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Thomas Alkemeyer, Nikolaus Buschmann u.a. (Hrsg.): Gegenwartsdiagnosen

Cover Thomas Alkemeyer, Nikolaus Buschmann, Thomas Etzemüller (Hrsg.): Gegenwartsdiagnosen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung in der Moderne. transcript (Bielefeld) 2019. 626 Seiten. ISBN 978-3-8376-4134-9. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Entstehungshintergrund

Das an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg angesiedelte und von Prof. Dr. Thomas Alkemeyer als Direktor sowie von Dr. Nicolaus Buschmann als Geschäftsführer verantwortete Wissenschaftliche Zentrum Genealogie der Gegenwart versteht sich als interdisziplinärer Forschungsraum, der nach eigener Aussage „geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Fachperspektiven“ zusammenführen will. Im Mittelpunkt der sich solchermaßen konstituierenden Plattform steht die Herausforderung, „mit diversen inhaltlichen Fokussierungen historiographisch, kulturanalytisch und soziologisch-praxeologisch die Verweisungszusammenhänge zwischen Gegenwartsdeutungen, gesellschaftlichen Transformationen und Subjektbildungen“ zu rekonstruieren. Aus einem „kulturtheoretischen Erkenntnisinteresse“ heraus, „das auf die wahrnehmungsformierende und somit realitätskonstituierende Kraft materieller, in Diskursen und Praktiken entfalteter Sinnordnungen reflektiert“, will das Zentrum die Genealogie der Gegenwart als innovatives Forschungsfeld etablieren und so neue Zugänge zur Beschreibung und Analyse der modernen Welt eröffnen. Die auf der Homepage (uol.de/wizegg ) genannten und hier nur zu skizzierenden Fragestellungen fließen auch in die zahlreichen Publikationen ein, die am Zentrum seit 2016 entstehen und in ihrer Gesamtheit den Anspruch des Zentrums als „Ort interdisziplinärer und fakultätsübergreifender Zusammenarbeit“ verdeutlichen, der die relevante „Forschung zu diesem Thema miteinander vernetzt, weiterentwickelt [und anstößt].“

Herausgeber und Autor*innen

Das hier anzuzeigende Werk reflektiert diesen Hintergrund gleich mehrfach. Berücksichtigt man den Arbeitszeitraum des Zentrums seit 2016, kann man den vorliegenden Sammelband als eine Art Bestandaufnahme zu dem Projekt und als Überblick der hier involvierten Forscher*innen auffassen. Immerhin sind gleich mehrere der Autor*innen der sich in 7 Kapitel untergliedernden Texte eng mit dem Zentrum verbunden, wobei sich Prof. Dr. Thomas Alkemeyer – Gründungsmitglied, Mitglied des Zentrumsrats und Direktor des Zentrums – gleich mit 2 Beiträgen hervortut.

Überblickt man die Autor*innenangaben, fällt der dezidiert soziologische Schwerpunkt der versammelten Beiträge auf. Berücksichtigt man den auf der Homepage des Zentrums formulierten Anspruch und die in der Einleitung formulierten Leitfragen für den Band, ist erwähnenswert, dass ethnologische, ökonomische, juristische und nicht zuletzt auch religionswissenschaftliche Expertisen allenfalls anklingen und insgesamt der soziologisch-praxeologische Zugang überwiegt, selbst wenn er hier und da um historiographische respektive kulturanalytische Hinweise ergänzt wurde.

Thema

Auf diese Weise versuchen die Herausgeber Alkemeyer, Buschmann und Etzemüller sich die Vielfalt innerhalb der Soziologie und deren Deutungsmuster im Hinblick auf die Thematik und die Bandbreite der Gegenwartsdiagnostik zunutze zu machen, um das sie zentral interessierende Phänomen der kulturell bedingten gesellschaftlichen Selbstproblematisierung in der Moderne möglichst präzise fassen und analytisch durchleuchten zu können. Dafür müssen allerdings aus der Sicht der Herausgeber eine Reihe von Vorannahmen getätigt werden, um die Gegenwartsdiagnose (zuweilen ist auch von Zeitdiagnose die Rede) von reinen Schlagworten und (utopischen/​dystopischen) Interpretamenten zu trennen und das diagnostische Element angesichts der Notwendigkeit einer Begriffsschärfung für die Soziologie nutzbar zu machen.

Eine dieser Vorannahmen betrifft die Tatsache, dass das Diagnostische als Wesensmerkmal der gesellschaftlichen Imagination in der westlichen Moderne behandelt wird (S. 10). Das weckt zwar unmittelbare Assoziationen zum Aufklärungsdiskurs, macht aber auch deutlich, dass eine solche Sichtweise dem europäischen Blick verpflichtet ist. Wo der asiatische, afrikanische oder auch lateinamerikanische Blick fehlt, kann die Zuspitzung auf die sich an die Aufklärung anschließende Moderne aber auch zu weiteren Fragestellungen einladen!

Sollte dem Diagnostischen tatsächlich ein Zwang zum Handeln inhärent sein (S. 10), so müssten auch (sozial-)philosophische und nicht zuletzt religiöse Überlegungen – wie schon erwähnt – einfließen, die das Handeln des Menschen respektive die Bestimmungsgrößen seines Menschseins im Blick haben. Der wiederholte Rekurs auf den Kirchenvater Augustinus ist hier ein erster Anfang, die griechisch-römische Antike lädt ebenso wie der reiche (spät-)mittelalterliche und sich seit der Renaissance vervielfältigende Fundus förmlich zu ausgedehnten Entdeckungsfahrten ein. Man überlege nur – beispielhaft – die Gegenüberstellung von Machiavelli und Friedrich II. von Preußen oder die Erträge von Althusius, Samuel von Pufendorf, Baruch de Spinoza und Gottfried Wilhelm Leibniz. Das allerdings würde ein wissenschaftstheoretisch sauber fundiertes und formuliertes System voraussetzen, an dem die Herausgeber erkennbar arbeiten – und zu dem sie mit dem vorliegenden Sammelband einen wichtigen Beitrag leisten. Denn die hier versammelten Aufsätze zeigen auch, wie problematisch es ist, aufbauend auf dem versammelten soziologischen Fundus, selbst Begriffe wie „Gegenwart“ und „Diagnose“ (S. 12 ff.) hermeneutisch zu fassen und einvernehmlich zu definieren. So werden die keineswegs unproblematischen Termini „Gesellschaft“ und „Moderne“ per se immer mitgedacht.

Auf dieses Faktum wird zum Ende hin noch einmal aufzugreifen sein, nachdem anhand der in der Einleitung formulierten Leitfragen auch auf die Beiträge in ihrer Gesamtheit und in aller Kürze eingegangen wurde. Wer wie die Herausgeber danach fragt, wie jemand/​etwas diagnostisch relevant/​gedeutet/​behandelt wird – und dabei sowohl die Wirkung wie auch deren Reichweite berücksichtigt – (S. 15) weckt anhand der behandelten Einzelphänomene und der sich bietenden Assoziationen hohe Erwartungen an den Inhalt und die Qualität der Beiträge! Der avisierte (zeitliche) Spannungsboden reicht vom Mittelalter bis in die Gegenwart und will mittels soziologischer und sozialwissenschaftlicher Ansätze auch auf die Alltagskultur zu sprechen kommen. Kein Wunder also, dass die Herausgeber selbst sehr vorsichtig sind und von einer „Versuchsanordnung“ sprechen (S. 17) – die hier, das sei schon einmal vorweggenommen, weitestgehend als inspirierend und gelungen betrachtet werden kann. Dabei muss ausdrücklich berücksichtigt werden, wie schwierig es möglicherweise war, eine Zusammenführung der Aufsätze nach den vorab gesetzten Schwerpunkten vorzunehmen.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich nach der Einleitung in sieben Kapitel auf, denen jeweils unterschiedlich viele Beiträge zugeordnet sind. Angesichts der Komplexität der Materie ist es an der einen oder anderen Stelle einsehbar, dass einige Aufsätze auch unter einem anderen Kapitel hätten verortet werden können.

