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Birgitta Fuchs: Geschichte des pädagogischen Denkens

Cover Birgitta Fuchs: Geschichte des pädagogischen Denkens. UTB (Stuttgart) 2019. 270 Seiten. ISBN 978-3-8252-5270-0. 14,99 EUR, CH: 19,90 sFr.

Reihe: Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft.
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Die Vielfalt der Geschichte(n) der Pädagogik

Im Jahr 2017 erscheint die von Ralf Koerrenz, Hanna Kauhaus, Karsten Kenklies und Mathias Schwarzkopf verfasste Geschichte der Pädagogik. Mit diesem Band, der sich auf die Fahne schreibt, auch außereuropäische Perspektiven zur Kenntnis zu nehmen und nicht nur eine Meistererzählung zu wiederholen, wird ein Genre wieder zum Leben erweckt, welches (aus vielen Gründen) lange weniger Beachtung gefunden hat. Geschichte der Pädagogik - in systematischer Absicht - versucht einen Überblick zu geben und reduziert dabei notwendigerweise die Vielfalt der Geschichte, die Komplexität dessen, was da tatsächlich stattgefunden haben mag. Sie läuft so ziemlich allem entgegen, was viele Vertreter*innen einer Historischen Bildungsforschung berechtigterweise als Standard der Diskussion erachtet. Und solche Publikationen – zu denen auch die hier vorliegende gehört – provozieren stets Rückfragen. So stellt Philip Knobloch in der Zeitschrift on_education die Frage, wie ernst es denn die Geschichte der Pädagogik von Koerrenz et al. mit der Dekolonialisierung des westlichen Mythos nehmen würde. Das Ergebnis der Analyse ist eigentlich von Anfang an klar: So wirklich hat es dann doch nicht geklappt. Wie sieht es aber nun mit der Geschichte des pädagogischen Denkens von Birgitta Fuchs aus? Keineswegs soll dieses Buch nun anhand dieses Maßstabs besprochen werden; viel mehr interessiert doch, wie mit diesem Buch gearbeitet werden kann und ob es eine eigenständige Auseinandersetzung provoziert oder nur das reproduziert, was seit langer Zeit immer wieder vorgetragen wird.

Autorin

Birgitta Fuchs ist akademische Öberrätin am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Berufspädagogik, so viele Informationen liefert die kurze Angabe zur Autorin im Buch selbst. Die Autorin ist – wie das Literaturverzeichnis der Publikation selbst belegt – aber keinesfalls eine Unbekannte in der wissenschaftlichen Landschaft. Sie hat nicht nur ein Porträt der Reformpädagogin Maria Montessori vorgelegt, sondern auch eine Einführung in die Pädagogik Friedrich Schleiermachers. Zudem ist sie gemeinsam mit Winfried Böhm Herausgeberin des immer wieder hilfreichen und anregenden Bandes Hauptwerke der Pädagogik. Sie ist nicht nur Expertin für Maria Montessori, wie man ihren Forschungsschwerpunkten entnehmen kann, sondern publiziert seit vielen Jahren zu zahlreichen Themen der Pädagogik.

Aufbau

Birgitt Fuchs gliedert ihr Buch in sechs größere Kapitel, die mit jeweils drei bis sechs Unterkapiteln aufwarten. Die Kapitel beginnen mit einer systematischen Einführung und folgen dann angeschlossen an diese Einführung einer chronologischen Ordnung – von der Antike bewegen sich Leser*innen bis zur Pädagogik des Nationalsozialismus durch über 2500 Jahre einer Menschheitsgeschichte. Das erste Kapitel liefert eine Einleitung samt einem kurzen Überblick zu erziehungswissenschaftlichen Überlegungen zur Geschichte der Pädagogik. Das zweite Kapitel führt in die (pädagogische) griechische Antike ein, thematisiert unter anderem die Sophisten, Sokrates und auch Platon. Das dritte Kapitel springt ins 17. Jahrhundert und führt in die Pädagogik der Aufklärung ein, um dann im vierten Kapitel die Bildungsphilosophie des Neuhumanismus vorzustellen. Das fünfte Kapitel setzt einen Akzent auf der Reformpädagogik. Das Buch endet mit dem sechsten Kapitel zur Pädagogik im Nationalsozialismus und liefert abschließend eine kurze und präzise Zusammenfassung, die eine Rückschau auf das gesamte Buch ermöglicht. Ein Literaturapparat schließt das Buch ab, ein Personen- oder Stichwortverzeichnis fehlen leider.

Inhalt

Birgitta Fuchs geht der Stoßrichtung des Bandes – es geht um Grundfragen der Pädagogik – entsprechend exemplarisch vor. Die ausgewählten Zeiträume und Denkkontexte sind dementsprechend niemals als vollständige Erfassung von einem Kontext zu verstehen. Die von Fuchs ausgewählten Schwerpunkte sind damit weniger als Auseinandersetzungen mit einzelnen „Epochen“, sondern viel eher als Auseinandersetzung mit Ideen zu verstehen, die an einem Punkt der hier einheitlich verstandenen Geschichte des pädagogischen Denkens akut waren. Besonders deutlich wird dies für mich im Kapitel zur Reformpädagogik. Fuchs führt – sehr gelungen – in die noch immer relevanten deutschsprachigen Texte zur wissenschaftlichen Erschließung der Geschichte der Reformpädagogik ein, nimmt auch die Kritik an den oftmals affirmativ vorgetragenen Konzepten auf. Sie weist sie beispielsweise auf die mythische Verklärung des Kindes als Träger einer besseren Zukunft und auch auf die eugenischen Tendenzen der schwedischen Autorin Ellen Key hin. Im Spannungsverhältnis von Kritik und proklamierter Innovation der Reformpädagogik nimmt Fuchs die Reformpädagogik als internationales Phänomen auf, das sich auch in einem Netzwerk von Akteur*innen entfaltet hat, die über Ländergrenzen hinweg korrespondierten und diskutierten.

Einflussreiche Teilströmungen der Reformpädagogik wie die Arbeitsschulbewegung oder die Kunsterziehungsbewegung werden genauso erwähnt wie die Landerziehungsheimbewegung – freilich sind die Beispiele, wie die Überlegungen von Georg Kerschensteiner, so gewählt, dass sie zur Intention des Kapitels passen: Kerschensteiner könnte, um eine andere Lesart anzubieten, auch von seinen Überlegungen zur staatsbürgerlichen Erziehung her gelesen werden, die bei Fuchs nur kurz angerissen werden und auch seine Einlassungen zum Verhältnis von Krieg und Erziehung würden das gezeichnete Bild von Kerschensteiner brechen.

Auch ein paar unvermeidliche „Klassiker“ einer internationalen Reformpädagogik tauchen bei Fuchs auf. In ihrem Fall sind es A.S. Neill und seine demokratische Schule Summerhill, die italienische Ärztin Maria Montessori und der polnische Pädagoge Janusz Korczak, der in Treblinka umgebracht wurde. Durch die Auswahl dieser drei Beispiele belegt Fuchs, dass die Reformpädagogik zum einen international und zum anderen divers war. Zeitgleich ist die Diversität keinesfalls so groß, denn neben den drei aufgeführten (wobei insbesondere Montessori zum Stammpersonal jedweder Schrift über Reformpädagogik gehört) wären auch zahlreiche andere, möglicherweise sogar spannendere, wenn gleich auch nicht massenwirksamere, Reformpädagog*innen anzuführen. Denn freilich verbirgt sich auch hinter dem durchaus Komplexität einschränkendem Oberbegriff Reformpädagogik eine große Vielzahl an verschiedenen Entwürfen. Dieser Einwand, den der Band von Fuchs nicht zulassen muss, da er exemplarisch vorgeht, kann also den Text und seine Kriterien selbst als Wertmaßstab akzeptierend außen vorgelassen werden. Spannend wäre dennoch – obwohl dies nicht der Anspruch der Überlegungen von Fuchs ist – ein Blick auf aktuelle Interpretationen der Montessori-Pädagogik gewesen, ein Blick auf die Auswirkungen der Geschichte des pädagogischen Denkens, auf erneute Thematisierungen, wie sie das weiterhin hohe Aufkommen von Literatur zur Reformpädagogik belegen. Auch wäre ein Blick auf die Freiheitskonzeption von Montessori und der stärkere Einbezug kritischer Stimmen zur Montessoripädagogik für diesen Teil des Kapitels weiterführend gewesen; glücklicherweise hat Birgitta Fuchs selbst ein ausführliches Porträt zu Maria Montessori angefertigt, das sozusagen als vertiefende Langfassung zu diesem Teilkapitel allen Leser*innen empfohlen sei!

