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Ariane Orosz: Stress ganzheitlich verstehen und managen

Cover Ariane Orosz: Stress ganzheitlich verstehen und managen. Trainingsmanual für Gruppen - mit neurobiologischen Grundlagen und integrativen Ansätzen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. 175 Seiten. ISBN 978-3-456-85908-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch versteht sich als wissenschaftlich fundiertes Trainingsmanual für Coaches, TherapeutInnen und weitere Fachleute, die Gruppentrainings im Bereich Stressmanagement durchführen oder hierzu Angebote machen möchten – ob im ambulanten oder stationären Kontext oder im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements. Durch die Autorin wurde hierzu ein Programm entwickelt, dass aus sechs Modulen besteht.

Autorin

Dr. sc. ETH Ariane Orosz hat als Neurowissenschaftlerin promoviert. Am IBP [1] Institut für Körperpsychotherapie absolvierte sie eine Coachingausbildung. Ihr Arbeitsschwerpunkt sind Stress, seine Auswirkungen und seine Bewältigung. Dabei bezieht sie aktuelle neurobiologische Forschungserkenntnisse mit ein. Sie arbeitet in interdisziplinären Forschungsprojekten und ist Autorin wissenschaftlicher Artikel. In Züricher Facheinrichtungen leitet sie Gruppentrainings zu Stressmanagement und bietet Coachings und Beratungen an.

Entstehungshintergrund

In der Fachliteratur finden sich verschiedene Trainingsmanuale zum Stressmanagement. Exemplarisch durch die Autorin aufgeführt und inhaltlich in aller Kürze vorgestellt werden die im deutschsprachigen Raum bekannten Manuale von Hillert, Koch, Hedlund, 2015; „Stressbewältigung am Arbeitsplatz. Ein stationäres berufsbezogenes Gruppenprogramm“; Kaluza, 2018, „Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung“ sowie Strobel, 2018 „Stressbewältigung und Burnout-Prävention: Einzelberatung und Leitfaden für Seminare“

Inhalte und Bewältigungsstrategien ähneln sich. Sie umfassen im Sinne eines multimodalen Stressmanagements die Ebene der Stressoren, die Ebene von Einstellungen und Bewertungen und die Ebene von Entspannung und Regeneration.

Den Unterschied zu ihrem Programm sieht Ariane Orosz darin, dass es die evaluierten und „essenziellen Themenschwerpunkte mit einem ganzheitlichen, integrativen Ansatz behandelt“. Methoden aus der Körperpsychotherapie bewirkten eine „signifikante Symptomreduktion“ und eine „deutliche Steigerung der Selbstwirksamkeitserwartung“ So reduzierten sich nicht nur Symptome sondern es werde eine „tiefergreifende positive Persönlichkeitsentwicklung angestoßen“. (zitiert nach Orosz: S. 14/15).

Aufbau

Das Fachbuch umfasst sieben Kapitel die sich auf 175 Seiten verteilen. Es enthält ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Stichwortregister.

Kapitel 1 (Einleitung) führt in das das zugrundeliegende IBP Persönlichkeitsmodell ein, erläutert die Bedeutung von Stress- und Stressreaktion, legt die neurobiologischen Grundlagen von Reaktionsweisen und Verhalten dar und gibt eine Übersicht über die Module.

Kapitel 2 – 7 beinhalten sechs Module für das Gruppentraining. Jedes Modul enthält einen Theorieteil mit den wissenschaftlichen Grundlagen. In einem Arbeits- bzw. Selbsterfahrungsanteil werden Methoden und Übungen vorgestellt und Anregungen zur praktischen Durchführung gegeben. Dabei werden auch Empfehlungen für eine Anwendung im Einzelsetting gemacht. Es werden jeweils Modulziele benannt. Als Zeit werden 90–120 Minuten pro Modul vorgeschlagen.

Die Themen der Module werden im Folgenden aufgezählt und im Abschnitt Inhalt genauer beschrieben:

  • Kapitel 2 Von Reizen und Stressoren (Modul 1)
  • Kapitel 3 Ein ganzheitliches Phänomen – die Erlebensdimension der Stressreaktion (Modul 2)
  • Kapitel 3 Stressverstärkende Glaubenssätze (Modul 3)
  • Kapitel 5 Neurobiologie des Stresses (Modul 4)
  • Kapitel 6 Resilienz und Ressourcen (Modul 5)
  • Kapitel 7 Erholung ist alltäglich (Modul 6)

Inhalt

Kapitel 1 Einleitung

Das IBP Persönlichkeitsmodell (Integrative Body Psychotherapy nach Jack Lee Rosenberg) als Basis des Gruppenprogramms wird erläutert. Die Persönlichkeit als ein Kern mit drei übereinanderliegenden Schalen wird dargestellt und beschrieben: Kernselbst („wer man wirklich ist“), Herkunftsszenario (Gesamtheit der äußeren Begebenheiten in die man hineingeboren wird), Schutzstil/​Charakterstil (Abwehr- und Bewältigungsstrategien), Agency (Verhalten mit dem versucht wird, das zu bekommen was man braucht).

