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Nicolas Arnaud, Rainer Thomasius (Hrsg.): Substanzmissbrauch und Abhängigkeit

Cover Nicolas Arnaud, Rainer Thomasius (Hrsg.): Substanzmissbrauch und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 182 Seiten. ISBN 978-3-17-032309-4. 29,00 EUR.

Reihe: Sucht: Risiken - Formen - Interventionen.
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Thema

Nicolas Arnaud und Rainer Thomasius geben mit ihrem Buch einen wissenschaftlich fundierten, interdisziplinären und praxisorientierten Überblick zu Substanzmissbrauch und Abhängigkeit im Kindes- und Jugendalter. Auf 156 Seiten vermitteln die Autoren neben Basiswissen zu Klinik, Ätiologie, Pathogenese und Diagnostik sowie Verlauf und Prognose, die aktuellen nationalen und internationalen Erkenntnisse zu relevanten Interventionen sowie Therapie- und Präventionsansätzen. Mit Fokus auf die bei Kindern und Jugendlichen vorrangig konsumierten Substanzen wie Tabak, Alkohol und Cannabis werden einerseits wichtige suchtmedizinische Begrifflichkeiten (u.a. Missbrauch, Abhängigkeit, Toleranzentwicklung, Entzug) erläutert und diskutiert. Anderseits thematisieren Nicolas Arnaud und Rainer Thomasius im bio-psycho-sozialen Verständnis die für diese spezielle Alters- und Entwicklungsphase prägenden Risiko- und Schutzfaktoren als auch die damit einhergehenden diagnostischen Strategien und therapeutischen Herausforderungen.

Autoren

Dr. phil. Dipl.-Psych. Nicolas Arnaud ist Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Prof. Dr. med. Rainer Thomasius ist Ärztlicher Leiter des DZKSJ sowie des Bereichs Suchtstörungen an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am UKE.

Entstehungshintergrund

Substanzmissbrauch und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen ist in der Reihe Sucht: Risiken – Formen – Interventionen. Interdisziplinäre Ansätze von der Prävention zur Therapie im Kohlhammer Verlag erschienen, die von Oliver Bilke-Hentsch, Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank und Michael Klein mit dem Fokus auf interdisziplinäre und praxisrelevante Aspekte herausgegeben wird.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren verdeutlichen nach einer kurzen Einleitung (1. Kapitel) praxisnah mittels zweier Fallvignetten (2. Kapitel) das Phänomen des Substanz(ge-)missbrauchs zur Manifestierung einer Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen in Betrachtung biologischer, psychischer und sozialer Aspekte.

Mit dem 3. Kapitel Allgemeine und klinische Epidemiologie belegen Arnaud und Thomasius zunächst die allgemeine Verbreitung jugendlichen Substanzkonsums anhand deutschlandweit regelmäßig durchgeführter Prävalenzstudien und repräsentativer Erhebungen. Spezifiziert werden hier zusätzlich die Prävalenzdaten zu Tabak und Alkohol sowie illegalen Drogen. Zur klinischen Epidemiologie sind dagegen nicht die Substanzen, sondern die konkreten Diagnosen (Missbrauch, Abhängigkeit, Intoxikation) maßgebend. Zudem ergänzen die Autoren – aufgrund der hohen Relevanz für das Jugendalter – Daten für die substanzungebundene Spielsucht und Internetsucht.

Das 4. Kapitel Klinik, Verlauf und Prognose klärt über Begriffe, klinische Symptomatik und Folgen des Substanzkonsums auf, bevor Arnaud und Thomasius auf jugendtypischen Substanzkonsum und -missbrauch eingehen als auch explizit und ausführlich die Verlaufsprognosen substanzbezogener Störungen und das Thema der Komorbidität behandeln. Die angekündigten Herausforderungen zur Besonderheit der Gruppe der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (z.B. Wann kann von Missbrauch gesprochen werden? Welche Anzeichen weisen auf einen Substanzmissbrauch?) werden fachlich fundiert und dabei praxisorientiert beschrieben.

Im Anschluss daran vermitteln die Autoren im 5. Kapitel Ätiologie und spezielle Suchtdynamik grundlegendes Wissen zu Ursachen und Entstehung der Sucht auf Basis des bio-psycho-sozialen Modells; unterteilt in genetische Disposition, neurobehaviorale Merkmale, familiäre Einflüsse und Peers.

Im 6. Kapitel stehen Diagnostik und Differentialdiagnose im Fokus. Die Autoren besprechen zum einen die relevanten Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM-5) für substanzbezogene Störungen unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen. Zum anderen werden neben Instrumentarien zur Diagnose substanzinduzierter Störungen auch das diagnostische Vorgehen und die Differentialdiagnostik im Kindes- und Jugendalter diskutiert.

Mit dem 7. Kapitel Interventionsplanung und interdisziplinäre Therapieansätze eröffnen Arnaud und Thomasius die wichtige Frage der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Substanzmissbrauch und Abhängigkeit. Aufbauend auf die alterskorrelierten Besonderheiten (u.a. externaler Behandlungswunsch, instabile Familiensituationen, Sozialisationsinstanz Peergroup), die in der Behandlung Berücksichtigung finden sollten, fassen die Autoren aktuelle wissenschaftliche Befunde und Erkenntnisse zu Formen, Zielen, Ebenen, Leitlinien und Prinzipien der Behandlung zusammen. Zentral sind darüber hinaus interdisziplinäre Therapieansätze, wie die Frühintervention durch Motivierende Gesprächsführung sowie Psychotherapie und Familientherapie. Weiterhin beschäftigt sich das Kapitel mit der qualifizierten Entzugsbehandlung und pharmakologischen Therapie bei ausgewählten Entzugssyndromen (Alkohol, Cannabis, Kokain/​Amphetamine, Halluzinogene, Opioide, Medikamente).

Das 8. Kapitel fokussiert Präventive Ansätze und erläutert neben der Programmatik bei Suchtstörungen vor allem die verhaltens- vs. verhältnispräventiven Maßnahmen. Im weiteren Verlauf belegen die Autoren in Darstellung vor allem internationaler Versuche die Effektivität verhaltensbezogener Prävention in systematischer Unterleitung nach Handlungsfeldern (Schule, Familie, Gemeinde, Internet) und stellen Möglichkeiten einer indizierten Prävention bei Personen mit Risikosymptomen vor. Die Ergebnisse zur Umsetzung in Deutschland in den genannten Handlungsfeldern sowie die Kosteneffektivität von Präventionsmaßnahmen schließen dieses vorletzte Kapitel ab, bevor Arnaud und Thomasius ihre Ausführungen mit dem Ausblick (9. Kapitel) prägnant zusammenfassen.

Zielgruppe

Das Fachbuch dient Fachleuten und Praktiker*innen aus den Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe, der Suchtberatung, der ambulanten und stationären Suchtherapie und Rehabilitation als auch der allgemeinen, interventiven sowie präventiven Sozialen Arbeit im Kontext von Schule, Familie und Gemeinwesen. Gleichermaßen ist es für Studierende der psychologischen, medizinischen und sozialpädagogischen Fachrichtungen geeignet, um sich einen Überblick zu Substanzmissbrauch und Abhängigkeit im Kindes- und Jugendalter und dem Diskus dazu zu verschaffen.

Fazit

Nicolas Arnaud und Rainer Thomasius schaffen mit Substanzmissbrauch und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlicheneinen informativen, umfangreichen, wissenschaftlich fundierten sowie anwendungsorientierten Überblick zu einem hochaktuellen, aber noch mit vielen offenen Fragen versehenem Arbeits- und Forschungsfeld. Das Buch kann als Grundlagenlektüre angesehen werden und eignet sich durch ein Stichwortverzeichnis auch als kompaktes Nachschlagewerk. Einzig verhindern häufige Ergänzungen in Klammern und, auch dadurch bedingt, lange Sätze eine flüssige Lesbarkeit.


Rezension von
Stefanie Neumann
M.A., Hochschule Neubrandenburg – University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
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Zitiervorschlag
Stefanie Neumann. Rezension vom 23.03.2020 zu: Nicolas Arnaud, Rainer Thomasius (Hrsg.): Substanzmissbrauch und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-032309-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26209.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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