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Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Gewusst wie, gewusst warum

Cover Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Gewusst wie, gewusst warum. Die Logik systemischer Interventionen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 190 Seiten. ISBN 978-3-525-45904-1. D: 20,00 EUR, A: 21,00 EUR.
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Entstehungshintergrund

Die beiden Autoren sind nicht nur Hochschulprofessoren und erfahrene systemisch Lehrende, sondern haben auch die beiden großen systemischen Berufsverbände stark geprägt. Mit den gemeinsamen Publikationen Lehrbuch der Systemischen Therapie und Beratung I und II haben sie Standardwerke der Psychotherapie-Literatur geschaffen, an denen sich viele systemisch Tätige orientieren. Nach dem – ebenfalls gemeinsam geschriebenen – Buch Systemische Interventionen wollen sie nun für den Leser etwas zugänglich machen, das sprachlich schwer zu fassen ist: Die Art, wie Systemiker soziale und psychische Phänomene beobachten und ihnen Sinn geben, kurz: Systemische Sichtweise(n) und Haltung(en). Damit antworten die Autoren auf den häufig geäußerten Vorwurf, systemische Interventionen seien zu wenig theoriegeleitet, auch aufgrund der Heterogenität systemischer Theoriebildung.

Autoren

  • Prof. Dr. phil. Arist von Schlippe ist Diplom-Psychologe, Inhaber des Lehrstuhls „Führung und Dynamik von Familienunternehmen“ am Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke und lehrender Supervisor, Coach und Lehrtherapeut für systemische Therapie.
  • Prof. Dr. rer. soc. Jochen Schweitzer ist Diplom-Psychologe, leitet die Sektion Medizinische Organisationspsychologie im Universitätsklinikum Heidelberg und lehrt Systemische Therapie sowie Coaching und Organisationsentwicklung am Helm-Stierlin-Institut, Heidelberg.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort von Jürgen Kriz und der Einführung wird jedem Kapitel und jedem Unterkapitel ein plakatives Zitat als Motto vorangestellt. Karikaturistische Illustrationen, eingängige Originalzitate, interessante wissenschaftliche Begriffe und Befunde sowie eingestreute praktische Beispiele machen das Fachbuch zu einer abwechslungsreichen Lektüre.

Im zweiten Kapitel führt der Band in die Theorie und Praxis systemischer Interventionen ein und skizziert dabei sowohl den historischen als auch den interdisziplinären Charakter der systemischen Theorieentwicklung. Zunächst werden Konstruktivismus und sozialer Konstruktionismus, die vom Soziologen Luhmann stammende Theorie sozialer Systeme, die aus der Physik kommende Theorie komplexer dynamischer Systeme und die kulturwissenschaftlichen narrativen Theorien vorgestellt. Diese systemischen Theorien werden durch den Sinnbegriff als Klammer miteinander verbunden und in einem Exkurs zum Begriff der psychischen „Krankheit“ veranschaulicht.

Das dritte Kapitel stellt das Herzstück des Buches dar und widmet sich der systemischen Praxis, indem es die Logik systemischer Interventionen herausarbeitet. Es geht um Auftragsorientierung und Bündnisrhetorik, um Stabilität sozialer Systeme als der „erklärungsbedürftige Sonderfall“ und die Aufgabe von systemisch Tätigen, eher zu einem förderlichen Rahmen für konstruktive Selbstorganisationsprozesse beizutragen und auf zielgerichtete Interventionen eher zu verzichten. Dabei gäbe es keine Tricks, sondern durch Respekt, Transparenz und Authentizität könne eine sichere und stabile Beratungsbeziehung als Rahmen entstehen, in dem es möglich würde, die gewohnten Beschreibungen der Ratsuchenden zu dekonstruieren und live erlebbare Muster zu verstören. Eine Abbildung zur Rahmensteuerung auf S. 83 fasst diese therapeutischen Wirkfaktoren übersichtlich zusammen. Weiter wird der Verzicht auf personenbezogene Zurechnungen und der engagierte Austausch von Wirklichkeitsbeschreibungen als wirkungsvolles Vorgehen beschrieben, das Unterschiede und damit neue Wahlmöglichkeiten entstehen lässt. Auch die Begriffe der Erwartungs-Erwartung, der Beobachterabhängigkeit, der Potenziallandschaften rund um Attraktoren sowie die systemisch-narrative Suche nach alternativen Geschichten und die Anwaltschaft für Ambivalenzen werden als Kern systemischer Sichtweisen auf die Welt und damit als Ausgangspunkt systemischer Praxis ausgearbeitet.

Im vierten Kapitel geht es um Settings systemischer Interventionen. Hier werden die theorie-praktischen Vorüberlegungen auf die spezifischen Herausforderungen im Kontext Familie, im Kontext von Paarbeziehung, mit Einzelpersonen, im Elterncoaching, in Mediation, Trennungs- und Scheidungsberatung, und im Kontext Organisation in Form jeweils verschiedener Ansätze und kontextspezifischer Arbeitsrichtungen angewandt, sodass die breite Palette systemischer Praxis in all diesen Feldern sichtbar wird.

Ein Schlusswort, das ausführliche Literaturverzeichnis und ein Sachregister runden den Band ab.

Diskussion und Fazit

Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer ist es ein Anliegen, systemisches Denken (das als psychisches System nach Luhmann streng genommen der Kommunikation nicht direkt zugänglich ist) sprachlich so zu beschreiben, dass die Logik systemischer Interventionen greifbar wird. Damit stellt das Buch nicht nur eine Bereicherung der gegenwärtigen, häufig methoden- und tool-fokussierten systemischen Literatur dar. Vielmehr entschlüsselt es das implizite Wissen hinter dem Handeln, das von Beobachtern als „systemisch“ beschrieben werden kann. Als Leser kann man sich auf eine kurzweilige, gleichsam theoretisch anspruchsvolle und praktisch nützliche Lektüre freuen. Man wird durch ein buntes Mosaik an theoretischen, empirischen und praktischen Bausteinen dazu angeregt, die eigene systemische Arbeitsweise auf das systemtheoretische Wurzelwerk hin zu untersuchen, und ermutigt, eigene systemische Interventionen jeweils kontextspezifisch neu zu (er-)finden.

Discussion and summary

Arist von Schlippe and Jochen Schweitzer are aiming at describing systemic thinking (which as psychological system is technically speaking and following Luhmann not directly accessible for communication) in such a way that the logic of systemic interventions becomes tangible. Thereby, the book does not only enrich the current systemic literature which is usually focussed on tools and techniques. Rather, it maps the tacit knowing behind action which can be described as „systemic“ by observers. The reader is looking forward to an enjoyable, theoretically ambitious as well as practically useful reading. A colourful mosaic of theoretical, empirical and practical elements is stimulating to examine one's own work based on systemic roots and encourages to find new context specific systemic interventions of one's own.


Rezensentin
Eva Kaiser-Nolden
Dipl.-Psychologin, Systemische Supervisorin (SG), Dozentin für Systemische Beratung (SG), Lehrender Coach (SG), Lehrende für Systemisches Coaching (DGSF), Redaktionsmitglied der systemischen Fachzeitschrift Systhema, freiberuflich tätig als Prozessbegleiterin für Organisationen und Privatpersonen
Homepage www.way2vision.de
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Zitiervorschlag
Eva Kaiser-Nolden. Rezension vom 24.09.2019 zu: Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Gewusst wie, gewusst warum. Die Logik systemischer Interventionen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-525-45904-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26150.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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