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Renate Volbert, Anne Huber u.a. (Hrsg.): Empirische Grundlagen der familienrechtlichen Begutachtung

Cover Renate Volbert, Anne Huber, André Jacob, Anja Kannegießer (Hrsg.): Empirische Grundlagen der familienrechtlichen Begutachtung. Familienpsychologische Gutachten fundiert vorbereiten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. 388 Seiten. ISBN 978-3-8017-2882-3. 39,95 EUR, CH: 48,50 sFr.
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Thema

Gutachten von Sachverständigen in familiengerichtlichen Verfahren im Fall von Trennung oder Scheidung der Eltern oder auch im Fall der Gefährdung des Kindeswohls durch Elternversagen sind häufig entscheidend für das Ergebnis der Entscheidung. Wenn diese Gutachten fehlerhaft sind, haben sie fatale Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern. 

Es ist daher ein wichtiges Anliegen, familiengerichtliche Begutachtung auf empirische Grundlagen zu stellen.

Herausgeberinnen und Herausgeber sowie Autorinnen und Autoren

Die Herausgeberinnen und der Herausgeber sind mit weiteren 17 Personen Autorinnen und Autoren des Buches. Sie sind Fachleute, die im Bereich Familienbegutachtung, Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Kinder- und Jugendhilfe an Hochschulen, Forschungsinstituten oder in Kliniken tätig sind.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort wird auf eine Befragung von etwa 600 Familienrichtern hingewiesen, wonach durchschnittlich in 20 % der Kindschaftssachen an Amtsgerichten und durchschnittlich in 29 % an Oberlandesgerichten Gutachten in Auftrag gegeben werden.

Heftige Kritik an familienpsychologischen Gutachten in einigen Beschlüssen des Bundesverfassungsgerichts sowie in einer Studie (Salewski und Stürmer, 2015) sind Anlass für die Herausgeber, ein Buch über die Verbesserung der Qualität von familienpsychologischen Gutachten in Angriff zu nehmen. Es sollte ein Buch herausgegeben werden, „in dem empirische Grundlagen zusammengetragen und kritisch reflektiert werden, die für familienpsychologische Begutachtung und familienrechtliche Entscheidungen von Bedeutung sind“. Das Gesetz zur Änderung des Sachverständigenrechts und zur weiteren Änderung des Gesetzes über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit vom 11. Oktober 2016 (BGBl. I S. 2222), mit dem der Gesetzgeber auf die Kritik des Bundesverfassungsgerichts reagiert hat, wurde einbezogen.

Aufbau

Teil I – Trennungsfamilien: Struktur und Dynamik

Beiträge:

  • Belastungs- und Unterstützungsfaktoren für die Entwicklung von Kindern in Trennungsfamilien (S. Walper/A. Langmeyer)
  • Hochkonflikthaftigkeit im familiengerichtlichen Verfahren (J. Fichtner)
  • Co-Parenting: Betreuungsmodelle nach einer Trennung (J. Salzgeber)
  • Umgang und Kindeswohl (S. Rücker/F. Petermann)
  • Pluralisierung von Elternschaft (A. Kannegießer/Ch.-S. Reichert)

Teil II – Risikokonstellationen

Beiträge:

  • Psychisch kranke Eltern (F. Mattejat)
  • Kinder von suchtkranken Eltern (M. Klein/D. Moesgen)
  • Psychische Kindesmisshandlung (J. Zumbach)
  • Sexueller Kindesmissbrauch (R. Volbert/L. F. Kuhle)
  • Dysfunktionale elterliche Erziehung (A. Jacob und L. Jacob)

Teil III – Evaluation von Interventionen

Beiträge:

  • Evaluation ambulanter Jugendhilfemaßnahmen (M. Macsenaere)
  • Auswirkungen von Inobhutnahme ((S. Rückert/F. Petermann)
  • Heimerziehung und andere betreute Wohnformen (M. Schmid/J. M. Fegert)
  • Hinwirken auf Einvernehmen (A. Huber/C. Ulrich)

Inhalt

In den einzelnen Beiträgen werden die wichtigsten Konfliktfelder familiengerichtlicher Streitigkeiten nach dem Stand der Forschung untersucht. Einige sollen näher vorgestellt werden:

Teil I – Trennungsfamilien: Struktur und Dynamik

Im Beitrag „Belastungs- und Unterstützungsfaktoren für die Entwicklung von Kindern in Trennungsfamilien“ (S. Walper/A. Langmeyer) werden unterschiedliche Studien zu Trennungs- und Scheidungskindern vorgestellt und analysiert. Die Entwicklung der Scheidungsforschung in den letzten Jahren wird aufgezeigt und bewertet. Es wird gezeigt, dass bei Kindern mit geschiedenen oder getrennten Elternteilen eine ungünstigere Entwicklung bzw. ein geringeres Wohlergehen im Vergleich zu Kindern aus Kernfamilien mit verheirateten Eltern festzustellen ist.

Mit dem Beitrag „Hochkonflikthaftigkeit im familiengerichtlichen Verfahren“ (J. Fichtner) wird ein Phänomen aus Trennungsverfahren beschrieben, das in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Es wird auf die Zunahme obergerichtlicher Entscheidungen verwiesen, in denen mit „Hochkonflikthaftigkeit“ argumentiert wird. Die Folgen von „Hochkonflikthaftigkeit“ für Kinder werden auf der Basis internationaler Studien analysiert. Mit der Studie des DJI wird auf die Entwicklung einer Konfliktskala hingewiesen. Die Merkmale von „Hochkonflikt-Eltern“ werden aufgrund von Ergebnissen in Studien beschrieben. Es folgen Hinweise zum Vorgehen für Sachverständige und Empfehlungen.

Im Beitrag „Co-Parenting: Betreuungsmodelle nach einer Trennung“ (J. Salzgeber) wird zunächst die Entwicklung der Betreuung nach Trennung und Scheidung auf der Grundlage der familienrechtlichen Regelungen und der Veränderung dieser Regelungen in den letzten Jahren aufgezeigt. Die unterschiedlichen Betreuungsmodelle werden beschrieben, wie die ursprüngliche Zuordnung zu einer Bezugsperson bis zur Kontinuität der Betreuung im Residenzmodell oder im Wechselmodell. Die Voraussetzungen des Wechselmodells werden mit den rechtlichen Voraussetzungen und der Klärung durch die Rechtsprechung beschrieben. Die wichtigsten Gerichtsentscheidungen und Studien werden herangezogen. 

Teil II – Risikokonstellationen

Im Beitrag „Psychisch kranke Eltern“ (F. Mattejat) wird festgestellt, dass Einschränkungen der psychischen Gesundheit oder psychische Erkrankungen als überdurchschnittlich häufig in familiengerichtlichen Verfahren gegeben sind. Allerdings wird auch das Fehlen konkreter Zahlen beklagt. Die Häufigkeit psychischer Störungen bei Eltern und Kindern wird dann anhand unterschiedlicher Studien beschrieben, wie die WHO-Studie, die Deutsche BELLA-Studie sowie die australische Studie „Young Minds Matter“. Außerdem wird die Transmission psychischer Störungen untersucht, wie Gen-Umwelt-Interaktion. Schließlich wird die subjektive Situation von Eltern und Kindern analysiert.

Im Beitrag „Sexueller Kindesmissbrauch“ (R. Volbert/L.F. Kuhle) werden zunächst vier Konstellationen sexueller Missbrauchsvorwürfe in familiengerichtlichen Verfahren analysiert. Sexueller Missbrauch wird auf der Grundlage der §§ 176 bis 176b StGB definiert. Tatdynamiken, intrafamiliärer sexueller Missbrauch wie auch Entstehungsursachen für innerfamiliären sexuellen Missbrauch werden anhand von Studien erarbeitet. Genannt werden auch Studien zum Ausmaß von begründeten und unbegründeten Missbrauchsvorwürfen in familiengerichtlichen Verfahren und zur Frage, wie der Verdacht begründet wird. Bei der Prüfung der Konsequenzen für die Praxis wird sowohl die Gefahr einer falsch-negativen wie auch falsch-positiven Entscheidung beschrieben. Der Einsatz eines systematischen hypothesentestenden Ansatzes aus dem BGH-Grundsatzurteil zur aussagepsychologischen Methodik sowie eine Befragungsmethodik, die eine offene Befragung sicherstellt, wird empfohlen.

Mit dem Beitrag „Dysfunktionale elterliche Erziehung“ (A. Jacob/L. Jacob) wird der Mangel an elterlicher Wärme, Akzeptanz und Feinfühligkeit als Defizit elterlichen Verhaltens untersucht und mit zahlreichen Studien differenziert belegt, deren Aussagekraft hinterfragt wird.

Teil III – Evaluationen von Interventionen

Der dritte Teil untersucht Evaluationen von Interventionen der Jugendhilfe.

Im Beitrag „Evaluation ambulanter Jugendhilfemaßnahmen“ (M. Macsenaere) werden die ambulanten Hilfen der Hilfe zur Erziehung nach § 27 SGB VIII analysiert. Zunächst werden der Forschungsstand und die Entwicklung der Forschung dargestellt. Untersucht werden Studienergebnisse zur Wirksamkeit und zu Wirkfaktoren von Jugendhilfemaßnahmen. Bei den Wirkfaktoren werden die Sozialpädagogische Diagnostik, die Indikation, die ressourcenorientierte und wirkungsorientierte Hilfeplanung, Partizipation und Kooperation, Beziehungsqualität, Mitarbeiterqualifikation, Hilfedauer, Vermeidung von Jugendhilfekarrieren und Adressatenmerkmale genannt. Studienergebnisse werden jeweils zu den ambulanten Einzelhilfen, wie Erziehungsberatung, Soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistand/​Betreuungshelfer und Sozialpädagogische Familienhilfe (§§ 28 bis 31 SGB VIII) vorgestellt. Es wird festgestellt, dass den ambulanten Erziehungshilfen im Durchschnitt ein gutes Effektniveau bescheinigt wird.

