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Jonna Blanck: Übergänge nach der Schule als »zweite Chance«?

Cover Jonna Blanck: Übergänge nach der Schule als »zweite Chance«? Ausbildungschancen von Schülerinnen und Schülern von Förderschulen »Lernen«. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-6143-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Bildungssoziologische Beiträge.
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Thema

Gegenstand dieses Buches sind die Übergänge von Jugendlichen aus den Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen in eine berufliche Qualifizierung in Deutschland.

Obwohl es formal keinen Schulabschluss für die Aufnahme einer Ausbildung braucht, zeigen bisherige Forschungen einen stark segmentierten Ausbildungsmarkt in Deutschland, bei dem Schüler*innen mit oder ohne Hauptschulabschluss kaum Chancen haben. Eine geringe Schulbildung wird zum entscheidenden Grund für Ausbildungslosigkeit (S. 11). Förderschüler*innen sind eine besonders benachteiligte Zielgruppe. Bisherige Praxiserfahrungen zeigen, dass ihnen deutlich seltener Übergänge in eine Ausbildung direkt nach der Schule gelingen. In betrieblichen Ausbildungen sind sie höchst selten zu finden. Häufig absolvieren sie nach der Schule zunächst berufsvorbereitende Maßnahmen. Die allgemeine Berufsberatung und die Reha-Berufsberatung für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf/​Behinderung der Agenturen für Arbeit spielen als Gatekeeper eine wichtige Rolle im Übergang Schule – Erwerbsleben.

Jonna Blanck untersucht in ihrer Forschungsarbeit quantitativ und qualitativ, ob und wie die Übergänge für diese Zielgruppe gelingen und wie deren Ausbildungschancen erklärt werden können. Sie überprüft dabei sowohl individuelle Faktoren als auch die Bedeutung des Förderschulbesuches sowie den Einfluss der Berufs- und Rehaberatung der Agenturen für Arbeit auf den Verlauf der Übergänge (vgl. Klappentext).

Autorin und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. Jonna Blanck ist seit Anfang 2020 Juniorprofessorin für Transitionsprozesse im Bildungssystem unter Berücksichtigung von Beeinträchtigungen und Behinderungen am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Sie studierte Kultur- und Sozialwissenschaften in Frankfurt/Oder und Berlin und promovierte 2018 im Fach Soziologie in Berlin. Jonna Blanck arbeitete u.a. im Nationalen Bildungspanel (NEPS) und war zudem langjährige Koordinatorin des „Kollegs für interdisziplinäre Bildungsforschung – Eine gemeinsame Initiative des BMBF, der Jacobs Foundation und der Leibniz Gemeinschaft“, beides am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (wzb).

Die vorliegende Veröffentlichung fertigte Jonna Blanck als Dissertation an und im Rahmen ihrer Stelle des o. g. „Kollegs für interdisziplinäre Bildungsforschung“. Durch ihre Arbeiten hatte Jonna Blanck Zugang zum Datenmaterial des NEPS, das eine Längsschnittdaten zu Bildungsprozessen im Lebensverlauf in mehreren Wellen erhebt. Erstmals wurden auch Förderschüler*innen mit dem Schwerpunkt Lernen systematisch einbezogen. So konnte Jonna Blanck die Übergangsdaten von Förder- und Hauptschüler*innen aus der Startkohorte 4 vergleichend analysieren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel, denen eine Danksagung an die Beteiligten der Untersuchung und an die Unterstützer*innen des Promotionsprozesses vorangestellt ist.

In der Einleitung (S. 11–23) gibt Jonna Blanck einen Überblick zum Themenfeld und zu ihrem Forschungsvorhaben: Übergänge nach der Schule von im Bildungssystem benachteiligten Jugendlichen und wie diese Übergänge zur „zweiten Chance auf Teilhabe“ werden können (S. 11). Die Autorin stellt fest, dass es nur sehr wenige Erkenntnisse und fundierte Daten dazu gibt, wie die Chancen und konkreten Übergänge nach der Schule von Absolvent*innen der Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen aussehen und erklärt werden können (vgl. auch Kapitel 4 zum Forschungsstand). Deshalb richtet sie ihren Forschungsfokus auf diese Zielgruppe.

