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Rita Braches-Chyrek: Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte

Cover Rita Braches-Chyrek: Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte. UTB (Stuttgart) 2019. 140 Seiten. ISBN 978-3-8252-4772-0. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,90 sFr.

Reihe: 9783825243470 - 2.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Band ist als grundlegende Einführung konzipiert. Er gibt einen Überblick – jeweils vor dem Hintergrund historischer und gesellschaftlicher Entwicklungen – über die wichtigsten (Handlungs-) Methoden Sozialer Arbeit. Neben der Vorstellung der unterschiedlichen Methoden und Konzepte bzw. begleitend zu diesen ist es Braches-Chyrek ein Anliegen, „immer wieder den Blick auf die spezifischen Strukturbedingungen methodischen Denkens und Handelns in der Sozialen Arbeit zu lenken, da eine Klärung der Bedingungen und Kontexte (…) nachvollziehbar sein soll“ (S. 7 f.).

Der Band ist Teil der Reihe „Soziale Arbeit – Grundlagen“, herausgegeben von Fabian Kessl, Elke Kruse, Sabine Stövesand und Werner Thole. Diese hat lt. Verlag zum Ziel, Studierenden einen systematisch-einführenden Überblick für das Feld Sozialer Arbeit in Profession wie Disziplin bereit zu stellen.

Autorin

Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek hat den Lehrstuhl Sozialpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg inne. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit, Kindheits- und Geschlechterforschung sowie Generationenbeziehungen. Zuletzt erschienen: Braches-Chyrek, R. & Fischer, J. (Hrsg.) (2018): Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Aufbau

Der Band besteht aus fünf Kapiteln und einem abschließenden Literaturverzeichnis.

Er beginnt mit grundlegenden Begriffsklärungen (Kapitel 1), um dann im zweiten Teil (Kapitel 2 und 3) die zentralen Methoden und Handlungskonzepte vorzustellen. Der dritte Teil (Kapitel 4) widmet sich professions- und organisationsbezogenen Handlungsmethoden. Der Band schließt mit Überlegungen zu aktuellen Entwicklungen, die Impulse für eine weitergehende Betrachtung liefern sollen (Kapitel 5).

Jedes Kapitel enthält veranschaulichende Abbildungen, Kurzdefinitionen sowie weiterführende Literaturhinweise zur Vertiefung.

  1. Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit – Eine Einführung
  2. Handlungskonzepte und Methoden in der Sozialen Arbeit
  3. Sozialraum und Gemeinwesen
  4. Professions- und organisationsbezogene Handlungsmethoden
  5. Entwicklungen in der Methodendiskussion

Inhalt

In Kapitel 1 Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit – Eine Einführung erfolgt zu Beginn eine Klärung folgender zentraler Begriffe: Konzept, Methode, Verfahren und Technik. Braches-Chyrek betont, dass methodisches Denken und ein entsprechender Kommunikations- und Interaktionsprozess „immer einer Analyse und Reflexion unterworfen werden müssen, und zwar in Bezug auf die Fallangemessenheit sowie mögliche und wahrscheinlich individuelle und gesellschaftliche Wirksamkeiten“ (S. 12). Daran schließen sich Ausführungen zu den Rahmen- und Strukturbedingungen sozialpädagogischen Handelns an. Die Autorin verweist auf die Schwierigkeit, methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit klar und eindeutig zu fassen: Die Arbeitsfelder weisen einen mitunter geringen Grad an Spezialisierung auf (Etikett der Allzuständigkeit). Jedes Problem muss auf unterschiedlichen Ebenen und in Auseinandersetzung mit Handlungskonzepten anderer Professionen wie auch von Lai*innen behandelt und bearbeitet werden. Gerade deshalb kommt dem methodischen Handeln in der Sozialen Arbeit – von Braches-Chyrek verstanden als „spezifische Form der personenbezogenen Sozialen Dienstleistungen“ (S. 14) – die Funktion eines „Statusmarkierers“ (S. 13) zu.

Kapitel 2 Handlungskonzepte und Methoden in der Sozialen Arbeit und Kapitel 3 Sozialraum und Gemeinwesen stellen die wichtigsten und am häufigsten eingesetzten Methoden und Handlungskonzepte vor. Die Autorin orientiert sich hierbei an der klassischen kategorischen Einteilung in Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. Jede Einzeldarstellung beginnt – häufig unter Bezugnahme auf die anglo-amerikanische Diskussion – mit der Entstehungsgeschichte der jeweiligen Methode. Braches-Chyrek weist darauf hin, dass eine eindeutige Zuordnung zu den im ersten Kapitel erläuterten Oberbegriffen wie eine klare Ausrichtung auf eine bestimmte Ebene des Handelns nicht immer möglich ist.

