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Hans Blumenberg: Die nackte Wahrheit

Cover Hans Blumenberg: Die nackte Wahrheit. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 199 Seiten. ISBN 978-3-518-29881-7. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.

Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2281.
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Thema

„Denn da für Blumenberg Wahrheit nicht etwas Absolutes ist, sondern ein pragmatisches Mittel, um in den Wirklichkeiten, in denen wir leben, zu bestehen“, sei es, so Rüdiger Zill im Nachwort, „nur konsequent, diese zu pragmatischen Zwecken rhetorisch gekleidete Wahrheit und ihren Gegen­pol, die nackte Wahrheit, vor allem auch in ihrer metaphorischen Dimension zu untersuchen“ (S. 191 f.). Damit programmatisch zusammengefasst ist jenes Vorhaben einer „Metaphorologie“, das die Wahrheitsmetaphorik zum Ausgangspunkt einer historischen Kritik ihrer Rhetorik nimmt, um abzustellen auf den Prozess der „Erträglichmachung der nackten Wahrheit“ (S. 42).

Thematisch zielt Blumenberg auf „das metaphorische Grundverhältnis von Nacktheit und Ver­hüll­ung“ (S. 93), analytisch konkretisiert anhand der „metaphorische[n] Grundannahme der Ein­klei­dung, Verhüllung und Ver­klei­dung“, die in ihrer Ausdrucksform immer schon verweist auf ihre mög­­liche Aufhebung durch „Entblößung, Unverstellung, Aufrichtigkeit“, so den Blick frei macht auf Wahrheit selbst. Jene Metapher von der „nackten Wahrheit“ sei „dann immer das Negat dessen, was sie zuvor entzogen und verhindert hatte“ (S. 9).

Aufbau und Inhalt

Die hier vom Suhrkampverlag publizierte Edition stammt aus dem Nachlass Blumenbergs. Da der Auf­bau des überlieferten Typoskripts nicht eindeutig einem bewussten Kompositionsprinzip zu­ge­ord­net werden kann, lässt sich die eigentliche Dar­stell­ungslogik der Argumentation nicht ab­schlie­ßend visieren (vgl. S. 192). Insgesamt besteht die Textfassung aus quantitativ unterschiedlich ge­wich­teten Sujets, in denen Blumenberg ausgewählte Autoren der philosophischen und li­­te­ra­ri­schen Geistesgeschichte auf das Metaphernfeld der Nacktheit und Verkleidung hin durch­mus­tert, da­mit in das Projekt der Metaphorologie integriert. Ein Großteil der Texte entwickelt seine Ge­dankengänge entlang des unmittelbaren oder erweiterten Umkreises der Aufklärung, weshalb die nachfolgende Vorstellung des Inhalts darauf ihren Schwerpunkt legt.

