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Rudolf Schmitt, Thomas Heidenreich: Metaphern in Psychotherapie und Beratung

Cover Rudolf Schmitt, Thomas Heidenreich: Metaphern in Psychotherapie und Beratung. Eine metaphernreflexive Perspektive. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 166 Seiten. ISBN 978-3-621-28569-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

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Thema

Metaphern übertragen Bedeutungen aus einem vertrauten Bereich auf einen anderen. Ob wir wollen oder nicht, wir denken und sprechen in Metaphern. Anliegen der Autoren ist hierfür zu sensibilisieren und einen Raum zu schaffen in dem die allgegenwärtige Rhetorik der Beratung und Therapie reflektiert werden kann. Schmidt und Heidenreich untersuchen in diesem Buch die Rolle der Metaphern in verschiedenen therapeutischen Ansätzen, sie zeigen auf, wie mit den Metaphern der Klienten gearbeitet werden kann und wie eigene Metaphern entwickelt werden können.

Autoren

Prof. Dr. Rudolf Schmidt lehrt seit 1997 an der Zittau/Görlitz in der Fakultät Sozialwissenschaften. Seit Jahren beschäftigt er sich in umfangreichen Veröffentlichungen mit dem Thema der systematischen Metaphernanalyse. Schmitt studierte Germanistik und Psychologie, er arbeitete zunächst als Familienhelfer in Berlin, dann von 1990 bis 1997 als Klinischer Psychologie in der Allgemeinpsychiatrischen Abteilung der Karl-Bonhoeffer-Klinik in Berlin. R. Schmitt absolvierte eine systemische Weiterbildung.

Prof. Dr. Thomas Heidenreich ist Professor für Psychologie an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Supervisor mit Ausbildung in Verhaltenstherapie.

Entstehungshintergrund

Das Anliegen der Autoren ist es zunächst gründlich den Begriff der Metapher vorzustellen und daraus abgeleitet einen hilfreichen Umgang mit Metaphern für die Beratung und Therapie vorzustellen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel.

  • Im ersten Kapitel wird ein Überblick über die Metaphern gegeben,
  • im zweiten Kapitel die Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson vorgestellt.
  • Im dritten Kapitel wird die Arbeit mit Metaphern in den verschiedensten Psychotherapieschulen erörtert.
  • Im vierten Kapitel beschäftigen die Autoren sich mit ihrem theoretischer Hintergrund, dem Schematakonzept,
  • im fünften Kapitel werden Zusammenhänge zwischen einer systematischen Metaphernanalyse und Metaphernsammlungen vorgestellt.
  • Im sechsten Kapitel wird das praktische Vorgehen in der Beratung und Therapie mit Metaphern vorgestellt,
  • um dann im siebten Kapitel die Arbeit mit Metaphern auf konkrete Beratungs- und Therapiesituationen auf die verschiedensten Problemfelder zu beziehen.
  • Das Buch schließt mit einem kurzen vorläufigen Schlusswort, umfangreichen Literaturangaben und einem Sachwortverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Von lichten Momenten, langen Leitungen und lockeren Schrauben“ werden Metaphern des psychischen, die wir im Alltag nutzen im Kontext der wissenschaftlichen Literatur erörtert. Dabei gliedern die Autoren ihre umfangreiche Metaphernsammlung in drei Gruppen: erstens Metaphern der Psyche auf der Basis körperlicher Projektionen, zweitens Metaphern auf der Grundlage einfacher kultureller Praktiken und drittens komplexe Metaphern. Angesprochen werden beispielsweise psychosoziale Hilfen in denen jemand in Bezug auf die Körperlichkeit „aufgerichtet“ wird, „von seiner Last befreit“ wird, „entlastet“ wird, „erleichtert, gestützt und unterstützt“ wird, um Klienten „aufbauen“ zu können.

Die Autoren geben in diesem Kapitel einen Überblick über die vielfältigen im Alltag genutzten Metaphern und motivieren mit ihren Ausführungen diese Vielfältigkeit systematisch zu nutzen.

Im zweiten Kapitel wird die „Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson“ dargestellt. Die Autoren beginnen mit einem Überblick zur Rolle metaphorischer Darstellungen in verschiedenen Kontexten und stellen dann zentrale Aspekte der Metapherntheorie der wegbereitenden Autoren Lakoff und Johnson vor.