  • Kapitel I, das mit „Gegenwart als Objekt der Diagnose“ überschrieben ist, bündelt mit Johann Kreuzer (Philosophiegeschichte), Achim Landwehr (Frühe Neuzeit), Eckhard Schumacher (Literaturtheorie) und Hannes Krämer (Kommunikationsforschung) vier Beiträge, die in der Summe so etwas wie eine historische Grundierung dessen liefern, worauf der Sammelband aufbaut.
  • Kapitel II („Sehen und Zu-Sehen-Geben“) vereinigt mit Thomas Etzemüller (historische Kulturwissenschaften), Timo Luks (Neuere Geschichte), Tobias Schlechtriemen (Soziologie), Thomas Alkemeyer (Sportsoziologie) und Anja Zimmermann (Kunstgeschichte) insgesamt fünf Beiträge, die sich des Perspektivwandels im Sehen annehmen.
  • Kapitel III („Soziologische Gegenwartsdiagnostik“) ist der Ansatz einer theoretischen Verortung, die von Hubert Knoblauch, Uwe Schimank/Ute Volkmann, Matthias Leanza und Fran Osrecki im klassisch soziologischen Sinne vorgenommen wird.
  • In Kapitel IV („Historische Formen des Diagnostischen“) finden sich Beiträge von Achim Landwehr (Neuere Geschichte), Nicolai Hannig (dto.), Gunilla Budde (Europäische Geschichte), Dieter Langewiesche (Neuere Geschichte) und Yvonne Ehrenspeck-Kolasa (Pädagogik) wieder, die sich den Zeitformen des Diagnostischen aus einer historisch-kulturanalytischen Perspektive nähern.
  • Kapitel V („Felder des Diagnostischen“) will in den Beiträgen von Hanno Pahl (Soziologie), Tobias Peter (dto.), Nikolaus Buschmann (Sportsoziologie), Paul Mecheril (Migrations-/​Bildungsforschung) und Walter Reese-Schäfer (Politikwissenschaft) Anwendungsbeispiele einer Diagnose aufzeigen.
  • Kapitel VI („Medialität und Formenwandel des Diagnostischen“) ist mit Beiträgen von Anna Langenbruch (Musikgeschichte), Martin Butler (Amerikanistik), Susanne Binas-Preisendörfer (Musikwissenschaft) und Juliane Engel/​Benjamin Jörissen (beide Pädagogik) wiederum kulturanalytisch angelegt.
  • Kapitel VII („Diagnose als Kritik – Kritik der Diagnose“) widmet sich zum Abschluss des Bandes mit den Beiträgen von Elke Bippus (Kunsttheorie), Frank Hillebrandt (Soziologie) und Frieder Vogelmann (Soziologische Theorie) ausgewählten durchaus zukunfts- und nicht zuletzt auch gesellschaftskritischen Gegenwartsfragen.

Inhalt

Wenn es sich um eine Versuchsanordnung handelt, wie in der Einleitung (S. 15) angezeigt, bleibt offen, warum sich die Herausgeber nicht zu einem anderen Aufbau entschieden haben, der beispielsweise die theoretische Eingrenzung vor der historischen Verortung des Phänomens auftreten lässt. Auch erweist sich die inhaltliche Zusammensetzung der einzelnen Kapitel als diskussionswürdig, da mit den beiden historischen Schwerpunkten und den kulturanalytischen konnotierten Beiträgen auch eine andere Gliederung vorstellbar wäre. So folgt der Band einer von den Herausgebern aufgegebenen und manchmal etwas künstlich anmutenden Dramaturgie, die mit einer historischen Annäherung an das Phänomen einsetzt.

Johann Kreuzer – bislang u.a. mit Arbeiten zu Augustinus und Hölderlin bekannt – macht den Auftakt in Kapitel I und lässt diesen nicht von ungefähr bei Augustinus einsetzen, dessen Confessiones er ausführlich zu würdigen weis und insgesamt einen Bogen bis ins 20. Jahrhundert spannt. Weiter zurück, also beispielsweise zu Plotin, geht Kreuzer allerdings nicht, obwohl Kreuzer die Erfahrung der Zeit nicht nur als Metapher, sondern in Anlehnung an Adorno als Funktion des Erkennens würdigt. Die Einordnung der Utopie erscheint hier vielversprechend, leider fehlt der Verweis ausgerechnet auf Richard Saage, einem wichtigen Autoren auf diesem Gebiet.

Die Frage nach der Zeit (in Anlehnung an Edmund Husserl auf S. 23 gestellt), nach dem Verhältnis von Gegenwart-Endlichkeit-Bewusstsein (hier u.a. mit Hegel, z.B. auf S. 29 argumentiert) verweist auf den Folgebeitrag von Achim Landwehr, der ebenfalls bei Augustinus ansetzt und den Bogen bis zu Niklas Luhmann aufspannt. Wenn nach Luhmann alles Gegenwart ist (S. 43), dann ist der Verweis auf den Sprachwandel im 17. und 18. Jahrhundert förderlich, den der Diskursanalytiker Landwehr als Hinweis auf den Übergang vom Raum- hin zu einem Zeitverständnis deutet. Ob hier der mehrfache Verweis auf Wikipedia als Bezugsquelle für den Gehalt des Beitrags sinnvoll ist, mag die Leser*innenschaft selbst beurteilen. Jedenfalls gelingt es Landwehr recht spielerisch, selbst so widersprüchliche Autoren wie Slavoj Zizek und Jean Baudrillard einzubinden und gleichzeitig wieder zu verwerfen. Für Landwehr scheint der Verweis auf Hans Gumbrechts Chronotypen der Zeit wichtiger zu sein, da er in denen u.a. Augustinus wiedererkennt. Sein Vorschlag, von Chronoferenz (S. 52) zu sprechen, ist der Versuch, den scheinbaren und seit Einstein schon wiederlegten Gegensatz von Raum und Zeit auch sprachlich zu überwinden: Wenn etwas gleichzeitig an- und abwesend ist, heißt das nicht, dass es nicht existent sein muss. Kein Wunder also, dass in dieser Zeit, im vom Autor angesprochenen 19. Jahrhundert, das Interesse an den Naturwissenschaften, vor allem an der Mathematik und der Astronomie, stark zunimmt. Warum die erquickliche Lesereise aber bei Rainer Maria Rilke endet, bleibt unklar.