Im Beitrag „Auswirkungen von Inobhutnahme“ (St. Rücker/F. Petermann) wird zunächst das Ausmaß der Inobhutnahme anhand der Häufigkeit des Eingriffs in etwa 50 000 Fällen gezeigt. Die Bedeutung des Kinderschutzes wird mit den rechtlichen Grundlagen der UN-Kinderrechtekonvention sowie auf der Grundlage der gesetzlichen Regelung zur Intervention in § 8a und 42 SGB VIII sowie mit dem Hinweis auf die Ächtung von Gewalt in der Erziehung seit dem Jahre 2000 durch die Änderung von § 1631 BGB dargestellt. Das Spannungsfeld zwischen dem Erziehungsrecht der Eltern, das in Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG grundrechtlich gesichert ist, und dem Wächteramt des Jugendamts, das in Art 6 Abs. 2 Satz 2 GG verankert ist, wird aufgezeigt. Der Begriff der Kindeswohlgefährdung, der einen Eingriff in die elterliche Sorge rechtfertigt, wird mit der Definition des BGH aus dem Jahre 1956 (!) erläutert. Die Definition zeigt die hohe Hürde für eine Herausnahme des Kindes aus der Familie wegen Gefährdung des Kindeswohls. Der Beitrag untersucht die Inobhutnahme als die vorläufige Maßnahme des Jugendamts zur Sicherung eines Kindes nach unterschiedlichen Kriterien. Einerseits wird der drastische Anstieg von Inobhutnahmen hinterfragt. Die zahlreichen unbegleiteten Minderjährigen aus dem Ausland im Jahre 2015, die jeweils in Obhut zu nehmen sind, werden differenziert betrachtet. Der Forschungsstand hinsichtlich der Auswirkungen von Inobhutnahmen wird als unzureichend bewertet.

In dem Beitrag „Heimerziehung und andere betreute Wohnformen“ (M. Schmid/J. Fegert) wird die Heimerziehung als die intensivste Form der Hilfe zur Erziehung (§ 27, 34 SGB VIII), Hilfe für junge Volljährige (§§ 41 Abs. 2, 34 SGB VIII) oder der Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche analysiert. Studienergebnisse zur Indikation Heimerziehung oder Pflegefamilie werden erörtert. Die rechtlichen Grundlagen, die Arten der Heimerziehung werden dargestellt. Wirkung und gesellschaftlicher Nutzen von Heimerziehung wird anhand von Studien analysiert. Als Ergebnis wird die Heimerziehung als sehr effektive Jugendhilfemaßnahme beschrieben. Als wichtiger Erfolgsfaktor wird die Gewinnung des Einverständnisses und des Vertrauens des Herkunftssystems ermittelt.

Diskussion

Das Buch beschreibt die wesentlichen Konfliktfelder in familiengerichtlichen Verfahren sehr differenziert und untersucht im Hinblick auf die Begutachtung durch Sachverständige den Forschungsstand zu den unterschiedlichen Fallkonstellationen. In den einzelnen Beiträgen wird eine enorme Fülle von Literatur sowie von Studien- und Forschungsergebnissen auch aus dem Ausland berücksichtigt.

Bei der Vielzahl der genannten Konflikt- und Problemfelder wurde allerdings nicht das Parental Alienation Syndrome (PAS) erwähnt, das von R.A. Gardner 1992 beschrieben und in Deutschland u.a. von W. von Boch-Galhau als ernst zu nehmende Form von psychischer Kindesmisshandlung bewertet wird. Das Vorliegen eines PAS und das Nichterkennen dieser Form der Elternentfremdung durch Sachverständige, Jugendamt und Familiengericht kann bei Kindern zu schweren Störungen führen.

Die Intention des Buches, Sachverständigengutachten für familiengerichtliche Verfahren auf empirisch gesicherte Grundlagen zu stellen, ist im Hinblick auf die gravierenden Auswirkungen von Fehlgutachten auf die Entwicklung von Kindern sehr zu begrüßen.

Fazit

Das Buch bietet eine sehr gute Grundlage für Sachverständige im familiengerichtlichen Verfahren für die empirische Absicherung ihrer Gutachten zu familienrechtlichen Konfliktlagen. Es ist für alle an familiengerichtlichen Verfahren Beteiligte ein umfangreiches Nachschlagewerk empirischer Grundlagen.


Rezension von
Prof. Dr. Renate Oxenknecht-Witzsch
Em. Professorin für Recht mit Schwerpunkt im Arbeits-, Sozial- und Familienrecht an der Fakultät für Soziale Arbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt
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Zitiervorschlag
Renate Oxenknecht-Witzsch. Rezension vom 05.10.2020 zu: Renate Volbert, Anne Huber, André Jacob, Anja Kannegießer (Hrsg.): Empirische Grundlagen der familienrechtlichen Begutachtung. Familienpsychologische Gutachten fundiert vorbereiten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-8017-2882-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26153.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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