socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Klaus-Werner Stangier: Über die erlangte Erleuchtung stellt der Meister eine Bescheinigung aus

Cover Klaus-Werner Stangier: Über die erlangte Erleuchtung stellt der Meister eine Bescheinigung aus. Meister Eckhart und der Zen-Meister Hakuin im Gespräch. Patmos Verlag (Ostfildern) 2019. 223 Seiten. ISBN 978-3-8436-1158-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Autor fragt, wie Ost und West so miteinander sprechen können, dass sie sich besser kennenlernen und tiefer verstehen. Stangier versucht das durch einen fiktiven Dialog zwischen dem bedeutendsten Vertreter der deutschen Mystik Meister Eckhart (um 1300) und dem im Zen-Buddhismus epochalen japanischen Meister Hakuin (um 1700). Kommentare aus dem „Off“ erübrigen sich dank Stangiers literarischem Kunstgriff der Figur einer „Nonne“, die nachfragt und vertieft und so den Leser aus der Vergangenheit in die Gegenwart geleitet.

Autor

Sein Brückenschlag wird nachvollziehbar durch den beruflichen Werdegang des 81jährigen Autors: er ist studierter Theologe, Philosoph und Germanist, ausgebildet in Initiatischer Therapie (Graf Dürckheim) und japanischem Zazen (Yamada B. Roshi). Stangier ist Dozent, Supervisor und Meditationslehrer. Von 1989 bis 2014 leitete er gemeinsam mit seiner Frau das Meister-Eckehart-Haus in Köln und gründete vor 10 Jahren ein Haus der Stille in der Eifel. Zu verwandten Themen publizierte er bereits mehrere Bücher. Dies ist sein erstes in dieser Art.

Aufbau und Inhalt

Einer Einführung folgen 14 Kapitel, die von Anfang an dialogisch verfasst sind, d.h. Eckhart und Hakuin zitieren und paraphrasieren sich und gehen – das ist das Besondere – auf ihr Gegenüber ein. Ab dem 3. Kapitel betritt auch die Nonne die Bühne. Der Leser erfährt, wie Eckhart und Hakuin schon als Jungen in ein Dominikaner- bzw. Zen-Kloster kamen. Beide erlebten grausam züchtigende Einengung, aber auch geistige und spirituelle Befreiung. In beiden Kulturen waren Klöster ja Zentren des Wissens. Aus Schülern wurden sie früh zu Lehrern und später zu Meistern und Vorbildern. Ihre zentrale Erfahrung der Ich/Selbst- Beziehung entwickelten sie über das Üben im Meditieren, im Nachdenken, Schreiben und praktischen Arbeiten. Im Kapitel „Koan, der reine Wahnsinn“ wird etwas Verrücktes und Widersprüchliches zum Aha!-Erlebnis. So erzählt Hakuin, „wenn du nur hören könntest den Ton des Schnees, der spät in der Nacht fällt von den Bäumen“. Beschäftigung mit dem koan treibt die Übenden über beglückende Stille in tiefe Zweifel. Am Ende gibt es kein denkendes Subjekt mehr. Der Übende ergibt sich und wird eins mit dem koan (S. 47 f.). Erstaunlich modern liest sich das Kapitel über den Gottesbegriff der beiden, den sie gar nicht weit und offen genug fassen können: Gott als die Fülle des Nichts. Gerade dem nihilistischen Denken entspringe der Ort, wo menschliche Existenz entstehe (S. 66 f.). Die Weisheit (dharma), dass ein Tropfen Meerwasser alles Meerwasser der Welt mit einbezieht, überwindet Fremdbestimmung (Hakuin). Eckhart stellt dem Leser seinen Weg als Prozess dar, in dem Gott und Mensch eine Beziehungseinheit und immer weniger nur Gegenüber seien (S. 81). Ein weiteres gemeinsames Thema ist Erleuchtung (satori). Die Nonne erzählt die symbolträchtige Geschichte vom Ochsen und seinem Hirten, der seinen Ochsen verloren hat, wieder findet, fängt, zähmt, auf seinem Rücken heimkehrt, ihn dann vergisst und „selbstvergessen“ wird, am Ende aber mit einem Jungen ins Gespräch kommt (S. 89-93). Diese Erzählung weist aufs Herzensanliegen des Autors: den Dialog zwischen Wesen unterschiedlicher Herkunft, Geschlecht und Generation und führt mitten in unsere globale Problemzeit. Aber wozu eine Gottesgeburt? Das führt Eckhart zurück zu Augustin (um 400): „Wende dich nicht nach außen, tritt ein in dein eigenes Inneres!“ (S. 107 f.) Inneres Tätigsein überwinde Ich und Gier, offenbare, dass wir als Kreatur göttlicher Natur seien. Diese Sicht hätte Eckhart den Tod auf dem Scheiterhaufen kosten können, wäre er nicht vorher gestorben. Für eine solche Erleuchtung stellt der Meister eine Bescheinigung aus (siehe Titel des Buches), man könne sie aber nicht be-sitzen wie einen Sack Reis, sagt Hakuin (S. 115). C.G.Jung (1958) tat sich schwer mit buddhistischer Begrifflichkeit, nicht aber mit „Erleuchtung“, erwähnt die Nonne. Das leitet zum Kapitel Ich/Nicht-Ich (Hakuin) und Sterben/Werden (Eckhart) über. Was Hakuin „Zen-Krankheit“ nennt, ist in westlicher Sprache „Narzissmus“. Maß und Mitte zu finden, wird über Geschichten wie die vom Ochs und Hirten transportiert. Letztlich geht die Suche auf in dem “Beziehungsspiel, das Gott und Seele, Gott und Ich mit einander spielen“ (Eckhart) (S. 133). In der Erfahrung des Augenblicks gebe es nichts zu deuten oder zu erklären, nur freudiges Erschrecken. Es ist, als stieße ein Tiger ein lang anhaltendes Brüllen aus und träte aus dem Wald hervor – machtvolle Bilder von Hakuin, die in Eckharts Sprache lauten: „Nur wer scheinbar sicheren Boden verlässt und in den Strom der Reduktion hineinspringt, empfängt“ (S. 151-155). Im letzten Kapitel geht es um unio mystica, wenn Eckhart zitiert wird: „Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, darin Gott mich sieht. Mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen, ein Erkennen, ein Lieben“ (S. 182).

Im Schlusskapitel geht es Stangier um Konsequenzen aus dem interreligiösen Dialog: „Was an der Zen-Tradition so fasziniere, sei die starke Betonung der Eigenverantwortlichkeit und des Loslassens und Gelassenseins als Ziel des religiösen Weges“ (S. 187). Er führe von der Institutionalisierung zur spirituellen Pilgerschaft. Sie bewirke gegenseitige Achtung und Selbstachtung. Wie friedfertig ist eine Religion wirklich, fragt Stangier, und kann Wege zu einem freieren, selbstbestimmteren Leben zeigen? Eckhart fordert: „Verabschiede dich von deinen Vorstellungen, von deinen Konzepten, lass auch Gott los, sei arm!“ Hakuin verweist auf die Übung des Sitzens und Erwachen im koan. Einer seiner Zeichnungen hat er den Titel gegeben „Blinde tasten sich über eine Brücke“. Dabei ruhen weder Beginn noch Ende der Brücke auf sicherem Fundament! Doch der Übergang gelingt (S. 190 f.). Zielvorstellungen können motivieren. Der Autor findet bei Eckhart immer wieder ein in Distanz sich näher Kommen. Das verkörpere der arme Mensch, der sich nicht durch sein Haben, vielmehr durch sein Sein auszeichne (vergleiche Erich Fromm, der schon S. 108 zitiert wird!). Das habe auch sozialpolitische Konsequenzen: „Wer als gelassener und erleuchteter Mensch ein Bewusstsein um Nähe, Distanz und Differenz entwickelt, lässt sich weder absorbieren von der Faszination für das Fremde noch von den Gefühlen der Abneigung und der Ablehnung“ (S. 200). Der Autor betont, dass Christen in Deutschland dem Nationalsozialismus verfallen konnten und ebenso Buddhisten der Ideologie Japans Herrscher damals „Marschieren und Schießen!“. Gelassene und erwachte Menschen gehen sozial auch mit Ressourcen um. Interessanterweise vergleiche Eckhart Gott mit Speise, die in alle Zellen des Menschen eindringe und einen neuen Organismus erschaffe (S. 202 f.). Hakuin warnt, wer ohne Rücksicht auf seinen Körper meditiert, wird krank (so wie es ihm selbst geschah!). In ein Plädoyer gegen rücksichtslose Ausbeutung der Natur einerseits und gegen einseitige Verherrlichung blühenden Lebens andererseits, mündet der Autor. Religionskritisch wendet er sich gegen Kultformen, in denen Götter unsere begrenzten Erfahrungen überhöhen. Er zielt auf „Kapitalismus als das gegenwärtige Phänomen von Religion schlechthin. Geld, Gewinn, Erwerb, Macht und Erfolg heißen die Götter dieser Religion“ (S. 208). Die Gelassenen im Sinne Hakuins und die Armen im Sinne Eckharts können eine Gemeinschaft für wachsende Gerechtigkeit sein.