Angesichts der vielen möglichen Gegenwarten ist es sinnlogisch, mit Eckhard Schumacher nach den Möglichkeiten der Digitalisierung in Bezug auf den Gegenstand der Untersuchung zu fragen. Wenn alles gleichzeitig ist, kann man auch wie der von Schumacher wiederholt bemühte Douglas Rushkoff gleichzeitig aktivistischer Cyberpunk, Musiker und Medientheoretiker sein. Dass sich die Gegenwart in einer zunehmend vernetzenden Welt verliert, ist allerdings nicht neu. Stattdessen wäre es interessant die Frage nach dem Filter zu stellen, der Gleichzeitigkeit beherrschbar macht. So bleibt es bei der kursorischen Aneinanderreihung bekannter Namen, wie Hartmut Rosa (S. 64), Neil Postman (S. 69), David Gelernter (S. 70), Hans Ulrich Gumbrecht (S. 72) und Mark Fisher (S. 74), an deren Ende die Feststellung bleibt, dass die Gegenwart nichts anderes ist als die konstante Infragestellung von Zeit (S. 78).

Den Reigen des I. Kapitels beschließt Hannes Krämer, der sich mit dem Verhältnis aus Zukunft und Geschehen befasst und die Moderne als Impulsgeber für Erneuerung wie Veränderung – Technik, Revolution, Kriege – in den Blick nimmt (S. 82). Seine Bezugspunkte sind Auguste Comte/Karl Marx (Gemeinsamkeiten blendet Krämer aus), Max Weber und Emile Durkheim. Gegenwart ist demnach das Produkt einer vom Kapital als Impulsgeber vorangetriebenen Umwälzung, die Krämer mit Reinhard Koselleck eher skeptisch betrachtet. Für ihn es daher logisch, dass sich die Frage nach der Erwartung in der Sicherheits- und Risikoforschung spiegelt. Maßgeblich, und das ließe sich auch als Schlusspunkt für Kapitel I lesen, bleibt, wie auch immer geartet, der Gegenwartsbezug.

Kapitel II setzt mit Thomas Etzemüller ein, der sich schon seit 2013 (ausweislich der Fußnoten) mit der Thematik der Sichtbarkeit von Gegenwart in Bildern und Narrativen befasst. In seinem konstruktivistisch motivierten Beitrag setzt Etzemüller zunächst bei der Gesellschaft als Herausforderung an, die das Diagnostische zugunsten von Prognosen aufgegeben und damit die eigenen Möglichkeits- und Interventionsfelder erheblich reduziert hat. Wie aber passt das damit zusammen, dass die Moderne doch eigentlich mit Luhmann ein autopoietischer Prozess ist (S. 107)? Etzemüller will den scheinbaren Widerspruch dadurch auflösen, dass er sich vertieft mit der Visualisierung von Gegenwart befasst, wobei er an Horst Bredekamps Diktum vom Eigenwillen des Stoffs ansetzt (S. 109) und das Bild mit dem Sprechakt gleichsetzt. Ob und inwieweit er hier auch eine Dekonstruktion ins Auge fasst oder die Sprache als Bildsymbole greift, bleibt ausweislich der Literatur unklar. Sehen als Sehakt, so die Perspektive von Etzemöller, geht weit über den Bildbegriff hinaus (S. 112, nochmals S. 114). Ob sein Brückenschlag zu Ernst Jünger da der Verständlichkeit dient? Eugenische Sprache und Architekturkritik – hier fehlt es an nachvollziehbaren, für eine nicht-soziologisch vorgebildete Leser*innenschaft, Begründungen für eine solche Herangehensweise (S. 124). Wenn solch eine Annahme dabei helfen soll, die Gestalt als Personifizierung politischer Macht zu destillieren, müsste das deutlicher herausgearbeitet werden.

Ein präzises Gegenstandsbild hat unzweifelhaft Timo Luks mit den Factory Girls vor Augen. Dieser auch für Nichthistoriker äußerst lesenswerte und gewinnbringende Beitrag fokussiert einerseits auf eine eindeutig bestimmbare Untersuchungsgruppe und andererseits auf einen ebensolchen bestimmbaren Zeitraum – wobei eine Überlegung, inwieweit das Phänomen heute in Form der Leih- und Zeitarbeit womöglich eine gewisse Art der Renaissance erfährt, hilfreich gewesen wäre. Luks versteht es, seinen Gegenstand durch die Brille zeitgenössischer und heute weitgehend vergessener Sozialreformerinnen lebendig zu gestalten, sein Verweis auf (die Kinderbuchautorin) Beatrix Potter beispielsweise macht neugierig auf mehr (S. 132–138). Auf diese Weise wird die Arbeit von Frauen als gesellschaftlicher Problembezug greifbar, wird deutlich, was Wandel heißen kann, wird verständlich, wie sich das Gesellschaftsbild u.a. bei Foucault geformt hat (S. 139–144). Schade nur, dass der Untersuchungsgegenstand (Sozial-) Reform im Sammelband nicht weiter vertieft wird. Ein entsprechender Beitrag beispielsweise aus bildungspolitischer Sicht wäre hier sicherlich sinnvoll gewesen. Doch dazu im Fazit weiter unten mehr.

Tobias Schlechtriemen rekurriert stattdessen auf die Sozialfigur an sich, wofür er sich u.a. auf Ulrich Beck und Richard Sennett bezieht (S. 148) und nach der Wirkungsmacht einer solchen Sozialfigur fragt. Schlechtriemen ist auch der erste Autor, der dezidiert nach einer Unterscheidung der Gegenwartsdiagnose von der soziologischen Theoriebildung und auch der Sozialtheorie fragt, indem er auf S. 149 auf die vielen Leerstellen in der rein empirischen Forschung verweist. Die Sozialfigur als Figur des Wissens, als gestaltete Wirklichkeit – das sind Bilder, die einer vertieften Betrachtung bedürfen, weil sie die Grenzen des Verständnisses strapazieren oder überschreiten (S. 151). Die drei Fallbeispiele (S. 153–155) sind klug gewählt, dem Autoren gelingt anschaulich zu verdeutlichen, was er wie unter dem Terminus Sozialfigur verstanden wissen möchte. Sport als Spiegelbild der Gesellschaft, besonders seit der Wiedereinführung der Olympischen Spiele, ist ohne Zweifel einer vertieften Betrachtung wert, zumal er wie kaum ein anderes Beispiel die Funktionsweisen von Imagination, Erwartung und Realität verdeutlicht. Der in fünf Schritten angelegte Beitrag liefert eine solide sportsoziologische Betrachtung des Sports an sich, lässt aber auch eine Reihe von Fragen unbehandelt. Pierre de Coubertin ist naheliegend, was aber ist davor mit einem Friedrich Ludwig Jahn? Kann der Sport im Sinne eines Karl Jaspers tatsächlich frei machen bedenkt man die dem Individualsport inhärenten (Leistungs-)Zwänge? Wofür stehen letztlich die Paralympics? Der Verweis darauf fehlt, dass diese erst seit 1988 stattfinden und erst seit 2012 als werbewirksam gelten.