Im Anschluss wird eine Basis für das Verständnis von Stress geschaffen und das State of the Art Stresskonzept von Bruce McEwen vorgestellt. Demzufolge ist die Stressreaktion ein allostatischer Prozess. Er dient dazu die Homöostase wieder zu erlangen oder diese um einen neuen Sollwert zu arrangieren. Die Anpassung an Neues und die Verarbeitung von Reizen werden als lebenswichtige Funktionen genannt.

Grundlagen von Reaktionsweisen und Verhalten werden genauer erläutert und neurobiologisch erklärt. Beschrieben wird, wie Reiz-Reaktionsverbindungen entstehen, Reize verknüpft mit Emotionen abgespeichert werden und wie Erlebnisse und Reaktionen mit Emotionen und Körperempfindungen verbunden werden („somatische Marker“).

Kapitel 2 Von Reizen und Stressoren (Modul 1)

Der Unterschied zwischen Reizverarbeitung und Stressreaktion wird vermittelt. Anhand eines Stressmodells (Aktivierungs-/​Deaktivierungsmodell) wird die Stressreaktion als Bewältigungsstrategie und Anpassungsprozess erklärt. Das Aktivierungsmodell wird auf das Autonome Nervensystem angewendet und durch Selbsterfahrungsübungen erlebt.

Für die Fachleute enthält die Modulbeschreibung ausführliche Informationen zum Prinzip der Homöostase und deren Verlassen (Stressantwort). Vorgestellt werden die Subsysteme des Autonomen Nervensystems und die zugeordneten Strategien gemäß der Polyvagal-Theorie. (Freeze – Flucht oder Kampf – Kommunikation). In den Hinweisen zur praktischen Durchführung werden Vorschläge zur Vermittlung der Informationen durch anschauliche Beispiele gemacht.

Kapitel 3 Ein ganzheitliches Phänomen – die Erlebensdimension der Stressreaktion (Modul 2)

Im zweiten Modul soll Stress als ganzheitliches Phänomen verstanden werden, das sowohl körperlich, geistig und emotional erlebt wird und sich auf der Verhaltensebene zeigt. Die eigenen Stresssymptome sollen eingeordnet werden und die Teilnehmenden sollen Interventionen kennen lernen.

Die vier Dimensionen (Körper – Geist - Emotionen – Verhalten) werden ausführlich erläutert und auf das Aktivierungs-/​Deaktivierungsmodell bezogen. Ein Integrationsmodell KEK (Körper – Emotionen – Kognitionen) wird beschrieben. Die Vernetzung und Wechselwirkung werden beleuchtet und Anleitung zu einer Unterbrechung des Kreislaufs gegeben. Hierzu werden Self-Release-Techniken (SRT) angeleitet – Übungen mit denen über die Körperdimension in den Stresskreislauf eingewirkt werden kann.

Kapitel 4 Stressverstärkende Glaubenssätze (Modul 3)

Typische Stressverstärker und deren Funktion werden ausführlich beschrieben. Ihre Herkunft wird mit Hilfe des IBP Persönlichkeitsmodells anhand zahlreicher Beispiele deutlich gemacht. Zusätzlich werden die neurobiologischen Mechanismen in diesem Zusammenhang erklärt. Um mit stressverstärkenden Glaubenssätzen umzugehen wird ein ressourcen- und lösungsorientierter Ansatz in drei Teilschritten propagiert (Identifizieren – Anerkennen – Aktualisieren) und dessen Durchführung ausführlich beschrieben. Das Kapitel enthält eine umfangreiche Zusammenstellung von Stress verstärkenden Glaubenssätzen, deren möglicher Herkunft und Inspirationen für Gegensätze.

Kapitel 5 Neurobiologie des Stresses (Modul 4)

Die Stressreaktion als Anpassungsreaktion, Homöostase, Allostase und das Stressmodell nach McEwen werden erneut aufgegriffen und inhaltlich vertieft. Die neuronale Ebene der Stressreaktion und die Rolle von Gehirn, limbischem System (mit Amygdala und Hippocampus) ausführlich erläutert. Die zwei Wege der physiologischen Stressreaktion (Sympathikus-Nebennierenmarkachse und Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse)werden beschrieben einschließlich der freigesetzten Hormone. Dem Stresshormon Kortisol wird ein eigener Abschnitt gewidmet. Der Unterschied zwischen akutem und chronischem Stress wird vermittelt. Für die Teilnehmenden des Gruppentrainings soll daraus ein Vortrag entstehen.

