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Burkhard Müller, Susanne Schmidt u.a.: Wahrnehmen können. Jugendarbeit und informelle Bildung

Cover Burkhard Müller, Susanne Schmidt, Marc Schulz: Wahrnehmen können. Jugendarbeit und informelle Bildung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. 248 Seiten. ISBN 978-3-7841-1583-2. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 28,60 sFr.
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Kontext und Anliegen des Buches

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist seit einigen Jahren dabei, ihr Selbstverständnis als Bildungsort zu diskutieren und zu entwickeln. Diese Diskussion hat wichtige Impulse und eine hohe Bedeutung gewonnen, seit die PISA-Studie auf den Stellenwert informeller Bildung hingewiesen hat und mit der Einführung und dem Ausbau von Ganztagsschulen vielfältige Kooperationen zwischen Schule und Jugendarbeit entstanden sind.

Die überwiegende Mehrzahl fachlicher Diskussionsbeiträge zu diesem Themenkomplex ist allerdings entweder vorwiegend programmatischer und konzeptioneller Art oder diese dienen als retrospektive Projektberichte einer erfolgreichen Praxis vor allem legitimatorischen Zielen. Was Bildung im Feld Offener Kinder- und Jugendarbeit aber eigentlich bedeutet, welche Anlässe sich in ihrem Alltag ergeben und vor allem, wie die professionellen Akteure diese erkennen, konstruktiv aufgreifen und ausgestalten können, wird dagegen selten dargestellt.

Hierauf gibt das vorliegende Buch eine überzeugende Antwort. "Auftrag des diesem Buch zugrunde liegenden  und vom Niedersächsischen Landesjugendamt geförderten Projektes war vor allem, die Beiträge von Angeboten der Jugendarbeit in öffentlicher und freier Trägerschaft zur Unterstützung jener Selbstbildung von Kindern und Jugendlichen genauer beschreibbar und in ihrer Qualität als Unterstützungsleistungen für die Entwicklung von Lebenskompetenzen Jugendlicher evaluierbar zu machen."(7)

Die Autoren beschreiben dafür detailliert und anschaulich "Gelegenheitsstrukturen für informelle Bildungsprozesse" im Alltag der Jugendarbeit, die sie durch teilnehmende Bobachtung und Experteninterviews identifiziert haben. Sie wollen damit vor allem PraktikerInnen und Studierende auf das Potenzial für die Gestaltung von Bildungsprozessen aufmerksam machen, das in den vielfältigen Alltagssituationen der Jugendarbeit liegt.

Aufbau und Inhalt

Dazu erläutern die Autoren einleitend zunächst die Elemente, die Jugendarbeit zu einem Ort informeller Bildung machen und arbeiten die besonderen Strukturbedingungen dieses Feldes heraus, die für eine kompetente Gestaltung von Bildungsprozessen von Bedeutung sind. Sie kommen zu dem Schluss, "Édass sich das Erziehungsverhalten der Erwachsenen nicht primär an vorgegebenen Erziehungszielen und deren Umsetzung rechtfertigen soll, sondern eher an der genauen Beobachtung und Erforschung der spontanen Eigenaktivitäten von Kindern, den Bedingungen ihres Wohlbefindens und der Gegenstände ihres Interesses und aktiven Engagements, welche immer die sein mögen."(33)

Hierfür die Wahrnehmung zu sensibilisieren, zu strukturieren und Interpretationen der pädagogischen Wirklichkeit anzubieten dient der Hauptteil des Buches.

In einzelnen Kapiteln werden ausgehend von den Ergebnissen der Feldforschung der AutorInnen unterschiedliche Facetten der Jugendarbeit als Bildungsort thematisiert. So beschreiben sie Jugendarbeit

  • als Lern-Ort für differenzierte Beziehungsformen
  • als Erprobungsraum für eine geschlechtliche Identität
  • als Ort interkultureller Erfahrungen
  • als Aneignungsort für Kompetenzen
  • als Ort der Verantwortungsübernahme und Ehrenamtlichkeit
  • als Ort ästhetischer Selbstinszenierung

und skizzieren die "verpassten Gelegenheiten durch Nicht-Wahrnehmung, einseitige Wahrnehmung oder Über-Pädagogisierung".

Jedes dieser - teilweise noch thematisch ausdifferenzierten - Kapitel wird mit einer These eingeleitet, der sich eine detaillierte Schilderung einer konkreten Alltagssituation anschließt. Zu dieser Situation bieten die AutorInnen jeweils eine Interpretation an, die deren Stellenwert für informelle Bildungsprozesse diskutiert. In der abschließenden Generalisierung werden dann grundlegende Konsequenzen formuliert.

Auf diese Weise kann jedes Kapitel auch für sich stehen und als "Praxiswegweiser" für den eigenen pädagogischen Alltag dienen. Solche Generalisierungen ersetzen allerdings nicht die eigene Wahrnehmung der vorfindbaren Alltagssituationen. Um diese bewusst wahrnehmen und angemessen interpretieren zu lernen, wird dem Leser im Anhang eine hilfreiche und praktische "Tool-Box" angeboten, die Beobachtungsbögen und Checklisten für die eigene Reflexion enthält. Insgesamt eröffnet sich so die Praxis der Jugendarbeit als ein anregendes und vielschichtiges Feld für informelle Bildungsprozesse.

Abschließende Bewertung

Das vorliegende Buch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert und ein außerordentlich hilfreiches Instrument zur Reflexion der eigenen Praxis. Dies einmal, weil es sich der Instrumentalisierung der Jugendarbeit für formelle Bildung konsequent verweigert und stattdessen überzeugend und engagiert die Bedeutung der Jugendarbeit für informelle Bildungsprozesse heraus arbeitet. Die AutorInnen bieten damit eine paradigmatische Alternative zum herrschenden Mainstream der gegenwärtigen Bildungsdiskussion an. Dabei stärken sie die Jugendarbeit als Sozialisationsinstanz und ermutigen die dort tätigen professionellen Akteure zu einem selbstbewußteren Verständnis und einer offensiveren Präsentation ihrer Arbeit.

Zum anderen sensibilisieren sie diese in anschaulicher und überzeugender Weise für eine subjektorientierte Wahrnehmung und Interpretation des pädagogischen Alltags. Dies eröffnet nicht nur den Weg zu einer konstruktiven Gestaltung pädagogischer "Gelegenheiten" und Anlässe, sondern fördert in entscheidender Weise das Verständnis der professionellen Akteure für die Lebenswelt ihrer AdressatInnen. Eine solche Sensibilisierung dürfte in ihrer Bedeutung und Reichweite weit über die Wahrnehmung informeller Bildungsprozesse hinausgehen, weil sie hilft, ganz grundsätzlich überkommene Alltagsroutinen und Wahrnehmungsmuster aufzubrechen. Insofern ist das Buch auch ein wichtiger Beitrag zu einem neuen Verständnis von Jugendarbeit und ihrer professionellen Akteure.

Anmerkung der Redaktion: Zu diesem Buch liegt eine weitere Rezension vor.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 27.12.2005 zu: Burkhard Müller, Susanne Schmidt, Marc Schulz: Wahrnehmen können. Jugendarbeit und informelle Bildung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. ISBN 978-3-7841-1583-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2620.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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