Der Band beginnt mit dem Aufklärer Nietzsche (vgl. S. 10), dessen Aussagen „über die entblößte, ihres Schmucks beraubte Wahrheit“ sich auf einen Tenor reduzieren ließen, „der schon die Er­war­tun­gen des Jahrhunderts der Aufklärung auf die bloße Wahrheit als Zweifel oder als Selbst­be­wußt­sein der Stärke begleitet hatte: den Begriff der Erträglichkeit“ (S. 13). Die Frage, inwieweit sich Wahr­heit ertragen und aushalten lässt, werde in der Kulturtheorie Nietzsches vor allem ästhetisch auf­gefasst: was die „Häßlichkeit der Wahrheit“ an Unzumutbarkeiten bereithält, das flieht der Mensch „zugunsten des Genießbaren“, wodurch Kunst ihre Berechtigung erhält. Künstlerisches Schaf­fen diene der Philosophie als Beweis dafür, „wie man mit dem Befund der Häßlichkeit der Wahr­heit fertig werde“ (S. 14). Allerdings, so Blumenberg, konstituiert sich damit eine Ver­selbst­än­digung der Kunst, Kunst als Etikett, das sich „zur Gegenoption der Wahrheit hypo­sta­siert“ (ebd.). Mit diesem Perspektivwechsel, der die Aufmerksamkeit auf das Gesamtkunstwerk legt, werde die eigentliche Wahrheit „übersehen“ (S. 15). Letztere, selbst nun „nackt“, brauche „trotz ihrer Häß­lich­­keit nicht mehr zugedeckt zu werden (.)“ (S. 14 f.). Hinter dieser Logik der „Selbsterhaltung“ (S. 12) scheint auf Kultur als „Schutzvorrichtung des Menschen vor sich selbst“, die selber wiederum schutzbedürftig sei (S. 15 f.). Trotz aller „Sublimierung“ (S. 15): sichtbar und damit problematisch bleibt die nackte Wahrheit insofern, als sie den Menschen immerwährend zu ihrer Bekleidung her­aus­­for­dert. Anthropologisch und mit Nietzsche gewendet: der Mensch ist nicht fähig, sich selbst als das anzusehen, was er ist: ein domestiziertes Tier, das der „Moral-Verkleidung“ bedarf, womit nach Blu­menberg Moral zum „Aufputz des Mängelwesens“ (Gehlen) (S. 27 f.) avanciert.

Klar sei, dass „der Metapher von der Enthüllung der Wahrheit die andere von ihrer Verhüllung ent­sprech­en müsse“, womit die metaphorologische Analyse sich auch auf die Freudsche Theorie ap­pli­zieren lässt. Diese, so Blumenberg, ließe sich als das Verfahren bestimmen, „es mit den durch­trie­bensten Mechanismen der Verhüllung des Eigenen vor dem Selbst – und daraufhin ganz selbst­ver­­ständlich auch vor allen anderen – mit adäquater Kunstfertigkeit der Enthüllung auf­zu­neh­men“ (S. 34). Im Rahmen der Traumdeutung wird die Dechiffrierung des Un­be­wussten thematisch ein­schlä­gig gefasst als „Namensbedürftigkeit des Unheimlich-Unbekannten“, eine „Beschreibung der Un­­erträglichkeit des Unbenannten“ (S. 37). Gerade die Art und Weise, wie der manifeste Traum­in­halt zustande käme, sei „immer noch das Modell für die große Rhetorik, mit der sich die ‚Wahr­heit’ des Psychischen sowohl präsentiert wie entzieht“ (S. 38). Während dieser die nackte Wahrheit birgt, die sich dem pfiffigen Analytiker offenbart, entzieht sich seine eigentliche Substanz dem Zensor, um diesen zu passieren (vgl. S. 45). Das Unbewusste unterlaufe mit Hilfe der Entstellung eine Sperre (vgl. S. 38), ausschließlich die verkleidete Seite der Wahrheit wird zur Ein­tritts­be­din­gung in die spätere Erinnerung an den vergangenen Traum. Damit sei der Traum „der Narr, der die Wahrheit sagt, ohne daß sie als diese erkannt wird – bis die Traumdeutung eingreift“ (S. 45). Die Metapher von der Traumverkleidung, ihr Verhüllungs- und Verkleidungsmechanismus sei schließ­lich eine List, „durch die die Wahrheit dorthin transportiert werden soll, wo sie jenseits der Zensur ent­hüllt, trotz der Verkleidung und Narrenkappe endlich erkannt werden kann“ (S. 46). Was Blu­men­berg hier als „verborgene Teleologie“ erkennt, zeugt letztlich bloß von „methodische[r] List des Analytikers“ (ebd.).