Im dritten Kapitel „Metaphern in bisherigen Theorien der Beratung und Psychotherapie“ wird zunächst auf eine schulunabhängige Betrachtung von Metaphern eingegangen, um dann die Verwendung von Metaphern in den verschiedensten therapeutischen Konzepten zu erörtern. Hier lassen sich je nach Therapieschule unterschiedliche Perspektiven erkennen. Eine psychoanalytische Konzeption ließe sich bereits selber als ein Geflecht von Metaphern begreifen und das Geschehen zwischen Klienten und Therapeuten somit als eine durch Metaphern strukturierte Interaktion verstehen. Entscheidend für eine Behandlung ist, ob es zwischen den Metaphern der Behandelten und den Metaphern der Professionellen zu einer produktiven Passung kommt (S. 51).

Hingegen würde der Umgang mit Metaphern in einem verhaltenstherapeutischen Verständnis eher pragmatisch erfolgen, Metaphern seien im Rahmen der Psychoedukation und der Erarbeitung eines Störungsverständnisses bedeutsam. In personenzentrierten Ansätzen dienen Metaphern insbesondere einem gelingenden Beziehungsaufbau. Hier steht die Exploration und Entfaltung der Metaphern der Klienten im Vordergrund. In der Familientherapie bzw. den systemischen Ansätzen wurde die Nutzung von Metaphern von einzelnen Autoren beschrieben. In der Hypnotherapie und im NLP werden Metaphern als Geschichten verstanden, die absichtsvoll konstruiert und zur Veränderung eingesetzt werden können.

Im vierten Kapitel „Schemata als theoretischer Hintergrund des metaphernreflexiven Intervenierens“ betonen die Autoren einführend, dass Metaphern sozusagen Schnellstraßen für das Verständnis kognitiv-emotionaler Schemata bieten. Sie sehen den Schemabegriff als zentral im Kontext eines metaphernreflexiven Vorgehens. Neben Piaget und anderen Autoren beziehen sie sich insbesondere auf die Schemata in der Theorie von Grawe und seinem Konzept der Bedeutung der Grundbedürfnisse. Da Schemata generell die menschliche Wahrnehmung strukturieren, lassen sich viele Metaphern und metaphorische Konzepte auf diese zurückführen. Dabei sei die Kenntnis metapherngenerierender Schemata notwendig, um den metaphorischen Charakter einer Vielzahl von Äußerungen zu erkennen, die in unseren Erfahrungen mit Raum und Zeit, mit Objekten, Substanzen, Behältern, Personen etc. angelegt sind. Weitere Schemata sind u.a. das Teil-Ganzes-Schema, das Balance-Schema, das Pfadschema oder das Kraftschema. Insgesamt wird von den Autoren das Schemakonzept als nützlich angesehen, um eine schulenoffene diagnostische und veränderungspraktische Perspektive anzubieten, die ermöglicht, Klienten in ihrem Metapherngebrauch zu validieren und die benutzten Metaphern zu interpretieren und Veränderungen anzubieten.

Im fünften Kapitel mit dem Titel „Zwischen systematischer Metaphernanalyse und Metaphernsammlungen“ ist den Autoren der Hinweis auf Vorläufermodelle wichtig. Sie wollen keine eigene Metapherntherapie vorstellen, sondern ein sprachsensibles und qualitative Forschung informiertes Vorgehen anbieten, dass sich in verschiedene Beratungs-und Therapieformen integrieren lässt (S. 69). Diskutiert wird in diesem Kapitel weiterhin eine Gegenüberstellung von Metaphernanalyse, Metaphernsammlungen und metaphernreflexivem Vorgehen.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit dem „Intervenieren mit Metaphern“. Sie stellen ein allgemeines praxisorientiertes Modell vor.

Empfohlen wird das Vorgehen in Form von fünf Schritten:

  1.  Metaphernanalytisch fundierte Selbsterfahrung, damit die professionellen Helfer ihre eigenen Metaphernkonstruktionen erkennen.
  2. Identifizieren und validieren der Metaphern der Klienten, wobei es darum geht, sich in die Metaphernwelt der Klienten zu begeben und diese erlebbar zu machen.
  3. Interpretieren innerhalb der Metapher, die metaphorische Welt der Klienten wird weiter elaboriert und damit begreifbar gemacht. Versteckte Aspekte werden herausgearbeitet.
  4. Umdeutung und neue Nutzung der metaphorischen Schemata, wobei innerhalb der klientenseitigen Metaphern gearbeitet wird und diese auf ihre Möglichkeiten für neue selbst Deutungen exploriert werden.
  5. Anbieten neuer Metaphern, die zum Erleben und Bewältigung passen können. Neue Aspekte werden entwickelt.