Mit Anja Zimmermann und deren Beitrag zum Thema Perspektivwechsel im Sehen endet das Kapitel. Für Zimmermann sind Bilder und Fotographien mehr als nur Abbildungen einer vermeintlichen Wirklichkeit. Sie sieht diese als Inszenierungen, die den Sehenden und den Sehprozess durch den Einsatz von Visualisierungseffekten beeinflussen und so in die (individuelle wie kollektive Sicht auf die) Wirklichkeit eingreifen (S. 190). Besonders deutlich wird das durch den bewussten Einsatz fotographischer Mittel während der Zeit der Neuen Frauenbewegung, wobei Zimmermann zur Begründung einen interessanten Rückgriff auf Emile Zola und dessen medizinisch-naturwissenschaftlichen Blick auf die Kunst als Erprobung und Verfeinerung von Format, Technik, Modi, Material und letztlich Objektivität vornimmt (S. 191). Für Zimmermann spiegeln die zeitgenössischen Fotos aus den 1970er Jahren die zentralen Fragen des Feminismus, indem sie quasi visuelle Diagnosen der Erlebniswelten und Bewusstseinsebenen von Frauen zulassen. Der Zugang wirft aber auch Fragen auf: Wirken die Bilder für sich oder braucht es den von Zimmermann beigefügten erläuternden Kontext? Lässt sich der von Marianne Wex in den 1980er Jahren formulierte Ansatz auch auf die heutige Bilderwelt(en) übertragen?

Mit Kapitel III stellt sich die Frage, ob die Reihenfolge der hier zu findenden Beiträge einer nicht-soziologischen Leser*innenschaft zuträglich ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Leser*innenschaft die Einzelbeiträge in der von den Herausgebern veranlassten Reihung erschließt, ist allerdings gering. Sonst müsste man überlegen, ob nicht doch theoretische Explikationen den Band hätten grundieren sollen. Hubert Knoblauch, mit dem das Kapitel beginnt, begreift die Diagnose in seinem wissenschaftssoziologischen Beitrag als reflexive Methodologie, mit der er einen Beitrag zur Lückenschließung zwischen Michael Foucault (subjektiver Diskurs), Theodore Schatzki (Praktiken) und Niklas Luhmann (Kommunikation) leisten will. Eine Parallele zur Epocheneinteilung in den Geschichtswissenschaften ist für Knoblauch zwar naheliegend, aber aus einer ganzen Reihe von Gründen heraus nicht zielführend. Zumal er wie zuvor schon Schlechtriemen in Kapitel II die Gegenwartsdiagnose zwischen soziologischer Theorie und Sozialtheorie verortet, hier aber entlang der Linie Code – Publikum – Stil argumentiert. Ob die Länge der Textsorten als Kriterium aussagekräftig für Gegenwartsdiagnosen ist oder auch nicht, kann sicher diskutiert werden (S. 219). Für beide theoretischen Standbeine der Soziologie liefert Knoblauch starke Anhaltspunkte. Zugleich warnt er vor Verengungen, die wie im Falle des Ethnozentrismus zu Fehlschlüssel führen würden. Da aber spricht er schon Gesellschafts- und nicht mehr von Gegenwartsdiagnosen (S. 229).

Uwe Schimank/Ute Volkmann schlagen eine ganz ähnliche Richtung ein, auch wenn sie auf S. 235 vor allzu viel Alarmismus, Spekulation und mangelhafter empirischer Datenlage warnen. Letzteres soll aber nicht heißen, dass es an Daten fehlt – vielmehr geht für sie die Fähigkeit zur Objektivierung der Daten verloren. Daten werden selbst zu Interpretamenten und ihr Aussagegehalt schrumpft vor dem Horizont der Auftragsforschung zusammen (S. 238). Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass aus der Warte der Autor*innen nach Talcott Parsons, Andreas Reckwitz und nicht zuletzt auch Jürgen Habermas keine Innovationen in der soziologischen Theorieforschung mehr zu verzeichnen waren. Stattdessen konstatieren sie ein wahres Panorama an Gesellschaftstheorien, worin sie eine Ausdifferenzierung der soziologischen Forschung erkennen. Diese legt sich zunehmend auf die Bereiche Kulturtheorie, Theorie der Ungleichheit und die Differenzierungstheorie fest, lässt allenfalls noch sporadisch die Kapitalismuskritik gelten. Im Ergebnis bereichern Gegenwartsdiagnosen den Diskurs, einen Ersatz zur Theoriebildung können und wollen sie nicht sein.

Das spielt nun insofern Matthias Leanza in die Hände, der in seinem Beitrag für mehr Tiefenschärfe in der Alltagsbetrachtung in der Soziologie plädiert. Dass er sich dabei u.a. auf Norbert Elias stützt, wird anhand seiner Ausführungen zum zeitlich zu verorteten Bruch zwischen Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose manifest, den Leanza auf die Nachkriegszeit datiert (S. 256). Mehr Tiefenschärfe heißt für Leanza eine Rückbesinnung auf die Zeit zwischen 1820 und 1860 und damit in die Ära der Proto-Soziologie, als der klinische Blick auf die Zeitumstände modern und die Frage nach Ursache-Wirkung zum Bestimmungsfaktor einer neuen Zeitrechnung wurde. Seine Argumentation lässt sich grob so einordnen: Die Industrialisierung bedingt Armut, Pauperismus und Proletariat gelten für zeitgenössische Autoren wie Alexis de Tocqueville oder Joseph Townsend als ursächlich – Leanza bringt hier Hegel und damit das Bürgertum ins Spiel. Herbert Spencer fordert daraufhin mehr soziales Engagement vom Staat, Wilhelm von Humboldt warnt ganz ausdrücklich davor. Reformen sind mal Medizin, mal wie im Kommunismus Teil der Krankheitssymptome. So fundiert Leanza argumentiert, müssen doch wenigstens drei Einwände gemacht werden, ohne dass dadurch der Aussagewert des Beitrags reduziert würde: Erstens kann man in dieser Zeit (Wiener Kongress/​Restauration und Deutscher Bund) historisch gesehen noch nicht von Deutschland sprechen. Zweitens erscheint es schwierig, hier von Sozialhygiene zu sprechen. Drittens fehlen Aussagen zu der Überwindung des Ançient Regimes und zur Revolution an sich. Passen also Reformdebatte und Gegenwartsdebatte zusammen? Ist die Revolution an sich entsprechend geeignet – oder vielleicht nicht doch das Beharren auf die Staatsraison? Für Leanza bleibt die Soziologie die zentrale akademische Disziplin für Gegenwartsdiagnosen – aber wird das in irgendeiner Form in Frage gestellt?

Wohl auch deshalb endet das Kapitel mit Fran Osrecki, demzufolge der Gesellschaftsbegriff in Bewegung geraten ist. Befunde wie der von der Netzwerkgesellschaft greifen nicht mehr, weil sie in immer kürzeren Abständen auf Ablehnung treffen. Gleichzeit verortet er die Gegenwartsdiagnose im sozialwissenschaftlich geprägten Feuilleton, der zwar die Öffentlichkeit erreicht, wissenschaftlich aber als nur wenig fundiert gelten muss. Die hier zusammengestellten Beispiele (ab S. 280) werfen in der Tat mehr Fragen auf, als sie beantworten können, zumal sie für Osrecki eher als Zeitdiagnosen fungieren. Dies kann auch anregend für zukünftige Beschäftigungen mit dem Gegenstand gelten. Eine fundierte Gegenwartsdiagnose dagegen habe das Potenzial, auch von der Politik aufgegriffen zu werden (S. 286) – eine interessante Aussage, denn so stehen sich Politik und Öffentlichkeit unter Umständen als Antagonisten gegenüber, ist die politische Entscheidung letztlich von der monopolistischen Verfügbarkeit der Gewaltmittel abhängig.

Kapitel IV bzw. Achim Landwehr kommen wieder auf das für den Gegenstand der Untersuchung relevante 19. Jahrhundert zurück. Landwehr, zuvor schon in Kapitel I gegenwärtig, fokussiert in seinem zweiten Beitrag auf das Theater als kulturanalytisch interessanten Begegnungsraum, in dem das Spiel zwischen Realität und Wahrheit die Grenzen der Gegenwartsdiagnostik – gibt es solche? – zu sprengen droht. Die Bühne, das Ensemble und nicht zuletzt die Inszenierung bilden die mehrdimensionale Ordnung, in deren Grenzen selbst das chaotischen Mustern folgende Leben überschaubar wird. Daran hat sich seit den antiken Tragödien nichts geändert. Allenfalls die Frage der Vermittlung wird zum Lackmustest, wenn die vermeintliche Wahrheit relativ und die Gegenwart beliebig wird. Ganz ähnlich entwickelt sich der Argumentationsfaden bei Nicolai Hannig. Obwohl sich dieser mit einer völlig anderen Materie befasst und die Anmaßung des Menschen gegenüber der Natur in den Blick nimmt, in der Versinnbildlichung des Wasserbaus. Er macht hieran deutlich wie der Mensch versucht, die Natur nach seinen Vorstellungen zu forme. Da der Wasserwegebau auch ein Verkehrswegebau war/ist, der für die Entwicklung erst des Deutschen Bundes, dann des Zollvereins, zentral war, kommt zu kurz.

Hannig stilisiert die Figur des Wasserbauingenieurs zum Leistungsbarometer für die damaligen noch jungen Nationalstaaten (S. 329) – mit den damit verbundenen Folgefragen zur Finanzierbarkeit, Verwaltungsmodernisierung und Arbeitsorganisation hält er sich nicht lange auf. Überhaupt fehlt eine Überlegung dazu, ob das naturschwärmerische Element des 19. Jahrhunderts mit der heutigen Umweltschutzüberlegung kompatibel ist!

Gunilla Budde geht da sehr viel behutsamer mit ihrem Gegenstand, nämlich dem Familienbild, um, das sie mit großer Umsicht in das unruhige 19. Jahrhundert mitsamt seinen vielen sozialen Umbrüchen einbettet und anhand der dadurch greifbar werdenden Veränderungen nachzeichnet. Budde nimmt dabei gezielt die soziale Platzierung der Frau in den Blick, um den von Wilhelm Riehl geprägten Familienbegriff in all seinen Abhängigkeitsstrukturen dechiffrieren zu können. Die auch für Nichthistoriker*innen sehr gut lesbare Abhandlung spart lediglich die Frage aus, ob und inwiefern der heute im Grundgesetz verankerte besondere Schutz der Familie hier schon erste Ansatzpunkte hat, zumal Budde das Niedergangsnarrativ über Familie als Dauerbrenner in der soziologischen wie politischen Debatte herausstellt (S. 356).

Wenn man nun unterstellt, dass sich Kapitel IV auf eine Auswahl von Einzelbeispielen konzentriert, erscheint der Beitrag von Dieter Langewiesche etwas verblüffend. Dieser beschäftigt sich dezidiert in seinem Aufsatz mit der sog. Rektoratsrede, die allenfalls einen äußerst begrenzten Wirkungsraum entfaltet und im Regelfall in ein periodisches Ritual eingebunden ist. Langewiesche, ausgewiesener Kenner des Bürgertums und der gesellschaftlichen Fragestellungen an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, verweist weder auf die eigentlich naheliegende Verbindung zur sehr viel älteren Predigtform (S. 357), noch macht er sich die Mühe, die Textsorte näher einzugrenzen. Wie wirken diese Reden auf das Publikum? Wie kann der Redner auf aktuelle Entwicklungen eingehen? Das sind gängige Fragen in der Politolinguistik und in der Sprachtheorie sowieso. Nicht einmal der Umstand, dass die Tradition der Rektoratsrede in den 1990er Jahre neubelebt wurde, ist eine Überlegung wert.

Demgegenüber schließt nun Yvonne Ehrenspeck-Kolosa das Kapitel mit ihren Überlegungen zum Zeitphänomen der Unruhe respektive zum Umgang mit ADHS ab. Gut, es ist sicherlich fruchtbar für die pädagogische Forschung, dass das Thema schon im späten 18. Jahrhundert Aufmerksamkeit fand (S. 379). Da hier aber der Begriff der Bildung weitgehend unbearbeitet bleibt, wird nicht klar, in welche Richtung dieser Beitrag eigentlich gehen will. Ist ADHS eine Reaktion auf die sich verändernden Bedingungen im Bildungssystem? Bedenkt man die Debatten um das Bildungsniveau, wäre das von Ärzt*innen mit Psychopharmaka behandelte Krankheitsbild (ADHS) eigentlich keines. Ist es die Einstufung als pathologisches Muster? Dann würde man sich einen Vergleich mit den im PISA-Test deutlich führenden Staaten wie Südkorea wünschen – wo die Selbstmordrate unter Schülern und Studierenden als nationales Trauma gilt, ohne dass sich an den streng hierarchischen Lehr- und Lernformen etwas ändert. Der Beitrag lässt seine Leser*innen etwas ratlos zurück, wie zuvor schon derjenige von Langewiesche.

Der Befund kann auch für den Beitrag von Hanno Pahl gelten, der Kapitel V mit seinen Überlegungen zur Mainstream-Ökonomie eröffnet. Leider verwendet Pahl keinerlei Mühe auf eine Erklärung der Terminologie – der Begriff gilt für ihn als gesetzt. Dazu kommen Anglizismen wie die von der Great Depression, die ein historisch Interessierter eher in den USA der 1930er Jahre verortet und nur bedingt mit der seit 2008 zu konstatierenden Wirtschaftskrise verbindet. Womöglich meint Pahl ja die frühere Nationalökonomie und heutige Volkswirtschaft, zumal er sich u.a. auf Alois Schumpeter und sogar Friedrich von Hayek bezieht? Prinzipiell muss die Frage erlaubt sein, ob eine solche Übertragung der Analyse zur US-Wirtschaft auf die deutschen Verhältnisse funktioniert. So bleibt es (z.B. auf S. 404) bei plakativen Allgemeinplätzen. Was also ist die hier interessierende Gegenwartsdiagnose – die Analysen der FED, die für Insider formulierten und kaum verständlichen Statements eines Alan Greenspan oder die Wirtschaftskrise an sich?

Tobias Peter wählt in seinem Aufsatz im Kontrast dazu eine andere Herangehensweise, indem er zunächst den Bildungsbegriff sauber umreißt und dabei auch auf die Besonderheiten des Terminus Wissen rekurriert. Zwar liegt auch hier der Fokus auf den USA (S. 423). Es ist aber hervorzuheben, dass Peter die im Zentrum stehende Gegenwartsdiagnose ausdrücklich als Ausschnitt einer Wirklichkeit begreift, da sie nicht das Ganze abbilden kann. Gerade deshalb kann Peter seine Überlegungen so gestalten, dass er als Kontrast auf den Stellenwert von Arbeit (man denke nur an das uramerikanische Versprechen vom pursuit of happiness) hin- und dann auf die Defizite in der Verteilung der Chancengleichheit verweisen kann. Auf dieser Grundlage lässt sich in der Tat trefflich über die Bildungspolitik eines Georg W. Bushs streiten, dessen Diktum vom No child left behind auf sozialpolitische Implikationen bildungspolitischer Entscheidungen schließen lässt. Bildung und die ihr augenscheinlich inhärenten Diskriminierungspotenziale sind beiderseits des Atlantiks ein Thema. Von daher ist Peter unbedingt zuzustimmen, wenn der die Gegenwartsdiagnose als Chance begreift, das „Ausgeschlossene und Unsagbare“ aufzuspüren und zu thematisieren (S. 438). Nimmt man dieses Fallbeispiel als Folie, lässt sich auch der Beitrag von Nikolaus Buschmann zum Thema Nachhaltigkeit entsprechend einordnen. Buschmann, der sich in seinen bislang vorliegenden Schriften schon u.a. mit der Moderne als Zeitphänomen befasst hat, geht zurecht darauf ein, dass der Terminus der Nachhaltigkeit ebenso wie sein englisches Pendant nicht mehr aus Sprache und, wichtiger noch, Konsum wegzudenken ist. Auch wenn Buschmann hier nicht von einem Frame ausgeht, zeichnet er das Aufkommen der Nachhaltigkeitsdebatte entlang der zentralen Punkte und das sich daraus ergebende Politische der Debatte nach. Seine Befunde (Postkollapsgesellschaft und Zivilisationsbruch) erinnern etwas an friday for future (S. 459). Sind der Rio-Prozess und die Nachhaltigkeits-Debatte gerade in Deutschland nicht auch deshalb so stark rezipiert worden, weil es etwas ganz ähnliches schon einmal gegeben hat, nämlich während der naturschwärmerischen Romantik?

Paul Mecheril widmet sich in seinem Beitrag einem weiteren hochaktuellen Thema – sein Fokus liegt auf dem Phänomen der Migration, das seinen Ausführungen nach längst keines mehr sein kann, bedenkt man allein die Folgen des Jahres 2015 für die deutsche Innenpolitik. Der in Bielefeld tätige Psychologe ordnet zunächst einmal das Migrationsgeschehen selbst ein, um dann auf Zentralfunktionen von Grenzen (S. 461) im öffentlichen Bewusstsein zu verweisen. Sein Befund, dass Migration längst Alltag ist (S. 462/463), wird in der einschlägigen Literatur geteilt, die sich daraus ergebenden Analyseansätze sind ebenfalls geläufig. Mecheril greift zur Thematik der Gegenwartsdiagnose vieles auf, was sich so oder ähnlich schon in anderen Beiträgen findet, z.B. hinsichtlich der Einordnung als 3. Weg zwischen den Theorien und der Sozialtheorie. Der Sprung aber zur Flucht als Migrationsgrund gibt zu denken: das Asylrecht kennt keine nicht-verfolgungsbedingten Migrationsursachen. Die Ausführungen zum Zugehörigkeitsraum sind aber interessant (S. 475), der Rekurs auf den Regimebegriff ist schlüssig (S. 477) und der Verweis auf Gramscis Hegemonie-Ansatz (S. 477) fundiert. Mecheril bleibt eigentlich nur eine Antwort schuldig (was auch die Leser*innen zum Nachdenken hierüber anregt): Was, wenn die Migration – gerade im Fall der Flucht – auf eine breite Ablehnung in der Aufnahmegesellschaft stößt, weil diese den Zugehörigkeitsraum nicht teilen will?

Genau hier setzt nämlich die Betrachtung von Walter Reese-Schäfer an, der sich dieser Frage aus der Perspektive zweier Experimentalromane nähert, die in den letzten Wochen und Monaten für erheblichen Gesprächsstoff, ja Kontroversen, gesorgt haben. Anhand Michel Houellebecq's „Unterwerfung“ (2015) und Jean Raspail's „Das Heerlager der Heiligen“ (original 1973, dt. Fassung 2015) zeigt Reese-Schäfer die Schlagkraft eines Genres auf, die schon Zola oder Musil zu nutzen wussten, weil sie – so das zutreffende Diktum Reese-Schäfers – ihre Wirkung jenseits politischer Wertung und entlang der diversen gesellschaftlichen Konfliktlinien entfalten. Entscheidend bleibt die Qualität des diagnostischen Materials (S. 483). Wie dieses dann aufgegriffen wird, treibt zuweilen aber seltsame Blüten – Raspail etwa zählt zu den Stichwortgebern der Verschwörungstheorie vom Großen Austausch eines Renaud Camus, die sich derzeit bei Neu-Rechten großer Beliebtheit erfreut. Auch Houellebecq muss sich immer wieder gegen solche Vereinnahmungen wehren. Beide Autoren, das stellt Reese-Schäfer klar, wissen sehr wohl um die Wirkung des Experiments, um seine psychologischen Komponenten, um die Ästhetik des sozial Hässlichen, um seine religiösen Assoziationen (Offenbarung). Migration als groß angelegtes Sozialexperiment – Reese-Schäfer verweist die Romane in den Bereich der Dystopie, die im Falle Jean Raspails (gewissermaßen als kongeniale Ergänzung zu Toynbee und Spengler?) bis in den Clash of Civilizations von Samuel Huntington hinein Spuren hinterlassen hat.

Nach diesem höchst abwechslungsreichen Kapitel V eröffnet nun Anna Langenbruch mit ihren der Wissenschaftsoper gewidmeten Überlegungen das VI. Kapitel. Langenbruch, derzeit Nachwuchsgruppenleiterin im DGF-geförderten Emmy Noether-Programm am Institut für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, ist seit 2016 mit dem Projekt „Musikgeschichte auf der Bühne“ befasst – ihr Beitrag ist ohne Zweifel ein sehr interessanter in der Gesamtschau. Der Fokus liegt auf der – eher selten gespielten, weil aufgrund der musikalischen Ausdrucksmittel durchaus fordernden – Zeitoper, welche die auch in der Literatur präsente gesellschaftliche Selbstproblematisierung spiegelt. Zur Verdeutlichung ihres Ansatzes vergleicht Langenbruch vier Opern, die sie aufgrund prägnanter Kriterien auswählt: alle behandeln die Naturwissenschaften, alle haben eine historische Figur zum Gegenstand. Dass Langenbruch nebenbei auch genderrelevante Aspekte gelten lässt, verleiht dem Beitrag eine weitere Tiefenschärfe, ohne ihn deshalb zu überfrachten. Entlang der Reflexionsgegenstände Wissenschaft – Ethik sowie Wissenschaft – Geschlecht skizziert Langenbruch das Leistungspotenzial ästhetischer Handlungs- und Erfahrungsräume als Gegenwartsdiagnosen. Die Autorin setzt sich zudem in Anlehnung an Martin Sell mit Kosellecks geschichtstheoretischer Kategorie der Erfahrung auseinander (S. 500) – jenseits der Zeitebene bringt die Oper demnach Sprache, Klang, Bild und Körper zusammen; Erfahrung wird so zu einer von vielen Variablen (S. 514). Martin Butler befasst sich dagegen – auch thematisch kontrastierend im Vergleich zu Langenbruch – mit der Figur des Singer-/​Songwriters und der sich hieraus ergebenden Ausdeutungsmöglichkeiten. Wo Langenbruch sozusagen das Orchester und die Bühne im Fokus hat, nimmt Butler den einzelnen Interpreten und die Straße als Wirkungsraum in den Blick. Ob der amerikanische Songwriter tatsächlich der Erbe des (alten) europäischen Barden fortführt, erscheint mit Blick auf die berühmte Sottise von Richard Cheney doch diskussionswürdig. Hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis tatsächlich für die Qualität seiner Texte gewonnen? Sein Verhalten im Anschluss daran war jedenfalls wenig preiswürdig.

Aber das sind Nebensächlichkeiten, da Butler vor allem auf zwei Merkmale aufmerksam macht: der Singer-/​Songwriter ist in den USA männlich und weiß. Abweichungen davon sind selten. Er ist – zumindest der kommerziell erfolgreiche – allerdings auch ein Produkt, das seine Authentizität im Rahmen der Spielregeln des Marktes (Merchandising) zu vermarkten weis. Parallelen zu anderen Genres in des USA – vor allem zum populären Country oder zum Rap in seinen Spielarten als Gegenentwurf zum Singer-/​Songwriter – ignoriert Butler hingegen. Er belässt es bei einer ausführlichen Konzertkritik und kapriziert sich auf die Ikonenbildung in der US-amerikanischen Musikszene. Schnittmengen zum Themenkorpus des Sammelbandes bleiben da leider auf der Strecke.

Diese finden sich dagegen sehr wohl bei Susanne Binas-Preisendörfer, die sich im Anschluss an Langenbruch und Butler mit dem Phänomen des Lärms befasst und dieses als Kontrapunkt zum Geräusch herausstellt. Ihre Einlassung, dass der Klang als Medium von Lautheitsempfindungen eigene Gegenwartsdiagnosen erzeugen, modellieren und verbreiten kann (S. 531), kann derjenige nachempfinden, der sich mit der Rechtsprechung in Fällen von Kinderlärm befasst. Das aber ist hier (leider) weniger relevant als etwa die beschriebene Lärmkraft einer Vuvuzela; die Autorin diskutiert eher allgemein und mit Blick auf die Gegenwart als Klangteppich von Technik und sozialer Instabilität. Lärm als Krankheitsursache, als Kritikpunkt an der Moderne, als sozialisierende Klangumwelt, als Kennzeichen einer Übersättigung und nicht zuletzt als Auslöser einer Sehnsucht nach Stille – Binas-Preisendörfer zeigt eindrucksvoll das Potenzial von Lärm „als materiell erlebtes Medium des Sozialen“ auf (S. 547). Auch, dass der Beitrag bewusst offengehalten ist und so eigene Interpretamente zur Argumentationskette Lärm – Raum – Legitimation eröffnet, ist hervorzuheben.

Gleiches wünscht man sich auch von dem Beitrag von Juliane Engel/​Benjamin Jörissen, die sich – als Abschluss des Kapitels – mit dem Phänomen der Digitalisierung befassen. Die Autor*innen bringen hier erste Erkenntnisse aus einem DFG-Projekt („Glokalisierte Lebenswelten von Jugendlichen“) ein. Engel ist Vertretungsprofessorin in Bamberg und Jörissen Inhaber eines UNESCO-Chairs an der FAU in Nürnberg-Erlangen. Der Beginn bleibt etwas unklar, was eigentlich thematisiert werden soll, da sie die Digitalisierung nicht per se in den Blick nehmen oder die heute obligatorische „Industrie 4.0-challenge“ voranstellen, die das Leben sämtlicher Nutzer*innen und die Arbeitswelt per se verändern soll. Als (Schul-)Pädagogen suchen sie stattdessen einen Zugang zu den Gegenwartsdiagnosen, den sie über deren „subjektivierungs- und bildungsbezogene Bedeutung“ (S. 550) finden. Den Einstieg bildet denn auch ein erziehungswissenschaftlich konnotierter Theorienapparat zur Medienbildung und zur (post-)digitalen Kultur. Der weitere Verlauf konzentriert sich aber vor allem auf die Reflexionsaspekte Kontrolle und Sichtbarkeit, also darauf, die wie die Jugendlichen die Digitalisierung als Erfahrungsraum wahrnehmen. Naheliegend, dass die Autor*innen zu dem Fazit gelangen, dass hier (noch) nicht eindeutig zu klären ist, welche „Probleme und Zukunftsentwürfe“ eigentlich im Fokus stehen (S. 567).

Das VII. und damit auch abschließende Kapitel des äußerst umfangreichen Werkes eröffnet Elke Bippus, eine im Schrifttum ausgewiesene Kunsthistorikerin von der ZHK Zürich. Bippus nimmt den Faden der Digitalisierung etwas auf, in dem sie sich mit einem Projekt aus dem Bereich der Videokunst befasst. Ihre Protagonistin, die in Serbien geborene und in Rotterdam lebende Künstlerin Katarina Zdjelar, lässt unverkennbar biographische Elemente einfließen, wenn sie sich u.a. mit den Anpassungstechniken von Migranten in der Aufnahmegesellschaft befasst und diese in ihrer Kunst kritisch spiegelt. Das Medium Video dient dabei der Visibilisierung von Metaphern und damit von Gegenwartsdiagnosen (S. 577), beispielsweise über die verwendeten Techniken, den Schnitt, die Beleuchtung, etc. Der Deutungsrahmen entlang der Bezugskette DescartesSpinozaKant (S. 583) hätte allerdings mehr Raum verdient – ebenso das Spiel der Autorin mit ihren Anleihen bei den Masken von Machiavelli (S. 573). Geht es also um Ästhetik – oder doch um Gefühl?

Frank Hillebrandt greift in seinem Beitrag – der aufgrund seiner Perspektivierung wohl besser zu den Texten von Langenbruch und Binas-Preisendörfer gepasst hätte – erneut den Bereich der Popmusik auf. Wo sich Butler mit einer Textanalyse begnügt, hinterfragt Hillebrandt die Wirkmacht von Popmusik respektive deren Kritikpotenzial unter Rückgriff auf die Arbeiten von Ernst Bloch und Theodor Adorno. Seine Beispiele erscheinen jedoch mit Blick auf den von MTV und anderen Sendern populär gemachten Videoclip als Werbeträger etwas antiquiert, der Plattenspieler (S. 595) ist heute wohl kaum noch Mainstream, um an den von Pahl in Kapitel V überstrapazierten Begriff anzuschließen – sondern heute vielmehr ein eher kostspieliges Elitenphänomen. Von daher ist die von Hillebrandt vorgebrachte Kapitalismuskritik nicht ganz überzeugend, kann auch der Verweis auf Jimi Hendrix nicht aushelfen. Wenn Popmusik eine Ausdrucksform des Widerstandes ist, dann müsste dieses genauer und anhand von Beispielen erläutert werden, die nicht schon zur Ikonographie erstarrt an vergangene Zeiten erinnern. Wie sieht es etwa mit der Diskussion um die deutsch-sprachige Popmusik aus? Man denke nur an den bekanntermaßen schwierigen Weg eines Udo Lindenbergs. Oder an die sog. Neue Deutsche Welle, die sich als musikalische Avantgarde verstand. Ihre Protagonisten wurden zu Trendsettern – gegen den Widerstand einer Musikindustrie, die auf englische Texte setzte. Die Grenzen zum Schlager werden heute mühelos überschritten; Helene Fischer und Andreas Gabalier sind die neuen Gallionsfiguren in einer Industrie, in der sich die Künstler als Marke behaupten müssen. Neue Abspielformate wie Spotify haben den klassischen Plattenvertrieb nahezu verdrängt, die Cloud ist der selbstverständliche Bezugsrahmen von Jugendlichen – all das wird bei Hillebrandt vermisst.

