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Rolf-Torsten Kramer, Hilke Pallesen (Hrsg.): Lehrerhabitus

Cover Rolf-Torsten Kramer, Hilke Pallesen (Hrsg.): Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 355 Seiten. ISBN 978-3-7815-2310-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Studien zur Professionsforschung und Lehrerbildung.
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„Lehrer werden ist nicht schwer – Lehrer sein dagegen sehr“

Die Erzählungen, Berichte, Schilderungen, Biografien, Analysen und Witze über LehrerInnen füllen Bibliotheken und Schulmuseen. Im Schulmuseum der Universität Hildesheim ist eine Schulstube aus dem 18. Jahrhundert eingerichtet, in der die Besucher nacherleben können, wie der Lehrer mit dem Gehrock und dem Rohrstock sein Wissen in die in Reih und Glied sitzenden Schülerinnen und Schüler hineindiktierte (https://www.uni-hildesheim.de/celeb/​projekte/​schulmuseum). Lehrerlob und Lehrerschimpfe sind wohlfeile Unternehmungen (https://www.sozial.de/was-ist-eine-gute-schule-haben-wir-eine-gute-schule.html) Lehrerinnen und Lehrer schreiben zum Ruhestand Autobiografien (Jos Schnurer, Mensch Lehrer!, in: Pädagogische Rundschau, 6/2019, S. 653–665). Seitenweise werden im Internet Literaturhinweise und Zitate über Lehrerinnen und Lehrer veröffentlicht – weil jeder Mensch, wenn es die Lebensumstände zulassen, Lehrpersonen erlebt hat. Politiker, wie z.B. der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, profilieren sich mit negativen Aussagen über Pädagoginnen und Pädagogen. Lehrer sind, so kann man es deuten, die Prellböcke der Nation, oder die Schallmauern, die ein Echo wiedergeben. Sie sind aber auch die Packesel, denen all das aufgebürdet wird, was in der Gesellschaft im Argen liegt. Lehrerinnen und Lehrer aber sind, wenn sie gut ausgebildet, professionell und verantwortungsbewusst tätig sind, Funktionsträger der Gesellschaft.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Eltern, Erziehungsberechtigte, ErzieherInnen, LehrerInnen für die Grundschule, die weiterführende Schule, Berufsschule und Erwachsenenbildung sind gesellschaftlich beauftragt, zu bilden und zu erziehen. In der UNESCO-Empfehlung zur internationalen Erziehung (1974) wird diese Herausforderung so definiert: „Der Begriff ‚Erziehung‘ umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „Internationalen Erziehung“, Bonn 1990, S. 16). In der institutionalisierten Bildung wird die Lehrerausbildung den Fach- und Hochschulen übertragen. Ihnen obliegt es auch, über die beruflichen Entwicklungen im Lehrerberuf zu forschen. Als ein spezifizierter Bereich gilt hierbei die Professionsforschung. In der Soziologie wird mit dem Begriff „Habitus“ das gesamte Auftreten eines Menschen bezeichnet. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu ordnete den „sozialen Habitus“ als differenziertes, aber vergleichbares und Ähnliches Erscheinungsbild von Menschen ein, die z.B. einen gleichen Beruf ausüben und durch ihr Denken und Tun gleich- oder ähnlich gelagerte Tätigkeiten vollziehen. Der „Lehrerhabitus“ vermittelt also Einsichten und Ergebnisse von professionellen, pädagogischen Aktivitäten.

Rolf-Torsten Krämer, Professor für Schulpädagogik und Schulforschung und die Schulpädagogin Hilke Pallesen, beide an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, legen mit dem Sammelband „Lehrerhabitus“ eine interdisziplinäre Betrachtung der individuell und kollektiv vielfältigen, unterschiedlichen, subsumierten, professionell pädagogischen Tätigkeiten und Aufgaben vor. Für ihre praxeologische Zielsetzung greifen sie auf Bourdieus Habituskonzept zurück. Nicht zuletzt in den Zeiten eines „business as usual“, von Unsicherheiten und Unbestimmtheiten, eines „Alles oder Nichts“, von ego-, ethnozentristischen, nationalistischen, rassistischen, lokal- und globalgesellschaftlichen populistischen Einstellungen sind Bildung gefragt. LehrerInnen als „Agenten der Aufklärung“ sind gefordert (siehe z.B. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie audgeklärt und gebildet sein wollen! in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff).

