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Michaela Kaiser: Kunstpädagogik im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion

Cover Michaela Kaiser: Kunstpädagogik im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion. Explikation inklusiver kunstpädagogischer Praktiken und Kulturen. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. 302 Seiten. ISBN 978-3-7455-1074-4. D: 24,50 EUR, A: 25,20 EUR.

Reihe: Kunst und Bildung - 20.
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Autorin

Michaela Kaiser qualifizierte sich zunächst als Kunsttherapeutin sowie Kunst- und Kulturvermittlerin (Bachelor of Arts). Anschließend widmete sie sich dem Studium der Sozialwissenschaften (Master of Arts). Mit einem qualitativen Forschungsprojekt über die Entwicklung des professionellen Selbstverständnisses angehender Lehrkräfte im Fach Kunst setzte sie ihre wissenschaftliche Karriere fort (Dr. phil.). Seit 2018 zeichnet sie als Projektleitung für das BMBF-Forschungsprojekt „Leistung macht Schule“ am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn verantwortlich. Lehrtätigkeiten übt sie am Institut für Kunst und Kunstpädagogik der Universität Osnabrück aus.

Entstehungshintergrund

„Kunstpädagogik im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion. Explikation inklusiver kunstpädagogischer Praxen und Kulturen“ geht auf die Dissertationsschrift von Michaela Kaiser zurück, die sie im Jahr 2019 dem Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück vorgelegt hat. Der Band ist in der Reihe „Kunst und Bildung“, herausgegeben von Carl-Peter Buschkühle, Joachim Kettel und Mario Urlaß, erschienen und umfasst 301 Seiten.

Aufbau

Aufbau und Struktur der Publikation entsprechen dem Format wissenschaftlicher Schriften. Nach einer Einführung in das Thema folgen theoretische Grundlagenkapitel:

  • Inklusive Kunstpädagogik – potenzialaffin und differenzsensibel
  • Inklusive kunstpädagogische Theoriebildung
  • Gestaltungsfragen einer inklusiven Kunstdidaktik
  • Professionalisierung in Erziehungswissenschaft und Kunstpädagogik
  • Die Rolle professionsbezogener Überzeugungen

In Kapitel 6 stellt Michaela Kaiser Forschungsdesign und Methodik der qualitativ-retrospektiven Studie vor, um dann ab Kapitel 7 zu der Ergebnisvorstellung und Ergebnisdiskussion überzugehen. Diese subsumiert sie unter drei Hauptaspekten.

  • Professionsbezogenes Selbst- und Fremdverständnis angehender Kunstlehrkräfte über einen inklusiven Kunstunterricht
  • Genese und Manifestation des professionsbezogenen Selbst- und Fremdverständnisses
  • Inklusionsbezogene Überzeugungstypen

Abgerundet wird die Publikation durch „Abschließende Betrachtungen“, in denen Michaela Kaiser sowohl Implikationen für die kunstpädagogische Professionalisierungsdebatte wie auch Handlungsbedarf für die universitäre Lehre und anschlussfähige Forschungsperspektiven aufzeigt.

Inhalt

Der Ansatz der qualitativ-rekonstruktiven Forschung zu Überzeugungskonstrukten Lehramtsstudierender im Fach Kunstpädagogik steht in der Tradition früherer, häufig englischsprachiger Studien zu „teacher beliefs“ (zukünftiger) Lehrerinnen und Lehrer. Im deutschsprachigen Raum haben bspw. Moser, Kuhl, Redlich, Schäfer (2014) über 950 Studierende sonder- und grundschulpädagogischer Lehramtsstudiengänge in einer bundesweiten quantitativen Studie zu ihren beliefs im Bereich schulischer Förderung befragt.

Michaela Kaiser grenzt sich für ihre qualitativ-rekonstruktive Studie (N=23) von dem Terminus „beliefs“ ab und verwendet in Anlehnung an Reusser & Pauli (2014) den Begriff „Überzeugungen“. Terminologische Einlassungen zu Begriff und Konstrukt verweisen auf die Komplexität des Vorhabens, das darauf abzielt, „inklusionsbezogene Überzeugungen“ zukünftiger Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen zu identifizieren. Folgenden Forschungsfragen geht die Autorin im Besonderen nach:

  1. Welche Überzeugungen zu einem inklusiven Kunstunterricht liegen bei Lehramtsstudierenden der Kunstpädagogik vor?
  2. Wie konstituieren sich ihre Überzeugungen im Kontext der ersten Phase der Lehrkräftebildung?
  3. Wie ähneln bzw. unterscheiden sich Lehramtsstudierende der Kunstpädagogik in Bezug auf ihre typischen Überzeugungsmerkmale?

Dazu befragte sie über den Zeitraum eines Jahres 23 Lehramtsstudierende des Bachelor- und Masterstudiengangs Kunst/​Kunstpädagogik am Studienort der Universität Osnabrück. Die Umstände der Akquise gehen aus der Beschreibung des Forschungsdesigns nicht hervor; Kriterien für einen Einschluss in bzw. Ausschluss aus der Studie werden nicht ersichtlich.

Das Primärdatenmaterial aus den 23 Interviews wurde in einer Kombination von induktiver Kategorienbildung in Anlehnung an die Qualitative Inhaltsanalyse (Mayring) und die Theoriebildung nach der Grounded Theory (Strauss, Corbin) analysiert. In einem dritten Schritt wendete Michaela Kaiser, orientiert an Kelle & Kluge, das Verfahren der empirisch begründeten Typenbildung an, das sie zu folgenden vier unterschiedlichen „inklusionsbezogene Überzeugungstypen“ führt:

  • Affirmativer Überzeugungstypus
  • Moderater Überzeugungstypus
  • Skeptischer Überzeugungstypus und
  • Aversiver Überzeugungstypus

Zur Erläuterung der Typologie verweist sie auf Textauszüge aus dem Primärdatenmaterial, die exemplarisch in ihre Ergebnisdarstellung eingefügt sind.

Schlussfolgerungen, die Michaela Kaiser aus der hier in aller Kürze dargestellten umfangreichen Pilotstudie zieht, portraitieren angehende Kunstlehrkräfte als potentielle Change Agents, die den Wandel ehemals segregrierender Schulstrukturen zu inklusiven Lernsettings vorantreiben können. Der inklusionsbezogenen Professionalisierung von Lehrkräften der Kunstpädagogik schreibt sie folglich eine herausragende Bedeutung zu und identifiziert mit Hinweis auf ihre Studienergebnisse die Notwendigkeit einer stärkeren Verknüpfung theoretischer, praktischer und reflexiver Inhalte im Studium. Damit Inklusion nicht ein stereotypes Überzeugungskonstrukt höherer oder niedriger Valenz bleibe, bedürfe es nicht nur theoretisch vermittelter und idealer Weise praktisch erfahrener, sondern auch berufsbiographisch reflektierter Begegnungen mit inklusiver Schulkultur. Dies insbesondere im Sinne einer inklusiven Kunstpädagogik und -didaktik anzustoßen, war ein Movens vorliegender Publikation.

Diskussion

Die von Michaela Kaiser generierten Ergebnisse regen zum Nachdenken an. Welche Begegnungen hatten Lehramtsstudierende mit Inklusion bevor sie ihre akademische Laufbahn antraten? Welche Begegnungen haben sie dann am Bildungsort Universität? Wie passen theoretisch vermittelte Inhalte, die von den Studienteilnehmerinnen teilweise sehr kritisch kommentiert wurden, mit der während des Studiums erlebbaren Schulpraxis zusammen? Sind additiv angelegte Lehrveranstaltungen zum Thema Inklusion geeignet, um solide Wissensbestandteile über inklusive Praktiken und Theoreme zu erwerben? Erleben die Studierenden in der Praxis überhaupt Inklusion? Oder ein Zerrbild dessen?

Diese Fragen drängen sich beim Lesen der Publikation auf. Beantwortet werden sie nicht. Zu viele Einflussfaktoren wirken auf die Entstehung inklusionsbezogener Überzeugungen ein. Voneinander isolierbar ist weder, wie stark familiäre und gesellschaftliche Sozialisationsfaktoren nachwirken, noch auf welche Verarbeitungsstrukturen theoretische Inhalte treffen. Unklar bleibt auch, welche Fragen die Studienteilnehmerinnen bekamen und von welchem Inklusionsverständnis ausgegangen wurde.

Der Leitfaden zur Durchführung der Problemzentrierten Interviews ist leider im Anhang des Buches nicht enthalten. Die Ergänzung um diesen Leitfaden wäre wünschenswert gewesen. So hätte sich eventuell auch rückschließen lassen, ob ein spezifisches Verständnis von Inklusion und inklusivem Kunstunterricht vorausgesetzt wurde oder dies beliebig konstruiert werden konnte. Diskrepanzen zwischen dem State of the Art in Sachen Inklusion und den oftmals uninformiert bis stereotyp wirkenden Antworten der Studienteilnehmerinnen hätten so besser eingeordnet werden können.

Fazit

„Kunstpädagogik im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion“ ist die Publikation einer als Dissertation eingereichten qualitativen Forschungsarbeit, die interessante Schlaglichter auf inklusionsbezogene Überzeugungen zukünftiger Lehrkräfte der Kunstpädagogik wirft. Trotz einiger Redundanzen und methodischer Unklarheiten ist die Lektüre des Buches lohnenswert. Sie wird insbesondere Studierende, Lehrende und Forschende im Bereich der Kunstpädagogik inspirieren.

Literatur

Moser, V., Kuhl, J., Redlich, H. & Schäfer, L. (2014): Beliefs von Studierenden sonder- und grundschulpädagogischer Studiengänge. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 17 (4): 661–678

Reusser, K., Pauli, C. (2014): Berufsbezogene Überzeugungen von Lehrerinnen und Lehrern. In E. Terhart, H. Brennewitz, M. Rothland (Hrsg.): Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf (2. Aufl.: 642–661). Münster: Waxmann


Rezension von
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage www.sw.hs-mannheim.de/baldus.html
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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 16.09.2020 zu: Michaela Kaiser: Kunstpädagogik im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion. Explikation inklusiver kunstpädagogischer Praktiken und Kulturen. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. ISBN 978-3-7455-1074-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26132.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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