Zu Beginn erfolgt eine ausführlichere Darstellung der Entwicklung der Einzelfallhilfe und entsprechende konzeptionelle Überlegungen. Daran schließen sich Ausführungen zu folgenden einzelfall- und individuumszentrierten Methoden/​Handlungskonzepten an: Biografische Einzelfallhilfe, Sozialpädagogische Diagnose und Entwicklungsprognosen, Sozialpädagogische Familienhilfe mit einem Exkurs zu „Familien im Mittelpunkt“, Multiperspektive Fallarbeit, Sozialpädagogische Beratung, Mediation sowie Sozialmanagement.

Hierauf folgen Einzeldarstellungen gruppen- und sozialraumbezogener Methoden/​Handlungskonzepte: Soziale Gruppenarbeit, Themenzentrierte Interaktion, Erlebnispädagogik, Positive Peer Culture, Konfrontative Pädagogik sowie Streetwork und Mobile Jugendarbeit.

Kapitel 3 beginnt, ebenfalls wie Kapitel 2, mit einer ausführlicheren allgemeinen Darstellung der Gemeinwesenarbeit, gefolgt von Ausführungen zu den theoretischen und methodischen Grundlagen der Sozialraumorientierung. Daran schließen sich Darstellungen von Empowerment als Prozesse der Selbstbemächtigung, Sozialer Netzwerkarbeit sowie Jugendhilfeplanung als Steuerungsinstrument kommunaler Kinder- und Jugendhilfe an.

Kapitel 4 widmet sich professions- und organisationsbezogenen Methoden. Neben einer kurzen allgemeinen Einführung folgt zu Beginn eine ebenfalls kurze Einordnung der Begriffe Konzeption und Konzept. Daran schließen sich Ausführungen zu Wirkungsforschung und evidenzbasierte Soziale Arbeit, Evaluation, Coaching, Supervision, Forschungsmethoden sowie Handlungsmethoden in der Fort- und Weiterbildung an.

Im letzten Kapitel geht Braches-Chyrek auf aktuelle Entwicklungen in der Methodendiskussion ein. Sie verdeutlicht diese anhand von vier Diskursfeldern: „zunehmend deregulierte Soziale Arbeit bei gleichzeitiger Verstärkung von ökonomisierenden Verfahrensweisen und Instrumenten, soziale Ungleichheit, Heterogenität und Digitalisierung“ (S. 121).

Die Autorin konstatiert zum einen eine verstärkte Individualisierung in der methodischen Ausrichtung, die zu einem Verlust solidarischer Formen des Sozialen führt. Zum anderen korreliert die zunehmende Fokussierung auf private (Vor-)Sorge mit dem Bild vom „modernen“ – gestaltungsfähigen, autonomen und eigenverantwortlichen – Individuum und das auch mit konkreten Auswirkungen auf die Praxis Sozialer Arbeit.

In diesem Kontext kritisiert Braches-Chyrek das (häufige) Fehlen methodischer Programme, die sich den Ursachen von sozialer Ungleichheit widmen. Vielmehr werde Armut, auch durch das methodische Handeln Sozialer Arbeit, normalisiert.

Als Drittes nimmt die Autorin die Analyse von und den Umgang mit Heterogenität in den Blick. Ihr geht es darum, Heterogenitätsdimensionen nicht nur zu analysieren, sondern auch entsprechend zu reflektieren, wie diese mit Ungleichheitsdimensionen korrelieren, und welche Folgen bestimmte Einordnungen für die Adressat*innen bedeuten. Sie plädiert dafür, „die Konzepte, Methoden und Techniken in der Sozialen Arbeit daraufhin zu überprüfen und weiterzuentwickeln, dass sie der zunehmenden Vielschichtigkeit und Veränderlichkeit der Lebensführungsmuster gerecht werden können“ (S. 123).

In Bezug auf Digitalisierung als gesellschaftlich relevanten Themenbereich kritisiert die Autorin, dass sich Soziale Arbeit als Disziplin wie Profession bisher nicht ausreichend auf die damit einhergehenden Veränderungen – bezogen auf sich selbst wie ihre Adressat*innen – auseinandergesetzt und vorbereitet hat.

Angesichts dieser Diskursfelder schließt Braches-Chyrek ihre Ausführungen zu aktuellen Entwicklungen mit der Forderung: „Daher ist eine kritisch-professionelle Perspektive auf die Möglichkeiten und Begrenzungen von Handlungsmethoden in der Sozialen Arbeit, die an eigenen empirischen wie theoretischen Analysen interessiert ist, eine der zentralen Aufgaben in zukünftigen Auseinandersetzungen“ (S. 124).

Diskussion

Die (didaktische) Aufbereitung der einzelnen Methoden ermöglicht einen guten und schnellen Überblick. Hierzu tragen auch die Abbildungen, die kurzen Begriffs(er-)klärungen wie Auflistungen von z.B. Grundsätzen, Prinzipien oder Standards bei.