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird, neben der Einführung durch das Herausgeberteam, in vier Teile gegliedert:

  • Im ersten Teil geht es um Fragen des „Lehrerhabitus zwischen sozialer Herkunft und pädagogischer Professionalität“;
  • im zweiten um „Dimensionen des Lehrerhabitus“;
  • im dritten um „Herausforderungen und Transformationen des Lehrerhabitus“;
  • und im vierten Teil um „Lehrerhabitus und methodische Zugänge“.

Insgesamt 22 Autorinnen und Autoren beteiligen sich an der Klärung, „dass mit der Rede vom Lehrerhabitus und erst recht mit der Absicht seiner empirischen Erschließung noch längst nicht auf ein fertiges und unstrittiges Programm zurückgegriffen werden kann, sondern dass noch immer Pionierarbeit zu leisten ist“. Eine „Praxeologie des Lehrerberufs“ muss deshalb vor allem berücksichtigen und in den Diskurs aufnehmen, dass es eines systematischen und konsequenten fächerspezifischen und -übergreifenden, gleichwertigen Zusammengehens und Austausches von didaktischen und methodischen Spezifika, wie überhaupt von Theorie und Praxis bedarf.

Die Habitus- und Milieuforscherin Andrea Lange-Vester von der Hochschule Hannover und die Erwachsenenbildner Christel Teiwes-Kügler und Helmut Bremer von der Universität Duisburg-Essen informieren mit dem Beitrag „Habitus von Lehrpersonen aus milieuspezifischer Perspektive“ über Untersuchungs- und Forschungsergebnisse und arbeiten die differenzierten Habitusmuster und -prinzipien heraus. Anhand von Fallbeispielen zeigen sie die (bewussten und unbewussten) Zusammenhänge von Herkunft, Sozialisation und Einstellungen von Lehrkräften auf und spezifizieren und adressieren sie auf das pädagogische, professionelle Wirken im Umgang mit dem Educandus in einer permanenten, beruflichen und privaten Habitusreflexion: „Die Habitusreflexion muss als dauerhafter Prozess angelegt und institutionell verankert sein, um einen selbstverständlichen Platz in der Lehrerbildung und -praxis belegen zu können“. Als Einschub z.B. verweist der Rezensent, der auch als Lehrerfortbildner tätig war, dass die bis in die 1970er/80er Jahren institutionalisierte Lehrerfort- und -Weiterbildung in Niedersachsen überwiegend aus pekuniären Gründen bis auf Unkenntlichkeit und Unwirksamkeit zusammengestrichen wurde!

Der Schulforscher und Didaktiker Werner Helsper von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verweist mit dem Beitrag „Vom Schüler- zum Lehrerhabitus“ auf Reproduktions- und Transformationspfade im Verhältnis des Educator zum Educandus. In der Habitus-Forschung werden unterschiedliche begriffliche und existierende Differenzierungen vorgenommen: Der familiäre, primäre Herkunftshabitus, der biographisch erworbene, individuelle und der milieuspezifisch verankerte, relativ homogene, aber auch hybrid sich darstellende Habitus. Der Autor entwickelt daraus einen „gedankenexperimentell-idealtypischen Entwurf“, um die Frage zu beantworten: „Wie wird ein Schüler zum Lehrer?“, also welche transformatorischen und reproduktiven Entwicklungen erkennbar und förderlich sind, die Menschen veranlassen, LehrerIn zu werden. Diese Reflexionen und Befunde können auch dazu beitragen, Auffassungen wie „Ich bin zum Lehrer geboren!“ zu relativieren und der Professionalität mehr Gewicht zu geben.