Diskussion

Insgesamt liest sich das Buch anregend, informativ und sehr flüssig. Zugleich ist aber auch festzuhalten, dass es erst dann seine volle Wirkung entfalten kann, wenn bereits ein Grundwissen über die vorgestellten Teilbereiche vorhanden ist – ohne Unterstützung und weiterführende Informationen erscheint mir das Buch sehr anspruchsvoll für Studienanfänger*innen. So habe ich selbst mich beispielsweise sehr über die intensive Auseinandersetzung mit Sokrates gefreut, die auch die inhärente Systematik der pädagogischen Methode des übermittelten Sokrates thematisiert und Bezüge zur sokratischen Gesprächsführung bei Leonard Nelson und Gustav Heckmann herstellt. Eingebettet in wenige sozialgeschichtliche Hinweise wird hier ein durchaus anspruchsvolles, facettenreiches Bild der pädagogischen Antike gezeichnet. Ohne ein grundlegendes Wissen zu diesem Thema und dem zeitgeschichtlichen Kontext erscheint es mir aber schwierig, das Buch als alleinige Lektüre zu empfehlen. Zugleich gehe ich fest davon aus, dass das Buch in einem Seminarsetting eine große Wirkung entfalten kann, bietet es doch mehr als andere Geschichten der Pädagogik. So schafft es das Buch, sowohl dem didaktischen Anspruch treu zu bleiben als auch mehr als holzschnittartige Mythen zu verbreiten. 

Fazit

Birgitta Fuchs‘ Geschichte des pädagogischen Denkens bietet auf ungefähr 250 Seiten eine detailreiche und zugleich systematische Einführung in die Vielfalt der Versuche, Pädagogik zu denken. Zugleich ist klar, dass eine Geschichte des pädagogischen Denkens eben immer nur eine Geschichte sein kann, die von Selektionsoperationen geprägt ist. Der Band erscheint in der von Cathleen Grunert -Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt soziokulturelle Bedingungen von Erziehung und Bildung an der Universität Halle – herausgegebene Reihe „Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft“. Alle in dieser Reihe erschienenen Bände sind zugleich Kurseinheiten des Einführungsmoduls im Bachelorstudiengang Bildungswissenschaft an der FernUniversität Hagen. Mit Grunert und Fuchs davon ausgehend, dass es in der Geschichte des pädagogischen Denkens immer um die Grundfragen pädagogischen Denkens geht, ist der Band uneingeschränkt allen zu empfehlen, die sich eine systematische Einführung in die Geschichte von Erziehung und Bildung wünschen. Dies gelingt dem informierten, gut strukturierten Band von Birgitta Fuchs, der mit didaktisch klugen Reflexionsfragen und bündigen Zusammenfassungen aufwartet. Zugleich ist er voraussetzungsreich und entbindet Studierende nicht von der eigenständigen Lektüre der angeführten Quellen. Fuchs schlägt hier aber erste Schneisen durch ein Dickicht von Gedankenfiguren, Denkschulen und Traditionslinien, die es in eigenständiger und weiterführender Arbeit selbst zu bearbeiten und entdecken gilt. Als anspruchsvolle Einführung ist dieses Buch sehr gelungen und eröffnet insbesondere in Kombination mit den anderen Bänden der Reihe einen Zugang zu einer diversen und sich stets wandelnden Disziplin.


Rezension von
Dr. Sebastian Engelmann
Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Allgemeine Pädagogik
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Zitiervorschlag
Sebastian Engelmann. Rezension vom 21.09.2020 zu: Birgitta Fuchs: Geschichte des pädagogischen Denkens. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5270-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26134.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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