Positiv ist in diesem Kontext, dass Braches-Chyrek durchweg betont, Methoden nicht nur in einem reduktionistisch-technischen Verständnis, losgelöst von Theorie wie Empirie, zu verstehen und anzuwenden, sondern immer auch institutionelle, strukturelle wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren zu reflektieren und zu berücksichtigen.

Hervorzuheben ist aus meiner Sicht, dass Braches-Chyrek die Bedeutung einer grundsätzlichen Ressourcenorientierung, die Berücksichtigung der Expertise sowie Selbstdeutungen und damit die Deutungshoheit der Adressat*innen im Kontext des methodischen Handelns unterstreicht, mit dem Ziel, in Anlehnung an Staub-Bernasconi, „zirkuläre, erkenntnisstrukturierte und demokratische Kommunikations- und Interaktionsprozesse zu initiieren“ (S. 25). So schließt sie zum Beispiel ihre Ausführungen zu den Maßstäben, die sich durch Sozialmanagement ergeben, mit der Forderung, diese „immer an die ethischen Wurzeln in der Sozialen Arbeit (zurückzubinden), welche Positionierungen im Hinblick auf das Recht auf Selbstbestimmung und Partizipation erlauben“ (S. 52).

Die Positionierungen von Braches-Chyrek entsprechen damit im besten Sinne der Ausrichtung der Reihe. Diese verfolgt lt. Verlagsangaben eine intersektionelle Perspektive, „weshalb Herrschaftsverhältnisse als strukturierende Prinzipien sozialpädagogischer Handlungsvollzüge und Organisations- wie Institutionalisierungsformen ebenso in allen Bänden themenbezogen Berücksichtigung finden (…) wie international vergleichende Markierungen oder Dimensionierungen“. Zugleich eröffnen diese Positionierungen sicherlich auch bei manchen Leser*innen Widerspruch, zum Beispiel, wenn die Autorin ihre Ausführungen zu Wirkungsforschung und evidenzbasierter Sozialer Arbeit mit der Einschätzung schließt: „Daher bietet die Wirkungsforschung keine Grundlage für eine Weiterentwicklung oder Vertiefung sozialarbeiterischer Handlungskompetenz. Die Komplexität der Fallbearbeitung, die notwendige Handlungs- und Wissensreflexion, hermeneutisches Fallverstehen oder ethische Handlungsleitlinien spielen in der evidenzbasierten Praxis keine Rolle“ (S. 104). In diesem Sinne lädt der Band auch selbst zu einer kritischen Auseinandersetzung ein, was ich, gerade angesichts einer Einführung, durchaus als ungewöhnlich, aber begrüßenswert empfinde.

Kritisch anmerken würde ich die Kürze der Darstellung einzelner Methoden und Handlungskonzepte, so zum Beispiel Empowerment, Teamarbeit oder Forschungsmethoden. Dies führt an manchen Stellen dazu, dass Inhalte, hinter denen umfängliche Diskurse stehen, bzw. widersprüchliche Positionen in ihrer Komplexität nur schlagwortartig oder sehr verkürzt dargestellt werden (können).

Dies ist vermutlich dem Anspruch des Bandes (mit einem Gesamtumfang von 130 Seiten), einen kompakten einführenden Überblick über die wichtigsten Methoden und Handlungskonzepte zu geben, geschuldet. Zwar enthält jedes Unterkapitel am Ende Literaturhinweise zum vertieften Weiterlesen, trotzdem hätte ich mir manchmal „etwas mehr Inhalt“ bei einzelnen Methoden oder auch umfangreichere Literaturhinweise gewünscht.

Fazit

Braches-Chyrek formuliert als Anspruch des Bandes, „dass die wichtigsten Wissens-, Lehr- und Forschungsfelder methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit nachvollziehbar beschrieben werden, damit diese (…) leicht zu erschließen sind“ (S. 7). Diesem Anspruch wird der Band mehr als gerecht. Er eröffnet sehr gut Möglichkeiten, sich – in einem ersten Schritt – mit einzelnen Methoden und Handlungskonzepten vertraut zu machen. Insofern bietet er insbesondere für Studierende am Anfang ihres Studiums wie Lehrende in den entsprechenden Modulen einen hilfreichen und gelungenen Einstieg in die Thematik.

Literatur

Braches-Chyrek, R. & Fischer, J. (Hrsg.) (2018): Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Staub-Bernasconi, S. (2018): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Soziale Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität, 2. Aufl., Opladen: Barbara Budrich.


Rezension von
Prof. Michael Domes
Diplom-Sozialpädagoge, Professor für Theorien und Handlungslehre in der Sozialen Arbeit, TH Nürnberg Georg Simon Ohm
Homepage www.michaeldomes.de
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Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 14.01.2020 zu: Rita Braches-Chyrek: Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-4772-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26140.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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