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Nelia Schmid König: Vom Verschwinden der Kindheit

Cover Nelia Schmid König: Vom Verschwinden der Kindheit. Jugend im Wandel der Zeit. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2019. 239 Seiten. ISBN 978-3-86321-437-1. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Die Psychoanalytikerin und Kinderpsychotherapeutin Nelia Schmid König möchte mit ihrem Buch auf die Gefahren des aktuell gesellschaftlich hohen Anpassungsdruckes für die Entwicklung von Kindern aufmerksam machen. Auf dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen als Kinderpsychotherapeutin und mithilfe des Vergleichs von Kindheitserzählungen ihrer erwachsenen Interviewpartner und Interviewpartnerinnen möchte sie Eltern dabei unterstützen, freudvoller und auch angstfreier ihre Kinder zu begleiten.

Autorin

Dr. Nelia Schmid König ist studierte Literaturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin für Kinder Jugendliche und Paare. Seit vielen Jahrzehnten arbeitet sie in einer eigenen Praxis in München und bildet pädagogische Fachkräfte aus. 2010 erschien ihr erster Familienratgeber.

Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Das Buch ist erschienen im Mabuse Verlag, dessen Bücher sich seit Jahrzehnten vorrangig mit aktuellen Themen über körperliche und psychischerGesundheit auseinandersetzen. Der Verlag versteht sich dabei als Forum für kritische und unabhängige Beiträge, die Anregungen für Debatten liefern sollen.

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Buch mit der Gefahr des Verschwindens einer Kindheitsphase und den damit verbundenen Frei-Räumen, Spiel-Räumen und Experimentier-Räumen. Als Ursache diskutiert sie die rasante Geschwindigkeit von Veränderungen in einer digitalisierten Welt. Diese verlangt von Eltern und auch schon von Kindern ein hohes Ausmaß an Anpassung und Flexibilität. Frau Schmid König hat mit Menschen verschiedener Generationen über deren Kindheit gesprochen und vergleicht diese Interviews. Mithilfe dieser Analyse und angereichert durch Ihre Erfahrungen aus ihrer Praxis möchte sie Eltern Mut zusprechen und ihnen die Freude an der Elternschaft wieder zurückgeben.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 3 größere Teile.

Im ersten Teil geht die Verfasserin auf den allgemeinen Zeitgeist des Perfektionismus ein und darauf, wie dieser sich in der Erziehung und im Selbstverständnis von Eltern sowie in Formen von Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten von Kindern widerspiegelt.

Der zweite Teil gewährt den Geschichten und Kindheitserinnerungen von sieben interviewten Menschen zwischen 37 und 93 breiten Raum. Frau Schmid König analysiert Themen und Merkmale dieser Kindheitserfahrungen und setzt diese in Beziehung zur Gegenwart heutiger Elternschaft. Sie geht dabei den Fragen nach, wie Eltern früher erzogen haben und was Eltern ihren Kindern früher und heute unbedingt fürs Leben an Rüstzeug mitgeben wollen und welche Familienbilder heute als Leitbilder existieren.

Im dritten Teil versucht Frau Schmid König eine erste Auswertung ihrer Analyse und geht dabei auf aktuelle Verhaltensprobleme von Kindern und auf Auswirkungen auf Elternschaft ein, aber auch auf Herausforderungen zukünftiger moderner Schulen. Sie ruft ihre Leser*_innen dazu auf, sich dem Anpassungsdruck nicht unkritisch zu beugen und Zuversicht in die Entwicklungspotenziale ihrer Kinder zu haben.

Inhalt

In der lesenswerten Einleitung gibt die Autorin einen Überblick über Themen und Ziele ihres Buches und stellt ihre Sichtweise über Rolle und Haltung einer Kinderpsychotherapeutin dar. Kontakt auf Augenhöhe mit ihren Patienten und Patientinnen und sich als greifbare und emotional erlebbare Person in die Beziehung einzubringen, sind für Schmid König essentielle Haltungs- und Rahmenbedingungen für eine Therapie.

Der erste Buch-Teil beginnt mit 4 Unterkapiteln, die als Titel jeweils Behauptungen über die aktuelle Elterngeneration tragen, wie etwa „ …noch nie haben Eltern so viel gewusst und so wenig erzogen…“ oder „…die globalen Eltern…“. Nele Schmid König beschreibt hier recht anschaulich und unterhaltsam die von ihr wahrgenommenen Charakteristika der aktuellen Elterngeneration, die sich in etwa so zusammenfassen lassen:

  • Eltern trauen ihren Kindern zu wenig zu
  • Häufig mangelt es an einer „Generationsschranke“, zeitweise kommt es zu einer Rollenumkehr zu einer Parentifizierung der Eltern
  • Eltern sind oft zu erschöpft oder lassen sich durch die schnellen gesellschaftlichen Veränderungen zu leicht verunsichern
  • Die Globalisierung schafft neben vielen positive Entwicklungen auch Entwurzelung, erzeugt Müdigkeit und Überforderung

Für die Autorin stellt die häufig anzutreffende – und durch digitale Medien noch verstärkte – Überkontrolle der Kinder den angestrengten Versuch bzw. die Illusion der Eltern dar, die Übersicht zu bewahren; nach Meinung der Verfasserin ist diese Kontrolle nicht anderes als das Resultat einer gefährdeten emotionalen Beheimatung in einer globalisierten und sich rasant verändernden Welt.

In den nächsten Unterkapiteln räumt Frau Schmid König mit sog. Mode-Diagnosen und Medikalisierungs-Trends auf, wie z.B. ADHS, Essstörungen und Hypersensibilität. Diese stellen in ihren Augen lediglich Hinweise auf Störungen dar, seien jedoch keinesfalls definierbare Krankheitseinheiten. Hier beeindrucken besonders ihre Ausführungen über die Geschichte der Diagnose von ADHS als eine „erfundene Krankheit“- eine Sichtweise, die im Grundsatz mittlerweile von verschiedenen Kinder- und Jugendlichen-Therapeut*_innen geteilt wird.

Die letzten Unterkapitel widmen sich der Symbolsprache ihrer jungen Patient*_innen. Die Autorin geht exemplarisch auf verschiedene Krankheits- und Störungsbilder ein und erläutert – wiederum recht unterhaltsam und anschaulich – mit Beispielen aus ihrer Praxis, wie sich in den Symptomen die dahinterliegenden Mitteilungen der Kindheits-Seele lesen lassen. Aus allen Ausführungen ist auch ein kritisch-ökonomischer Geist zu spüren (Kapitalismus bzw. Konsumkritik, etc.), den die Rezensentin- der gleichen Generation wie die Autorin entsprungen – in vielen Aspekten durchaus teilt; allerdings fragt sich die Rezensentin auch, was wohl die jüngere Generation der Kinderpsychotherapeut*_innen mit ihrer naturwissenschaftlich geprägten Perspektive auf Krankheitsbilder zu diesen Einschätzungen sagen würde.

Im zweiten Buch-Teil stehen die Gespräche über die Biografien mit mehreren der Autorin bekannten Persönlichkeiten im Mittelpunkt. In jedem der Unterkapitel schildert Frau Schmid König Ausschnitte aus deren Lebensweg eines dieser Personen und erläutert bzw. kommentiert diese, teilweise durchaus unter Zuhilfenahme von psychologischen Fachausdrücken wie Resilienz, Ressourcen, gute und böse Objekte, Verdrängung etc. Sie möchte damit aufzeigen, wie Einflüsse und vor allem Beziehungserfahrungen aus den ersten Lebensjahren den späteren Lebensweg und die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. In diesen anregenden und kurzweiligen Kapiteln erfahren die Leser und Leserinnen nachhaltig, wie selbst widrige Lebenserfahrungen (Deportationen, Traumatisierung etc.) gemeistert und in die weitere Lebensentwicklung integriert werden können – sofern in den frühen Kindheitsjahren stabile und liebevolle sowie Schutz und Anregung bietende Personen für das Kind da waren.

Im dritten und letzten Buch-Teil geht die Autorin näher auf ihre These des Verschwindens der Kindheitsphase ein. Anhand von Beispielen aus ihrer Praxis zeigt sie auf, dass Kinder heutzutage so leben und funktionieren müssen wie Erwachsene. Sie betont, dass es aus ihrer Sicht noch nie eine Generation gegeben habe, die sich so wenig sich selbst überlassen werde und stattdessen in ein strenges Korsett von Leistungsanforderungen gepresst werde und nach Erwachsenen-Maßstäben funktionieren müsse. Kindheit werde in erster Linie verwaltet; es gäbe nahezu keine Zeit mehr für „freies Kindsein“ oder gar Raum, um eigene evtl. risikoreiche Erfahrungen zu machen. Das gängige deutsche Schulsystem wird ebenfalls von der Autorin kritisiert. So wird bemängelt, dass in der Lehrer*_innenausbildung viel zu viel Wert auf Fachkunde anstatt auf Psychologie und Kommunikationskompetenz gelegt würde. Dies führe häufig zu Überforderungen der einzelnen Lehrenden, die dann bei Problemen reglementieren anstatt mit den Kindern zusammen eine Lösung zu suchen. Supervision oder Coaching sei in der Schule auch nicht vorgesehen. Auch lassen sich nur wenige positive Bespiele an innovativen, modernen Schulen finden; auf eines geht die Autorin näher ein.

Als ein weiteres problematisches Thema nennt Frau Schmid König die Kommunikationsflut; Kinder, sofern sie das Handy-/​Smartphone Alter erreicht haben, befinden sich ununterbrochen in Kommunikation. So sei ihrer Auffassung nach die Sprachaktivität höher als in früheren Generationen nicht jedoch die Sprachkompetenz. Auch beobachte sie, dass Eltern heute viele ihrer Handlungen erklären; das sei zum einen gut, gehe aber auch mit einer Abnahme der Entscheidungsfreudigkeit der Eltern einher. So sind Eltern schon im Kleinkindalter pausenlos in Kontakt mit ihren Kindern, was diese dann genauso machen. Zu kurz käme dabei das eigenmotivierte, stille und lange Beobachten von z.B. Blumen, Käfern, Mustern o.ä. beim Kind, was stärkere nachhaltige Lernprozesse auslöst. Frau Schmid König nennt dies einen „Logorrhö-Erziehungsstil“. Manche der Probleme, die Kinder heutzutage aufweisen, gehen nach Meinung der Autorin auf zu viel Kommunikation zurück, z.B. Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche.

Im Unterkapitel 7 des dritten Teils – eine Art Exkurs – erörtert die Autorin den Zusammenhang von Identität und Identifikation und die dabei die häufig überschätzte Bedeutung von Elternschaft für diesen Prozess. Der eigentliche Kern von Identität sei eine gefestigte Selbstachtung und stabiles Selbstwertgefühl. In einem weiteren Unterkapitel lässt sie durch Interviews, Beobachtungen, Abiturreden junge Heranwachsende zu Wort kommen und schildert deren Sicht auf das Leben; deren Sichtweisen (neue Rollenverteilung in Elternschaft, Wertehaltung etc.) und deren Zuversicht möchte sie freudig an die Leserschaft weitergeben. Im letzten Kapitel, in einen Art Plädoyer, ruft sie Eltern zum Handeln auf und regt sie an, Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen und sich in Schule, Beruf und Familie zu engagieren und Veränderungen anzustoßen. Die von ihr beobachtete Tendenz zur Passivität und Erschöpfung in unserer Gesellschaft kann- davon ist Frau Schmid Königüberzeugt – durch Engagement und Zuversicht und Handlungsfreude entgegengewirkt werden.

Diskussion und Fazit

Von den vielen populärwissenschaftlichen Elternratgebern, die in den letzten Jahren erschienen sind, stellt das vorliegende Buch sicherlich eines der besonders interessanten und anregenden dar. Unter anderem weil es anders ist als andere, denn: es ist ein durchaus freches Buch; die Autorin traut sich was; sie verzichtet auf sowohl auf Quellenangaben im Text (wiewohl im Literaturverzeichnis interessante Literatur aufgelistet wird) als auch auf die Zitation von wissenschaftlicher Fachliteratur. Sie möchte ihre eigenen Erfahrungen, Anschauen und Rückschlüsse der Leserschaft mitteilen und so deren Wissen und Perspektiven erweitern, vor allem jedoch auch zur Diskussion anregen. In spannenden Erzählungen, interessanten und anschaulichen Beispielen und einer leicht verständlichen Sprache vermag sie die Leserschaft für sich zu gewinnen und häufig sogar zu fesseln. Zwar gibt es immer wieder Gedankensprünge und seitenlange Seitengedanken, manchmal mutet es an, als „springe“ die Autorin von einem Thema in das Nächstliegende dann wieder zurück und „hüpfe“ sozusagen durch ihren Text; manchmal erging es der Rezensentin so, dass sie zwar 20 Minuten lang vergnüglich gelesen hat, danach aber nur wenig wiedergeben konnte. Abgesehen von einer gewissen Weitschweifigkeit ist es der Autorin jedoch durchaus gut gelungen, die wichtigsten Punkte ihrer Analysen, Erfahrungen und Schlussfolgerungen nachhaltig mitzuteilen.

Die Rezensentin hat das Buch mit Vergnügen und Nachdenklichkeit gelesen. Es ist kein Lehrbuch zur Elternschaft es ist vielmehr ein Anregungsbuch zur Elternschaft. Ein empfehlenswertes Buch, das Lust zum Leben und zur Elternschaft macht und tiefe Freude an der Begleitung von Kindern vermittelt.


Rezension von
Prof. Dr.med. Dipl.Psychol. Karla Misek-Schneider
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Zitiervorschlag
Karla Misek-Schneider. Rezension vom 30.01.2020 zu: Nelia Schmid König: Vom Verschwinden der Kindheit. Jugend im Wandel der Zeit. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-86321-437-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26204.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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