socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Schroeder, Michaela Schulze (Hrsg.): Wohlfahrtsstaat und Interessen­organisationen im Wandel

Cover Wolfgang Schroeder, Michaela Schulze (Hrsg.): Wohlfahrtsstaat und Interessenorganisationen im Wandel. Theoretische Einordnungen und empirische Befunde. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2019. 255 Seiten. ISBN 978-3-8487-3779-6. 54,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich mit Interessenorganisationen und Verbänden als Akteuren der Sozialpolitik. Dabei geht es insbesondere um die Frage, ob und inwiefern sich die Bedeutung der Interessenorganisationen im Wandel der Sozialpolitik verändert hat und neue Arrangements im Verhältnis von Interessenorganisationen und Politik wie öffentlicher (Sozial-)Verwaltung zu beobachten sind.

Herausgeber*innen

Als HerausgeberInnen zeichnen Wolfgang Schroeder und Michaela Schulze. Wolfgang Schroeder ist Professor mit dem Schwerpunkt Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel an der Universität Kassel und zugleich WZB-Fellow in der Abteilung „Demokratie und Demokratisierung“. Michaela Schulze ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Arbeitsmarktpolitik und arbeitsmarktpolitische Instrumente an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit am Campus Schwerin.

Die meisten der insgesamt 14 Autor*innen des Bandes waren am Graduiertenkolleg „Wohlfahrtsstaat und Interessenorganisationen“ der Universität Kassel beteiligt.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge des Sammelbandes sind wesentlich das Ergebnis eines von der Hans-Böckler-Stiftung zwischen Oktober 2013 und September 2016 geförderten Graduiertenkollegs „Wohlfahrtsstaat und Interessenorganisationen“ der Universität Kassel; geleitet von Wolfgang Schroeder und Rudolf Speth (S. 13 sowie www.uni-kassel.de).

Aufbau

In der Einleitung geben Wolfgang Schroeder und Michaela Schulze einen knappen Überblick über den Entstehungshintergrund des Werks und betonen seine akteurszentrierte Schwerpunktsetzung. Untersucht werden sozialpolitische Interessengruppen und Verbände sowie veränderte „Akteurkonstellationen, die durch den Übergang von industriellen zu dienstleistungsbasierten Sozialstrukturen, den demographischen Wandel und durch sich verändernde Geschlechterverhältnisse sowie institutionelle Wandlungsprozesse hervorgebracht werden“ (S. 7 f.). Welche Interessengruppen gewinnen, welche verlieren an Einfluss? Welche neuen Akteure treten auf den Plan und führt dies insgesamt zu „pluralistischen Interessenvermittlungsprozessen“ oder entstehen „neue korporatistische Arrangements“ (S. 7)?

Der Einleitung folgend gliedert sich der Band in zwei Teile:

„Im ersten Teil des Buches werden theoretische und empirische Perspektiven der Forschung aufgezeigt“ (S. 13 f.). Zu diesem Teil gehören die Beiträge von Frank Nullmeier, der die „Sozialstaatsentwicklung im vereinten Deutschland“ der Jahre 1990–2013 skizziert; der Beitrag von Tanja Klenk, die „Interessenorganisationen und Wohlfahrtsstaat aus politik- und verwaltungswissenschaftlicher Perspektive“ betrachtet; Felix Weltis Beitrag, der eine Forschungsskizze „Verbände und Sozialgerichtsbarkeit“ erstellt sowie der Beitrag von Katharina Benderoth und Sabine Ruß-Sattar mit „Überlegungen zur ‚Europäisierung‘ am Beispiel des Strategie-Wandels deutscher Wohlfahrtsverbände“.

