socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Pantuček-Eisenbacher: Soziale Diagnostik

Cover Peter Pantuček-Eisenbacher: Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 352 Seiten. ISBN 978-3-525-71145-3. D: 30,00 EUR, A: 31,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Alice Salomon, eine Pionierin der Sozialen Arbeit, beschrieb die Soziale Diagnose als eine zentrale Aufgabe für die Ausgestaltung eines professionellen Hilfeprozesses. Dabei gilt es die Problemlage der Klienten kennenzulernen und zu analysieren, eine fachliche Beurteilung der vorliegenden Symptome und der Problemlage vorzunehmen und den Hilfebedarf zu ermitteln. Das Ergebnis bildet die Grundlage zur Hilfeplanung und zur Finanzierung der Hilfen.

Professionstheoretisch wird Diagnostik häufig dominiert von Konzepten und Methoden der Medizin und der Psychologie, wobei die Medizin die historischen Wurzeln der Diagnostik bildet. Von ihr stammen Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit. Grundlage ärztlichen Handelns sind diagnostische Systeme von Krankheits- und Störungsbildern (insbesondere die kontinuierlich weiterentwickelte International Classification of Disease), Prozessmodelle zur Durchführung einer professionellen Diagnostik und diagnostische Methoden.

In der Sozialarbeit hat sich der Begriff der Psychosozialen Diagnostik etabliert. Ziel ist es, in Abgrenzung zu den Bezugswissenschaften Medizin und Psychologie eigenständige Konzepte, Prozessmodelle und Methoden zu entwickeln. Dabei ist eine Rückkopplung zum Professionsverständnis der Sozialen Arbeit unverzichtbar. Nur darüber lässt sich ein eigenständiges diagnostisches Aufgabenfeld legitimieren und praxistaugliche Standards für eine professionelle Durchführung Psychosozialer Diagnostik entwickeln.

Entstehungshintergrund

In dem Lehrbuch, erschienen als vierte überarbeitete und aktualisierte Auflage des Standardwerks der Sozialen Diagnose, fasst Peter Pantuček-Eisenbacher den aktuellen Stand zum Thema zusammen, führt die Leser*innen in Fragen der Fachlichkeit, der Problem- und Fallkonstruktion, der Prozessgestaltung ein und stellt ausgewählte Diagnoseinstrumente vor. Pantuček-Eisenbacher ist Hochschullehrer an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten/Österreich (sowie deren Rektor) und als Pionier der Psychosozialen Diagnostik bereits langjährig in der Entwicklung von Diagnoseinstrumenten und -systematiken tätig. Sein Engagement trägt wesentlich zur Professionalisierung des diagnostischen Handelns in der Sozialen Arbeit und zur Weiterentwicklung der Lebenslagediagnostik bei.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung in den Gegenstand und die aktuellen Entwicklungstendenzen der Sozialen Diagnose gliedert sich das Buch in zwei Teile mit insgesamt sechzehn Kapitel (und Literatur und Glossar).

Der erste Teil behandelt Grundfragen Psychosozialer Diagnostik. Hierzu sieht es Pantuček-Eisenbacher als unverzichtbar an, die Funktion und die Rolle der Sozialarbeit in Abgrenzung zu benachbarten Professionen zu definieren und wichtige Spannungsfelder, denen sich Sozialarbeiter*innen stellen müssen, zu benennen. Hieraus leitet sich auch die Problem- und Fallkonstruktion in der Sozialen Diagnostik und die Rolle im professionellen Handlungsprozess ab. Für eine Unterstützung bei der gelingenden Lebenspraxis der Klient*innen durch den/die Sozialarbeiter*in geht es im Kontext des diagnostischen Handelns auch darum, eine Grundstruktur des Alltagshandelns zu identifizieren, um auf dieser Basis die für die verschiedenen Problemlagen vergleichbaren Herausforderungen zu ihrer Bewältigung abzubilden.

Den Schwerpunkt des ersten Teils bildet die Beschreibung der grundsätzlichen Probleme Sozialer Diagnosen in Kapitel 5. Hier nimmt der Autor u.a. Bezug auf die Ressentiments der Sozialen Arbeit gegenüber der Diagnostik. Dies betrifft insbesondere mögliche stigmatisierende Tendenzen und eine Bevormundung der Klient*innen aufgrund des Expertenwissens der Diagnostiker*innen. Daneben werden grundlegende Fragen im Kontext jeder Diagnostik thematisiert. Da die Diagnostik immer aus Explorieren, Datensammeln und Deuten besteht, gilt es Messprobleme und mögliche Antworttendenzen, die Form der Kooperation zwischen Klient*in und Sozialarbeiter*in, den Stellenwert von Normen bei der Deutung der gesammelten Informationen und Fragen der Dokumentation, der Zielfindung und des Praxistransfers im Unterstützungsprozesses des/der Sozialarbeiter*in zu reflektieren.

Der zweite Teil – ausgewählte Diagnoseinstrumente – wird mit Ausführungen zum Aufbau des zweiten Buchteils und zur Systematik der dargestellten Verfahren eröffnet. Nach einer Einführung in den Kontext bzw. die diagnostische Situation wird zu jedem Verfahren eine Übersicht zum Gegenstand, zur Handhabung, zur Wirkung, zu Anwendungsproblemen/zur Kontraindikation und zur Interpretation der Ergebnisse geliefert. Pantuček-Eisenbacher hebt als Gemeinsamkeit der dargestellten Diagnoseinstrumente hervor, dass sie sich von persönlichkeitsdiagnostischen Verfahren der Psychologie abgrenzen und dennoch personenzentriert die Lebenswelt der im Zentrum stehenden „Ankerperson“ beschreiben. Die Ankerperson ist die im Mittelpunkt stehende Person, aber nicht immer sind dies Klient*innen.

Nicht in dem Buch zu finden sind die in der sozialpädagogischen Tradition entwickelten hermeneutischen Verfahren zum subjektzentrierten Fallverstehen. Hierfür sieht der Autor eine eigene Publikation als notwendig an.

Es folgen nun Kapitel zur Sichtdiagnostik (Beobachtung bei Hausbesuchen und Begehungen mit entsprechenden Leitfragen), Verfahren zur Kurzdiagnostik, Notationssysteme (die zur Systematisierung der Informationen der Klient*innen dienen), zur Netzwerkdiagnose, zur biografischen Diagnostik und zur Lebenslagediagnostik. Einen eigenständigen Beitrag zur Weiterentwicklung vorliegender Instrumente leistet der Autor besonders bei der Netzwerkkarte und dem biographischen Zeitbalken, indem er ihre Anwendung im Kontext der Sozialen Arbeit in enger Kooperation mit Praxisstellen erforscht. Die Lebenslagediagnostik (Inklusions-Chart; Version IC4) geht originär auf Pantuček-Eisenbacher zurück. In einem ca. 20 Jahre dauernden Forschungs- und Entwicklungsprozess galt es dem Autoren in Kooperation mit Praxisstellen der Sozialen Arbeit die Systematik und Praxistauglichkeit der Lebenslagediagnostik kontinuierlich zu verbessern. Das Instrument der Lebenslagediagnostik will einen Überblick zur Lebenslage unabhängig vom genannten Problem/​Symptom geben und dazu differenziert die Teilnahme am gesellschaftlichen Austausch, das Niveau der Existenzsicherung und der Funktionsfähigkeit (im Bereich Gesundheit, Kompetenz und Sorgepflichten) analysieren.

Der Autor stellt nun Klassifikationssysteme aus dem medizinischen, psychologischen, heilpädagogischen und sozialarbeiterischen Bereich vor (ICD-10; DSM-5; ICF und PIE). Er benennt kurz das ICD-10 als medizinische und das DSM-5 als psychologische Klassifikationssysteme, ohne dass aus seiner Sicht eine Anwendbarkeit/Übertragbarkeit für die Praxis der Sozialen Arbeit besteht. Lediglich bei der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (International Classification of Functioning, Disability and Health – ICF) sieht Pantuček-Eisenbacher relevante Anschlüsse für die Soziale Arbeit bei der Unterstützung von Menschen mit körperlichen Handicaps, die sich auf die Alltagsgestaltung und Bewältigung von persönlichen und beruflichen Anforderungen auswirken. Originär für die Soziale Arbeit in den USA entwickelt wurde das PIE (Person In Environment Classification System), dass in Deutschland allerdings noch wenig rezipiert wurde und insofern den Autoren letztlich resümieren lässt, dass es bisher im deutschsprachigen Raum kein eigenständiges sozialarbeiterisches Klassifikationssystem gibt.

Es folgen nun Kapitel zur kooperativen Diagnostik, zur Risikoabschätzung und Entscheidungsvorbereitung und zur Gutachten-Erstellung. Insbesondere auf dem Hintergrund des verstärkten Anspruchs zur Kooperation in der Sozialen Diagnostik und zur Transparenz von Entscheidungs- und Urteilsprozessen finden die Leser*innen hier wichtiges Handwerkszeug für die Durchführung, Auswertung und Kommunikation der Ergebnisse des diagnostischen Handelns.

Abschließend stellt Pantuček-Eisenbacher mit dem Glossar sein Verständnis zentraler Begriffe zur Verfügung.

Die Publikation wendet sich an Sozialarbeiter*innen, die mit Aufgaben psychosozialer Diagnostik betraut sind. Informativ ist das Buch auch für Studierende der Sozialen Arbeit in Bachelor- und Master-Studiengängen, sowie für Dozent*innen in diesen Studiengängen.

Empfehlen würde ich das Buch auch für Studierende angrenzender Fachgebiete (z.B. der Heilpädagogik), wenn es um Grundfragen der Zielsetzung und Methodik im diagnostischen Setting geht. Es gibt eine Einführung in die Grundfragen, Herausforderungen und Dilemmata Sozialer Arbeit im Kontext des diagnostischen Handelns und stellt zahlreiche diagnostische Instrumente in ihren Einsatzmöglichkeiten vor. Für einzelne Teilfragen beispielsweise in der klinischen Praxis, Jugendhilfe und Behindertenhilfe wären m.E. weiterführende Literaturhinweise empfehlenswert.

Diskussion

Es liegt ein informatives und praxisorientiertes Methodenwerk (in 4. Auflage) vor. Den Leser*innen gibt es eine Einführung in die Grundfragen und Dilemmata des diagnostischen Handelns unter Bezug auf das Selbstverständnis Sozialer Arbeit und grenzt sich damit profiliert gegenüber dem diagnostischen Handeln in Nachbardisziplinen ab. Gleichzeitig liefert es mit einem breit angelegten Methodenteil für zahlreiche Praxissituationen Handreichungen und Instrumente, so zur Verhaltensbeobachtung, für Anamnese- und Beratungsgespräche und zur Visualisierung von Lebenslaufinformationen der Ankerperson (die im Mittelpunkt der psychosozialen Diagnostik stehende Person).

Der Autor, ein renommierter Sozialarbeitswissenschaftler, Praktiker und Forscher in einer Person, ist ein ausgewiesener Spezialist im Lehrgebiet der Psychosozialen Diagnostik. In der vorliegenden Ausgabe bündelt er den aktuellen Stand der diagnostischen Instrumentenentwicklung im Kontext der Erfassung der Lebenslage und Alltagsbewältigung der Klient*innen.

Fazit

Das vorgelegte Buch überzeugt durch ein klares Profil, einen leserfreundlichen Stil, sowie detailreiche und praxisnahe Ausführungen zu den Diagnoseinstrumenten. Eine klare Empfehlung ist das Buch für das Studium diagnostischer Fragen im Bachelor- und Master-Studium der Sozialen Arbeit und für Studierende angrenzender Fachgebiete. Als lesenswerte Lektüre eignet es sich auch für Dozent*innen und Praktiker*innen in zahlreichen Feldern der Sozialarbeit zur Fort- und Weiterbildung.


Rezension von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
E-Mail Mailformular


Alle 35 Rezensionen von Hans-Jürgen Balz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 29.01.2020 zu: Peter Pantuček-Eisenbacher: Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-525-71145-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26137.php, Datum des Zugriffs 01.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung