theist, gottgläubig, oder Atheist, gottleugnend, ist, gehört zu den anthropologischen, selbstbestimmten Entscheidungen der Conditio Humana. Glaubensgemeinschaften, die den Alleinvertretungs- und Meinungsanspruch erheben, sind kritisch zu betrachten. So gehört die Religionskritik zu den grundlegenden, freiheitlichen, demokratischen Denkinstrumenten. Es ist also legitim und gefordert, im religiösen und interreligiösen Diskurs sich kritisch mit den Geboten und Dogmen der einzelnen Glaubensgemeinschaften auseinanderzusetzen. Im Islam z.B. gilt „der Glaube an die übernatürliche Herkunft des Koran und an seine absolute Unfehlbarkeit noch heute selbstverständlich für jeden Muslim“ (Max Henning, Der Koran, Reclam, Univeral-Bibliothek Nr. 4206, 1960, S. 5). Es ist selbstverständlich, dass diese dogmatische Betrachtungsweise einer kritischen Nachfrage bedarf (vgl. dazu: Katajun Amirpur, Den Islam neu denken,2013, www.socialnet.de/rezensionen/15400.php). Wissenschaftliche, d.h. verifizierbare und falsifizierbare Vergleiche (Erhard Brunn, Christentum und Islam, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4294.php), blasphemische Gedanken (Slavoj Žižek, Blasphemische Gedanken, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18832.php) und Gegenwehr (SaidaKeller-Messahi, Islamistische Drehscheibe Schweiz, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23377.php) sind Argumente, die bedacht werden müssen.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die Auseinandersetzungen können, wenn sie seriös und nicht ideologisch geführt werden, nach zwei unterschiedlichen Aspekten behandelt werden. Da sind zum einen islamkritische Studien, die insbesondere – aus der vergleichenden Sicht – Probleme thematisieren, die den modernen, freiheitlichen und demokratischen Wertevorstellungen widersprechen, wie etwa Benachteiligungen der Frau, das verpflichtende Tragen von bestimmten, verhüllenden Kleidungsstücken, Hierarchisierungen, u.a. Zum anderen sind es kritische, dialogische Berichte, in denen die unsachgemäßen, ethno- und eurozentrierten Einschätzungen, dass der Islam nie eine Aufklärung vollzogen habe und deshalb vor der Aufgabe stehe, sie nachzuholen, zurückgewiesen werden (siehe dazu auch: Thomas Bauer, Warum es kein islamisches Mittelalter gab, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25077.php).

Die Religions- und Politikwissenschaftler Monika und Udo Tworuschka vertreten seit Jahrzehnten eine „verstehende( )… kritische ( ) Religionswissenschaft“. Sie sind überzeugt, dass nur Bildung und Aufklärung einen dialogischen, fairen und gleichberechtigten interreligiösen Informations- und Verständigungsprozess bewirken können. Die dabei eher passiv oder sogar resignativ anmutende Auffassung, dass ihr Bemühen dafür nur „zu den Konvertierten predigt“, beruht ja auf der psychologischen und gesellschaftspolitischen Irritation, dass demokratische, freiheitliche und menschenwürdige Argumente und Informationen die Unverbesserlichen, Rassisten und Populisten gar nicht erreicht. So ist es nicht nebensächlich, sondern wichtig, diejenigen in ihren Meinungen, Einstellungen und Haltungen zu bestärken, die guten Willens sind. Kritische Auseinandersetzungen mit den vielfältigen, individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Imponderabilien beruhen, wenn sie fair und human geführt werden, auf Empathie und Offenheit im Denken und Tun. Unverzichtbar dabei sind die Fähigkeiten zur eigenen, freien Meinungsbildung (Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php) und zur Entwicklung einer kritischen Kompetenz (Klaus J. Bade, Kritik und Gewalt, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/16330.php):

Aufbau und Inhalt

Die Autoren formulieren aus ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz insgesamt 38 Thesen, die sie in vier Teile gliedern: Im ersten Teil werden mit neun Thesen „Probleme der Wahrnehmung des Islam“ thematisiert; im zweiten wird mit 10 Thesen die Frage „Was ist Islam?“ beantwortet; im dritten wird mit weiteren 10 Thesen erläutert: „Kontroverse Themen verlangen vielschichtige Antworten“; und im vierten Teil zeigen sie mit neun Thesen „praktische Erkenntnisse und Forderungen“ auf.