Nicht nur die Spätaufklärung, deren langer Schatten auf Freud und Nietzsche fällt, auch innerhalb der Frühaufklärung zeigen sich Spuren jener Nacktheit des Menschen, die, so Blumenberg mit Be­zug auf Pascal, niemals seine ganze Wahrheit zeige. Vielmehr sei seine Wahrheit, „daß er ohne den verhüllenden Schein einer allen Anspruch aufs Wesentliche abwehrenden Verkleidung zu­grun­de geht“ (S. 63). Für Pascal selbst bedeute die „Nacktheit des Menschen (.) die nach dem Sündenfall entdeckte Verlegenheit und jede daraufhin fällig gewordene Art der Bekleidung“ – beides sowohl „Ausdruck“ wie „Notwendigkeit als für deren Beliebigkeit“ (S. 62). Insofern sich der Mensch nicht so geben könne, wie er sei, werde „jede Form, in der er sich gibt, als solche (.) austauschbar“, somit jede „faktische Kleidung (.) sekundär gegenüber der Funktion“ (ebd.). Allgemein geht es bei Pascal also um die Scheinhaftigkeit, die zwar nicht das „Wesen der menschlichen Natur, wohl aber die Antwort des Menschen auf seine Weltlage“ darstellt (S. 65). Konkret meint dies bspw. den Wahr­heits­schein der „Mehrheit“, die nicht recht bekomme, sondern es schon immer habe, da sie Macht be­sitze. Zwar ließe nichts darauf schließen, „daß sich auch die Vernunft in der Mehrheit ma­ni­fes­tiert“; aber „sie tut es mittelbar, weil es unvernünftig wäre, der Macht nicht recht zu geben“ (S. 67). Eben mit jener „Apologie der Meinung“ münde „Pascals Denken in eine umfassendere Ver­tei­di­gung der Äußerlichkeit, der Oberfläche des Scheins an der Erscheinung“ (ebd.).

Auch die Intention der Aufklärungsautoren selbst, ihr radikales Drängen auf die „nackte Wahrheit“ konzediert der Metaphorik von Ver- und Enthüllung. Gerade auch in der moralischen Rück­sichts­lo­sig­keit der Wahr­­heitsfindung „steckt die Voraussetzung einer Umkehrung, die für den der Ver­nünf­ti­gung vor­her­gehenden Zustand zwischen Einkleidung und Verkleidung nicht zu unterscheiden ge­stattet. Wenn die Wahrheit“, so Blumenberg weiter, „nur nackt ihr Recht hat, ist jede Bekleidung ei­ne Ver­klei­dung und eo ipso im Unrecht“ (S. 71). Derjenige, der die Wahrheit sucht und öffentlich macht, konstituiert eine „Identität von Wahrheit und Unmittelbarkeit“, womit „nicht nur das Wahre nackt, sondern auch schließlich das Nackte wahr“ werde (ebd.). Zwar bewirke, mit Blick auf Fon­ta­nelle, derlei Kritik „Toleranz“ gegenüber dem Wahrheitsgeschehen; zugleich aber auch eine „In­do­lenz“ (S. 75). Indem sich der Aufklärer in den Dienst der Wahrheit stellt, wird er im Sinne des „methodischen Ideals der Objektivität“ infiziert „mit dem Bewußtsein der Gleichgültigkeit der Person“, womit sich letztere einfügt in die „rücksichtslose Funktionalisierung“ (S. 103). Diese In­dif­ferenz ist ferner anschlussfähig an eine „vermutete Bedürfnislosigkeit“ vor­zi­vil­i­sa­to­ri­scher Sub­jek­te, die Blumenberg anhand der Rousseauschen Sozialphilosophie festmacht (S. 86). Die Nack­t­heit des Menschen, symbolisiert durch „Frieden und Zufriedenheit“ im Naturzustand, ent­blößt sich nicht durch die „Überfülle der Natur, sondern durch die Unbedürftigkeit des an ihr sich er­­haltenen Men­schen (.)“ (S. 87). Insofern das zivilisierte Subjekt der „Unbedürftigkeit“ abhold ist, falle Rou­s­seau noch in die „alte Theodizee“, wenn eben „nicht die Natur, sondern die Menschen selbst (.) Schuld an ihrer Lage“ seien (ebd.).

Auf der analytischen Ebene des Denkens hingegen sei die Metapher einerseits „Reizmittel“, um Bruchstellen in der „Konsistenz des Gedankens“ zu kitten. Andererseits „Beruhigungsmittel“, das „das Versagen des Begriffs verdeckt oder seinem Mangel abhilft“ (S. 127). Gerade letzteres gelte für die Philosophie Kants, die ihre „Maßnahmen zur Eindämmung der Vernunft“ mit meta­pho­ri­schen Beruhigungsmitteln versetze, „um nicht nur dem Erschrecken der durch ver­meintliche Ver­nunft­leistungen des metaphysischen 18. Jahrhunderts verwöhnten Zeitgenossen Dämpfung zu ver­schaf­fen, sondern auch um bestimmte Pflichtleistungen der Philosophie überhaupt noch möglich zu machen, die auch Kant mit moderierter Vernunft jedenfalls aufrechterhalten wollte“ (ebd.). Wo­rü­ber Kant primär aufklärt, ist eine Vernunft, die im öffentlichen Bewusstsein „Leis­tungs­min­de­run­gen“ zu verkraften hat, „Blöße“ offenbart, weshalb ihre Begriffe symbolbedürftig wer­den (vgl. S. 127 f.). Das „Ideal“ der „reinen praktischen Vernunft“ hätte ihren „Endzweck“ verfehlt, wenn inner­halb einer begrifflichen Leerstelle das Symbol durch das „Idol“ besetzt würde. Dahingehend, und da­rauf ziele der Begriff der Aufklärung bei Kant eben auch, besetze das Symbol „seiner Funktion nach eine Stelle, die das Ideal geschichtlich nicht oder noch nicht einnehmen könnte, um sie nicht dem Idol zu überlassen“, eine Art „Platzhalterfunktion“, die nach Blumenberg bei Kant zu wenig beachtet worden sei (vgl. S. 129). Die Vernunft bedürfe also der „Vehikel und Hüllen“, womit jene Me­taphorik der nackten Wahrheit „die Metapher für die Problematik des Bedarfs und Gebrauchs von Metaphern selbst in der Philosophie“ sei (S. 133), was Blumenberg entlang Kants Anthro­po­lo­gie sowie Po­lemik gegen eine im Buch von J. G. Schlosser verhandelte „Spielart von Platonismus“ (vgl. S. 130 f.) auseinandersetzt.

Die Frage, wie durchsichtig oder undurchsichtig Wahrheit eingekleidet sein dürfe, um überhaupt vom Bewusstsein wahrgenommen zu werden, konvergiert mit dem Dilemma des Aufklärers, „wie­viel Hülle man der Wahrheit lassen muß, soll nicht alles an menschlicher Ordnung zusammen­stür­zen, da doch diese Ordnung (.) auf dem Schein und nicht auf der Wahrheit beruht“ (S. 149). Vo­lta­i­re aufgreifend, könne es darum keine unmittelbar-öffentliche „Vorführung der nackten Wahr­heit“ geben, sondern der Aufklärer müsse sich vielmehr, und zwar post festum, „der Fähigkeit sei­nes Konfidenten versichern, eine Prozedur zu ertragen, aus der die Bedenklichkeit seiner eigenen Stel­lung hervorgehen könnte“ (ebd.). Dieser „Kunstgriff“ als reflexive „Erwägung über die Re­zep­tions­fähigkeit des Adressaten“ verweist nach Blumenberg auf einen genuin rhetorischen Akt, wo­mit das Wahr­heitsangebot des Aufklärers unwiderstehlich werde: „Sein Adressat ist justiert als ge­nau der­je­nige, der die Höchstdosis verkraften konnte, die Wahrheit ganz enthüllt zugeführt zu be­kom­­men“ (S. 150).

