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Arnd-Michael Nohl: AdressatInnen und Handlungsfelder der Pädagogik

Cover Arnd-Michael Nohl: AdressatInnen und Handlungsfelder der Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-8252-5273-1. 14,99 EUR, CH: 19,90 sFr.

Reihe: Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft - 4.
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Thema

Viele Studierende stellen sich zu Beginn und auch während ihres Studiums die berechtigte Frage danach, in welchem Bereich sie später einmal beruflich wirken werden. Dabei sind ihre Vorstellungen zumeist davon geleitet, dass sie selbst Schule, Kindertagesstätte, Jugendarbeit erlebt haben, sich selbst bereits in einem pädagogischen Projekt engagieren oder in der Jugendarbeit aktiv sind. Pädagogische Handlungsfelder wirken stabil und finden sich in großer Zahl in einer ausdifferenzierten und pädagogisierten Gesellschaft. Von Jugendhaus bis hin zu Schulbegleitung, von Jugendstrafvollzug bis zur Betreuung von Senior*innen: Überall sind pädagogische Fachkräfte gefragt und aktiv. Ein Band, der sich nun konkret mit Handlungsfeldern und Adressat*innen der Pädagogik auseinandersetzt, mag einigen suggerieren, dass die Frage nach der Verortung des eigenen Wirkens hier beantwortet, zumindest aber orientiert wird. Möglicherweise erwarten sie eine klare Auflistung von präzisen, abtrennbaren Institutionen, den Ausweis von trennscharfen Kriterien und letztlich Hinweise darauf, wie in diesen Handlungsfeldern aufzutreten, wie mit den verschiedenen Adressat*innen umzugehen sei. Arnd-Michael Nohl bricht direkt zu Beginn des Buches mit dieser Vorstellung. Stattdessen weist er auf die Komplexität der Konstruktionsvorgänge im pädagogischen Feld hin. Somit soll das Buch sowohl in die Handlungsfelder einführen, diese aber zugleich aber ihre „Multiperspektivität und ihren Konstruktionscharakter“ (S. 14) deutlich machen. Dementsprechend werden in dem Einführungsband zum einen ausgewählte Handlungsfelder und Adressat*innen der Pädagogik ausgewiesen und vorgestellt. Zugleich wird dieses Anliegen aber dadurch gebrochen, dass zum anderen eine wissenschaftliche Metaperspektive – die Beobachtung des Feldes – eingeübt werden soll.

Autor

Arnd-Michael Nohl ist der Autor dieses in der von Cathleen Grunert herausgegebenen Reihe von Einführungsbänden erschienenen Bandes zu verschiedenen grundlegenden Themen erziehungswissenschaftlicher Reflexion. Nohl ist aktuell Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt systematische Pädagogik an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg. Er forscht zu zahlreichen systematischen pädagogischen Fragekomplexen und Problembereichen, wobei die Anschlussfähigkeit von theoretischer Begriffsbestimmung und empirischer Phänomenerschließung in seinen Arbeiten immer wieder betont wurde und jüngst auch in einem grundlegenden Sammelband zu rekonstruktiver Erziehungsforschung von verschiedenen Autor*innen erneut hervorgehoben wurde.

Aufbau

Verschiedene Gliederungen des Buches, so Nohl selbst, hätten sich angeboten. Eine Differenzierung hätte beispielsweise anhand der Subdisziplinen der Erziehungswissenschaft erfolgen können. Kleinkinder wären dann von Kindern in der Grundschule unterschieden worden, Teilnehmer*innen von offenen Angeboten für Jugendliche von denen in der Schule. Auf diese Art wäre eine institutionellen und den subdisziplinären Grenzen verpflichtete Logik fortgeschrieben worden. Nohl hingegen wählt eine Perspektive, die „möglichst weitgehend durch die Allgemeine Erziehungswissenschaft geprägt ist“ (S. 14) und nutzt die verschiedenen Lebensalter als Ordnungsreferenz. Freilich werden die Einblicke in die Subdisziplinen integriert, was weiter unten noch Thema sein wird. Aus dieser Offenlegung der eigenen Ordnungsannahmen folgt eine nachvollziehbare Gliederung, welche sowohl die biophysische Entwicklung des Menschen als auch verschiedene Institutionen in den Blick nimmt. Schließlich folgt die Gliederung im ersten Teil in fünf Kapiteln den Lebensaltern (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und höheres Alter), um dann nach einem systematisierenden Zwischenfazit im sechsten Kapitel in den Kapiteln sieben bis elf verschiedene Handlungsfelder (Kindertagesstätten, Schulen, Erwachsenen- und Weiterbildung, Soziale Arbeit, Rehabilitations-, Medien- und interkulturelle Pädagogik) vorzustellen. Die Publikation schließt mit einer Diskussion über Institutionalisierung und Organisation der pädagogischen Profession.

Inhalt

Der oben vorgestellten Gliederung folgend werden im Buch von Nohl chronologisch die verschiedenen Lebensalter vorgestellt und unterschiedlich gerahmt und diskutiert, wobei stets die wissenschaftliche Diskussion zum Lebensalter in geraffter Form präsentiert wird. So beginnt die Auseinandersetzung mit der Kindheit konsequent mit den Ideen zur Erfindung der Kindheit. Kindheit wird auf diese Art in gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten verortet, eine Kindheit ohne sozialen Einfluss gibt es nicht. Weitere entwicklungspsychologischer, sozialisationstheoretischer und sozialkonstruktivistisch-ethnographischer Ausführungen schließen an und integrieren so die verschiedenen wissenschaftlichen Diskussionsstränge zu Kindheit. Bereits in diesem ersten Kapitel hält Nohl genau das ein, was er verspricht: In Abhängigkeit von theoretischer Perspektive und methodischem Zugriff entstehen unterschiedliche Kindheiten. Die Pädagogik als Disziplin und Praxis ist maßgeblich an der Erzeugung von Kindheit als differenziertem Phänomen beteiligt, die nicht immer mit Freiheit und offenere Entwicklung, sondern institutionalisiert auch mit normierenden Anforderungen einhergeht. Einer ähnlichen Struktur folgen auch die weiteren Überlegungen zu den Lebensaltern. Multiperspektivität wird betont, verschiedene theoretische Zugänge werden vorgestellt und gleichberechtigt diskutiert, wobei der Allgemeinen Erziehungswissenschaft eine ordnende und systematisierende Aufgabe zukommt.

Besonders hervorzuheben ist das sechste Kapitel, in dem Nohl ein Zwischenfazit bietet. Das Buch wird so an einer didaktisch sinnvollen Stelle unterbrochen – das Kapitel lädt zur gemeinsamen Reflexion ein und leitet den Ebenenwechsel zu den konkreten Handlungsfeldern ein. Lebensalter, – so folgen wir Nohl – existieren nicht losgelöst von ihrem pädagogischen Zugriff. Dennoch haben auch die Pädagog*innen nicht die Weltformel gefunden. Nicht alles ist so, wie Pädagog*innen es beschreiben, denn auch der pädagogische Zugriff ist konsequent Teil einer Konstruktion von angenommener Realität. Insbesondere in pädagogischen Kontexten sind Kategorisierungen am Werk, die sowohl notwendig als auch problematisch sind. Problematisch sind sie immer dann, wenn sie abwertend ausgedeutet werden – notwendig sind sie trotz dieser Gefahr. Nohl nimmt in diesem Zwischenkapitel all denen den Wind aus den Segeln, die sich allzu leichte Erklärungen wünschen und auf Rezeptwissen setzen. Das Zwischenfazit betont die Paradoxien und das Technologiedefizit pädagogischen Handelns, was ein Ausbalancieren als reflektierte Praxis zwischen stets unvereinbaren Polen im Handlungsfeld als notwendig ausweist, das zumeist auch im institutionalisierten Rahmen stattfindet, was neue Probleme aber auch Potenziale freisetzt.

Auch die an das Zwischenfazit anschließenden Kapitel zu Kindertagesstätten, Schulen, Erwachsenen- und Weiterbildung, Sozialer Arbeit und weiteren Handlungsfeldern versuchen den Spagat zwischen notwendigem Überblick über ein (unbekanntes) Handlungsfeld und wissenschaftlicher Reflexion. Auch wenn den Rehabilitations-, Medien- und interkulturellen Pädagogiken nur ein einzelner Abschnitt gewidmet wird, weist Nohls Werk gerade hier aus, wie mit den sich verschiebenden Grenzen des pädagogischen Feldes umgegangen werden kann. Denn die pädagogische Praxis differenziert sich weiterhin aus und eine Vielzahl von Tätigkeitsfeldern – eine Liste wäre kaum möglich – ist heute erkennbar. Nohl betont – wie durch das Buch hinweg – auch für den Bereich der Heil-, Sonder- oder Inklusionspädagogik den Prozess der organisatorischen und interaktiven Konstruktion, verortet die einzelnen Differenzpädagogiken in ihrer historischen Genese, disziplinärer Einordnung und theoretischer Fundierung. Insbesondere dieses Kapitel regt an, die Grenzen des Einführungsbandes zu überschreiten und sich eigenständig mit den genannten Handlungsfeldern auseinanderzusetzen.