„Alles zu verstehen heißt für uns nicht, alles zu verzeihen“; dieses Bewusstsein braucht Denkkraft, Geduld, Aufmerksamkeit, Vertrauen und aktive Toleranz. Es erfordert Information und die Fähigkeit zum eigenen, mundanen Denken (Karl Heinz Bohrer). Mit dem vom damaligen deutschen Innenminister Wolfgang Schäuble anlässlich der Eröffnung der ersten Deutschen Islam Konferenz 2006 formuliertem Bekenntnis – „Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart, und er ist Teil unserer Zukunft“ – vollzogen sich zustimmende und ablehnende Einstellungen von Willkommenskultur bis Hasstiraden. Die Abwehr des globalen Terrors subsumierte den Islam als Ursache und Treibriemen dieser menschenverachtenden Aktivitäten; nationalistisches, fremdenfeindliches, populistisches Denken und Tun entwickelte sich nicht mehr nur an den rechtsradikalen Rändern, sondern fand Eingang in die Mitte der Gesellschaften; die natürlichen wie erzwungenen, globalen Migrationsentwicklungen bewirken Frontstellungen; unreflektierte Mythenbildungen, wie etwa der Heimatbegriff, spalten weltliche und religiöse Gemeinschaften.

Es sind immer die Denkfehler, die zu unmenschlichem Handeln führen. Im inner- und interreligiösen Diskurs ist das ideologische, dogmatische Blockdenken Anlass, den Blick über den Gartenzaun als Verbot zu deklarieren. Dabei sollte klar sein, dass jedes Glaubensdenken und -tun auf vielfältige, individuelle und kollektive Traditionen und Mentalitäten aufbaut. So wie die Aussage stimmt: „Den Islam gibt es nicht!“, so lässt sich diese Erkenntnis ebenso auf die anderen Religionsgemeinschaften anwenden: Auch das Christentum, den Buddhismus, das Judentum… gibt es nicht! Die historische Trennung der historischen, anthropologischen und philosophischen Trennung von Orient und Okzident ist nicht naturgegeben, sondern menschengemacht. Die Menschheitsgeschichte in ihrer vielfältigen, positiven und negativen Entwicklung muss als Füllhorn und Fehler verstanden werden; ebenso die Theorie und Praxis des Glaubensdenkens und -vollzugs. „Der Islamismus ist Teil des Islams“, diese erst einmal irritierende Feststellung wird plausibel, wenn die theologische Entwicklung der Glaubensrichtung betrachtet wird. Da sind die Religionsschulen der Schiiten und der Sunniten, die Praxen der Salafisten, Islamisten und Jihadisten, die sowohl Wege des Verstehens und der Verständigung als auch Grenzen aufzeigen.

Die Frage, die einen interreligiösen Dialog auf Augenhöhe und Wertebewusstsein möglich macht, stellt sich real in den Situationen, in denen sich gläubige Menschen begegnen. In den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt bedarf es eines globalen Integrationsbegriffs, dessen Grundlage Vertrauen und gegenseitiger Respekt sind. Es ist die Forderung nach gleichberechtigter, kultureller und religiöser Teilhabe (Nationaler Kulturdialog, Kulturelle Teilhabe. Ein Handbuch, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26410.php), und nach einem neuen Toleranzbegriff, der aufbaut auf dem traditionellen, allgemeingültigen kategorischen Imperativ, der sich ausdrückt in der sprichwörtlichen Forderung – „Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinen andern zu!“ – und in der Gedichtstrophe deutlich wird – „Lass' mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“. Monika und Udo Tworoschka bezeichnen ihn als „Ambiguitätstoleranz“, was nicht mehr und nicht weniger ist als die Erkenntnis, wie sie in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, als Grundposition der Conditio Humana formuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Fazit

Das thesenartig formulierte Vademecum von Monika und Udo Tworuschka ist ein Werk mit vielen Aha-Erlebnissen. Es eignet sich ausgezeichnet als Handbuch für Seminare in Hochschule, Schule und Erwachsenenbildung. In Zusammenschlüssen, wie z.B. in „Abrahams Runder Tisch“ (Hildesheim) oder in übergreifenden kirchengemeindlichen Zusammenkünften als Thesenpapier zur Anregung und Förderung des eigenen Denkens und Handelns.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.05.2020 zu: Monika Tworuschka, Udo Tworuschka: Der Islam. Feind oder Freund? : 38 Thesen gegen eine Hysterie. Kreuz Verlag (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-946905-69-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26129.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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