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Benjamin Dober: Ethik des Trostes

Cover Benjamin Dober: Ethik des Trostes. Hans Blumenbergs Kritik des Unbegrifflichen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-95832-194-6. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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In der Zuwendung liegt Befreiung 

Trost, das ist eine zwischenmenschliche Zuwendung, in der sich die Eigenschaften des Gutseins, des Zufriedenseins und der aktiven Gemeinsamkeit bündeln. Wer ehrlich tröstet, bringt sich selbst ein. Der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905 – 1961) bringt die Bedeutung des Tröstens beim humanen Zusammensein der Menschen auf den Punkt, wenn er sagt: „Wer nie gelitten hat, weiß auch nicht, wie man tröstet“. Er drückte damit eine wesentliche Bedeutsamkeit aus, die bereits in der antiken griechischen Lebenslehre als παρηγόρια, Zuspruch und Ermutigung, zum Ausdruck kommt. Es ist nicht überraschend und erstaunlich, dass fast alle Weltanschauungen dem Trösten eine besondere Aufmerksamkeit widmen; und dass beim Philosophieren das Trösten geradezu zum Bewältigen und zum Erringen eines guten, gelingenden Lebens als notwendig erachtet wird.

Entstehungshintergrund und Autor

Es sind die uralten und immer wieder neu zu diskutierenden Fragen nach Vollkommenheit und Unvollkommenheit des anthrôpos, nach den Verletzlichkeiten des Menschen (vgl. dazu: Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php), nach den Verfügbarkeiten und Unverfügbarkeiten (Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25302.php), nach Freiheit, Abhängigkeit und Ausgesetztsein in der Welt. „Der moderne Mensch ist nicht aus Optimismus geboren, sondern aus dem Zwang zum Überleben“ (Leander Scholz, Der Preis der Wahrheit, DLF, 20. 10. 2019). Der Philosoph Hans Blumenberg (1920 – 1996) hat sich zeitlebens mit den Fragen nach der Berechtigung, den Chancen und Imponderabilien des menschlichen Daseins auseinandergesetzt. Sein Bemühen, eine Theorie der Unbegrifflichkeit zu entwickeln, konnte er nicht zu Ende führen, sodass er das fünfbändige Vorhaben selbst nur mit drei Bänden bewältigen konnte: „Schiffbruch mit Zuschauer“ (1979), „Die Lesbarkeit der Welt“ (1981) und „Höhlenausgänge“ (1989). Die beiden weiteren Bände – „Quellen, Ströme, Eisberge“ (2012) und „Die nackte Wahrheit“ (2019) wurden aus dem im Marbacher Literaturarchiv lagernden Nachlässen Blumenbergs posthum von Rüdiger Zill herausgegeben.

Der Wissenschaftliche Mitarbeiter im Bereich der Philosophischen Anthropologie, Benjamin Dobler, hat Blumenbergs philosophische und anthropologische „Kritik des Unbegrifflichen“ als Dissertation vorgelegt. Er arbeitet Blumenbergs Insistenz heraus, dem Trösten eine kritische Aufmerksamkeit zu widmen, weil „wir in unserem anhaltenden Trostbedürfnis immer wieder gefährlich nah an den Zustand der Untröstlichkeit geraten“.

Aufbau und Inhalt

Dober gliedert seine Studie „Ethik des Trostes“, neben der Einleitung, in drei Teile. Im ersten Teil setzt er sich mit „Blumenbergs Anthropologie des Trostes“ auseinander; im zweiten Teil mit seiner „Trost-Kritik“; und im dritten Teil thematisiert er „Modi einer Ethik des Trostes“.

In Kants Prozedere von der Reinheit der Vernunft und der formalen Wertlosigkeit von Ideen zeigt sich die Diskrepanz des moralphilosophischen und des anthropologischen Denkens, von einem, wie Blumenberg es auslegt, „menschenfreundlich gemachte(n) Begriff von Philosophie“. Damit haben wir ein Werkzeug in der Hand, eine Unterscheidung zwischen dem Homo naturalis und dem Homo intelligibilis vorzunehmen (vgl. dazu auch: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Suhrkamp-Tb stw 1456, 2000, 350 S.). Die Auseinandersetzung mit den vielfältigen historischen anthropologischen Denkprozessen, wie sie sich z.B. bei Herder, Plessner, Gehlen, Simmel u.a. wiederfinden, und im aktuellen kulturanthropologischen Diskurs deutlich werden (z.B. bei Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php), führen hin zu Blumenbergs Einordnung, Trost als eine anthropologische Kategorie zu bezeichnen: „Der Mensch ist trostbedürftig, weil er seinem eigentümlich konstituierten Bewusstsein nicht beliebig entfliehen kann, und er ist des Trostes und der Tröstung fähig, weil er eine distanzförmige Lebensform entwickelt hat“.

Diese Zuordnung freilich braucht die Kritik. Weil sich Trost verbal, rational und emotional ausdrückt. Dabei ist die Nachschau wichtig, welches Wirklichkeits- (und Wahrheits-)Verständnis dieser zugrunde liegt: Der antike der momentanen Evidenz, der mittelalterliche der garantierten Realität, oder der neuzeitliche des homogenen Kontextes, in dem Widerständigkeit zur Wirklichkeit, Realismus zur Metapher und Angst zur Keule wird. Es ist die Dialektik der Aufklärung, die Trösten in den verschiedenen Formen der Zuwendung wirksam werden lässt: „Dem Absolutismus der Wirklichkeit tritt der Absolutismus der Bilder und Wünsche entgegen“.

Die Vision, dass sich ein gutes, gelingendes Leben im „Sichbescheiden des Menschen mit dem Menschlichen“ vollziehen solle, kann sich in verschiedenen Modi ausdrücken: Humor als Trostmittel, Erinnerung als Vergegenwärtigung des Seins und nicht er-, sondern umfassende Nachdenklichkeit.

Fazit

Die Aufforderung zur Vervollständigung des Anfangssatzes: „Trost ist…“ bringt vielfältige, rationale, emotionale, fachspezifische und allgemeine, alltägliche Antworten zutage. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit philosophischen und anthropologischen Begriffen, insbesondere wenn es um die Wirkkräfte von Gefühlen und Affekten geht (vgl. dazu auch: August Nitschke, u.a., Hrsg., Überraschendes Lachen, gefordertes Weinen. Gefühle und Prozesse, Kulturen und Epochen im Vergleich, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8331.php), erfordert einen großen Schwung. Und sie braucht Vorredner, wie sie Benjamin Dober bei seiner Studie „Ethik des Trostes“ vor allem bei Hans Blumenberg findet.

Die Forschungsarbeit bietet Philosophen und Anthropologen Einblicke in die verschiedenen Formen und Möglichkeiten der Selbst- und Weltdeutung am Beispiel der Metapher und der Maxime, Trost als humane Eigenschaft kritisch zu betrachten. Für Rosenberg-Finder bieten das Siglenverzeichnis der Schriften Rosenbergs und die Bibliographie vielfältige Weiterarbeit an.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.12.2019 zu: Benjamin Dober: Ethik des Trostes. Hans Blumenbergs Kritik des Unbegrifflichen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-194-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26178.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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