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Margrit Stamm (Hrsg.): Arbeiterkinder und ihre Aufstiegsangst

Cover Margrit Stamm (Hrsg.): Arbeiterkinder und ihre Aufstiegsangst. Probleme und Chancen von jungen Menschen auf dem Weg nach oben. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 131 Seiten. ISBN 978-3-8474-2291-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Hat in unserer freiheitlichen Gesellschaft jeder die Möglichkeit, sich unabhängig vom formalen Bildungsniveau und den finanziellen Ressourcen der Eltern sein Glück zu schmieden? Diese Erzählung ist zwar nach wie vor dominant, zahlreiche Studien und Initiativen wie „ArbeiterKind.de“ weisen jedoch darauf hin, dass der formale Bildungsabschluss der Eltern noch immer entscheidend für die Aufstiegschancen der Kinder ist. So nehmen der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge von 100 Akademikerkindern 77 ein Studium auf, während sich bei Nicht-Akademikerkindern lediglich 23 für diesen Schritt entscheiden. In einer Gesellschaft, in der die formale Ausbildung wesentlich über die „soziale Platzierung der Individuen und die beruflichen Chancen im Lebenslauf“ (S. 7) entscheidet, sind diese Zahlen erschreckend. „Bildung ist Bürgerrecht“ (Dahrendorf) blieb also in Deutschland ein nicht realisiertes Postulat.

Mit den Ursachen hierfür beschäftigt sich die Publikation „Arbeiterkinder und ihre Aufstiegsangst“, in der der Herausgeberin, Margrit Stamm, zufolge aus interdisziplinärer Perspektive „empirische, theoretische und methodologische Befunde“ präsentiert und „pädagogische und sozialpädagogische Handlungsfelder“ (S. 9) diskutiert werden sollen.

HerausgeberIn

Prof. Dr. Margrit Stamm ist Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education und emeritierte Professorin an der Universität Fribourg (Schweiz).

Entstehungshintergrund

Die Publikation entstand auf Basis eines Symposiums beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in Duisburg Essen im März 2018.

Aufbau

Einer Einleitung der Herausgeberin folgen sechs relativ kurze Beiträge unterschiedlicher Autoren.

Inhalt

Margrit Stamm geht in ihrem Beitrag der Frage nach, weswegen Arbeiterkinder trotz der „gleichen kognitiven Fähigkeiten […] weniger schulerfolgreich“ (S. 13) sind, was sich unter anderem an der geringeren Zahl an Gymnasiasten im Vergleich zur Akademikerschicht zeigt. Als Gründe lassen sich unter anderem „zurückhaltende bis ablehnende Elterneinstellungen, geringe Lehrerwartungen und schlechte Benotungen, wenig ausgeprägte subjektive Erfolgserwartungen und hohe Versagensängste sowie minimales Wissen über die akademischen Möglichkeiten und beruflichen Optionen inklusive finanzielle Knappheit“ (S. 13) aufführen. Stamm zufolge treffen diese Faktoren zwar zu, dabei werde jedoch die titelgebende „Aufstiegsangst“, definiert als „hohe Versagensängste bei gleichzeitig niedrigen Erfolgserwartungen“ (ebd.), häufig vernachlässigt. Die Ursachen für die Aufstiegsangst liegen unter anderem im familiären und schulischen Bereich. Folgt man dieser These, lassen sich hieraus Schlussfolgerungen für die Verringerung der Chancenungleichheit ziehen, wie zum Beispiel die Beschneidung des Elternwillens bei der Frage des Übertritts in eine weiterführende Schule sowie die Etablierung eines Paten-Modells (S. 23 ff.).

Auf der Basis von Studien zum Bildungsaufstieg in der Schweiz und in Deutschland kommt Jakob Kost zu dem Schluss, dass die Durchlässigkeit in den letzten Jahrzehnten kaum gesteigert werden konnte. Unter anderem führt er dies darauf zurück, dass durch Reformen des Bildungssystems Probleme des Sozialsystems bestehen bleiben (S. 41), sodass Durchlässigkeit als eine „Fiktion“ (S. 42) bezeichnet werden müsse.

Regina Soremski stellt die Ergebnisse einer biographischen Studie dar, um Bildungsaufstiege nicht nur aus der Perspektive des schulischen Erfolgs zu beleuchten, sondern biographische Bildung und ihrer Wechselwirkung mit anderen Lebenskontexten wie Peers und Vereinserfahrungen einzubeziehen (S. 50 ff.). Die skizzierten Fälle aus der Studie zeigen unter anderem die zentrale Bedeutung zivilgesellschaftlicher Einrichtungen wie Gewerkschaften und Kirchen sowie des regional-lebensweltlichen Milieus, das vor allem für die Ausbildung der individuellen Bildungs- und Berufsorientierung entscheidend ist (S. 52).

In einer explorativen Interviewstudie mit Professoren der Rechts-, Sozial- und Erziehungswissenschaften, die aus nicht bildungsvertrauten Herkunftsfamilien stammen, wurden die individuellen und familiären Ressourcen sowie die subjektiven Deutungen des Aufstiegs untersucht. Anja Böning und Christina Möller zufolge liegt eine zentrale Erkenntnis der Pilotstudie darin, dass es „die“ Arbeiterkinder an den Universitäten nicht gibt, sondern diese Gruppe durch Heterogenität und Diversität gekennzeichnet ist. Alle Befragten wiesen jedoch die Gemeinsamkeit auf, dass die Wissenschaftskarriere nicht vorab geplant wurde, vielmehr die Interpretation des Zufalls vorherrscht. Auch eine „habituelle Fremdheit und soziale Distanz zur wissenschaftlichen Profession“ (S. 73) eint die Befragten. Die Rolle des Elternhauses wird hingegen völlig unterschiedlich wahrgenommen – mal als fördernd, zum Teil jedoch auch als begrenzend (S. 77 ff.). Die Autorinnen warnen in ihrem Fazit der Studie vor einer „Überschätzung von Bildung als Aufstiegsressource“, führt sie doch womöglich „dazu, dass gesellschaftlichen Ungleichheiten, die durch das Bildungssystem reproduziert werden, politisch zu wenig entgegengesetzt wird“ (S. 81).

Steffen Schindler richtet den Fokus auf die „Gelingensbedingungen“ (S. 88), also auf die Frage, welche Faktoren einen Aufstieg befördern. Seine quantitative Untersuchung auf Basis des Nationalen Bildungspanels sieht sich jedoch dem Problem gegenüber, dass Schulkinder aus bildungsfernen Elternhäusern aufgrund der geringeren Teilnahmebereitschaft sowie der in dieser Gruppe besonders ausgeprägten Panelmortalität unterrepräsentiert sind und aufgrund dieser Datenproblematik keine Wirkungszusammenhänge analysiert werden konnten (S. 115). Schindler zufolge wurden jedoch „Persönlichkeitsmerkmale“ (S. 116) sowie die „Aspirationen der Eltern“ (ebd.) als aufstiegsbefördernde Bedingungen erkannt.

Helmut Heid legt in seinem Beitrag unter anderem dar, welche gesellschaftlichen Bedingungen die Forderung nach sozialer Mobilität unterstellt und was aus Bildung wird, wenn sie als Mittel des Aufstiegs begriffen wird. So kann es Aufstieg „nur in einer sozialen Hierarchie geben. Aufstieg hat also jenes soziale Unten zur logischen und erst recht zur empirischen Voraussetzung“ (S. 124). Diese sozialen Unterschiede werden akzeptiert, wenn mehr Mobilität zwischen den Schichten eingeklagt wird. Außerdem gibt es einen Aufstieg „nur unter der Bedingung, dass nicht alle um Aufstieg Konkurrierenden aufsteigen (können)“ (ebd.), da der Aufstieg andernfalls nivelliert, also nicht mehr vorhanden wäre.

Um höhere gesellschaftliche Positionen zu erlangen, unterwirft sich das Individuum „Bedingungen der Qualifikationsverwertung“ (S. 124 f.) ohne geringsten Einfluss auf die Inhalte der so verstandenen Bildung, sodass es durch diese Abhängigkeitsstrukturen zu einem Gefühl fehlender Autonomie kommen kann. Diese Unterwerfung garantiert aufgrund von externen Bedingungsfaktoren keineswegs den Aufstieg, und dennoch ist dieses Bewusstsein auf fatale Weise produktiv: „Aufstiegsbemühungen 'können' auf unzulängliche Bildungsvoraussetzungen, also auf Kompetenzmängel derer zurückgeführt werden, die aber von einer Mitwirkung an der Bestimmung des Erfolgs- bzw. Kompetenzverwertungskriteriums völlig ausgeschlossen sind und deren Interessen bei der Bestimmung dieser Kriterien nur insofern eine Rolle spielen, als sie sich den externalen Verwertungsinteressen andienen“ (S. 125). Unter anderem, darauf verweist Heid abschließend, definieren diese Verwertungsinteressen auch den quantitativen Bedarf an Aufsteigern, was sich unter anderem an der Debatte der vermeintlichen Überflutung der Hochschulen zeigt.

Fazit

Das Buch bietet eine gute Einführung in das Thema der sozialen Mobilität durch Bildung, da neueste Studien und Perspektiven wie die Biographieforschung dargelegt werden. Der Titel erscheint jedoch irreführend: Die „Aufstiegsangst“ spielt nur in wenigen Beiträgen eine Rolle, vielmehr steht – gestützt auf quantitative und biographische Studien – die Analyse der Aufstiegsgründe und -hemnisse im Mittelpunkt der Beiträge.

Redundanzen hätten sich durch eine bessere Abstimmung der Beiträge vermeiden lassen; Abstracts sind nicht allen vorangestellt.

Da die geringe Möglichkeit des Bildungsaufstiegs seit vielen Jahren immer wieder belegt wird, hätte sich die Rezensentin eine kritischere Auseinandersetzung mit dem Thema gewünscht: An welchen sozioökonomischen Verhältnissen scheitert der Aufstieg? Welche gesellschaftspolitischen Implikationen hat die Mobilitäts-Problematik? Denn letztlich legitimiert – wie Helmut Heid in seinem überaus lesenswerten Beitrag darlegt – die Vorstellung, dass jeder seines Glückes Schmid ist, diese Verhältnisse und legt die „Schuld“ des ausbleibenden Aufstiegs in das Individuum, das es vermeintlich an Bildungsanstrengung vermissen hat lassen: „Solange Menschen glauben, dass jeder die Chance hat, durch Bildung sozial aufzusteigen, solange gelten soziale Ungleichheiten auch dann als akzeptabel, wenn sie zunehmen“ (S. 126).


Rezension von
Dr. Ina Schildbach
politische Bildungsreferentin, Lehrbeauftragte in Sozialer Arbeit an der TH Nürnberg und der KSH München, Forschungsschwerpunkte: Armuts- und Sozialstaatsforschung, politische Ökonomie, Nationalismus und Rassismus
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Zitiervorschlag
Ina Schildbach. Rezension vom 20.04.2020 zu: Margrit Stamm (Hrsg.): Arbeiterkinder und ihre Aufstiegsangst. Probleme und Chancen von jungen Menschen auf dem Weg nach oben. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-8474-2291-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26208.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


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