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Jana Bosse: Die Gesellschaft verändern

Cover Jana Bosse: Die Gesellschaft verändern. Zur Strategieentwicklung in Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung. transcript (Bielefeld) 2019. 412 Seiten. ISBN 978-3-8376-4688-7. D: 49,99 EUR, A: 49,99 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, wie in einzelnen Initiativen, die der Umweltbewegung zurechenbar sind, Strategieentwicklungen durch die jeweiligen Akteur*innen rekonstruierbar werden. Vermittels der theoriegeleiteten Heuristik der „Theories of Change“ werden die qualitativ erhobenen Daten interpretiert. Im Ergebnis wird deutlich, dass die Prozesse der Strategieentwicklung komplexen Logiken folgt, die durch die Welt- und Gesellschaftsvorstellungen aktiver Mitglieder der Basisgruppen und durch gruppenintern entstehende Machtstrukturen angeleitet werden.

Autorin

Dr.in Jana Bosse arbeitet freiberuflich zu Energie- und Klimathemen und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Klimapolitik im Berliner Abgeordnetenhaus.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei der Publikation um die Dissertationsschrift der Autorin. 

Aufbau

Die Studie ist in zehn Kapitel strukturiert:

  • In der Einleitung werden Problemstellung und der Aufbau der Arbeit vorgestellt.
  • Die Kapitel zwei bis vier bilden den Theorie- und Methodenteil der Arbeit. Hier wird mit den Basisgruppen der Umweltbewegung der Untersuchungsgegenstand der Forschung vorgestellt. Darauf folgend stellt die Autorin mikropolitische Ansätze der Organisationssoziologie und die Theory of Change als zentrale theoretische Zugänge ihrer Studie vor. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Frage nach der Struktur und der Rekonstruierbarkeit strategischer Entscheidung im Kontext der Basisgruppen. Die methodische Herangehensweise und die Begründung für die Auswahl der Gruppen werden vorgestellt.
  • Die Darstellung des empirischen Materials und seiner Analyse erfolgt in den Kapiteln fünf bis acht, die die Rekonstruktion der Entstehung strategischer Entscheidungen in den untersuchten Initiativen rekonstruieren. Die Erhebung der Daten erfolgte mittels zweier qualitativer Verfahren (leitfadengestützte Interviews und Gesprächsanalysen von Gruppentreffen), das Material wurde mit der Methode des „Thematischen Kodierens“ (Flick) ausgewertet, bei der Analyse der Daten aus den Gruppentreffen wurde zusätzlich eine inhaltlich modifizierte Variante der Konversationsanalyse genutzt.
  • Kapitel neun und zehn rekapitulieren die Untersuchungsergebnisse und bieten ausblickartig weitergehende Forschungsfragen an.

Inhalt

Die Studie befasst sich mit der Frage, in welcher Form einzelne Gruppen, die insgesamt der deutschen Umweltbewegung zugerechnet werden, zu Strategieentscheidungen kommen. Damit lokalisiert sich die Studie an einem empirisch bisher wenig beachteten Ort der Bewegungsforschung, den Basisgruppen.

Der Zugang zu diesen erfolgte über leitfadengestützte qualitative Einzelinterviews mit Aktiven und Beobachtungen von Gruppentreffen, die mittels gesprächs- bzw. konversationsanalytischer Zugänge ausgewertet wurden. Die materiale Grundlage für die in der Studie dargestellten Ergebnisse ist ein Sample aus den erhobenen Daten und umfasst vier Basisgruppen bzw. Initiativen, die über ein theoretisch angeleitetes und kriterial transparentes Verfahren ausgewählt wurden. Wesentliche Aspekte dabei waren nach einer regionalen Eingrenzung unter anderem ein starker Konnex zur Umweltbewegung, bestehende und erkennbare Aktivitäten der Gruppen sowie die Erreichbarkeit der Treffpunkte der Gruppen für die Forscherin. Gegenstände und Vorgehensweisen der vier vorgestellten Gruppen sind unterschiedlich, gemein ist ihnen, dass ihre Aktionskontexte lokaler Natur und überwiegend spezifisch auf bestimmte Projekte hin orientiert sind. Ausgewertet wurden insgesamt 62 Gruppentreffen, Teile eines Strategiewochenendes einer Initiative und 27 Interviews.

Der theoretische Zugang wird in der Auseinandersetzung mit verschiedenen prominenten Großtheorien der Bewegungsforschung, insbesondere dem Ressourcen-Mobilisierungsansatz, dem Political Opportunity Structure-Ansatz, dem Collective-Identity-Ansatz und dem Framing-Ansatz, entwickelt. Der Schwerpunkt der Auseinandersetzung liegt in der Frage, wie Möglichkeitsräume der Entwicklung von Strategien theoretisch konzeptualisiert werden können. Durch die Diskussion der unterschiedlichen Bedeutungsgehalte dieser Zugänge mit einem Schwerpunkt in der Theoretisierung von „Frames“ und „Ideologien“ entwickelt die Studie ein Konzept der „Theories of Change“, das zwei Voraussetzungen des Bewegungshandelns in der Perspektive von Akteur*innen erfasst: (i) die Überzeugungen, dass Wandel notwendig ist und (ii) eine, nicht zwingenderweise näher beschriebene oder entwickelte, Vorstellung davon, wie gesellschaftliche Veränderung möglich wird. Das Konzept beinhaltet entsprechend Annahmen darüber, wie Gesellschaft beschaffen ist und funktioniert, wie Gesellschaft sein sollte und darüber, wie gesellschaftliche Veränderungen möglich sind. Theoretisch abgesichert und entfaltet werden die unterschiedlichen Theories of Change durch einen Rückgriff auf die Theorie der funktionalen Differenzierung Luhmanns.

Auf die empirischen Daten angewandt erweist sich dieses konzeptionelle Vorgehen insofern als fruchtbar, da unterschiedliche persönliche Vorstellungen der einzelnen Mitglieder der Basisgruppen als ein wesentliches Element der Strategieentwicklung bzw. der Rekonstruktionen des Entstehens strategischer Entscheidungen erfassbar sind. Gleichzeitig werden mikropolitische Zugänge aufgerufen, die sich vor allem mit der Frage der Machtverteilung innerhalb der einzelnen Gruppen befassen. Damit können sowohl Machtverteilungen als auch Machtformen beobachtet werden, die in den verschiedenen beobachteten sozialen Situationen zum Tragen kommen. Der so entstandene theoretische Rahmen wird anhand von drei Facetten verdeutlicht, die Entstehungsprozesse von Strategien beschreiben können: den eigentlichen Aushandlungsprozess, den Möglichkeitsraum, der für die Aushandlungsprozesse zur Verfügung steht und die durch die Mitglieder eingebrachten oder zumindest verkörperten Ideen und Präferenzen.

Zentrale Ergebnisse der Studie sind, dass (i) Strategieprozesse oft schwer erkennbar sind, da sie oft im Kontext der kontinuierlichen Arbeit der Basisgruppen entstehen und sich nicht als Grundsatzdiskussionen sondern als Auseinandersetzung mit von Einzelnen eingebrachten Ideen und Vorschläge beobachten lassen. Diese folgen (ii) Gelegenheiten, die in unterschiedlichen Formen vorkommen: sei es durch individuelle Schwerpunkte einzelner Mitglieder, sei es durch Irritationen aus den Umwelten der Basisgruppen bspw. durch Themensetzungen in Netzwerken, zu denen die Gruppen zugehörig sind. Dabei spielen (iii), anders als theoretisch zu erwarten wäre, die in den Basisgruppen vorhandenen Ressourcen nur eine untergeordnete Rolle. (iv) kann die strategische Ausrichtung als Resultat des Umgangs mit interner Heterogenität und damit weniger als Ergebnis rationaler und von allen Mitgliedern geteilter Aushandlungsprozesse verstanden werden. Damit einher geht der Befund, dass die Macht zur Durchsetzung strategischer Entscheidungen in den untersuchten Gruppen durch die ehrenamtlichen Strukturen nur bedingt durchgesetzt werden kann womit eine strukturelle Limitation einheitlicher strategischer Entscheidungen rekonstruierbar wird. Im Ergebnis kann also, folgt man der Analyse des Textes, von einem Strategiepluralismus gesprochen werden, der Ergebnis kontingenter und unterschiedlich wahrgenommener Handlungen der Mitglieder ist.

Diskussion

Die vorliegende Studie leistet in ihrer Anlage einen soliden Beitrag zur Erforschung sozialer Bewegungen, insbesondere, weil sie sich mit deren kleinsten Einheiten befasst. Damit wird ein Zugang zur Frage nach sozialem Wandel gestellt und auf einer mikrosoziologischen Ebene fruchtbar gemacht. Die Studie zeigt auf, welche möglichen Weiterentwicklungen durch die Auseinandersetzung mit den „großen“ Theorien sozialer Bewegungen im Bereich der Bewegungsforschung möglich und wünschenswert sind. Durch die Etablierung einer theoretisch angeleiteten Heuristik – den „Theories of Change“ – gelingt es, individuelles Handeln im Kontext der Umweltbewegung als Treiber der Entwicklungen strategischer Entscheidungen zu beobachten. Die Explikation der Handlungsformen erfolgt dabei in einem gesellschaftstheoretischen Modus und vermeidet so Mutmaßungen über innersubjektive Motivlagen, wenn es um die Rekonstruktion von Macht- und Konfliktstrukturen geht. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Form der Aushandlung oder Herstellung von Entscheidungen über Strategien als ein integraler Bestandteil zur für das Funktionieren der Gruppen notwendigen Komplexitätsreduktion interpretiert werden kann. Diese Perspektive, die in der Arbeit nur latent anklingt, erscheint als gewinnbringend für weitere Auseinandersetzungen mit sozialen Bewegungen. 

Fazit

„Die Gesellschaft verändern“ kann als ein lohnender Beitrag zur Erforschung sozialer Bewegungen gelesen werden und zeigt, dass gerade hier qualitative Zugänge, die Interaktionsstrukturen beobachten und analysieren, zur Weiterentwicklung beitragen können. Durch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Forschungsparadigmen der Bewegungsforschung entwickelt die Studie ein auf der Mikroebene angelegtes Forschungsdesign und zeigt auf, wie kontingent Strategieentwicklungen und -entscheidungen in Basisgruppen sozialer Bewegungen ablaufen und dass diese Prozesse gleichzeitig eng mit der strukturellen Heterogenität dieser Gruppen verbunden sind und damit auch als Teil ihrer Funktionsweise verstanden werden können.


Rezension von
Dr. Klemens Ketelhut
Akademischer Mitarbeiter Inklusion, Universität Heidelberg/Verbundprojekt Heidelberg School of Education
Homepage hse-heidelberg.de/heidelberg-school-of-education/ue ...
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Zitiervorschlag
Klemens Ketelhut. Rezension vom 12.05.2020 zu: Jana Bosse: Die Gesellschaft verändern. Zur Strategieentwicklung in Basisgruppen der deutschen Umweltbewegung. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4688-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26173.php, Datum des Zugriffs 30.09.2020.


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