„Im zweiten Teil des Bandes stehen die Ergebnisse des Graduiertenkollegs im Fokus“ (S. 14). Lena Büsewitz untersucht am Beispiel Hessen und Niedersachsen Interessenvertretung durch „Kommunale Spitzenverbände im Sozialstaat“; Imke Friedrich beleuchtet die „Bildungsinteressen von Kindern und Jugendlichen aus Zuwanderer-familien (sic!)“; Sascha Kristin Futh beschäftigt sich mit der „Handlungsmacht des DGB im deutschen Wohlfahrtsstaat“; Ulrike A. C. Müller frägt nach der Interessendurchsetzung mittels Recht über „Hartz IV-Proteste und SGB II Klagen“; Benedikt Schreiter sucht „Geringqualifizierte im Fokus der Interessengruppen“; Florian Steinmüller beschäftigt sich mit der „Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik in Deutschland und Frankreich im Kontext der Akteurskonstellationen“. „Abschließend beleuchten Wolfgang Schroeder und Christoph Strünck aktuelle Forschungsperspektiven“ (S. 16). Dabei steht die „IG Metall als sozialpolitischer Akteur“ vor dem Hintergrund sozialstaatlichen Wandels im Zentrum des Beitrags von Wolfang Schroeder und Christoph Strünck zeigt neue Perspektiven der Verbändeforschung im Spannungsfeld „Zwischen Verbandszweck und Mitgliedermotivation“ auf.

Inhalt

Anliegen des Bandes (sowie im zugrundeliegenden Graduiertenkollegs) ist es, einerseits die Bedeutung von Interessengruppen und Verbänden mit Blick auf den Wandel des Sozialstaates zu untersuchen und andererseits eben die Auswirkungen dieses Wandels auf die Akteure und Akteurskonstellationen zu erhellen. Den Wandel des Sozialstaates wie der Sozialpolitik zeichnet Frank Nullmeier in einem äußerst informativen, einleitenden Beitrag nach. Vor diesem Hintergrund sind die folgenden Beiträge zur veränderten bzw. sich verändernden Rolle der Interessenorganisationen im Wohlfahrtsstaat zu lesen.

Gerade der Beitrag von Tanja Klenk betont die vielfältigen Funktionen der Interessenorganisationen für den Wohlfahrtsstaat sowie die Vielschichtigkeit der Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen Wohlfahrtstaat und Sozialverwaltung einerseits sowie Verbänden andererseits. „Verbände sind kurzgefasst, Multifunktionsorganisationen …: Sie vertreten Interessen gegenüber dem politischen System, sie sind Wertegemeinschaften, die für ihre Mitglieder eine sozialintegrative Funktion haben und sie erbringen zudem Dienstleistungen und erfüllen damit auch eine ökonomische Funktion“ (S. 41). Sie sind in allen Phasen des Politikzyklus – von der Problemformulierung, über das Agenda-Setting, die Politikformulierung und Implementierung bis zur Politikevaluation präsent, auch wenn ihre spezifischen Einflußmöglichkeiten je nach Phase und Problembereich erheblich schwanken. Der Versuch das Verhältnis von Staat/​Verwaltung und Interessengruppen im ebenso komplexen wie unübersichtlichen Feld der Sozialpolitik unter einen einheitlichen Interaktionstyp zu subsumieren kann kaum gelingen. Politik- und verwaltungswissenschaftliche Verbändeforschung diskutieren deshalb „Pluralismus, Korporatismus, administrative Interessenvermittlung und Lobbying“ als „unterschiedliche Interaktionsmodi zwischen Verbänden und staatlich-administrativen Einheiten“ (S. 42). Vor allem aber macht Tanja Klenk in ihrem Beitrag am Beispiel der Gesundheitspolitik deutlich, dass der Wohlfahrtstaat bzw. Sozialpolitik sich in eine Vielzahl von (Sub-)Politikfeldern bzw. unterschiedliche Verhandlungsarenen aufteilt. „In der Verbändeforschung hat sich vor diesem Hintergrund der Begriff des Mesokorporatismus herausgebildet, der die sektorenspezifischen Varianten der korporatistischen Steuerung beschreibt. In mesokorporatistischen Arrangements kooperieren politisch-administrative Instanzen, mit Akteuren die für das jeweilige Politikfeld spezifisch sind, etwa Ärzteorganisationen im Falle der Gesundheitspolitik oder mit Wohlfahrtsverbänden im Bereich der sozialen Dienste“ (S. 46). Insgesamt läßt sich für den Bereich der Gesundheitspolitik feststellen: „Die Entwicklung hin zur aktivierenden und wettbewerblich organisierten Sozialpolitik geht zwar erwartungsgemäß mit einer Ausdifferenzierung des Verbändespektrums und einer gestiegenen Bedeutung lobbyistischer Interessenvermittlung einher. Dies impliziert aber nicht notwendig eine klare Abkehr von korporatistischen Strukturen“. Vielmehr ist bislang eher von „einer zunehmenden Hybridisierung der Strukturen der Verbändebeteiligung im ehedem als korporatistisch klassifizierten deutschen Sozialstaat (auszugehen): pluralistische, korporatistische, administrative und lobbyistische Strukturen der Interessenvermittlung koexistieren nebeneinander“ (S. 57).