So ist es an Frieder Vogelmann, mit seinem theoretisch durchkomponierten Beitrag den äußerst vielschichtigen Reigen dieses in der Summe überaus abwechslungsreichen und anregenden Sammelbandes abzuschließen. Vogelmann, Vertretungsprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, setzt noch einmal dort an, wo auch das Kapitel III schon diskutiert hat: bei der Frage, ob das zeitdiagnostische Wissen als Kritikform, als Deutung von Gegenwart oder als Verstehensvehikel fungiert (S. 603). Wo Beschleunigung der Lebenswelt und Big Data mit Burnout einhergehen, ist es seiner Ansicht nach an der Gesellschaftstheorie, die sozialen Pathologien zu benennen und die Feuilletons den intellektuellen Debatten zu überlassen. Vogelmann spiegelt seine Argumente an Luhmann und Popper, greift dezidiert Axel Honneth auf und zieht Hegel als Nachweis dafür zu Rate, inwieweit die Frage der Wirklichkeit im soziologischen Sinne zu beantworten ist (S. 611). Im Gegensatzpaar Foucault-Hegel sieht er den Widerstreit Diagnostik-Denken am Werk, ohne hier eindeutig Position für eine der solchermaßen reflektierten Disziplinen zu beziehen. Sein Fazit ist eher ein Aufruf, das Phänomen der Gegenwartsdiagnose nicht nur in der Soziologie oder in der Philosophie zu bearbeiten, sondern sich dem Gegenstand trans- und interdisziplinär zu nähern. Damit liefert Vogelmann einen ebenso interessanten wie anregenden Beitrag, der den Sammelband als das enden lässt, wie er in der Einleitung angekündigt wurde: als einen Versuchsentwurf. Von großem darauf aufbauendem Interesse dürften – in diesem Zusammenhang – die Therapievorschläge sein, die aus der/den hier getroffene(n) Diagnose(n) abgeleitet werden.

Diskussion

Bei einem so vielschichtigen Sammelband wie dem hier vorliegenden kann das Urteil nur im direkten Vergleich zwischen den Beiträgen gefällt werden. Die zu den Einzelbeiträgen gemachten Anmerkungen, etwa zu den offen gebliebenen Fragen, stehen zunächst einmal für sich. Zur Diskussion gestellt werden soll hier jedoch als Erstes eine Beobachtung, die sich auf die Gesamtheit der Beiträge übertragen lässt. Demnach handelt es sich der Mehrheit der hier versammelten Texte um Diagnosen der sozialen Wirklichkeit der Gegenwart, die aus einer rein westeuropäischen Sicht getätigt werden. Themen wie z.B. die Globalisierung respektive die Internationalisierung der Gegenwart klingen nur vereinzelt in den Aufsätzen an. Fragen der Gegenwart finden u.a. auch im lateinamerikanischen oder asiatischen Kontext statt – diese Bezüge fehlen aber sowohl in der Autor*innenschaft als auch in den Literaturbelegen. Eine Ausnahme findet sich bei Knoblauch (S. 229).

In diesem Kontext sei auf die Beiträge von Peter (Bildung: S. 419–438), Buschmann (Nachhaltigkeit: S. 439–459) und Mecheril (Migration: S. 461–479) verwiesen, in denen eben diejenigen Themenfelder behandelt werden, für deren Verständnis von Gegenwartsdiskursen, -diagnosen und -logiken die Wirkungsmechanismen von Globalisierung mitgedacht werden müssen. Die Fokussierung der Beiträge, die angelegt sind, gesellschaftliche Dynamiken und Transformationsprozesse moderner Gesellschaften (S. 15 ff.) in den Blick zu nehmen – das wäre der zweite übergreifende Diskussionspunkt – geschieht zum einen über ausgewählte Fallbeispiele aus der Evolution des Wissenschaftssystems vom Spätmittelalter bis heute und zum anderen über konkrete Erscheinungsformen, die auf eine Diagnose von Gesellschaft hinweisen und gesellschaftliche (Teil-)Probleme ansprechen. Der Band versteht sich ausdrücklich als Versuchsanordnung, um Wirkungen, Folgen und Potenziale von Diagnosen der sozialen Wirklichkeit zu erkennen und zweckdienlich anzugehen. Dann aber stellt sich die Frage, warum beispielsweise der Bereich der Prognose fehlt, während andere Themen gleich mehrfach besetzt sind. Prognosetechniken wurden als Reaktion auf die Krisen der 1970er Jahre systematisch entwickelt und kommen längst – beispielsweise in der politischen Lagebeurteilung – zum Einsatz. Gleiches kann man mit Blick auf die Debatte zur Überwindung/​Revitalisierung des Nationalstaates anführen, nachdem postnationale Herrschaftsformen nicht nur in Europa, sondern beispielsweise in der Karibik zum Einsatz kommen. Ein so groß angelegtes Projekt wie dieser Sammelband lädt zu solchen und weiteren Überlegungen geradezu ein, macht den hier gewählten Gegenstand, nicht nur für Soziolog*innen spannend und zeigt einen notwendigen interdisziplinär angelegten Forschungsbedarf auf.

Fazit

Wie ein Blick in die Bibliothekskataloge zeigt, ist der vorliegende Band zunächst einmal in einen größeren Kontext einzuordnen. Wie ein Prisma will er die verschiedenen, in der derzeitigen Soziologie und den relevanten Nachbardisziplinen diskutierten Ansätze zur Gegenwartsdiagnostik bündeln, deren Aktualität unterstreichen und damit auch auf eine Notwendigkeit der Beschäftigung mit dieser deutlich machen. Die hier dennoch und der Diskussionslage nach recht unspezifisch bleibende Thematik der Gegenwartsdiagnosen wird offenkundig immer dann aufgerufen, wenn krisenhafte Effekte die vermeintlich etablierten Analysekonzepte in Frage stellen und neue Antworten einfordern. Dem werden die meisten der im Sammelband vereinigten Beiträge gerecht. Selbst wenn Aspekte wie Gesundheit, Demographie oder Alter im Band nicht aufscheinen – Thomas Alkemeyer, Nikolaus Buschmann und Thomas Etzemüller haben hier als Herausgeber einen Aufschlag von beachtlicher Größe vorgelegt, der neugierig macht auf mehr.


Rezension von
apl. Prof. Rita Stein-Redent
Fach Soziologie
Fakultät II Natur- und Sozialwissenschaften
Universität Vechta
E-Mail Mailformular
und
Dr. Martin Schwarz
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft
Homepage www.uni-vechta.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Rita Stein-Redent/Martin Schwarz. Rezension vom 09.04.2020 zu: Thomas Alkemeyer, Nikolaus Buschmann, Thomas Etzemüller (Hrsg.): Gegenwartsdiagnosen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung in der Moderne. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4134-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26202.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


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