Diskussion

Der Jahrzehnte berufserfahrene Autor hat selbst die unterschiedlichsten Institutionen durchlaufen. In Selbsterfahrung und Begleitung vieler Gruppen und einzelner hat er oft neue Wege entdeckt. Nun mutet er dem Leser einen langen Marsch durch die Welt von Gedanken- und Bedenkenträgern vieler Jahrhunderte bis in die die Gegenwart zu. Leide ein weiser Mensch, so fragt der sich, was er in seinem Leben getan habe, um sich von seinem Leiden befreien zu können, und was er noch tun könne, um sein Leiden zu überwinden. Ein törichter Mensch fragt danach, wer ihm das angetan habe, lehrt der Buddha. In solcher Weisheit wird sich bereichert finden, wer sich durch diesen Trialog des Dominikaners Eckhart, des Erleuchtung bescheinigenden Hakuin und der wissenden Nonne hindurch windet.

Fazit

Die originelle Aufbereitung der Stofffülle in Dialogform speist sich durchgehend aus wissenschaftlich belegten Quellen. Klaus-Werner Stangier, Theologe, Philosoph, Therapeut und fernöstlich geschulter Lehrer, weist in seinem Buch auf die gesundheitsfördernde Wirkung meditativer Praktiken hin - vorausgesetzt sie werden sachkundig und menschlich angewandt. Dann stärken sie Herz und Kreislauf und dämmen psychosomatische Probleme wie Atem- und Schlafstörungen durch einen biologisch angemessenen Rhythmus von Bewegung und Ruhe ein. Stangier warnt einerseits vor Missbrauch durch abhängig machende Institutionen und Leiter, andererseits vor Selbstschädigung durch maßlose Erwartungen und mangelnde Anleitung. Der Autor führt aus, welche Formen von Selbstdisziplin Freude machen und empfiehlt einen Meditationsstil, der Selbstakzeptanz und soziale Toleranz mit sich bringt. Hier wird Meditation - auch von ihrer Geschichte her - als salutogenetisches Konzept vorgestellt. So gehen Erleuchtung und Kompetenz zusammen. Um inne zu halten, eignen sich gut die acht kalligrafischen Seiten im Buch. Wem besonders an sozialer Kompetenzentwicklung gelegen ist, dem sei der ganze Gesprächsdurchgang empfohlen. Sozialpolitische Konsequenzen sind im Schlusskapitel aufgeführt und harren der Umsetzung.


Rezensent
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
E-Mail Mailformular


Alle 13 Rezensionen von Joachim Gneist anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 15.10.2019 zu: Klaus-Werner Stangier: Über die erlangte Erleuchtung stellt der Meister eine Bescheinigung aus. Meister Eckhart und der Zen-Meister Hakuin im Gespräch. Patmos Verlag (Ostfildern) 2019. ISBN 978-3-8436-1158-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26201.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Erzieher oder pädagogische Fachkräfte (w/m/d) für Kitas, Katzwang, Schwanstetten, Roth (bei Nürnberg)

Leitung (w/m/d) Kindertageseinrichtung, Kirchlengern

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung