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Leben im Kontext e.V. (Hrsg.): [...] Seelsorge und Therapie in christlichen Einrichtungen

Cover Leben im Kontext e.V. (Hrsg.): Der Beratungsführer 2005. Seelsorge und Therapie in christlichen Einrichtungen. SCM R.Brockhaus Verlag (Witten) 2005. 344 Seiten. ISBN 978-3-417-24883-8. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Einführung in das Thema, Hintergrund und Autoren

Die "Psychophobie" bestimmter christlicher Kreise ist notorisch. Evangelikale Frömmigkeit schien lange inkompatibel zu sein mit Psychotherapie, die als "Selbsterlösungsillusion" galt und dem Glauben an den "Heil-and" Jesus Christus widersprach: "Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund" - mit diesem Gebet wenden sich Christen an den Sohn Gottes. Seelische Hilfe erfahren Menschen, wenn sie sich dem Wirken Jesu Christi anvertrauen. In einem solchen Kontext werden Psychotherapeuten nicht gebraucht, deutlicher gesagt: ihre Zunft erscheint als grundsätzlich fragwürdig.

Die Autoren Grund und Seehuber beginnen ihren Beitrag "Psychotherapie - Seelsorge - Beratung. Möglichkeiten - Grenzen - Gemeinsamkeiten" dementsprechend mit dem Zitat aus einem Leserbrief in einer evangelikalen Zeitschrift: "...Es gibt entweder (Psycho-)Therapie oder (psychologische) Beratung oder Seelsorge..." (S. 33) - nämlich als einander ausschließende Konzepte. Das Verdienst des Beratungsführers liegt auch darin, (wieder) zusammenzuführen, was nur um den Preis einer Verarmung zu trennen ist. Das mag mit einer veränderten Nachfrage zu tun haben: Gersdorf, selbst Leiter einer Beratungsstelle, stellt fest: "Tatsächlich kann man wohl sagen: Noch nie war das Bedürfnis von Menschen aus christlichen Gemeinden, aber auch von Menschen, die der Gemeinde Jesu fern stehen, nach fundierter fachlicher Beratung und Seelsorge so stark und wurde so deutlich artikuliert, wie dies heute der Fall ist." (S. 9) Der Beratungsführer fasst Angebote aus den Bereichen Therapie, ambulante und stationäre Hilfe sowie Schulung und Supervision zusammen, die bewusst und ausdrücklich christlich orientiert sind.

Herausgeber des Bandes ist der Verein "Leben im Kontext e.V.", der Träger einer Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Dortmund ist. Der Leiter dieser Beratungsstelle und Mitautor des Bandes ist Rolf Gersdorf, Diplom-Sozialarbeiter und Familientherapeut sowie Supervisor/Lehrsupervisor (DGSv). Ulrich Giesekus ist Diplom-Psychologe, Gottlob Heß Pfarrer, Friedhelm Grund Theologe, Dietmar Seehuber Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrie und Psychotherapie, und Annette Gnatzy ist ebenfalls Diplom-Psychologin.

Aufbau und Inhalt

Der Beratungsführer beginnt mit einem einführenden Beitrag von Gersdorf zu dem "Wozu" dieses Beratungsführers: er soll Ratsuchenden einen Überblick über christlich orientierte psychologische Hilfs- und Beratungsangebote geben, Kirchen und Gemeindeleitungen eine Vermittlungshilfe und an Ausbildungen in diesem Bereich interessierten Menschen eine wertvolle Adressensammlung.

Im zweiten Beitrag schildert Gersdorf das Aufnahmeverfahren und stellt den Fachbeirat des Bandes vor. Kriterien für die Aufnahme sind: Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde oder einem christlichen Werk, entsprechende Referenzschreiben, Anerkennung grundsätzlicher, vom Beratungsführer formulierter Glaubensaussagen, abgeschlossene Fachausbildungen, Begleitung der eigenen Arbeit durch Supervision sowie die Pflicht zur Änderungsmitteilung. Grundorientierungen im wild wuchernden Dschungel psychotherapeutischer Schulen, Arbeitenformen und Methoden bietet der Beitrag von Giesekus: "Etwa 100 unterschiedliche therapeutische Schulen werden von Experten unterschieden, und jede nimmt für sich in Anspruch, seelische Probleme lösen zu können. Das Problem dabei ist: Jede hat eine andere Sprache, und es gibt wenig Übereinstimmung über die genauen Unterschiede zwischen verschiedenen Begriffen." (S. 21)

  • Erste Orientierung: das Menschenbild. Giesekus hält ein Plädoyer für einen ganzheitlichen therapeutischen Ansatz, der auf dem biblischen Menschenbild basiert.
  • Zweite Orientierung: Grundhaltung. In diesem Abschnitt werden einige wenige nachvollziehbare Kriterien für eine Therapeutenwahl vermittelt.
  • Dritte Orientierung: die Fachkompetenz der TherapeutInnen.
  • Und vierte Orientierung: das angemessene Setting.

