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Christian Bachhiesl, Sonja Maria Bachhiesl u.a.: Zufall und Wissenschaft

Cover Christian Bachhiesl, Sonja Maria Bachhiesl, Stefan Köchel, Bernhard Schrettle: Zufall und Wissenschaft. Interdisziplinäre Perspektiven. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. 600 Seiten. ISBN 978-3-95832-197-7. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
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Zufall ist unverfügbar

So wie Zufall eine unvorhersehbare Situation, ein ungeplantes Ereignis, ein zufälliges Erlebnis sein, Glück oder Unglück bewirken kann, sind Zufälligkeiten nicht einfach Schicksale oder Ausgeliefertheiten; sie können Sinn ergeben, wie dies schon der antike griechische Philosoph Diogenes von Sinope erkannte, als er darüber nachdachte, ob Vorfälle, die (scheinbar) zufällig entstehen, im Leben der Menschen einen Sinn ergäben. Der Münchner Wissenschaftsautor Stefan Klein erzählt in seinem Buch „Alles Zufall. Die Kraft, die unser Leben bestimmt“ die folgende Geschichte: „Ein Mann geht im Sturm an einem Baukran vorbei. Auf dem Kran, der leicht schwankt, wird gerade eine Palette Ziegel nach oben transportiert. In diesem Moment lösen sich ein paar Steine aus dem Verbund. Ein Ziegel trifft den Mann am Kopf. Aber weil vor einer Zehntelsekunde jemand von der anderen Straßenseite seinen Namen gerufen hat, wendet er sich um. So schrammt ihn der Stein nur leicht an der Schläfe, und er kommt mit einer Platzwunde davon“ (2004). Ob als Schreck- oder Glücksmomente, ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt, dass es sich lohnt, über Zufälligkeiten nachzudenken (Jörg Link, Schreckmomente der Menschheit. Wie der Zufall Geschichte schreibt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/​22145.php). Weil Zufälle unverfügbar sind, kommt es darauf an zu erkennen, dass sich „das Leben vollzieht als Wechselspiel zwischen dem, was uns verfügbar ist, und dem, was uns unverfügbar bleibt, uns aber dennoch ‚etwas angeht‘; es ereignet sich gleichsam an der Grenzlinie“ (Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25302.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Wenn Zufälligkeiten nicht als alltägliche Gegebenheiten und Erfahrungen betrachtet, sondern als wissenschaftliche, rationale Zustände betrachtet werden, wird von vornherein klar, dass Fragen nach Konventionen, Konvergenzen, Kausalitäten und Korrelationen nicht allein fachspezifisch, sondern fächerübergreifend beantwortet werden müssen. In einem interdisziplinären Kongress vom 8. – 10. November 2018 an der Karl-Franzens-Universität in Graz setzten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit auseinander, wie Zufälle im wissenschaftlichen Denken und Handeln wirken können. Dabei standen nicht Fatalismen oder schicksalhaftes Ausgeliefertsein im Mittelpunkt der Diskussionen, sondern die eher zuversichtlichen Auffassungen, dass es „keinen Anlass (gibt), den Zufall zu fürchten (…) Der Zufall tritt als Partner auf, nicht als Gegner“.

Die Diskussionsbeiträge werden in dem Sammelband „Zufall und Wissenschaft“ publiziert, der vom Grazer Historiker Christian Bachhiesl, der Juristin und Philosophin Sonja Maria Bachhiesl, vom Archäologen Bernhard Schrettle und vom Philosophen Stefan Köchel herausgegeben wird. 

Aufbau und Inhalt

Die Fülle der Themen, die in chronologischer Folge im Sammelband platziert sind, wird nicht systematisch ausgewiesen, und es wird auch keine thematische Vollständigkeit angestrebt. Aber die vielfältigen Zugangsweisen und Wissensgebiete sind so gewählt, „dass die jeweils angesprochenen Themen an die nachfolgenden Texte ‚weitergereicht‘, vertieft und weitergeführt werden, so dass das Buch … wie eine Monographie gelesen werden kann“. Der Grazer Physiker Arnold Hanslmeier setzt sich mit dem Beitrag „Zufall und Wissenschaft am Beispiel moderner Astrophysik“ mit den historischen und kosmischen Fragen des Universums auseinander. Sein vermutliches Ergebnis des Nachdenkens strotzt nur so von Zufälligkeiten: „Das heutige Universum scheint … aus 5 % beobachtbarer Materie zu bestehen, etwa 25 % ist dunkle Materie und der Rest, etwa 70 %, dunkle Energie“. Der Salzburger Philosoph Raimund Pils schließt mit der Frage an: „Ein deterministischer Kosmos?“, indem er den Schritt von der aristotelischen Physik hin zur Quantenmechanik geht; und es sind eher spekulative denn epistemische Realismen, die Unterscheidungen zwischen Determinismus und Indeterminismus als ungewiss erscheinen lassen. Der Mathematiker Gunther Leobacher rät: „Probleme lösen durch zufälliges Handeln“, und zwar nicht als Laissez faire, sondern als „Bändigung des Zufalls“. Ronald Thenius reflektiert über „Zufall in der Biologie“, indem er mit der Frage: „Sind wir Zufall?“ Konzepte zur Vorhersagbarkeit von Evolution und Intelligenz vorstellt. Der Pharmazeut Rudolf Bauer informiert über die „Rolle des Zufalls bei der Entdeckung neuer Arzneistoffe“. Es sind nicht Unwägbarkeiten, sondern es ist die Freiheit des Forschens und Experimentierens, die den Zufällen Chance geben. Der Coburger Philosoph Thomas Kriza nimmt mit seinem Beitrag „Die Fundamente und Grenzen der wissenschaftlichen Weltsicht“ die wissenschaftstheoretischen und religionsphilosophischen Gedanken des Philosophen Kurt Hübner (1921 – 2013) auf. Er zeigt damit die „Zwiegespaltenheit“ im heutigen Sinndenken auf. Bernhard Schrettle thematisiert mit „Zufall und das Unerwartete“ die zentralen Elemente einer archäologischen Hermeneutik. Es sind zufällig gefundene oder zufällig in den Boden gelangte Objekte, Vermutungen oder narrative Verzerrungen, die auf Holzwege führen oder Entscheidungen verifizieren oder falsifizieren (vgl. dazu auch: Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​17709.php).

Raimund Karl von der Bangor University/​Wales informiert über „Glückliche und weniger glückliche Zufälle im archäologischen Erkenntnisprozess“. Kenntnisse, die aus Zufälligkeiten entstanden sind können, etwa in der Denkmalspflege, zu falschen Schlüssen und Entscheidungen führen. Die Archäologinnen Maria Christidis und Henrike Dourdoumas stellen mit „Zufall – Glück – göttliches Geschenk“ Beobachtungen aus der griechischen Antike an. Es sind Fundstücke, nach denen eigentlich nicht gesucht wurde, die unser heutiges Wissen über Kulturen und Lebensweisen von Menschen bestimmen. Der Kunstgeschichtler Josef Ploder stellt fest: „Zufall als Methode“, indem er über Aspekte des Zufälligen in der künstlerischen Fotografie nachdenkt. Er interpretiert künstlerische Momentdarstellungen und stellt fest, „dass der Zufall allein wohl selten befriedigende Ergebnisse liefern kann, es sei denn, zufällig“. Die Kunsthistorikerin Lydia Elek spricht in ihrem Beitrag „Landschaft, Spur und Zufall“ von Absichtlichkeiten und Zufälligkeiten am Tatort. Mit dieser kriminologischen Studie zeigt sie auf, dass „die Disziplinen Kriminalistik und Rechtswissenschaft… von Interdisziplinarität profitieren“ können. Die Bibliothekarin Pia Fiedler ist überzeugt. „Am Ende findet sich alles wieder“. Sie informiert über bibliothekarische Ordnung zwischen Systematik und Zufall. Der Wiener Kunstwissenschaftler Ernst Strouhal reflektiert „Über das Blättern“, als verzetteltes Schreiben und zerstreutes Lesen. Es ist die Spannweite zwischen Oberflächlichkeit und Findung, die das haptische Umblättern in Büchern zu einem besonderen Erlebnis werden lässt – trotz oder gerade wegen der Digitalisierung. Der Düsseldorfer Medien- und Kommunikationswissenschaftler Albrecht Götz von Olenhusen setzt sich in seinem Beitrag „Der Zufall, das Glück und der Dreigroschenfilm“ auseinander mit den Dreigroschenprozessen von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Er dokumentiert die verschiedenen, rechtlichen, manipulativen, mentalitäts- und machtpolitischen Interventionen im Rechtsstreit und stellt fest, dass dieses (künstlerische) Ereignis „keine zeitgenössische Resonanz“ fand. Der Rechtswissenschaftler Benjamin Koller schließt mit dem Beitrag „Zufall und Strafrecht“ an die Imponderabilien an, dass „im Recht ( ) es der Zufall (ist), der die Annahme von Kausalitäten beiseite wischt oder die Zurechnung unmöglich macht“.

Sonja Maria Bachhiesl fragt: „Zufällige Schuld?“. Anhand von literarischen Streiflichtern zeigt sie auf, „dass ein Zufall Schuld begründen kann und dass es vom eigenen Verhalten nach dem Ereignis abhängt, wie die zufällige Schuld erlebt wird“. Der Theologe Dietmar Grünwald stellt mit dem lateinischen Spruch „Non confundar in aeternum“ Überlegungen zu Zufall, Schicksal und Sinn an. Es sind die seelsorgerischen Erfahrungen, die ihn zu dem Rat bringen: „Im Leben kommt es darauf an, hinzunehmen, was einem zufällt, und dennoch zu tun, was man tun kann“. „Das Los entscheidet“, dieses Konstrukt nimmt die Historikerin Caroline Thiesz, um über Strategien und Zufälle in der griechisch-römischen Antike nachzudenken. Die ursprüngliche religiöse Herleitung, ein Los über alltägliche bis hin zum Existentiellen reichenden Lösungen entscheiden zu lassen, weitete sich aus – bis heute – auf gesellschaftliche und politische Verfahren. Der Kulturwissenschaftler Johann Leitner fragt in seinem Beitrag, ob der Zufall ein probates Vademecum in Religion, Literatur und Politik des Morgenlandes sein könne. Es sind Erzählungen, wie sie von Averroes und Maimonides überliefert sind, von Lawrence von Arabien in den „Sieben Säulen der Weisheit“ aufzeigt werden, die mögliche Wegweiser für die heutigen politischen und gesellschaftlichen Situationen im Orient sein könnten. Christian Bachhiesl spricht vom „glückliche(n) Elend der Historiographie oder wie gemachte Geschichte geschieht“. An historischen Beispielen zeigt er „Kontingenz und Zufall in Geschichte und Geschichtsschreibung“ auf: „Das Wechselspiel von Kalkulablem und Inkabulablem, von Verfügbarem und Nichtverfügbarem ist für den Historiker ein Elend“. Der Historiker Alois Kernbauer berichtet über zufällige „Begegnungen und Annäherungsversuche aus historischer und wissenschaftshistorischer Perspektive“. Es ist die „Gleichzeitigkeit zweier nicht zusammenhängender Kausalketten, die im Falle ihres Zusammentreffens dem Geschehensverlauf eine vom Menschen nicht erwartete Wende geben“. Es sind Imponderabilien und Perspektiven, die für die Ich- und Welterkennung wichtig sein können. Die Soziologin Sabine Haring-Mosbacher widmet sich mit dem Zitat von Auguste Comte – „Die gewöhnlichsten und allgemeinsten Vorgänge sind für die Wissenschaft die wichtigsten“ – begriffstheoretischen Erörterungen im soziologischen Kontext. Es sind die Fortschrittsparameter, die bis heute unser individuelles und kollektives, konsumtives und lebensweltliches Denken und Handeln bestimmen und zum Perspektivenwechsel auffordern. Der Philosoph Guiseppe Motta setzt sich mit der Zufälligkeit in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ auseinander. Es gilt, „das Irrationale und Zufällige in einem System der Notwendigkeit zu integrieren“. Rudolf Meer setzt sich ebenfalls mit der antiken, naturwissenschaftlichen Erkenntnis „Natura non facit saltus“ (die Natur macht keine Sprünge) auseinander, die Immanuel Kant ebenfalls in seiner theoretischen Philosophie benutzt. Das Transzentale ist Grundlage der Vernunft. Der Klagenfurter Philosoph Stefan Köchel stellt „Kantianische Meditationen“ an, indem er über „Fichtes Schritt über den Rubikon“ nachdenkt (vgl. dazu auch: Benjamin Dober, Ethik des Trostes. Hans Blumenbergs Kritik des Unbegrifflichen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/…php). Die Göttinger Historikerin Franziska Rehlinghaus stellt Überlegungen zum Geschichtsverständnis in der Sattelzeit an: „Eine Kraft, welche das Weltschicksal ändern kann“. Der Schicksalsbegriff stellt sich für die Geschichtswissenschaften in den Zeiten von Fake News und Geschichtsverklitterung als neue Herausforderung dar. Der Psychiater Omid Amouzadeh-Ghadikolai beschließt den Sammelband mit der Auseinandersetzung mit „Brentanos Intentionalitätskonzeption als Antwort auf Schellings Kritik an Descartes“. Es ist das „cogito, ergo sum“, das abendländisches Denken trägt. Wie jedes (intellektuelle, zielgerichtete) Denken ist „das Denkende … nur indirekt (in obliquo) auf das intentionale Objekt, direkt (in recto) aber auf sich selbst bezogen“.

Fazit

Der Zufall entzieht sich der Intention des Menschen. Es sind die Unverfügbarkeiten, die zufälliges Denken und Tun bestimmen und begrenzen können. Im wissenschaftlichen Diskurs sind Fragen bedeutsam wie: Gibt es Zufälle? Gibt es Freiräume für Kontingenzen und Intentionen? Wie verhalten sich Kausalität und Korrelation zueinander? Die Beiträge im interdisziplinären Sammelband „Zufall und Wissenschaft“ geben darauf Antworten und führen mit weiteren Fragen weiter!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.02.2020 zu: Christian Bachhiesl, Sonja Maria Bachhiesl, Stefan Köchel, Bernhard Schrettle: Zufall und Wissenschaft. Interdisziplinäre Perspektiven. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. ISBN 978-3-95832-197-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26177.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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