Diskussion

Letztlich bleibt zu der von Arnd-Michael Nohl vorgelegten Publikation zu sagen, dass auf 160 Seiten inhaltlichem Text eine Diversität an Themen bearbeitet wird, die das Buch schon allein aufgrund seiner Vielfältigkeit empfehlenswert macht. Das Buch liefert eine enorm hohe Dichte an Informationen, die nachvollziehbar und anschlussfähig aufbereitet werden. Im Durchgang durch das Werk werden Leser*innen geführt und mit möglicherweise zunächst irritierenden Aussagen über die pädagogische Normalität konfrontiert, die nicht unbedingt zum Standardrepertoire von Einführungsbänden gehören, obgleich sie das pädagogische Denken und Handeln grundlegend beeinflussen. Bei der Lektüre wird deutlich, dass es sich nicht einfach nur um eine Darstellung von (möglichen) Handlungsfeldern im pädagogischen Betrieb handelt, sondern auch um eine ambitionierte theoretische Reflexion, die zugleich beiläufig systematisches Denken über die Antinomien des Pädagogischen und Paradoxien in Handlungsfeldern vermittelt. Der Anspruch, in einem solchen Einführungswerk zugleich die Handlungsfelder selbst in ihrer Genese kritisch einzuholen ist in diesem kurzen Band im Rahmen der Möglichkeiten vollumfänglich erfüllt! Denn Nohl verweist nicht nur auf die reichhaltige Diskussion zu den verschiedenen Subdisziplinen, sondern liefert auch mögliche Ansatzpunkte zur Vertiefung.

Fazit

Das Buch richtet sich- wie auch im Vorwort von Cathleen Grunert benannt – an Studienanfänger*innen. Nohl gelingt es, einen anschaulichen, verständlichen, informativen und gut lesbaren Text für ebendieses Publikum zu verfassen, der sowohl als individuelle Lektüre als auch als Grundlage für das vertiefende Gespräch im Seminar genutzt werden kann. Die Reflexionsfragen zu den Enden der Kapitel unterstützen die Lektüre und sind prägnant und anregend formuliert; Marginalien erleichtern die Orientierung im Text zusätzlich. Besonders hervorzuheben ist an diesem Buch der Anspruch, die theoretische Reflexion der komplexen und diversen Handlungsfelder nicht hintanzustellen, sondern durchweg mitzuführen. Die eingezogenen Zusammenfassungen unterstreichen diesen Anspruch, die abschließende Thematisierung der Institutionalisierung der pädagogischen Felder ist insbesondere für all diejenigen interessant, welche die drängenden Ansprüche an pädagogisches Fachpersonal später am eigenen Leibe spüren werde. Eine reflektierte Perspektive auf Organisationsmechanismen und Folgen der institutionellen Wirkmechanismen schützt pädagogisches Handeln vor der Individualisierung von geteilten Problemlagen und weist zugleich auf die potenziell zerstörerischen Mechanismen von Institutionen und Organisationen hin. Die Antinomien pädagogischen Handelns, die in solchen Kontexten sichtbar werden, konsequent zu betonen und herauszustellen, ist mindestens eines der hervorstechenden Merkmale des Einführungswerks von Arnd-Michael Nohl – das freilich jede Diskussion in diesem Band hätte ausführlicher geführt werden können, es noch mehr zu lesen, durchdenken und praktisch umzusetzen gilt, sollte klar sein.


Rezension von
Dr. Sebastian Engelmann
Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Allgemeine Pädagogik
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Zitiervorschlag
Sebastian Engelmann. Rezension vom 09.11.2020 zu: Arnd-Michael Nohl: AdressatInnen und Handlungsfelder der Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5273-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26135.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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