Der Artikel von Heß reflektiert den theologischen Ort von Beratung, Seelsorge und Therapie, Grund und Seehuber nehmen diesen Impuls auf und reflektieren Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Psychotherapie - Seelsorge und Beratung. Den Textteil beschließt ein Artikel von Gersdorf zum Thema "Was ist Supervision?"

Die Beratungsangebote sind dann zunächst in tabellarischer Form nach Bundesländern und Postleitzahlen geordnet, und zwar nach folgenden Kategorien:

  • Beratungsstellen und ambulante Therapieeinrichtungen,
  • stationäre therapeutische Einrichtungen
  • und Ausbildung, Schulung, Supervision.

Die Tabelle führt zu der ausführlicheren Darstellung (meist im Umfang einer Druckseite) der jeweiligen Einzelangebote, die nach folgendem Schema aufgebaut ist: in der headline stehen Adresse, Telefonnumern, Web- und Mailadressen etc.

Dann folgen die Abschnitte:

  • Leitung der Einrichtung,
  • Angebot,
  • Arbeitsgrundlage/Methoden
  • sowie Stellenbesetzung (MitarbeiterInnen) und evtl. weitere Infos.

Diese Einzeldarstellungen umfassen mehr als 250 Seiten! Es folgt eine - ebenfalls nach Postleitzahlen sortierte - Liste von Rehabilitationszentren der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen (ACL), die sich unterschiedlichen Problematiken wie diversen Suchterkrankungen, psychische und soziale Probleme sowie der Arbeit mit Strafentlassenen widmen. Adressen wichtiger Verbände sowie ein Glossar beschließen den Band.

Zielgruppen

Zur Zielgruppe gehören in erster Linie Menschen, die sich selbst als bewusst christlich definieren und auf der Suche sind nach BeraterInnen und TherapeutInnen, mit denen in dieser Grundausrichtung ein Konsens vorausgesetzt werden kann. Der Band wird auch hilfreich sein für christliche Einrichtungen, die auf der Suche nach christlich orientierten SupervisorInnen sind. Und schließlich auch für kirchliche MitarbeiterInnen, vor allem für PfarrerInnen, die Ratsuchende an eine geeignete Stelle weitervermitteln möchten.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Für manch einen, der mit kirchlich geprägter Sprache nicht so vertraut ist, wird die Begrifflichkeit, mit der der Beratungsführer arbeitet, bizarr wirken. Ein Beispiel: "Ziel und Zweck des BF ist es, einen Überblick über christozentrisch arbeitende Dienste im Bereich Seelsorge und Beratung in Deutschland zu vermitteln. Dazu ist es notwendig, dass es einen Grundkonsens bezüglich der Aussagen gibt, über die Einigkeit in dem einen Leib Christi besteht." (Gersdorf) Der "Leib Christi" ist eine im Beratungsführer durchgängige (biblische) Metapher für die christliche Gemeinde. Aber nun ist der Beratungsführer auch ausdrücklich an Menschen adressiert, die sich als "Glieder des Leibes Christi" definieren - insofern gewiss eine "Insiderlektüre". Um sich wirklich orientieren zu können, braucht man eine große Portion "Ortskenntnis": welche Ausrichtung hat welches Ausbildungsinstitut, wo begegnet man eher evangelikalen Glaubensmodellen, wo eher traditionell-volkskirchlichen, wo wird entschieden missionarisch gearbeitet, wo bewusst darauf verzichtet - Informationen, die mir, wenn ich Hilfe suchte, wichtig wären, sich aber in einem Beratungsführer nicht abbilden lassen. Es bleibt also für Ratsuchende noch einiges zu tun.

Dennoch ist der Beratungsführer ein hilfreiches Buch, zumal der Zusammenhang von Beratung/Therapie und Spiritualität in der letzten Zeit immer mehr in den Blick kommt. In dieser Frage haben natürlich christlich inspirierte Institute und BeraterInnen einiges zu bieten. Und wer davon nichts wissen will, legt den Band ohnehin schon nach den einführenden Kapiteln beiseite...

Fazit

Für den Personenkreis, den er als Adressaten im Blick hat, ist der Beratungsführer durchaus empfehlenswert.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 07.06.2005 zu: Leben im Kontext e.V. (Hrsg.): Der Beratungsführer 2005. Seelsorge und Therapie in christlichen Einrichtungen. SCM R.Brockhaus Verlag (Witten) 2005. ISBN 978-3-417-24883-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2614.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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