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Annette Krön, Harald Rüßler u.a.: Teilhaben und Beteiligen auf Quartiersebene

Cover Annette Krön, Harald Rüßler, Marc Just: Teilhaben und Beteiligen auf Quartiersebene. Aufbau von Partizipationsstrukturen mit älteren Menschen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 232 Seiten. ISBN 978-3-8474-2334-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Teilhabe und Beteiligung im Quartier ist das Thema des vorliegenden Buches. Im Mittelpunkt steht die partizipative Quartiersentwicklung mit älteren Menschen. Dieses Thema ist gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger Diskurse zum sozialen und demografischen Wandel, zur Krise der Demokratie sowie zur Politikverdrossenheit von Relevanz.

Das Buch ist ein Ergebnis des Teilprojektes „Partizipationsmodell“ im Rahmen des inter- und transdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsprojektes „Ältere als (Ko-)Produzenten von Quartiersnetzwerken im Ruhrgebiet (QuartiersNetz)“. Unter diesem Projektdach wurden in mit älteren Bürger*innen sowie lokalen Dienstleistern aus unterschiedlichen Bereichen wohnortnahe Quartiersnetzwerke aufgebaut. Diese umfassen sowohl analoge als auch digitale Formen der Partizipation, die dazu beitragen, dass ältere Menschen solange wie möglich selbstbestimmend am gesellschaftlichen und politischen Leben in ihrem Quartier teilhaben und beteiligt sein können. Hierbei wurden zum einen Möglichkeiten skizziert wie ältere Menschen ihre Perspektiven, Interessen und Erfahrungen in das Quartier und dessen Entwicklung einbringen können. Zum anderen wird der Frage nachgegangen, ob und wie sich Formen der Teilhabe und Beteiligung im Quartier mit der lokalen Demokratie verknüpfen lassen. Insgesamt wurde der Prozess zur partizipativen Gestaltung altersintegrierter und quartiersbezogener Strukturen breit aufgestellt. Er impliziert die Entwicklung von Partizipations-, Kooperations- und Unterstützungsstrukturen sowie die Technikentwicklung mit Blick auf Möglichkeiten zur E-Partizipation. Grenzen und Hindernisse der Partizipation sowie Chancen der Verstetigung werden ebenfalls aufgezeigt. 

AutorInnen

Dr. Anette Krön, Research Fellow Planning and Transport, RMIT University, Department: Global, Urban and Social Studies, Melbourne, Australien.

Prof. Dr. Harald Rüßler, Professor für Sozial- und Politikwissenschaften, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, FH Dortmund.

Marc Just, MA, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, FH Dortmund.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation entstand im Zuge des vierjährigen Forschungs- und Entwicklungsverbundprojektes „Ältere als (Ko-)Produzenten von Quartiersnetzwerken im Ruhrgebiet (in kurz: QuartiersNetz)“. „Ältere als (Ko)-Produzenten bedeutet hierbei, dass ältere Menschen in ihrem Wohnumfeld aktiv werden und sich mitwirkend bzw. mitentscheidend einbringen können.“ (Krön et al. 2019: 14). Begleitend unterstützt und evaluiert wurde das Forschungsprojekt durch folgende Teilprojekte in den Modellquartieren Buer-Ost, Hüllen, Schaffrath/​Rosenhügel und Schalke:

  1. Teilprojekt – Reales Netz
  2. Teilprojekt – Digitale Quartiersplattform
  3. Teilprojekt – Interaktions- und Kommunikationsmedien
  4. Teilprojekt – Schulungs- und Beratungskonzept
  5. Teilprojekt – Geschäfts- und Partizipationsmodell
  6. Teilprojekt – Evaluation
  7. Teilprojekt – Transfer

Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Mitwirkende Projektpartner waren: Fachhochschule Dortmund (Fachbereich Informatik und Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften), Universität Vechta (Institut für Gerontologie), Forschungsinstitut Geragogik e.V., Generationsnetz Gelsenkirchen e.V., Caritasverband für die Stadt Gelsenkirchen e.V., Pallas GmbH, QuinScape GmbH.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 12 Kapitel. Das einleitende Kapitel eins bildet den kontextuellen Rahmen.

Zentrale Elemente sind:

  • die Vorstellung des Forschungsprojektes QuartiersNETZ mit seinen Zielen
  • die Erläuterung der Projektstruktur
  • Vorstellung der Seniorenpolitik in Gelsenkirchen und des Generationennetzes Gelsenkirchen e.V.
  • Einführung in das Teilprojekt Partizipationsmodell
  • Beschreibung des methodischen Vorgehens
  • Aufbau des Buches mit einem Überblick über nachfolgende Kapitel

Das konzeptionelle ausgelegte Kapitel zwei beschäftigt sich zum einen mit der begrifflichen Annäherung. Es werden die Begriffe Partizipation und Koproduktion im Kontext des Teilprojektes „Partizipationsmodell“ erläutert und wie diese unter Mitwirkung von älteren Menschen zusammenwirken. Zum anderen zeigt es den Zusammenhang zwischen Partizipation und Demokratietheorien auf.

Kapitel drei befasst sich mit dem Quartier als Partizipationsebene. Der Einstieg erfolgt mit einer Definition des Quartiersbegriffs und dessen Verständnis im Projekt QuartiersNETZ. Ebenfalls erläutert wird die Bedeutung des Quartiers als urbaner Sozialraum für die Beteiligung von älteren Menschen in der Quartiersentwicklung.

Hierbei wird auf den Erkenntnispool des Projektes QuartiersNETZ zurückgegriffen. Abschließend werden Einschränkungen und Hindernisse der Partizipationsebene Quartier skizziert.

In Kapitel vier wird betrachtet, wie Teilhabe und Beteiligung gestärkt werden können. Hierzu werden verschiedene Beteiligungsformate und- instrumente vorgestellt, die im Projekt QuartiersNetz angewandt wurden. Ferner wird thematisiert, wie eine Vielzahl an älteren Menschen partizipativ einbezogen werden können. Das Kapitel schließt mit einer Reflexion über verschiedenen Dimensionen von Beteiligungsprozessen ab.

Der Aufbau von Quartiersnetzwerken ist Gegenstand von Kapitel fünf. Es wird dargelegt, was unter einem Netzwerk verstanden wird, um infolgedessen Schritte und Elemente aufzuzeigen, die beim Aufbau von Quartiersnetzwerken notwendig sind beziehungsweise sich als vorteilhaft erwiesen haben. Exemplarisch werden Ergebnisse zur Erfassung von Quartiersnetzwerken präsentiert. Im Anschluss wird die Rolle von älteren Menschen als (Ko-) Produzenten dieser Quartiersnetzwerke reflektiert und erste Schlussfolgerungen für die Verstetigung abgeleitet.

Kapitel sechs zeigt Grenzen und Hindernisse der Partizipation im Quartier auf. Die Betrachtung von Grenzen bezieht sich insbesondere auf die professionelle Quartiersarbeit. Diese strebt eine umfassende Partizipation der Bewohner*innen an. Das Veranschaulichen von Hindernissen impliziert sowohl die professionelle Quartiersarbeit als auch die Bewohner*innenebene. Zentrale Fragen sind: „Welche Voraussetzungen und Erlebnisse machen es Menschen schwer, sich – sowohl gesellschaftlich als auch politisch – zu beteiligen? Können bestimmte Hindernisse überwunden oder zumindest verringert werden?“ (Krön et al. 2019: 104). Das Wissen um Grenzen und Hindernisse ist bedeutsam, um zu erkennen, welche Themen nicht bzw. eingeschränkt auf Quartiersebene behandelt werden können.

Das nächste Kapitel sieben setzt sich mit Partizipation in der Technikentwicklung auseinander. Es betrachtet die digitale Seite der Partizipation. Digitale Lösungen sind als Ergänzung zu analogen Beteiligungsstrukturen und- formaten zu betrachten. Beispielsweise können auf Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) basierende Medien wie eine digitale Quartiersplattform dazu beitragen, dass mitunter mobilitätseingeschränkte Personen ihren Alltag aufrechterhalten, sich über Entwicklungen und Ereignisse im Quartier informieren, sich beteiligen und ihre sozialen Netzwerke pflegen können. Die Nutzung derartiger Technologien ist an eine Fülle von Voraussetzungen geknüpft. Diese reicht von der Bereitstellung entsprechende Hardware (z.B. Internetzugang, internetfähige Endgeräte) bis hin zur Software, sprich der Fähigkeit digitale Medien bedienen zu können (Medienkompetenz). Im Mittelpunkt der Entwicklung stehen die Nutzer*innen, ihre Bedürfnisse und Anforderungen als Expert*innen ihrer Lebenswelt.

Im aufbauenden Kapitel acht wird der Begriff E-Partizipation erläutert, Chancen und Risiken beschrieben sowie Formate und Instrumente der E-Partizipation vorgestellt. Als Beispiel für ein Instrument wird die Digitale Quartiersplattform ausführlicher betrachtet. Diese wurde im Rahmen des Projektes QuartiresNETZ entwickelt. Ferner geht das Kapitel auf die ehrenamtliche Arbeit des Redaktionsteams und deren Sichtweise auf die Möglichkeit zu E-Partizipation ein.

Das neunte Kapitel beschäftigt sich vor allem mit der Partizipation von Dienstleistern und Geschäftsleuten im Quartier. Es zeigt sich, dass unterschiedliche Bereiche der professionellen Akteure unterschiedliche Interessen und Bedarfe an die Quartiersentwicklung und Partizipation formulieren. Das Kapitel stellt die Beweggründe des Engagements von Dienstleistern dar und zeigt, wie diese Akteure in dem Quartiersentwicklungsprozess integriert werden können.

Kapitel zehn richtet den Blick auf die Vernetzung von repräsentativer und partizipativer Demokratie auf kommunaler Ebene, als besonders relevantes Thema des Teilprojektes Partizipationsmodell Es wird der wissenschaftliche Diskurs vorgestellt. Im Nachgang wird auf die Erkenntnisse des Teilprojektes eingegangen. Hervorzuheben ist die Bedeutung der politischen Ebene des Stadtbezirkes sowie die Beteiligung auf gesamtkommunaler Ebene, damit die Verzahnung zwischen Kommunalpolitik, Quartiersarbeit, bürgerschaftliches Engagement positiv gestaltet werden kann.

Das vorletzte Kapitel elf befasst sich mit der Verstetigung von angestoßenen und aufgebauten Partizipationsstrukturen sowie mit der Sicherung von Teilhabe- und Beteiligungsrollen im Projekt QuartiersNETZ. Wichtig anzumerken ist, dass jedes Quartier individuell ist, weshalb keine allgemeingültige Lösung zur Verstetigung präsentiert werden kann. Dennoch gibt es unterschiedliche Ansätze und Möglichkeiten, die ausprobiert und angewandt werden können.

Das Buch endet mit Kapitel zwölf, der Schlussbetrachtung. Resümierend beleuchtet werden Faktoren und Schritte zur partizipativen Entwicklung von Quartiersnetzwerken mit älteren Menschen.

Fazit

Den Autor*innen ist es mit ihrer Publikation zum Thema „Teilhaben und Beteiligen auf Quartierseben – Aufbau von Partizipationsstrukturen mit älteren Menschen“ im Rahmen des Forschungsprojektes QuartiersNetz, insbesondere des Teilprojektes Partizipationsmodell gelungen, eine Brücke zwischen Wissenschaft, Quartiersentwicklung und lokaler Demokratie zu schlagen. Es bündelt und evaluiert Ergebnisse, Erkenntnisse und Entwicklungsaufgaben des Teilprojektes Partizipationsmodell und sticht durch seinen großen Praxisbezug hervor. Die Veröffentlichung gibt einen umfassenden Blick in die Gestaltungsmöglichkeiten partizipativer Quartiersarbeit und verweist dabei auf Grenzen und Hindernisse.

Das Buch ist empfehlenswert für alle Akteure, die sowohl aus der Praxis der Quartiersarbeit kommen als auch für diejenigen, die sich für die Wissenschaft hinter der praktischen Arbeit interessieren. Weshalb die Veröffentlichung als gutes Referenzbeispiel für Quartiere mit vergleichbaren thematischen Schwerpunkten herangezogen werden kann. Es hat einen klar erkennbaren roten Faden und folgt einer logischen Gliederung nach thematischen Kapiteln, die jeweils mit einem Fazit abschließen. Das Schöne: Die Kapitel sind zwar zum besseren Verständnis chronologisch angelegt, dennoch können sie in unterschiedlicher Reihenfolge studiert werden. Bezeichnend für das Werk ist auch der Sprachstil. Es in verständlicher Sprache verfasst und somit für ein breites Publikum zugänglich.


Rezension von
Elma Adedeji
M. Sc. Stadtplanung, Quartiersentwicklerin bei der Johann Daniel Lawaetz-Stiftung in der Abteilung Soziale Stadtteilentwicklung und Bürgerbeteiligung
Frühere Rezensionen siehe Elma Delkic
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Zitiervorschlag
Elma Adedeji. Rezension vom 08.07.2020 zu: Annette Krön, Harald Rüßler, Marc Just: Teilhaben und Beteiligen auf Quartiersebene. Aufbau von Partizipationsstrukturen mit älteren Menschen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2334-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26206.php, Datum des Zugriffs 25.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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