Jonna Blanck betrachtet die Übergänge als Ergebnis eines engen Zusammenspiels von drei Faktoren, die über den Zeitpunkt und den Verlauf entscheiden und die wichtige Analysekriterien in ihrer Forschungsarbeit darstellen:

  • Strukturen (inklusive der Steuerungs- und Selektionsprozesse von Gatekeepern),
  • Ressourcen (Mittel der Akteure für Handlungen oder Zielerreichung) und
  • Agency (Fähigkeit von Individuen, Entscheidungen zu treffen und soziale Beziehungen selbstständig zu gestalten) (S. 12 f.).

Die unterschiedlichen Übergänge sind somit „das Ergebnis einer Kumulation von Chancen oder Benachteiligungen“ und bedeutsam für die „Untersuchung von Prozessen sozialer Ungleichheiten und ihrer Verstetigung im Lebensverlauf“ (S. 13).

Jonna Blanck leitet aus den ermittelten Forschungslücken ihr Forschungsvorhaben ab. Sie plant drei empirische Teilstudien, um ihr Thema von mehreren Perspektiven aus zu beleuchten. Sie untersucht, wie die Übergänge nach der Schule für Förderschüler*innen konkret aussehen und welche Faktoren diese beeinflussen. Zudem klärt sie, ob die geringeren Ausbildungschancen auf den Förderschulbesuch zurückzuführen sind und welche Rolle die Berufsberatung der Agentur für Arbeit dabei spielt oder spielen könnte.

Die Kapitel 2 bis 6 sind inhaltliche Vorarbeiten für die drei empirischen Teilstudien. Wichtige Begriffe, Informationen und Erklärungsansätze werden eingebettet in den aktuellen Forschungsstand erläutert.

Im Kapitel 2 (S. 24–31) befasst sich Jonna Blanck mit den Anschlussmöglichkeiten, die für Förderschüler*innen formal nach dem Verlasen der Schule bestehen und welche Verwertungschancen die jeweiligen Wege für den Arbeitsmarkt bieten. Außerdem geht es um die zentralen Gatekeeper, die über die Zugänge zu diesen Anschlussmöglichkeiten entscheiden. Sie stellt die verschiedenen Möglichkeiten der Berufsvorbereitung und Berufsausbildung sowie die Möglichkeiten außerhalb des Systems der beruflichen Qualifizierung vor. Abschließend diskutiert die Autorin basierend auf vorhandenen Statistiken über Jugendliche ohne Hauptschulabschluss, welche Übergänge häufig vorkommen. Für die tatsächlichen Übergänge von Förderschüler*innen folgt im Kapitel 7 dann eine eigene empirische Untersuchung.

Im Kapitel 3 (S. 32–42) beschreibt Jonna Blanck den formalen Ablauf des Berufsberatungsprozesses. Die (Reha-)Berufsberatung der Agentur für Arbeit ist ein wichtiger Gatekeeper in der Steuerung der Übergangswege von Förderschüler*innen, insbesondere was die Zugänge zu den von ihr finanzierten außerbetrieblichen Berufsvorbereitungen und Berufsausbildungen sowie die finanzielle Förderung für betriebliche Wege betrifft. Die Berufsberatung teilt sich entsprechend der Zielgruppendefinition in eine allgemeine Berufsberatung und in eine Reha-Berufsberatung für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf/​Behinderung. Im Folgenden wird in dieser Rezension der Einfachheit halber der Begriff Berufsberatung verwendet.

Zunächst erläutert die Autorin, wie die Berufsberatung der Agentur für Arbeit aufgebaut ist und aufgrund welcher Vorgaben die Entscheidungsprozesse mit welchen Akteuren ablaufen. Sie unterscheidet drei Prozesse, die auch für ihre eigene empirische Untersuchung bedeutsame Kriterien sind:

  1. die Klassifizierung von Förderbedürftigkeit und Behinderung,
  2. die Klassifikation von Eignung sowie
  3. die damit gekoppelten Zuweisungsprozesse von Hilfen und Maßnahmen.

Schließlich leuchtet Jonna Blanck die Entscheidungsspielräume aus, die es trotz formalisierter Abläufe und Klassifikationen gibt.

Den Stand der Forschung arbeitet Jonna Blanck im Kapitel 4 auf (S. 43–64). Sie betrachtet diesen bezogen auf die erreichten Übergänge der Förderschüler*innen nach der Schule, die beeinflussenden Faktoren, den Effekt des Förderschulbesuches sowie die Klassifizierungs- und Zuweisungsprozesse von Förderschüler*innen in der Berufsberatung. Anschließend erläutert die Autorin, welche bisher bekannten Agency-Faktoren und Ressourcen die Intragruppenvarianz (Unterschiede innerhalb der Gruppe der Förderschüler*innen) bezogen auf die Übergänge in Ausbildung erklären können. Es geht vor allem darum, wie es einige Förderschüler*innen schaffen, trotz der beschriebenen Bedingungen einen Ausbildungsplatz zu finden (S. 60–64). Jonna Blanck arbeitet im Laufe des Kapitels 4 die bestehenden Forschungslücken differenziert heraus. Damit wird das eigene Forschungsvorhaben legitimiert und inhaltlich strukturiert.

Im Kapitel 5 (S. 65–83) geht Jonna Blanck den Mechanismen des Ausbildungszugangs bezogen auf Förderschüler*innen vertiefend nach. Unterschiedliche Agency und Ressourcen sind zentral bei der Erklärung der Intragruppenvarianz der Übergänge von Hauptschüler*innen. Die Autorin untersucht nun in diesem Kapitel, inwiefern sich diese Erkenntnisse auf Förderschüler*innen übertragen lassen (S. 64). Sie referiert hierfür jene theoretischen Erklärungsansätze über Ausbildungschancen von Förderschüler*innen, auf denen ihre drei empirischen Teilstudien beruhen. Agency und Ressourcenausstattungen wirken durch den Förderschulbesuch und in Kombination mit familiärer Benachteiligung auf der individuellen Ebene der Jugendlichen. Die Autorin arbeitet drei komplementäre Erklärungsmechanismen heraus:

  1. Stigmatisierung und Cooling-Out (Absenken der Erwartungshaltung) führen zu einer geringeren Agency.
  2. Familiäre Benachteiligung und schulische Segregation haben ein geringes Sozialkapital zur Folge.
  3. Ein geringes Humankapital und negative Signale sind Hindernisse in den Auswahlprozessen durch Arbeitgeber*innen, sodass die Jugendlichen geringere Chancen auf einen erfolgreichen Ausbildungszugang haben.

Anhand dieser Mechanismen untersucht Jonna Blanck, welche Faktoren sich eher förderlich oder behindernd im Übergang auswirken. Die Vergleichsgruppe bilden die Hauptschüler*innen (mit maximal einem Hauptschulabschluss). Des Weiteren diskutiert sie, welche Möglichkeiten die Berufsberatung hätte, kompensierend zu den bestehenden Benachteiligungen für die Jugendlichen zu wirken, wo aber auch Gefahren für eine fortgesetzte Behinderung im Übergang bestehen. Die Autorin schließt dieses Kapitel mit einer tabellarischen Übersicht, in der sie die theoretischen Annahmen zu den Faktoren schulischer Behinderung, den Kompensationsmöglichkeiten der Berufsberatung sowie die Quellen der Heterogenität in den Übergangsverläufe von Förderschüler*innen zusammenfasst (S. 82 f.).

Für die Untersuchung der Entscheidungsprozesse in der Berufsberatung bezieht sich Jonna Blanck im Kapitel 6 (S. 84–96) auf einen weiteren theoretischen Erklärungsansatz, der die Meso-Ebene der Organisationen in den Blick nimmt: die Perspektive des Neo-Institutionalismus. Dieser verwendet einen differenzierten Institutionenbegriff und will erfassen, „wie das Handeln von Akteuren durch ein intersubjektiv geteiltes Regelsystem strukturiert wird“ (S. 84). Zunächst erläutert die Autorin, wieso sich Institutionen in Organisationen herausbilden und welche Anforderungen und Legitimationen es gibt. Sie führt dies im Allgemeinen und später für die Berufsberatung der Agentur für Arbeit im Speziellen aus. Sie beleuchtet dabei ebenfalls das Verhältnis von individuellen Handlungsentscheidungen und Institutionen.

Die Kapitel 7 bis 9 beinhalten ihre drei empirischen Teilstudien. Jonna Blanck beginnt jeweils mit der Darstellung der theoretischen Erwartungen und Hypothesen, die sie in den vorangegangenen Kapiteln und insbesondere in den Kapiteln 5 und 6 zusammengefasst hat. Es folgen in jeder Teilstudie die Beschreibung der Datengrundlage, Operationalisierung und Datenauswertung sowie der Analysestrategien und Ergebnisse.

Im Kapitel 7 (S. 97–140) präsentiert Jonna Blanck ihre erste empirische, quantitative Analyse. Ziel ist es, die tatsächlichen Übergangsverläufe nach der Schule von Förderschüler*innen und Hauptschüler*innen (mit maximal einem Hauptschulabschluss) zu beschreiben und sie hinsichtlich beeinflussender Faktoren (Agency und Ressourcen) zu vergleichen. Nachfolgend überprüft die Autorin anhand eines statistischen Matchings, welchen Effekt der Förderschulbesuch auf die Ausbildungschancen hat. Dabei vergleicht sie ausgewählte Förderschüler*innen mit Hauptschüler*innen aus ihrer Gesamtstichprobe, die bezogen auf ihre familiären Ressourcen, kognitiven Fähigkeiten und sozialstrukturellen Merkmale vergleichbar sind. Die in der neunten Klasse erhobenen kognitiven Fähigkeiten beider Gruppen zeigen große Überschneidungen. Sie sind somit kein ausschlaggebender Faktor für die Feststellung einer Lernbehinderung im Bereich Schule (S. 126). Es finden sich in der Gesamtstichprobe ausreichend vergleichbare Jugendliche bei Förder- und Hauptschüler*innen. Es geht nicht um einen exakten 1 zu 1 Vergleich wie bei statistischen Zwillingen, sondern um einen gewichteten Gruppenvergleich (S. 129). Für ihre Untersuchung kann Jonna Blanck erstmals umfassende Längsschnittdaten aus der Startkohorte des Nationalen Bildungspanels (NEPS) verwenden, bei der auch Förderschüler*innen mit dem Schwerpunkt Lernen systematisch einbezogen werden (eine schon lange bestehende Lücke). Insgesamt wertete Jonna Blanck die Daten von 670 Förder- und 1.661 Hauptschüler*innen aus allen deutschen Bundesländern aus (S. 100).

Im Kapitel 8 (S. 141–187) stellt die Autorin ihre zweite empirische, qualitative Analyse der Entscheidungsprozesse in der Berufsberatung vor. Sie richtet den Fokus auf die Bedeutung der Berufsberatung für die Ausbildungschancen von Förderschüler*innen. Jonna Blanck erforscht, inwiefern die Übergänge nach der Schule auch durch die Klassifizierungs- und Zuweisungsprozesse der Berufsberatung der Agentur für Arbeit beeinflusst werden und ob dadurch die geringere Agency und Ressourcenausstattung der Jugendlichen kompensiert, fortgesetzt oder sogar verstärkt wird (S. 140). Dafür untersucht sie, in welche Ressourcen und Vorgaben die Institution Berufsberatung eingebettet ist. Zunächst verbindet die Autorin die theoretischen Annahmen aus Kapitel 5 und 6 zu einer gemeinsamen Darstellung. Dabei geht es um die Klassifikation der Förderbedürftigkeit, Behinderung und Eignung sowie die Zuweisung von Hilfen und Maßnahmen. Anschließend präsentiert Jonna Blanck ihre Ergebnisse aus den Expert*inneninterviews, die sie mittels der theoriegeleiteten qualitativen Inhaltsanalyse nach Gläser/Laudel gewonnen hat. Insgesamt interviewte sie 16 Expert*innen aus drei Agenturen sowie einer Regionaldirektion (übergeordnete Organisationsebene) aus insgesamt zwei Bundesländern (S. 159 f.). Sie bezog sowohl Berater*innen der Berufsberatung ein als auch Psycholog*innen des Berufspsychologischen Services (zuständig u.a. für die zu erstellenden psychologischen Gutachten im Übergang). Die Auswertung bezieht sich überwiegend auf die Ergebnisse aus dem zweiten Bundesland, da in dem ersten lediglich zwei Interviews geführt wurden.

Das Kapitel 9 (S. 188–212) baut auf den Ergebnissen der Teilstudien 1 und 2 auf und vertieft ausgewählte Fragen. In ihrer dritten empirischen, wieder quantitativen Analyse untersucht Jonna Blanck, inwiefern die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden, bei Förderschüler*innen das Ergebnis divergierender Agency und Ressourcenausstattungen sind (S. 188). Sie richtet ihren Fokus auf das Erklären der Intragruppenvarianz (die Unterschiede in den Übergangsverläufen innerhalb der Gruppe der Förderschüler*innen). Sie überprüft mittels statistischer Verfahren, welche der in vorangegangenen Kapiteln herausgearbeiteten Faktoren in Kombination mit welchen Mechanismen wirken. Die Autorin untersucht dafür zwei Zeitpunkte: direkt nach Schule sowie ein Jahr später. Sie will auch klären, welchen Beitrag die Agency und Ressourcenausstattung dazu leisten, dass es einigen Förderschüler*innen trotz erschwerter Ausgangsbedingungen gelingt, einen Ausbildungsplatz zu erreichen und damit von der zweiten Chance auf Teilhabe zu profitieren. Grundlage der quantitativen Untersuchung bilden wieder, wie in der ersten Teilstudie im Kapitel 7, die Daten aus dem Nationalen Bildungspanel.

Im Kapitel 10 (S. 213–228) fasst Jonna Blanck ihre Forschungsergebnisse zusammen. Danach ordnet sie ihren Beitrag zum Forschungsdiskurs ein und zeigt mögliche Erweiterungen der Untersuchung sowie neue Forschungsfelder auf. Schließlich skizziert die Autorin bildungs- und sozialpolitische Implikationen, die sich aus ihrer Studie ableiten lassen.

Abschließend finden sich am Ende Buches ein Literatur- und Abkürzungsverzeichnis.

Diskussion

Jonna Blancks Forschungsarbeit (Dissertation) schließt eine wichtige und schon lange bestehende Forschungslücke zu den Übergängen von Förderschüler*innen mit dem Schwerpunkt Lernen nach der Schule in die berufliche Qualifizierung. Es fehlte bisher eine breite, repräsentative und deutschlandweit Datenbasis. Bisherige Studien waren eher regional, mit kleineren Fallzahlen oder qualitativ ausgerichtet. Auf einer breiten Datengrundlage liefert Jonna Blanck nun erste fundierte und verallgemeinerbare Ergebnisse aus einer soziologischen Perspektive.

Die Autorin führt die Leser*innen sehr gut und strukturiert durch das Buch und ihr Forschungsvorhaben. Jedes Kapitel beginnt mit einer kleinen Einleitung und liefert einen inhaltlichen Anschluss an vorangegangene Kapitel. Es schließt jeweils mit nachvollziehbaren Zusammenfassungen und gibt einem Ausblick auf das kommende Kapitel. Für das Verständnis erweist sich ebenfalls als sehr vorteilhaft, dass Jonna Blanck ihre theoretischen Annahmen und später den Abgleich mit ihren Forschungsergebnissen jeweils tabellarisch und übersichtlich zusammenfasst. Lediglich die Einleitung wirft einen etwas unvermittelt inmitten das Themenfeld. Die Entstehung, Ausrichtung und Einbettung des Forschungsvorhabens erschließen sich nicht sofort, werden jedoch im weiteren Verlauf deutlich.

Jonna Blanck liefert mit ihrer Forschungsarbeit eine fachlich fundierte, sehr differenzierte und multiperspektivische Auf- und Bearbeitung des Themas. Anhand ihrer Ergebnisse kann man nun valide Aussagen zu den Übergängen nach der Schule von Förderschüler*innen treffen – auch im Vergleich zu (vergleichbaren) Hauptschüler*innen.

In ihrer ersten Teilstudie kommt Jonna Blanck zu folgenden Ergebnissen (ab S. 138 ff.): Im Vergleich zu Hauptschüler*innen (mit max. einem Hauptschulabschluss) haben Förderschüler*innen eine noch eingeschränktere Agency und geringere Ressourcenausstattung. Ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind geringer, vor allem direkt nach dem Verlassen der Schule. Ein Jahr nach Verlassen der Schule befinden sich schon mehr Förderschüler*innen in einer Ausbildung, meist nach erfolgreichem Abschluss einer Berufsvorbereitung. Gleichzeitig ist aber auch eine Zunahme von „Ausstiegen“ in Erwerbslosigkeit zu beobachten. Der Erfolg der Berufsvorbereitungen ist somit geteilt: es folgen weitere Maßnahmen oder die Aufnahme einer Ausbildung. Ein positiver „Nebenbefund“ ergab, dass, wenn die Jugendlichen eine Ausbildung erreichten, dann waren durchaus auch betriebliche dabei – und nicht nur außerbetriebliche. Förderschüler*innen profitieren insgesamt jedoch weniger als Hauptschüler*innen von der 2. Chance auf Teilhabe nach der Schule (S. 138 ff.).

Jonna Blanck kann zudem den negativen Effekt des Förderschulbesuches mit ihren Analysedaten nachweisen. Förderschüler*innen kommen überwiegend aus soziökonomisch benachteiligten Familien. Der Förderschulbesuch verstärkt diese Benachteiligung im Übergang nach der Schule und wirkt unabhängig und zusätzlich von den Faktoren Agency und Ressourcen (S. 139 f.). „Dieses Ergebnis steht im Kontrast zum Anspruch der Förderschulen, die Benachteiligungen ihrer Schülerschaft auszugleichen und so zu einer gelingenden Integration in den Arbeitsmarkt beizutragen […]. Der Förderschulbesuch führt zu einer Fortsetzung der Benachteiligung auch über den Schulbesuch hinaus.“ (S. 140)

Mit diesem Buch erhält man außerdem einen guten Einblick in den Ablauf und das Zustandekommen der Entscheidungsprozesse in der Berufsberatung der Agenturen für Arbeit und deren Bedeutung für den Verlauf der Übergänge von Förderschüler*innen. Die Übergangsverläufe sind nach Jonna Blanck auch ein „Ergebnis von Klassifizierungs- und Zuweisungsprozessen der Berufsberatung der Agenturen für Arbeit“ (S. 188). Sie haben zunächst häufig die Zuweisung zu Maßnahmen im Übergangssystem zur Folge (später auch in Ausbildungen). Die Klassifizierung von Förderbedürftigkeit und Behinderung erfolgt durch ein standardisiertes, defizitorientiertes Vorgehen, das im Gegensatz zum formulierten Anspruch steht und eigentlich die Stärken, Schwächen und Unterstützungsbedarfe analysieren will (S. 166).

Die erneute Feststellung einer Behinderung durch die Berufsberatung der Agentur für Arbeit bedeutet laut Jonna Blanck „zugleich die Fortsetzung und -schreibung der stigmatisierenden Etikettierung im nachschulischen Bereich“ (S. 168). Dass die Berufsberatung die Ausbildungseignung von Förderschüler*innen direkt nach dem Verlassen der Schule feststellt, ist eher sehr unwahrscheinlich (S. 172). Das hat verschiedene Auswirkungen auf den Beratungs- und Zuweisungsprozess der Berufsberatung: weniger oder keine Informationen über freie (betriebliche) Ausbildungsstellen oder Abraten davon sowie keine Zuweisung zu außerbetrieblichen Ausbildungsstellen. Zudem ist ein Cooling-Out der Erwartungshaltung der Jugendlichen zu beobachten. Jonna Blanck stellt außerdem fest, dass die institutionellen Vorgaben die Entscheidungsspielräume der Berufsberater*innen deutlich beschränken (S. 182). „Darüber hinaus zeigte sich, dass die Jugendlichen direkt nach Verlassen der Schule mindestens eine Berufsvorbereitung absolvieren müssen, bis die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, diese als geeignet zu klassifizieren und darauf basierend eine Ausbildung zu finanzieren.“ (S. 183) Abschließend resümiert Jonna Blanck, „dass die Berufsberatung nicht dazu beiträgt, die Benachteiligung zu kompensieren“ (S. 185).