Der Band schließt mit Lichtenberg, der jedoch der große Aufklärer nicht hätte sein können, „weil die Masse des Materials seiner Gedanken erst für die späte Nachwelt erschlossen wurde, für die“, und hier bezieht sich Blumenberg wohl vor allem auf die Sudelbücher, „es mehr auf den in­te­llek­tu­el­len Witz als auf die Erhellung fortbestehender Finsternisse ankam“ (S. 163). Sein Werk selbst sei ohnehin von einem eher „gedämpften Wahrheitsoptimismus“ durchzogen und hege entsprechend „kei­ne eindeutige Erwartung auf die Entkleidung der Wahrheit von ihren schönen poetischen und rhetorischen Gewändern“ (ebd.). Im Sinne seiner Metaphorologie entdeckt Blumenberg ein Pa­ra­dox Lichtenbergs dort, wo die Nacktheit nicht der Natürlichkeit der Wahrheit entspricht: Die Wahr­heit ertrage es nicht, „nackt zu gehen, weil sie dabei allzu rasch erkaltet und ihre Wirkung abnutzt“ (S. 164). Diese Analyse weist Lichtenberg als Vorläufer philosophischer Sprachkritik aus, denn ent­­schei­dend sei hier die Beobachtung, „daß die Kritik an der einen Einkleidung des Phänomens noch nicht die Gewähr dafür gibt, nicht eine andere Einkleidung an deren Stelle zu setzen, weil es of­­fen­kundig die größten Schwierigkeiten bereitet, das Phänomen nackt vorzuweisen und dennoch da­­rü­ber zu sprechen“ (S. 172).

Diskussion

Im Rahmen einer Gedenkstunde zu Ehren des verstorbenen Blumenberg in Lübeck im August 1996 hält Odo Marquard einen Vortrag. Darin fasst er den Grundgedanken der Philosophie Blu­men­bergs als einen „Gedanken der Entlastung vom Absoluten“. Die Menschen hielten das Ab­so­lu­te nicht aus, da­rum müssten sie in verschiedenster Form Abstand zu ihm gewinnen. Das „Le­bens­pen­sum der Men­schen“ sei „die Entlastung vom Absoluten, die Kultur als Arbeit an der Distanz“. Während Mar­quard an anderer Stelle diesen Befund geschichtsphilosophisch weiterdeutet, münden lässt in ein „dubioses Fundamentalarrangement des scheinbar geschichtsmündig gewordenen Menschen“, das letztlich hinausläuft auf „die Kunst, es nicht gewesen zu sein“, bleibt bei Blumenberg die ab­so­lu­te Wahrheit durch ihre „besondere Vermittlungsbedürftigkeit“ (S. 59) abhängig von „den anthro­po­lo­gi­schen Bedingungen (.), unter denen sich Nacktheit konstituiert“ (S. 103). Angeschlagen sind damit nicht etwa Töne einer Negativen Anthropologie (Sonnemann), eher schon ihre philosophische Antipode, auf deren Klaviatur der Mensch, selbst „noch nicht fähig zu letzter Härte“ (S. 15), ein­wil­ligt in jene prästabilierte Disharmonie, in der das cui bo­no? immer schon zu (Un-)Gunsten des Mängelwesens entschieden ist. Was dem Bewusstsein vor­­geordnet ist, ist nicht Objektivität, die als ge­­sell­schaft­li­che Totalität sich einsenkt in subjektive Er­fahrung, innerpsychisch sich als Ver­ding­li­chung re­pro­du­ziert. Vielmehr regrediert letztere auf Defizite, die Blumenberg dem In­di­vi­du­um als an­­thro­po­lo­gi­sche Konstante vorrechnet.

Derlei Konstante, die Metaphorik als Krücke zur Wahrheit notwendig macht, erinnert nicht zufällig an Plessner gerade dort, wo dieser in Analogie zur Metapher von geistigen Kräften spricht, die zu „Pro­­thesen“ geworden sind, während der Mensch selbst sich verwandelt in einen „Prothesen-Pro­teus“. Mit diesem „Kompensationsschema“ jedoch „wird das Verständnis für das Warum und das Wie der Kompensation eigentlich ausgeschlossen“. Dem würde Blu­men­berg vermutlich bei­pflich­ten, hier als Kritik ablauschen, was als konservativ zu bezeugen wäre, da die Kom­pensation zur Na­tur des Psychischen ontologisiert wird. Deutlich wird dies am Begriff der Wahrheit, die schein­di­a­lek­­­tisch mit der „Trostbedürftigkeit“ (S. 82) des Menschen verschwistert ist, als latente Er­kennt­nis­mög­­lichkeit immer schon in Reichweite liegt. Mit dieser Latenz schleift bewusstlos sich ein die „An­erkennung der Verbindlichkeit des Unergründlichen“, womit Wahrheit nicht enthüllt wird, son­dern, ihrem Absolutheitscharakter entsprechend, eher einer „Ur­sprungs­mäch­tigkeit“ zeiht, die Pless­ner noch der Geschichte zuschlug, hier aber dem ‚Wesen’ des Men­­schen auf­sitzt. Die Meta­pho­rik selbst platziert dann nur noch das Richtige im Falschen, womit Blumenbergs Philosophie mit dem unwahren Ganzen (Adorno) sich identifiziert.

Exemplarisch wird dies auch am polemischen Zungenschlag gegenüber Freud. Die Wirkungen sei­ner En­thüllungen würden sich verselbständigen, aber nicht nur ob­jektiv: „als Wiederholungen der ein­­mal angewendeten Methode auf immer neue und auch ver­bor­­genere Sachverhalte. Sie hy­po­sta­sie­­ren sich auch subjektiv: im wilden Bedürfnis der Epi­go­nen, den Meister und einander zu über­bie­­ten. Etwas“, so Blumenberg weiter, „was man nur als Ent­hül­lungs­­hysterie bezeichnen kann (.)“ (S. 47). Die­se Einlassungen, die den Begründer der Psychoanalyse zum teleologischen Übervater in­­thro­­­ni­sie­ren, sind nicht neu, haben bis heute Methode, und wurden u.a. von (post-)struk­tu­ra­lis­ti­scher Sei­te ganz ähnlich formuliert: Im „Anti-Ödipus“, wo der „analytische Im­­pe­ria­lis­mus des Ödi­pus­­­kom­plex­es“ ausgefaltet ist, wird die Kastration als ana­ly­sier­barer Zustand zur Wir­kung der Ka­s­tra­­tion als analytischer Akt. Deleuze und Guattari iden­ti­fi­zie­ren in der Me­tho­dik Freuds einen „Kraft­­­auf­wand des psychoanalytischen Theo­re­ti­kers, dank des­sen er sich zur Kon­­zep­tion eines ver­all­­ge­mei­nerten Ödipus aufschwingt“, womit die Psycho­ana­ly­se nicht an der Be­freiung mit­wirke, son­­dern Teil sei „jenes allgemeinen bürgerlichen Werkes der Re­­pression“. Nun soll man Freud zwar nicht ver­teidigen, wo er nicht zu verteidigen ist. Gerade und vor allem auch hinsichtlich seiner Ver­­pflich­tung auf naturwissenschaftliche Rationalität und ihrem po­si­ti­vis­ti­schen Charakter, ein Grund wohl, wa­rum Freud mit Bretons Flirt sich schwer tat, mit su­r­re­a­lis­ti­schen Anleihen nichts an­zufangen wusste. Mit der reaktionären Abfertigung Freuds aber, die ihm „methodische List“ (s.o.) un­ter­schiebt, resigniert Kritik an der Sache zur Kritik an der Person, wo­mit Theorie sich mit den ge­sell­schaft­lichen Verhältnissen synchronisiert. Diese Harmonisierung mit dem Bestehenden, als Kritik be­tucht, deckt die gesellschaftstheoretische Immanenz des Freud­schen Werkes zu. Schon 1952 in „Die revidierte Psychoanalyse“ hält Adorno trotz aller Einwände fest, die Größe von Freud be­stün­de darin, „daß er (.) Widersprüche unaufgelöst stehen läßt und es verschmäht, systematische Har­mo­nie zu prätendieren, wo die Sache selber in sich zerrissen ist. Er macht den antagonistischen Cha­rakter der gesellschaftlichen Realität offenbar (.). Die Unsicherheit des eigentlichen Zwecks der An­passung, die Unvernunft vernünftigen Handelns also, die die Psy­cho­analyse aufdeckt, spiegelt et­was von objektiver Unvernunft wider. Sie wird zur Anklage der Zi­vi­lisation“. An dieser Er­kennt­nis schei­tert auch Blumenbergs Me­ta­pho­rologie. Weil sie die Wahrheit an dem Aufwand misst, „den ihre Erlangung kostet“ (S. 38), wird das, was als gesellschaftliche Vermittlung dem Be­wusst­sein und Unbewussten korrespondiert, auf Psychologie zurechtgestutzt, die einem begriffslosen Ma­terialismus unterliegt.

Der Vorwurf, Wahrheit sei bei Freud an die „Prämie der Freiheit ge­kop­pelt“ (ebd.), gemahnt dabei an kurzgeschlossene Unmittelbarkeit nicht nur. Auffällig auch, dass Blumenberg zwar eine „his­to­ri­sche Kritik“ der metaphorischen Rhetorik in Anschlag bringt (s.o.), diese aber durch den Begriff der subjektiven Erträglichkeit wieder enthistorisiert. In diesem Sinne wird auch Nietzsche als „de­ku­­vrierende[r] Psychologe“ (S. 11) ausgelegt, dessen Methode fundamentiert in der „Kunst der Men­­­­schenkenntnis – deduktiv aus einem Vernunft­be­griff entwickelt (.): dem der Selbsterhaltung“ (S. 12). Letztere, „anscheinend dem Allgemeinen entgegengesetzt, gibt unterm Druck, bis in die Zellen der Verinnerlichung hinein, dem Allgemeinen nach (.)“ (Adorno). Das Subjekt, nun zur Mo­na­de kristallisiert, scheint zur bürgerlichen Selbsterhaltung verdammt, was ihren ob­jek­ti­­ven Kon­sti­tu­tionszusammenhang stillstellt. Zugleich wird die theoretisch bemühte „Ver­mitt­lungs­be­­dürftigkeit der Wahrheit“ (s. o) um das Subjekt historischer Erkenntnis entleert, die das Kon­ti­nu­um der Ge­schi­chte aufsprengen könnte (Benjamin). Dass sich der Mensch als geschichtsbedingend er­kennt, ist für Blumenberg bloß psychologischer Kniff, um, als „Schutzvorrichtung des Menschen vor sich selbst“ (s.o.), eben nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen (vgl. S. 14). Somit ter­mi­niert sub­jek­ti­ve „Trostbedürftigkeit“ in verhärteter, den materiellen Verhältnissen not­wen­dig vor­ge­ord­ne­­ter On­tologie.

Laut Wörterbuch der philosophischen Begriffe habe Giambattista Vico „in der metaphorischen Sprach­form eine (.) einfache ‚poetische Logik’ entdeckt: metaphorisches Sprechen ist dem my­thi­schen Bewußtsein eigentümlich“, das unfähig sei, „Universalien unabhängig von der sinnlichen An­­schauung zu bilden und sie daher durch mythische Personifikation oder Anthropomorphisierung zum Ausdruck bringt“. Diese Einlassung konfundiert in der Philosophie Blumenbergs insofern, als dass diese durch ihre metaphorologische Methode nicht heranreicht an das von der „Begriffs­spra­che abgetrennte Erfahrbare“ (Sonnemann). Begriff und Erfahrung bleiben unmittelbar verwandt, Me­ta­phorik wird zum losen Kitt zwischen beiden Seiten selbst dort noch, wo Sprache als „Symbol des Nicht-Mitteilbaren“ (Benjamin) sich artikuliert, in dieser Form auf gesellschaftlich vermittelte Ver­­drän­gungsprozesse im Unbewussten verweist. Die auch heute noch gesellschaftstheoretisch re­le­vante Frage, warum das Bewusstsein „seiner selber nicht als Erinnerung inne ist“ (Sonnemann), wird nicht bloß psychologistisch entsorgt über die Notwendigkeit der „Namensbedürftigkeit des Un­heimlich-Unbekannten“ (s.o.). Zugleich bleibt das Unbewusste sprachlich etikettierbar, um es an­­­schlussfähig zu halten an Strömungen einer Analytischen Philosophie, wovon nicht nur Blumen­bergs Zustimmung zu einer Sentenz Wittgensteins zeugt, die kundtut, „daß die Frage nach dem Sinn des Lebens be­­antwortet“ sei, „wenn sie nicht mehr gestellt“ werde (S. 83). Entsprechend sym­pto­ma­­tisch mün­det Blumenbergs philosophisches Projekt in die Aporie des letzten Satzes: Wer ständig über die Me­tapher hi­naus­denke, verliere, „was er hat, ohne zu bekommen, was er nicht haben kann“ (S. 176).

Fazit

In einem Brief an Löwenthal ventiliert Adorno den Gedanken, dass nicht Wahrheit in der Ge­schi­ch­te, sondern Geschichte in der Wahrheit steckt. Obwohl Blumenbergs Philosophie hier auf histo­ri­sche Kri­tik von Wahrheitsmetaphorik und ihrer Rhetorik zielt, verfehlt sie es, Geschichte „gegen den Strich“ zu bürsten (Benjamin). Ge­­sellschaftstheoretisch leer läuft das Projekt jener Me­ta­pho­ro­lo­gie auch darum, weil sie über den Schein sprachlicher Un­mittel­bar­keit gesell­schaft­lich fer­ti­ge Ka­te­go­rien anwendet, statt in einen wirk­lichen Prozess mit der Sache ein­zutreten, d.h. den gesell­schaft­­lich bedingten Ver­mitt­lungs­zu­sam­men­hang von Sprache und Meta­phorik zu erhellen. Dass das Ka­­pitel über Adorno mit wenigen Sätzen abgehandelt wird, auch optisch eine Leerstelle hin­ter­lässt, mag dem unabgeschlossenen Charakter des Nachlasses geschuldet sein. Immanent ver­weist es wohl auf ein Denken, dem es nicht glückt, den Widerspruch zwischen subjektivem Bedürfnis und An­­spruch auf objektive Wahrheit dialektisch zu bewältigen. Die von Rüdiger Zill geforderte in­ten­si­ve In­ter­pretationsarbeit am Nachlasstext wäre demnach nicht bloß von Blumenberg-Forschern zu leis­­ten, sondern entlang einer kritischen Gesellschaftstheorie zu for­mu­lieren, die, um geschichtliche Er­­­kenntnis ringend, den Vorwurf der Teleologie auf Blu­men­bergs Werk selbst hin zu untersuchen ver­­­steht.


Rezensent
Kevin-Rick Doß
FB Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Studiengang Sozialmanagement Hochschule Nordhausen
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Zitiervorschlag
Kevin-Rick Doß. Rezension vom 21.11.2019 zu: Hans Blumenberg: Die nackte Wahrheit. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-29881-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26199.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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