Rolf-Torsten Kramer und Hilke Pallesen entwerfen mit dem Beitrag „Der Lehrerhabitus zwischen sozialer Herkunft, Schule als Handlungsfeld und der Idee der Professionalisierung“ ein Praxiskonzept. Es ist der Bourdieusche „soziale Raum“, mit dem die Zusammenhänge von Sozialisation und Profession deutlich werden können. Die grundlegenden, pädagogischen Anforderungen an den Lehrerberuf werden ja mit den Gebirgen Bilden und Erziehen markiert. Es sind die Wissens- und Normenvermittlungen, die sich im Spannungsfeld des Lehrens und Lernens zeigen; die Vermittlung von Kompetenzen zum Lernen wie man lernt; die Anleitung zum Vergleichen und zur Bildung von Grundsatzentscheidungen; und nicht zuletzt die Hilfestellung zur Entwicklung einer eigenen Identität und eines Wertebewusstseins. Die Frage, wie sich in der beruflichen Lehrer- und Schulpraxis unreflektiertes Routinehandeln und „blinde Einsozialisation“ vermeiden lassen, beantwortet das Autoren- und Herausgeberteam damit, dass in einer praxeologisch orientierten Professionalisierung des Lehrerberufs der „Fokus auf die impliziten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen von Lehrerinnen und Lehrern (gelegt) und diese in Relation zu fach-, berufs- und schulkulturellen sowie professionsbezogenen Anforderungs- und Erwartungsstrukturen (zu) setzen“.

Der Hamburger Fremdsprachendidaktiker Andreas Bonnet und der Marburger Didaktiker Uwe Hericks nehmen mit ihrem Beitrag „Professionalität und Professionalisierung als biographische Bearbeitung der Spannungen zwischen Norm und Habitus“ Fragen auf, wie die Fachdidaktiken und Methodiken implizite und explizite Wissensbestände und Handeln bilden und beeinflussen. In einem Fallbeispiel „kooperatives Lernen im Englischunterricht“ werden die Motivationen, Zielsetzungen, Unterrichtsverläufe und -ergebnisse einer Englischlehrerin dokumentiert und daraus „Grundzüge einer praxeologischen und wissenssoziologischen Professionstheorie“ entwickelt. Sie zeigt auf, „dass die Frage der Funktionalität und Angemessenheit von Wissen und Normen nicht unabhängig von der Schulform, dem Schulsystem, der Berufsphase der Lehrperson, den bildungsbezogenen sozial-kulturellen Hintergründen der Schülerinnen und Schüler sowie den organisatorischen Gegebenheiten am Ort der Einzelschule entschieden werden kann“ (John Hattie lässt grüßen!).

Der Erziehungswissenschaftler von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität, Steffen Amling, diskutiert mit dem Beitrag „Lehrerhabitus und Lernen der Lehrkräfte“ Aussagen und Ergebnisse von ausgewählten Studien und konzeptionellen Überlegungen zu Fragen des Wissens- und Kompetenzbereichs während der Ausbildung. Es zeigt sich, dass Wissenserwerbe als individuelle und kollektive Prozesse zu beachten sind, und im Hinblick auf das spätere professionelle Handeln, mit unterschiedlichen Lernkonzepten, Didaktiken und Methoden von statten gehen. Besonders bedeutsam sind dabei die Förderung der Kommunikations-, Dialog- und Kooperationsfähigkeit. Die Analyse der herangezogenen Fachliteratur vermittelt zum einen, dass es nicht nur einen Lehrerhabitus gibt, und „ob nicht unterschiedliche Logiken der Praxis des Lernens in Bezug auf unterschiedliche Praxisdimensionen oder Gegenstände rekonstruierbar sind“.

Die Erziehungswissenschaftlerin Marlene Kowalski von der Universität Hildesheim nimmt mit dem Beitrag „Symbolische Kämpfe um Anerkennung, Macht und Statusplatzierung“ die Situation auf, dass in der alltäglichen, öffentlichen Wahrnehmung der Lehrerberuf als eher „anerkennungsarm“ rangiert. Ziel der Forschungsarbeit ist es, „die Anschlussfähigkeit und das Erkenntnispotenzial des Konzepts des Lehrerhabitus anhand konkreter Analysen… darzustellen“ (vgl. auch: Christine Kanz/Ulrike Stamm 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25033.php). An-, Auf- und Verstöße in diesem kontroversen Feld der Wahrnehmung, Bestätigung, Kränkung und Missachtung werden erduldet und bekämpft, wie dies die Autorin in einem Fallbeispiel ausführlich aufzeigt. Es sind Identifizierungs- und Professionalisierungsbemühungen, die zur Anerkennungs- und Habitusförderung beitragen können.

Der Erziehungswissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule Weingarten, Ralf Schieferdecker, und Jan-Hendrik Hinzke von der Universität Bielefeld, entwickeln mit dem Beitrag „Umgang mit Spannungen im schulischen Alltag“ eine studienübergreifende Synopse zur Rekonstruktion eines beruflichen Habitus von Lehrpersonen. Sieziehen dabei drei Studienheran; „Rekonstruktion von Orientierungen von Lehrpersonen zum Umgang mit Krisen im Berufsalltag“ (Hinzke, 2018), „Rekonstruktion von Orientierungen von Politiklehrerinnen und -lehrern zu Demokratie und Demokratie-Lernen“ (Kessler, 2019), und „Rekonstruktion von Orientierungen von Lehrpersonen zum Umgang mit und der Wahrnehmung von Heterogenität“ (Schieferdecker, 2016). Die „Dokumentarische Methode“ (Ralf Bohnsack, 2008) wird im Diskurs immer wieder herangezogen. Es ist nicht neu, dass die Verwendung von unterschiedlichen Methoden auch zu verschiedenen, ja sogar konträren Ergebnissen in der Forschung führen können. Die Ergebnisse der Synopse machen deutlich, „dass es die spezifische Fassung des Habituskonzeptes in der Dokumentarischen Methode ermöglicht, beispielhaft aufzuzeigen, in welchen Spannungsverhältnissen sich der berufliche Habitus von Lehrpersonen allgemeinbildender Schulen entfaltet“.

Den dritten Teil beginnen die Erziehungswissenschaftlerin Carolin Rotter und der wissenschaftliche Mitarbeiter Christoph Bressler von der Universität Duisburg-Essen mit dem Beitrag „Habituelle Ausgestaltung der Lehrerrolle“, indem sie seiteneingestiegene und traditionell ausgebildete Lehrkräfte miteinander vergleichen. Es sind die bisher wenig erforschten, aber in den Lehrerzimmern durchaus kontrovers diskutierten Rollenfindungen, -zuweisungen und Identitätssuchen, die das Lehrerbild korrigieren, konterkarieren, aber auch ergänzen. Die in der Analyse sich darstellenden, unterschiedlichen, positiven wie negativen Einschätzungen lassen nur vorläufige Antworten zu. Die habituellen Unterschiede zwischen den traditionell ausgebildeten und seiteneingestiegenen Lehrpersonen lassen zum einen vermuten, dass es die außerschulischen Berufs- und Lebenserfahrungen der zweitgenannten Gruppe sind, die neue, lebensweltliche Aspekte in die Schule bringen, was bei den Etablierten nicht immer auf positive Zustimmung und Aufnahme fällt.

Der Bielefelder Schulforscher Martin Heinrich und die Erziehungswissenschaftlerin von der RWTH Aachen, Sina-Mareen Köhler stellen mit dem Beitrag „Schulreformen als Transformationsdruck“ Untersuchungsergebnisse zum Gymnasiallehrerhabitus im Spannungsfeld von Selektion und Inklusion vor. Sie gehen aus von der durchaus gängigen Einschätzung, dass Gymnasiallehrkräfte in ihren Fach- und Wissensvermittlungen primär auf Leistung und Selektion ausgerichtet sind. In den (bisher spärlichen) Forschungsergebnissen wird diese traditionelle Sicht- und Handlungsweise einerseits bestätigt und als Atmosphäre im Lehrerzimmer und Kollegium registriert und damit in der praktischen Berufsausübung verselbstständigt, andererseits jedoch zeigt sich in den individuellen Reflexionen der Lehrkräfte Verständnis für eine „inklusive Sekundarstufe“. Die durchaus in der alternativen Schulform zum Gymnasium, in den Integrierten Gesamtschulen sich zeigenden Lern-, Leistungs- und Inklusionserfolgen befördern ein Umdenken des gymnasialen Denkens.

Die Professorin Julia Košinàr von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz fragt: „Habitustransformation, -wandel oder kontextindizierte Veränderung von Handlungsorientierungen?“. Sie stellt eine dokumentarische Längsschnittstudie zum Referendariat und Berufseinstieg vor. Damit wirft sie einen Blick auf das „Lehrerwerden“ (Terhart), dem in der Praxis nicht selten etwas Lehrlingshaftes seitens des Kollegiums anhängt, gleichzeitig aber mit den Forderungen nach Gleichwertigkeit und Funktionieren im Schulalltag Überforderungen und Krisenhaftigkeit beschert. An Fallverläufen im Referendariat und beim Berufseinstieg zeigt die Autorin auf, dass „im Verlauf des Referendariats … eine Wandlung der Handlungsorientierung von einer diffusen Passungserwartung hin zur konturierten Passungsgestaltung erkennbar wird“.

Im vierten Teil setzen sich Helmut Bremer, Christel Teiwes-Kügler und Andrea Lange-Vester mit „Habitus-Hermeneutik“ auseinander. „Das Milieu (ist) nicht nur etwas“, so der Begründungszusammenhang, „was den Akteuren äußerlich ist, sondern die Akteure tragen den Bauplan ihres Herkunftsmilieus quasi in sich und greifen bei der Konstruktion sozialer Praxis darauf zurück“. Das Autorenteam stellt analytische Elementarkategorien zusammen, die das individuelle und berufliche Denken und Handeln formen und bestimmen: Asketisch – Hedonistisch, Ideell – Materiell, Hierarchisch – Egalitär, Individuell – Gemeinschaftlich, Ästhetisch – Funktional, Aufstiegsorientiert – Sicherheitsorientiert, Herrschend – Ohnmächtig, Selbstsicher – Unsicher. An einem Fallbeispiel werden diese Parameter verifiziert. Damit wird die Ausbildung des Habitus zu einem ganzheitlichen, lebensweltlichen Prozess, „in dem der Habitus in verschiedenen Lebensphasen in unterschiedliche Passungen zu Anforderungen der bildungs- und berufsbiographischen Laufbahn gerät“.

Der Schulpädagoge Matthias Martens und die Juniorprofessorin Doris Wittek von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nehmen mit dem Beitrag „Lehrerhabitus und Dokumentarische Methode“ das bereits diskutierte „System generativer Schemata von Praxis“ (Bourdieu) erneut auf. Sie stellen Zugangs-, Analyse- und Datenerhebungsformen vor, die in der empirischen Forschung Verwendung finden und validitive Ergebnisse bringen: Interview, Gruppendiskurs, natürliches Gespräch, virtuelle Interaktion. Es sind deskriptive und normative Konzepte, die in der Habitus-und Professionalisierungsforschung Anwendung finden.

Der Hallenser Schulforscher Rolf-Torsten Kramer thematisiert „Sequenzanalytische Habitusrekonstruktion“. Er führt ein in ein alternatives Konzept der Datenerhebung ein, als „ein methodisches Verfahren (auf der Grundlage eines Protokolls, JS), das die Bildung von begründeten Hypothesen zum Habitus oder Lehrerhabitus ebenso wie deren nachvollziehbare Überprüfung und den Ausschluss nicht gedeckter Habitushypothesen ermöglicht“.

Mit dem Beitrag „Ethnografie des Habitus von Pädagoginnen und Pädagogen“ beenden die Erziehungswissenschaftlerin Stefanie Bischoff von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und der Hildesheimer Sozialwissenschaftler Peter Cloos den Sammelband. Sie bringen damit die theoriebasierten und praxisbestimmten Perspektiven von Habitus und Ethnografie als kulturtheoretisch orientierten „practical turn“ zusammen: „Auf der Ebene der handelnden Akteure haben wir die Möglichkeit aufgezeigt, das relationale Verhältnis von Herkunft, Biografie, pädagogischen Denk- und Handlungsmustern sowie entsprechender Handlungsvollzüge sowie das Verhältnis von pädagogischen Denk-und Handlungsdispositionen und der Handlungspraxis im Vollzug im Rahmen von Habitusanalysen in den Blick zu nehmen“.

Fazit

„Lehrerhabitus“ – eine uralte, diskursive wie diskriminierende Zuschreibung – wird im wissenschaftlichen Diskurs und in der Lehrerforschung immer wieder neu thematisiert. Eine praxeologische Perspektive für den Lehrerberuf ist notwendig. Ausgehend von der Bourdieuschen Position des Habituskonzepts unternehmen die Autorinnen und Autoren den notwendigen Versuch, mit Bourdieu und über Bourdieu hinaus differenzierte, interdisziplinäre Entwürfe und Theorien zu entwickeln. Ohne Zweifel wichtige Bausteine und weiterführende Aspekte in der Habitus- und Professionsforschung!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.03.2020 zu: Rolf-Torsten Kramer, Hilke Pallesen (Hrsg.): Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2310-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26159.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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