Näher ausgeführt wird dieses Vorgehen an Beispielen, zunächst an Metaphern des Alkoholkonsums und des Helfens. Anschließend werden mögliche Risiken und Nebenwirkungen erörtert, diese seien insbesondere dann zu erwarten, wenn die Klienten sehr instabil sind. Zudem wird erörtert, wie künstlerische Medien, wie z.B. Musikstücke und Gedichte und Träume bzw. Fantasien, einbezogen werden können

Nach der Darlegung der metaphernreflexiven Arbeit in der Beratung und Therapie wird im siebten Kapitel dieses Vorgehen auf konkrete Beratungs- und Therapiesituationen bezogen. Zunächst gehen die Autoren auf Metaphern in helfenden Beziehungen ein um sich dann mit Metaphern wichtiger körperlicher und psychischer Erkrankungen zu beschäftigen.

Die Autoren schließen ihr Buch mit einem vorläufigen Schlusswort, dem Literaturverzeichnis und einem Sachwortverzeichnis.

Diskussion

Den Autoren kommt das Verdienst zu, auf dem Hintergrund der grundlegenden Ausführungen von Lakoff und Johnson eigene Überlegungen anzuschließen und hierbei auf Defizite der kognitiven Metapherntheorie aufmerksam zu machen. In Ergänzung zu Lakoff und Johnson betonen sie die Bedeutung der unterschiedlichen sozialen, kulturellen und psychologischen Kontexte. Metaphern sind, so wird betont, immer von geschlechtlichen, sozialen und kommunikativen Situationen geprägt.

Hervorzuheben ist auch, dass die Autoren neben den technischen Aspekten des Umgangs mit Metaphern eine Selbsterfahrung im Sinne der Entwicklung einer eigenen Metaphernkompetenz betonen. Dies ist bedeutsam, damit man den eigenen Lieblings-Metaphern nicht auf den Leim geht und diese den Klienten nicht unreflektiert aufpfropft. Stattdessen soll eine möglichst optimale Passung zu den Problemmetaphern der Klienten und den darin versteckten impliziten Lösungsideen entwickelt werden.

Zum Erlernen und Erkennen dieser Kompetenzen bieten die Autoren mit ihrem Buch umfangreiche methodische Hilfestellungen an. Anhand von Fallvignetten werden Beispiele für das gelungene und weniger gelungene Validieren, Differenzieren und Umdeuten und von Klientenmetaphern vorgestellt.

Im Anschluss an die Vorstellung der Vorläuferkonzepte merken die Autoren an (S. 77), dass sie als „Zwerge auf den Schultern von Riesen stehen“ würden. Mit diesem Bild würdigen die Autoren, was nur selten so deutlich geschieht, die Vorläufer. Gleichzeitig mindern sie damit jedoch zu Unrecht ihren Verdienst, denn sie stellen gut begründet, theoretisch fundiert und praxisnah den aktuellen Stand in der Arbeit mit Metaphern vor.

Fazit

Rudolf Schmitt und der Ko-Autor Thomas Heidenreich wenden sich mit ihrem sehr gut lesbaren Buch an die Praktiker. Anders als in Schmitts früheren Büchern über die systematische Metaphernanalyse als Forschungsstrategie steht die Nutzung von Metaphern im beraterisch-therapeutischen Prozess im Mittelpunkt.

Die Autoren stellen theoretisch fundiert und praxisnah eine sehr gute Übersicht vor. Das Sachwortverzeichnis bietet die Möglichkeit einzelne Metaphernkategorien ebenso nachzuschlagen wie hilfreiche Techniken. Dieses Buch kann allen Berater*innen und Therapeut*innen – Anfänger*innen und Fortgeschrittenen – sehr empfohlen werden. Den Leser*innen wird sehr kompakt eine umfassende Darstellung geboten.

Literatur:

Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors we live by. Chicago/London: University of Chicago Press (deutsch 2011: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, 7. Aufl. Heidelberg Carl–Auer)


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 27.09.2019 zu: Rudolf Schmitt, Thomas Heidenreich: Metaphern in Psychotherapie und Beratung. Eine metaphernreflexive Perspektive. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28569-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26167.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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