Kapitel 6 Resilienz und Ressourcen (Modul 5)

Der Leser/Die Leserin findet hier Informationen wofür Resilienz steht und welche Bedeutung den verschiedenen Resilienzfaktoren in der Stressbewältigung zukommt. Resilienz wird im nächsten Schritt mit den Grundlagen der Integrativen Körperpsychotherapie verbunden und im Aktivierungs-/​Deaktivierungsmodell gezeigt. Beleuchtet wird ebenso die biologische Sicht in Form neurobiologischer Korrelate. Im Anschluss werden mittels „The Road to Resilience“ der APA (American Psychological Association) zehn Strategien beschrieben. Wie sich stimmige Ziele finden und erreichen lassen und wie dies mit Motivation und Belohnung zusammenhängt ergänzt die Informationen. Für die praktische Durchführung gibt es Vorschläge und Anleitungen.

Kapitel 7 Erholung ist alltäglich (Modul 6)

Die Bedeutung von regelmäßiger Erholung und Erholung mit Genuss wird aufgezeigt. Verschiedene Erholungsvarianten im Aktivierungs-/​Deaktivierungsmodell werden demonstriert. Das „Social Engagement System“ das Reize unterhalb des Flucht- oder Kampf-Aktivierungsniveaus bewältigt (mittels Kommunikation und Beziehung) wird ausführlicher beschrieben), das Anti-Stress Hormon Oxytocin wird eingeführt. Auf die Bedeutung von Regelmäßigkeit und das Etablieren fester Erholungspausen und Rituale im Alltag wird hingewiesen. Das Kapitel enthält eine Reihe von Übungen und Anleitungen zur Umsetzung im Alltag für die Teilnehmenden.

Diskussion

Vorweg gesagt: Das Buch ist sehr lesens- und empfehlenswert, wie im abschließenden Fazit beschrieben.

Spannend ist die durchgängige Verbindung aus neurobiologischen Erkenntnissen und Erkenntnissen der Körperpsychotherapie, die von einer Veränderung des Erlebens in allen Dimensionen mittels einfacher sogenannter Self-Release-Techniken ausgehen. Erfolgreiche Stressmanagementtrainings müssen immer ganzheitlich orientiert sein und Körper, Geist und Seele einbeziehen. In den mir bekannten Konzepten ist das genauso der Fall und erfolgreiche Stressbewältigung einhergehend mit Persönlichkeitsentwicklung. Der ganzheitliche Ansatz der Autorin ist dabei hinsichtlich der Techniken eine – spannende – Variante.

Konsequent werden den Teilnehmenden Erklärungsansätze für das eigene Erleben vermittelt und Hilfestellungen gegeben um (mehr) Verständnis und Annahme für sich selbst zu entwickeln.

Methodisch-didaktisch und inhaltlich ist das Gruppenprogramm jedoch aus Sicht der Rezensentin etwas zu kurz gegriffen: Die Variation an Methoden und Übungen ist aus meiner Trainerinnensicht eher zu gering. Im Trainingssetting hat darüber hinaus eine Gruppe wichtige Funktionen, auch mit Wirkung auf Trainingserfolg und Transfer. Wie im Kontext eines Stressmanagement-Trainings Gruppenprozesse gestaltet und ein wertschätzendes vertrauensvolles Miteinander geschaffen werden können fehlt dem Manual.

An eigenständig durchführbaren Entspannungs- und Regenerationstechniken wird in jeder Einheit ein regelmäßiger sogenannter KEK-Check (Körper-Emotion-Kognition) durchgeführt. Im zweiten Modul werden Interventionen für die drei Erlebnisdimensionen gesammelt, Self-Release-Techniken vorgestellt und ausprobiert – in den Folgeeinheiten jedoch nicht wiederholend geübt. Hier ließe sich das Programm um einfache Techniken erweitern bzw. um eine adaptierte Variante eines Entspannungsverfahrens ergänzen.

Das Programm erscheint zeitweise eher kopflastig. In Modul 4 verschenkt man aus meiner Sicht wertvolle Möglichkeiten, da hier „nur“ ein inhaltlich anspruchsvoller vertiefender Vortrag vorgesehen ist.

Fazit

Das Trainingsmanual „Stress ganzheitlich verstehen und managen“ von Ariane Orosz ist ein lesenswertes Buch. Es enthält sehr gute Informationen auf aktueller wissenschaftlicher Grundlage. Diese sind gut aufbereitet und verständlich. Die Grafiken sind anschaulich und illustrieren die Inhalte nachdrücklich. Ausführliche Beispiele aus dem Alltag schaffen eine gute Vorstellung. Neurobiologische Grundlagen, Erkenntnisse aus der Körperpsychotherapie und das zugrunde liegende Stressmodell liefern immer wieder den roten Faden für die Modulinhalte. Als Informations- und Anregungsquelle für Fachleute, die Stressmanagementtrainings durchführen ist es zu empfehlen.


[1] IBP – Integrative Body Psychotherapy


Rezension von
Gertrude Henn
Diplom-Sozialpädagogin, Entspannungs- & Stressmanagement-Trainerin
Homepage www.henn-trainings.net
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Zitiervorschlag
Gertrude Henn. Rezension vom 12.10.2020 zu: Ariane Orosz: Stress ganzheitlich verstehen und managen. Trainingsmanual für Gruppen - mit neurobiologischen Grundlagen und integrativen Ansätzen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-456-85908-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26211.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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