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Florian Butollo, Sabine Nuss (Hrsg.): Marx und die Roboter

Cover Florian Butollo, Sabine Nuss (Hrsg.): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2019. 350 Seiten. ISBN 978-3-320-02362-1. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Reihe: Analysen.
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Thema

Mit der Digitalisierung bis hin zur Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI), speziell mit dem Einsatz von Robotern, hat sich die Arbeitswelt verändert, und sie wird sich weiter verändern. Dabei stellen sich folgende Fragen:

  1. Wie stark sind die Freisetzungseffekte? Droht also höhere Erwerbslosigkeit?
  2. Verlangt die Automatisierung in dieser Form höher qualifizierte Arbeitskräfte, oder führt sie zur Dequalifizierung? Oder stimmt beides?
  3. Bringt sie eine Mehrbelastung für die Arbeitenden mit sich? Oder entlastet sie?

Diese Fragen lassen sich nach Ansicht der Autor*innen nicht beantworten, ohne die Produktionsverhältnisse zu beachten.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Sabine Nuss ist Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags und Kolumnistin des OXI Blogs.

Florian Butollo ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und leitet dort eine für das Thema einschlägige Forschungsgruppe.

Fast alle Autor*innen kommen von deutschsprachigen wissenschaftlichen Einrichtungen, drei aus Großbritannien. Eine ist Referentin der Gewerkschaft ver.di. Auch die Veteranin des Forschungszweigs, Frigga Haug, steuert einen Beitrag über das Projekt Automation und Qualifikation aus den 1970er und 80er Jahren bei.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber*innen haben die Beiträge auf vier Kapitel aufgeteilt:

  1. Produktivkraft zwischen Revolution und Kontinuität
  2. Roboter in der Fabrik – Vision und Wirklichkeit
  3. Digitale Arbeit und vernetzte Produktion
  4. Plattformkapitalismus auf dem Prüfstand

Alle Autor*innen beziehen sich mehr oder weniger stark auf Marx und interpretieren die Transformationsprozesse mit marxistischen Kategorien. Daher ist für sie das Bemühen leitend, die Produktivkraftentwicklung und die Produktionsverhältnisse zusammen zu denken.

Judy Wajcman (London) nimmt bereits vor Kapitel I in ihrer kritischen Besprechung von neueren Publikationen den populären Technikdeterminismus aufs Korn, der das Motiv der Entwicklung, „die Jagd nach Profit“ ausklammere (31). Dieses Motiv bestimmt nach Dorothea Schmidt die Unternehmensstrategien und ist nicht immer innovationsfördernd (73). Auch die Produktionsorganisation steht unter jenem Vorbehalt, sodass die Möglichkeiten der Computerisierung nicht voll ausgeschöpft werden, was „Kompromisse in der Arbeitsorganisation“ mit ihren Widersprüchen erkläre (Nadine Müller, 216).

Dass auch bei der Frage nach Freisetzungseffekten durch technische Innovationen die vom Kapitalverhältnis bestimmten wirtschaftlichen Interessen mitzudenken sind, zeigt Sabine Pfeiffer, die speziell den Einsatz von (Leicht-)Robotern untersucht hat. Der Einsatz sei nicht nur nach Branchen unterschiedlich, sondern bisher insgesamt hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und das aus mehreren Gründen (150, 173). So wenig also schon bald massenhafte Erwerbslosigkeit zu erwarten ist, so wenig ist andererseits auf eine Re-Nationalisierung der Wertschöpfungsketten zu hoffen, solange die Produktion in Niedriglohnländern gewinnbringender ist (Florian Butollo, 202).

Auch die Frage Dequalifizierung oder Höherqualifizierung lässt sich im Rahmen des Systems nicht eindeutig beantworten. Rückblicke auf frühere Automationsschübe zeigen nur, dass Umbrüche nie abrupt erfolgen und meist neue Qualifikationsprofile mit sich bringen (Karsten Uhl, 87). Immer von neuem werde diskutiert, ob den Arbeitenden mehr Kontrolle über den Produktionsprozess zuwächst oder mehr Kontrollverlust droht (Christian Meyer, 127). Der gegenwärtigen Polarisierung der Qualifikationsprofile (Butollo, 208 f.) steht die Beobachtung von Nadine Müller gegenüber, dass geistige, kreative Arbeit bedeutsamer, ja dominant wird (219, 222). Die Folge: „Hierarchisches Management wird ineffizient“ (227).

Nadine Müller widmet sich auch der Frage, ob Digitalisierung mit einer Entlastung oder mit Mehrbelastung für die Beschäftigten verbunden ist. Die Antwort: Die Methoden der „Ergebnissteuerung“, mit denen das Management die Kontrolle zu sichern bestrebt ist, brächten eher eine Mehrbelastung mit sich (228).

Den Einsatz von Drohnen und Robotern und die Entwicklung synthetischer Nahrungsmittel in der Landwirtschaft samt den ökologischen und sozialen Folgen behandelt der Beitrag von Franza Drechsel und Kristina Dietz. Unter anderem warnen sie vor weiterer Monopolbildung durch Wissensmonopole, eine generelle Bedrohung, wie der Verweis auf Software-Patente an anderer Stelle (233) zeigt.

Diskussion

Hier konnten nur exemplarische Einblicke in den facettenreichen Band gegeben werden. Der von den Autor*innen im Anschluss an Marx gewählte Beobachterstandpunkt führt zu aufschlussreichen Deutungen und Bewertungen der industriellen Entwicklung, die populäre Auffassungen in Frage stellen. Nirgends wird ein Bedrohungsszenario entwickelt, am ehesten noch beim Thema Landwirtschaft. Vielmehr werden Widersprüche aufgezeigt, die auch Ansätze für emanzipatorisches Handeln liefern. Man findet keine orthodoxe Marxlektüre, keinen Ableitungsmarxismus. Nur finden die Autor*innen bei Marx historische und empirische Studien oder praktische Erfahrungen aus der Gewerkschaftsarbeit bestätigt. Die Zusammenhänge zwischen den Beschäftigungsverhältnissen, nicht nur in der Industrie, und den Widersprüchen in der Anwendung von Technologie werden plausibel gemacht.

Fazit

Nicht nur für Industriesoziologen und für gewerkschaftlich Aktive eine unerlässliche Lektüre, auch für in Sozialdiensten oder in der Berufsbildung Tätige aufschlussreich, um aktuelle und zukünftige soziale Verwerfungen im digitalen Zeitalter abzuwägen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 21.10.2019 zu: Florian Butollo, Sabine Nuss (Hrsg.): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-320-02362-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26189.php, Datum des Zugriffs 11.11.2019.


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