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Hans Stefan Moritsch, Tobias Fock u.a.: Kreative Identitäten

Cover Hans Stefan Moritsch, Tobias Fock, Julia Pintsuk-Christof, Anna Wanka: Kreative Identitäten. Handwerks- und Kreativberufe im Generationenvergleich. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 300 Seiten. ISBN 978-3-95832-203-5. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.
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Die Suche nach Identität und Habitus

Es fällt auf, dass in den neueren, wissenschaftlichen Forschungen Fragen nach Professionalisierung, Selbstverständnissen und Identitäten gestellt werden (vgl. z.B.: Rolf-Torsten Kramer/​Hilke Pallesen 2019, www.socialnet.de/rezensionen/…php). Es sind Gegenbewegungen gegen die Herauf- und Herabwürdigungen von beruflichen Tätigkeiten, die mit Neubesinnungen über die Wertigkeiten von Arbeit und Kreativiät einhergehen (siehe dazu auch: Julian Nida-Rümelin 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​17603.php).

Entstehungshintergrund und AutorInnen

Es sind vor allem die durch die neue, technologische und digitale Industrialisierung sich vollziehenden Veränderungs- und Wandlungsprozesse in kreativen, handwerklichen und künstlerischen Berufen, die Perspektivenwechsel in mehrerer Hinsicht bewirken: Handwerk ist Hand- und Kopfarbeit, Praxis und Theorie, Machen und Gestalten, Design und Tradition, Wissen und Erfahrung, Regel und Prozess, Kreativ- und Kulturwirtschaft. An der österreichischen New Design University in St. Pölten hat ein Wissenschaftsteam von November 2014 bis Oktober 2017 ein Forschungsprojekt mit dem Ziel durchgeführt, die kreativen Identitäten von „produzierenden Gestalter/​innen“ in zivilisatorischen Wandlungsprozessen zu erkunden.

Der Produktdesigner Hans Stefan Moritsch, der Filmwissenschaftler Tobias Fock, und die Soziologinnen Julia Pintsuk-Christof und Anna Wanka legen die Ergebnisse der Milieustudie „Kreative Identitäten in Handwerks- und Kreativberufen“ vor. Dabei geht es nicht nur um die veränderten beruflichen Herausforderungen, um Aus- und Fortbildungsstrukturen, sondern auch um soziale, gesellschaftliche und kulturell-zivilisatorische Perspektivenwechsel. Es ist nicht die Absicht, die Abgesänge zum „Tod des Handwerks“, und die Aufgesänge zum „Design“ zuzustimmen, sondern in der Praxis nach Beispielen zu suchen, wie neue Berufsbilder, Kompetenzprofile, institutionalisierte (Aus- und Fort-)Bildungseinrichtungen und Ökonomien funktionieren.

Aufbau und Inhalt

Die Verläufe und Ergebnisse der Forschungsstudie werden, neben der Einleitung und den Schlussfolgerungen in drei Kapitel gegliedert:

  • Im ersten werden „Kreative Identitäten zwischen Produktion und Gestaltung“ thematisiert, indem traditionelle und moderne Charakterisierungen von Berufen vorgenommen, die Veränderungsprozesse verdeutlicht, Identitätsbildung durch berufliche Sozialisation aufgezeigt, die Tätigkeits- und Wirkungsmilieus diskutiert und vier von elf aus insgesamt 65 biographisch-narrativen Interviews mit GestalterInnen im Alter von 21 bis 85 Jahren vorgestellt und interpretiert (Tischler, Tischlerin, Taschenmacher, Polsterin).
  • Im zweiten Kapitel wird das „Wissen produzierender Gestalter/​innen“ ermittelt. Dabei werden traditionelle und aktuelle handwerkliche Kenntnisse und Standards als spezifische Form des impliziten Wissens analysiert, die Bedeutung von Kreativität in den schaffenden Berufen herausgestellt und in vier weiteren Fallbeispielen dargestellt (Werkzeugmacher, Architekt, Modemacherin, Schlosser).
  • Im dritten Kapitel wird die „ökonomische Situation“ in der Praxis des Handwerks veranschaulicht; durch die Entwicklungen, wie sie sich bei den Professionalisierungsprozessen, dem Spagat zwischen kulturellen Erfolgen und ökonomischem Prekariat, ergeben. Die vertrags- und arbeitsrechtlichen Bedingungen werden an drei weiteren Fallgeschichten bewertet (Glaser, zwei Keramikerinnen).

Die Analysen über berufliches, kreatives Arbeiten in der „Kreativwirtschaft“ kommen nicht ohne die Auseinandersetzung mit den neoliberalen, kapitalistischen, lokalen und globalen Bedingungen aus. Es klingt eher selbstverständlich, dass die (neuen) GestalterInnen – ähnlich wie (alten) HandwerkerInnen – ein professionelles Verhältnis zum Material und zu den Stoffen, mit denen sie arbeiten, bilden und weiterentwickeln müssen. Auch wenn die Forschungsstudie die österreichischen, gesellschaftspolitischen Verhältnisse abbildet, können die Ergebnisse auch auf deutsche und andere, europäische und weltweite berufsbildende und -tätige Situationen übertragen werden. Kreative Bildung entsteht nicht erst bei Berufsbildungsprozessen, sondern als Bildung und Erziehung als lebenslange Prozesse.

Fazit

Die Ergebnisse der österreichischen Milieustudie sollten im Zusammenhang mit der ganzheitlichen, kreativen Entwicklung der Conditio Humana gebracht und verstanden werden, wie sie z.B. Andreas Reckwitz mit seiner Betrachtung über die Erfindung der Kreativität (2013, www.socialnet.de/rezensionen/​14393.php), David Eagleman, u.a., mit dem Nachweis, dass Kreativität welterschaffend ist (2018, www.socialnet.de/24184.php) und Timon Beyes und Jörg Metelmann Kreaivität als Vademecum der Gegenwartsgesellschaft nachweisen (2018, www.socialnet.de/25118.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.04.2020 zu: Hans Stefan Moritsch, Tobias Fock, Julia Pintsuk-Christof, Anna Wanka: Kreative Identitäten. Handwerks- und Kreativberufe im Generationenvergleich. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-203-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26176.php, Datum des Zugriffs 09.08.2020.


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