Ein weiteres Ergebnis von Jonna Black bezieht sich auf die Gelingensbedingungen von Übergängen trotz schwieriger Ausgangsbedingungen. Förderschüler*innen haben auf der individuellen Ebene geringere Agency und Ressourcen und deshalb nur wenig ihrer schulischen Behinderung (durch den Förderschulbesuch) entgegen zu setzen (S. 211). Trotzdem gelingen unter bestimmten (fördernden) Bedingungen Übergänge nach der Schule (in eine Ausbildung). Jonna Blanck arbeitet verschiedene Faktoren heraus: So sollte etwa der ggf. vorhandene Wunsch nach einer betrieblichen Ausbildung positiv von der Berufsberatung der Agentur für Arbeit verstärkt werden und nicht davon abgeraten werden. Des Weiteren wirken sich vergleichsweise hohe Bildungsabschlüsse der Eltern und mindestens ein Hauptschulabschluss bei den Jugendlichen förderlich aus, aber auch ein erfolgreicher Abschluss einer Berufsvorbereitung.

In dieser Rezension wurden nur einige wenige Ergebnisse schlaglichthaft aufgeführt. Deshalb ist die Lektüre des Buches sehr zu empfehlen, um mehr über die sehr differenzierten Analysen von Jonna Blanck zum Übergang von Förderschüler*innen nach der Schule zu erfahren. Sie deuten Handlungsbedarfe bezogen auf verschiedene Akteure und Institutionen in diesem Feld an: Sowohl die Förderschulen als auch die Berufsberatung der Agentur für Arbeit sollten ihre Legitimationen, Ausrichtungen und Handlungsweisen überprüfen.

Da der Übergang von der Schule in berufliche Bildung und Arbeit nicht nach einem Jahr endet und damit deutlich länger geht als der von Jonna Blanck auswertete Zeitraum, braucht es weitere Forschungsarbeiten. Diese sollten auch untersuchen, ob der Einstieg in eine betriebliche Beschäftigung nach der beruflichen (auch außerbetrieblichen) Qualifizierung für diese Zielgruppe nachhaltig gelingt. Die Auswertungen des Nationalen Bildungspanels werden hierfür sicher die eine oder andere Antwort liefern.

Zielgruppe dieses Buches sind alle, die sich mit dem Thema Übergang von Förderschüler*innen nach der Schule befassen. Meist werden es eher Forschende, Lehrende und Studierende sein. Den Ergebnissen von Joanna Blancks Forschung ist jedoch ein möglichst breites Rezipieren – auch in den Institutionen und Organisationen der Praxis – zu wünschen.

Fazit

Jonna Blancks Forschungsarbeit (Dissertation) schließt eine wichtige und schon lange bestehende Forschungslücke zu den Übergängen von Förderschüler*innen mit dem Schwerpunkt Lernen nach der Schule in die berufliche Qualifizierung. Auf einer breiten Datengrundlage liefert sie nun erste fundierte und verallgemeinerbare Ergebnisse darüber, welche Übergangsverläufe es von Förderschüler*innen nach der Schule gibt und wie sie sich von Hauptschüler*innen unterscheiden, welche Faktoren und Mechanismen bedeutsam sind sowie welche Rolle die Berufsberatung der Agentur für Arbeit spielt und wie deren Entscheidungen zustande kommen. Es erwartet die Leser*innen ein sehr gut strukturiertes Buch, das theoretische Annahmen und Forschungsergebnisse übersichtlich darstellt.


Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 13.01.2021 zu: Jonna Blanck: Übergänge nach der Schule als »zweite Chance«? Ausbildungschancen von Schülerinnen und Schülern von Förderschulen »Lernen«. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6143-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26200.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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