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Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen

Cover Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen. Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung. Gräfe und Unzer (München) 2019. 175 Seiten. ISBN 978-3-8338-6856-6. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Kinderziehung – was ein Thema. Vermutlich kennen sehr viele das bereits Sokrates zugeschriebene Zitat über die intergenerative Herausforderung: ‚Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.‘ Es wundert daher nicht, dass der Markt an sogenannten Erziehungsratgebern ins nahezu Unermessliche zu wachsen scheint, sowohl quantitativ als auch von den jeweiligen pädagogischen Ausrichtungen her. Gleichwohl führt dies zumeist in der Regel nicht zu einer entstehenden Klarheit und Sicherheit bei den sich am Rande fühlenden oder auch faktisch sich überfordert erlebenden Eltern. Ein Ratgeber, der eine Erziehung ohne Schimpfen empfiehlt und dies zudem mit ‚Alltagsstrategien‘ zu verbinden verspricht, wenngleich zunächst etwas unklar bleibt, was unter einer ‚artgerechten‘ Erziehung zu fassen sein wird, macht durchaus mehr als nur neugierig. Das dahinter liegende Ansinnen hat unstrittig eine hohe Relevanz.

Autorinnen

Nicola Schmidt ist studierte Poltikwissenschaftlerin sowie ausgebildete und erfolgreiche Wissenschaftsjournalistin. Sie wird mittlerweile als Expertin für Erziehungsfragen in vielen Medien geführt, da sie sehr erfolgreich eine Unternehmung etabliert hat, die neben Ratgeberbüchern auch Seminare, Coachings und Camps für Eltern und Interessierte anbietet.

Aufbau und Inhalt

Das grafisch und in gewisser Weise didaktisch sehr einladend und ansprechend sowie feingliederig und damit zugänglich strukturierte Buch ist in neun Hauptbereiche aufteilt. Zunächst werden sehr alltagsnah spezifische ‚Warum-Fragen‘ erörtert bspw. warum wir im Stress nicht erziehen können, warum uns schimpfen oft peinlich ist und derlei mehr. Dem folgt ein durchaus hilfreicher Einblick, wie in ‚modernen Zeiten‘ (S. 47) das individualisierte bis hin isolierte Familienalltagssystem der Klein(s)tfamilie schnell an seine Belastungsgrenzen kommt.

Das fünfte Kapitel widmet sich daher zunächst dem Umgang mit Stresssituationen, um dann ab Kapitel sechs in Richtung der im Titel versprochenen Alltagsstrategien zuzuwenden. Da geht es bspw. um Aspekte der Alltagsorganisation, dem Umgang mit Konflikten, dem Entwickeln von Regeln und Alternativen zum ‚Schimpfen‘. Es werden ‚Kreative Ideen zur Lösung von Konflikten‘ (S. 111) vorgestellt sowie Kommunikationsstrategien in der Vermittlung und auch Durchsetzung von Regeln. Dies wird mit sehr vielen konkreten Ausgangssituationen aus dem Familienalltag nachvollziehbar gemacht und zudem durch konkrete Reflexions- sowie Anwendungsübungen angereichert. Diese vielfältigen Aspekte bündeln sich im neunten Kapitel in einem als ‚Challenge‘ (S. 153) überschriebenem 21-Tage-Programm, wobei allein der Umfang von 14 Seiten nachvollziehbar macht, dass es sich eher um eine Ermutigung als einen konkreten Plan handeln kann. Abschließend gibt es ein Servicekapitel mit weiteren Büchertipps und derlei Informativem.

Diskussion

Wie eingangs benannt ist das Ansinnen, Kinder ohne ‚Schimpfen‘ zu erziehen und dabei das ‚artgerechte‘ mit einer zudem ganzheitlich verbundenen Perspektive auf ökologische Nachhaltigkeit zu verbinden, von sehr hoher Relevanz. Auch wird die thematische Zugangsgestaltung dieses Ratgebers sehr vielfältig und ansprechend auf einem sehr hohen Niveau der grafischen und didaktischen Ausgestaltung umgesetzt. Da es sich um einen Ratgeber handelt, der sich gleichwohl zumindest teilweise auf wissenschaftliche Quellen bezieht, wäre es dennoch unpassend, dieses Buch im Sinne eines wissenschaftlichen Fachbuches zu rezensieren. Also versuche ich meinen beruflichen Hintergrund als staatlich anerkannter Erzieher und promovierter Erziehungswissenschaftler so gut es geht in den Hintergrund zu schieben. Der dann stärker zutage tretende Vater von fünf Kindern, durchaus in einem eher als privilegiert zu bezeichnenden Alltag eingebettet, gleichwohl, da temporär alleinversorgend und damit im Alltag regelmäßig eigenaktiv verantwortlich, bleibt dennoch etwas ‚ratlos‘ zurück. Viele der schon kleinen Übungen führen mich in meinem Alltag an Grenzen, zunächst aus schlicht organisatorischen Faktoren bezüglich der vielen Zeit, die ich mir dafür nehmen müsste. Viele der benannten, durchaus rezepthaft erscheinenden ‚Lösungsideen‘ erscheinen dann zudem sehr auf einen zumindest mir nicht bekannten Familienalltag ausgerichtet zu sein, da diese Ratschläge sich so nicht ernsthaft umsetzen lassen bspw. mit Kuscheltierrollenspielen das Anschnallen im Auto nachvollziehbar zu machen und derlei ‚kreative Lösungen‘. An der Challenge der 21 Tage scheitere ich bereits nur beim schlichten Gedanken daran.

Fazit

Es wird offensichtlich, dass dieser Ratgeber allein aufgrund der Thematik (und dem benannten Versprechen) sehr viele Eltern ansprechen wird. Gleichwohl sind die ‚Alltagsstrategien‘ doch vermutlich eher für eine sehr spezifische und ausgewählte Klientel nutzbar. Und da fehlt der Beipackzettel bei diesem Elternratgeber bspw. mit dem Warnhinweis der Nebeneffekte: Jetzt hast Du noch mehr Optionen angeboten bekommen, zudem anscheinend sehr alltagsnah, und wenn es dann bei der Challenge dennoch nicht klappt, kann es im Grunde nur an Dir liegen! Und das wirkt sich vermutlich nicht so empowernd aus wie vermutlich angedacht. Zumal viele der Stressoren im Familienalltag sich eben gerade durch die individualisierenden, gleichsam isolierenden Überfrachtungen der Klein(s)tfamilie in unserer Gesellschaft ergeben und nicht allein in einer pauschalen Verantwortung und Verhaltensänderung der Eltern gesucht werden können, was gleichwohl der Ansatz eines solchen Ratgebers ist. Selbstoptimierung kann aus selbstbestimmter Motivationslage an der ein oder anderen Stelle durchaus hilfreich sein und der ein oder dem anderen Spaß machen. Bezogen auf ernsthafte Anstrengungen in einer von Komplexität gekennzeichneten Bewältigung des Familienalltags mit Kindern zeigt sich eine solche ‚Alltagsstrategie‘ als durchaus riskant. Daher wünsche ich dem Buch die wirklich passende Zielgruppe und verweise weiterhin Studierende daraufhin, dass es sich bei solchen Beiträgen nicht um Wissenschaftsliteratur handelt, wenngleich dies ab und an so missverstanden wird aufgrund der genutzten Quellenbelegverweise.

Rezensent

Prof. Dr. Stefan Bestmann

Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IUBH Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig [www.eins-berlin.de].

Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, partizipative Praxisforschungen und Evaluationen.


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IUBH Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig.
Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Godehardt-Bestmann. Rezension vom 25.09.2020 zu: Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen. Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung. Gräfe und Unzer (München) 2019. ISBN 978-3-8338-6856-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26130.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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