In den weiteren Beiträgen des Bandes wird eine Fülle unterschiedlicher Perspektiven auf die Interessenorganisation(en) im sich wandelnden Wohlfahrtsstaat geworfen, geraten unterschiedliche Ebene der Sozialpolitik in den Blick und werden „starke“ wie „schwache“ Interessenorganisationen näher beleuchtet. Am Beispiel der Wohlfahrtsverbände wird erörtert welche Bedeutung und Konsequenzen die europäische Integration für die Interessenorganisationen hat. Die kommunalen Spitzenverbände werden als wichtige Akteure der Sozialpolitik auf Länderebene identifiziert; die aufgrund fehlender Organisations- und Konfliktfähigkeit besondere Stellung schwacher Interessen in der heterogenen sozialpolitischen Akteurslandschaft erörtert und die Handlungsmacht der Gewerkschaften am Beispiel zentraler Kampagnen des DGB („Samstag gehört Papi mir“ (1956); „35-Stunden-Woche“ (1977) und „Mindestlohn“-Kampagne (2007)) untersucht. Besonders hervorzuheben ist, dass mit den Beiträgen von Felix Welti und Ulrike Müller die Rolle der Sozialgerichtsbarkeit und damit die zunehmende Bedeutung von Interessenvermittlung mittels Klage und Rechtsdurchsetzung (gerade auch im Bereich schwacher Interessen) betont und in den offenen Forschungsfragen skizziert wird.

Fazit

Der vorliegende Sammelband bietet einen hervorragenden Einstieg zu zentralen Themen und Forschungsfragen zum Wandel der Interessenorganisation und Interessenvermittlung im sich wandelnden (deutschen) Wohlfahrtsstaat. Allerdings muss der Versuch Interessenorganisation und Akteurskonstellationen in der Sozialpolitik insgesamt zu fassen, bei aller Vielfalt der im Band behandelten Ansätze und Perspektiven, notwendig kursorisch und unabgeschlossen bleiben. Zu unterschiedlich sind die Sub-Arenen der Arbeitsmarkt-, Familien-, Renten- und Gesundheits- oder Pflegepolitik. Ganz zu schweigen vom Bereich der Fürsorgepolitik (Sozialarbeitspolitik), dem „Bereich der sozialen Dienstleistungen, in dem sich keine Verbände mit Interessenvertretungsmonopol gebildet haben und Interessen allenfalls advokatorisch vertreten wurden“ (Klenk: S. 58). Wichtig scheinen deshalb einerseits Forschungen, welche die spezifischen Akteurskonstellationen und Governancestrukturen in unterschiedlichen, inhaltlich abzugrenzenden Sektoren der Sozialpolitik analysieren. Andererseits wäre es „an der Zeit, den teilweise zu abstrakten und zu weit greifenden Lobbyismus- und Verhandlungsanalysen wieder systematische Verbands-Studien oder Verbandssektor-Studien an die Seite zu stellen“ (Strünck: S. 250).


Rezension von
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Günter Rieger anzeigen.


Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 19.02.2020 zu: Wolfgang Schroeder, Michaela Schulze (Hrsg.): Wohlfahrtsstaat und Interessenorganisationen im Wandel. Theoretische Einordnungen und empirische Befunde. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2019. ISBN 978-3-8487-3779-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26180.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung