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Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben

Cover Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2019. 320 Seiten. ISBN 978-3-570-55408-1. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,50 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783421048103.
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Thema

Die Aushöhlung und das schleichende Dahinsiechen demokratischer Institutionen und Strukturen.

Autoren

Steven Levitzky und Daniel Ziblatt sind Professoren für Regierungslehre an der Universität Harvard. Die Forschungsschwerpunkte von Levitzky sind politische Parteien, Demokratie und Autokratie und die Rolle von informellen Institutionen vor allem in Südamerika. Daniel Ziblatt forschte zu Demokratie und Autoritarismus in Europa und hatte Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte in Berlin, Köln, Konstanz, München, Paris und Florenz.

Entstehungshintergrund

Die Wahl von Donald Trump weckte Sorge um das Schicksal der Demokratie in den USA. Aber auch in Europa (Ungarn, Polen, Türkei) geraten demokratische Institutionen zunehmend unter Druck. Die Autoren beschreiben die Gefahren am Beispiel von Amerika und was passiert, wenn wichtige Eckpfeiler von Demokratie (freie Presse, Unabhängigkeit der Justiz) untergraben werden und eingespielte politische Normen nicht mehr gelten. Ihr Buch ist eine Analyse und gleichzeitig ein Weckruf zur Rettung der Demokratie.

Aufbau

Der Einleitung folgen diese Unterabschnitte:

  • Verhängnisvolle Bündnisse,
  • Die Parteien als Wächter in Amerika,
  • Die große republikanische Abdankung,
  • Die Untergrabung der Demokratie,
  • Die ungeschriebenen Gesetze der amerikanischen Politik,
  • Das Zerbröckeln der Demokratie,
  • Trump gegen die Leitplanken,
  • und zum Schluss ein Aufruf ,Die Demokratie retten‘.

Inhalt

Einleitung

Die Demokratie ist in Amerika in Gefahr. Das Vertrauen in die Verfassung, der Glaube an Freiheit und Gleichheit, eine robuste Mittelschicht, großer Wohlstand und hoher Bildungsstand und die weitgefächerte Wirtschaft galten bislang als Garantie gegen einen Zusammenbruch der Demokratie. In dem Maß, in dem Ergebnisse von Wahlen nicht anerkannt und Gerichte, Nachrichtendienstund Aufsichtsbehörden geschwächt werden und extremistische Kräfte Wahlen gewinnen, ist die Demokratie in Gefahr. Es folgen Beispiele von Zerstörung durch Waffengewalt (Chile), Staatsstreiche (Argentinien und Brasilien u.a.), Militärputsche (Ägypten, Thailand) und durch gewählte Führer, die demokratische Strukturen durch Autoritarismus, mitunter durchaus ‚legal‘ und unmerklich, von innen aushöhlen. Selbst in gesunden Demokratien können extremistische Demagogen auftauchen (viele Beispiele), die, an die Macht gekommen, demokratische Strukturen auflösen. Wie ernst zu nehmen ist die Gefahr, die von Donald Trump ausgeht?

Verhängnisvolle Bündnisse

Als Beispiel dafür dient die Ernennung Mussolinis zum Ministerpräsidenten 1922. Durch die Mithilfe von Verbündeten wurde der Sozialismus zurückgedrängt; gleichzeitig schossen die Kurse an der Börse die Kurse in die Höhe und wurde ein autoritäres Regime errichtet. Ein ähnliches Beispiel war die Ernennung von Hitler zum Reichskanzler durch Hindenburg 1933 ohne aktiven Widerstand der untereinander rivalisierenden Konservativen. Schicksalhafte Bündnisse brachten Autokraten an die Macht (wie Chavez/​Venezuela). Manche Demokratien widerstanden jedoch der Herausforderung durch Demagogen (Belgien, Großbritannien, Costa Rica, Finnland).

Potentielle Demagogen gibt es in jeder Demokratie. Sie müssen früh identifiziert (sie lehnen in Wort und Tat demokratischer Spielregeln ab, delegitimieren politischer Gegner, greifen zu Gewalt und beschneiden bürgerliche/​mediale Freiheiten) und an einer Karriere behindert werden. Die etablierten Parteien haben dabei eine wichtige Wächterfunktion, indem sie Demagogen isolieren, aus ihren Reihen verbannen, Bündnisse vermeiden und über Parteigrenzen hinweg eine geschlossene Front bilden. Es folgen Beispiele von beeindruckender politischer Wachsamkeit.

Die Parteien als Wächter in Amerika

Obgleich es extremistische Personen und Gruppen in den USA gab und autoritäre Tendenzen nach dem 2. Weltkrieg virulent waren, wurden in den Hinterzimmern der Parteien offensichtlich ungeeignete Kandidaten ausgeschlossen. Die ‚Wächterfunktion der amerikanischen Institutionen‘ reicht bis zur Gründung der Republik zurück. Die Präsidenten wurden theoretisch vom Volk gewählt. Vorübergehend wurde das Wahlmännerkollegium zum Wächter der Demokratie. Im frühen 19. Jahrhundert wurden anstelle von unabhängigen Bürgern Parteianhänger in das Kollegium entsandt, damit übernahmen die Parteien die Wächterfunktion: sie besaßen die Macht, aber auch die Verantwortung, Demagogen auszuschließen. Vorübergehend wurden die Kandidaten auf Parteienkonventen nominiert, später Vorwahlen eingeführt. Das Konventsystem war nicht demokratisch, aber es erfüllte seine Wächterrolle (Beispiel Henry Ford). 1968 wurde Humphrey als Kandidat nominiert, obgleich er an den Vorwahlen nicht teilgenommen hatte. Nach handgreiflichen Auseinandersetzungen in Chicago gab es tiefgreifende Reformen für ‚mehr Demokratie‘: verbindliche Vorwahlen in den jeweiligen Bundesstaaten (damit wurde die Kontrollen partiell an die Wähler abgegeben). Die Demokraten bestimmten ‚Superdelegierte‘, d.h. Funktionsträger, die von der Partei bestimmt worden waren, ohne in Vorwahlen gewählt worden sein. Waren Vorwahlen ‚zu demokratisch‘? In der Praxis war das Parteiestablishment kaum zu umgehen. Wer die Mehrheit der Delegierten gewinnen wollte, musste die Vorwahlen im ganzen Land für sich entscheiden (mit Hilfe von Geld, Medien und Wahlkampf an der Basis).

Die große republikanische Abdankung

Das amerikanische Vorwahlsystem ist anfällig für Leute, die über genügend Bekanntheit oder Geld verfügen, um die ‚unsichtbare Vorwahl‘ zu überspringen. Trump fehlte politische Erfahrung, auch war er nicht ein treuer Republikaner (mehrfacher Wechsel der Parteimitgliedschaft). Die Parteiwächter versagten (in der ‚unsichtbaren Vorwahl‘, in den sichtbaren Vorwahlen und der allgemeinen Wahl) durch die Vermehrung der Spendengelder, die Entwicklung alternativer Medien (u.a. Fox News) und rechts gerichteter Medienvertreter; durch Kontroversen sorgte Trump zunehmend für Aufmerksamkeit. Trotz Panik unter den Republikanern nach seinem Vorwahlsieg, konnten sie die Legitimität der Wählerstimmen nicht übergehen. Die Kritiker nahmen Trump beim Wort, aber nicht ernst, die Anhänger nahmen ihn ernst, aber nicht beim Wort. Vor ihm hatte kein Kandidat seit 1860 das demokratische System derart in Zweifel gezogen, politische Gegner entwertet, zu Gewalt ermutigt und angekündigt, Opponenten und Medien zu beschneiden (vier Kriterien des,antidemokratischen Lackmus-Tests‘ der Autoren). Die Wächterfunktion des Vorwahlsystems hatte versagt. Die Republikaner hatten nicht den Mut, Trump zu stoppen, obgleich einige Hilary Clinton unterstützten.; die meisten hielten sich an die Parteilinie und verstärkten die Parteienpolarisierung und die Spaltung der Wähler.

Der Untergang der Demokratie

Am Beispiel von Fujimori in Peru zeigen die Autoren den Aufstieg eines Autokraten vom chancenlosen Außenseiter zum Tyrannen. Demagogen greifen ihre Kritiker meist mit scharfen Worten an (Berlusconi, Erdogan), bezeichnen sie als Terroristen und schaffen ein Klima von Misstrauen. Demokratie macht Arbeit (Verhandlungen, Kompromisse, Konzessionen, Rückschläge), und Autokraten fehlt meist die Geduld. Doch wie gelingt es ihnen, demokratische Strukturen zu zerstören? Sie besetzen die Posten der Justiz und Strafverfolgungsbehörden (eigentlich neutrale ‚Schiedsrichter‘)mit ihren eigenen Leuten, – einerseits ein Schutzschild (für eigene Verstöße), andererseits eine Chance zur selektiven Strafverfolgung; ähnlich kann man mit Finanzämtern und anderen Verwaltungen verfahren. Gelingt es nicht, oberste Richter abzusetzen, können ihre Stimmen entwertet oder die Gerichte ganz abgeschafft werden. Gegner aus Politik, Wirtschaft und Medien lassen ich manchmal kaufen. Wer sich nicht kaufen lässt, muss auf andere Weise geschwächt werden, z.B. durch Vorwürfe wegen Korruption oder Homosexualität. Erdogan und Putin haben die Justiz für ihre Zwecke eingesetzt. Weitere Strategien sind: Schlüsselmedien dazu bringen, sich unter Druck selbst zu zensieren, Unternehmer zu bestechen oder politisch an den Rand zu drängen und zum Schweigen zu bringen, populäre Figuren zum Machterhalt einzuspannen, die Verfassung und Gesetze umzuschreiben (Beispiel USA 1870 in der Phase der ‚reconstruction‘). Die Regeln werden wie bei einem Fußballspiel neu geschrieben zu Lasten demokratischer Spielregeln. Oft dient auch der Vorwand von ‚Schutz‘ der Aushöhlung, oder Sicherheitskrisen, da in Krisenzeiten die Ausweitung der Exekutivgewalt erlaubt ist. Eine Kombination von Möchtegern-Autokrat und Krise kann für die Demokratie tödlich sein. Krisen können auch erfunden werden (Putin anlässlich des Tschetschenienkriegs). Auch Erdogan rechtfertigt mit Sicherheitsrisiken die Ausweitung seiner Macht.

Leitplanken der Demokratie

Die amerikanische Verfassung setzt auf Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle, um Machtmissbrauch zu verhindern. Aber Verfassungen allein reichen dazu nicht aus, denn man kann ihren Buchstaben folgen und dennoch dem Geist widersprechen. Nur Konventionen verhindern, dass Behörden nicht ausschließlich mit Parteigängern besetzt werden. Solche gemeinschaftlich anerkannten Normen sind, wenn sie funktionieren, schwer zu greifen, aber dennoch nicht überflüssig. Dazu gehören die Achtung vor dem politischen Gegner oder der anderen Partei (Negativbeispiel Spanien 1933) und die institutionelle Zurückhaltung (Toleranz), die Amtszeitbegrenzung (auch wenn diese nicht unmittelbar aufeinander folgen) oder Besetzungen des Obersten Gerichts und sparsamer Gebrauch von Präsidialverordnungen.

Auch die Legislative kann ihre Verfassungsrechte überstrapazieren, z.B. bei Amtsenthebungen aus nichtigem Grund. Präsidenten können ihre institutionelle Macht nutzen, wenn Parteien zerstritten sind.

Die Autoren nennen diese ungeschriebenen Gesetze ‚Leitplanken‘ für eine Politik der Kompromisskultur und wichtig für eine funktionierende Demokratie. Ihre Nichtbeachtung oder Schwächung führt zum Zusammenbruch (Beispiel Chile 1973) der Demokratie und Polarisierungen zerstören demokratische Normen.

Die ungeschriebenen Gesetze der amerikanischen Politik

Als Roosevelt während der Weltwirtschaftskrise 1933 umfassende Vollmachten beanspruchte, wurde er vom Obersten Gericht ausgebremst. Auch gelang es ihm nicht die Institutionen in seinem Sinne zu ändern. Mit Gegnern alltäglich zusammen zu arbeiten, ist eine Norm, die sich gegen Widerstände durchgesetzt hat und mitunter auch mit einer Rücknahme von – berechtigten – Forderungen verknüpft ist. Die Zusammenarbeit der Parteien wurde die Grundlage zahlreicher Reformen in den USA (Einkommenssteuer auf Bundesebene, Direktwahl der Senatoren, Frauenwahlrecht). Die ungeschriebenen Regeln stabilisierten die Demokratie und stabilisierten ein Gleichgewicht der Kräfte. Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle erfordern zusätzlich, dass institutionelle Rechte mit Bedacht genutzt und sowohl vom Präsidenten als auch vom Kongress nicht zügellos als Waffe eingesetzt werden. In den USA ist die Machtfülle des Präsidenten ‚imperial‘, d.h. mittels Verordnungen und Erlassen zu regieren, gewachsen; er kann den Kongress und die Judikative umgehen. Gerade deshalb ist Zurückhaltung wichtig (George Washington als Vorbild: ‚Die Macht erlangt durch die Bereitschaft, sie aufzugeben‘) und ein Gebot der Selbstbeschränkung, z.B. auch bei der Besetzung des Obersten Gerichts. Minderheiten sollten vor der Macht der Mehrheit geschützt werden. Die ungeschriebenen Gesetze sind wesentliche Kontrollmöglichkeiten; werden sie nicht zurückhaltend eingesetzt, führen sie zu Konflikten und politischem Stillstand. Gegenseitigkeit bedeutet eine Einschränkung der Macht. Beratung und Zustimmung schafft Raum für Interpretation und Diskussion.

Ein Amtsenthebungsverfahren (zwei Drittel der Senatoren müssen zustimmen) ist auch ohne Verurteilung traumatisierend. Das amerikanische System der Gewaltenteilung funktioniert, wenn es von den Normen der Achtung und Zurückhaltung gestützt wird. Das war nicht der Fall bei Roosevelt während der Weltwirtschaftskrise, aber seine Präsidentschaft verkam nie zu einer Autokratie. Eine zweite Herausforderung war der McCarthyismus Anfang der 50er Jahre (scharfer Antikommunismus), der von den Republikanern ausgenutzt wurde, eine dritte war das autoritäre Verhalten der Nixon-Regierung, beginnend mit der Observation von Journalisten und Oppositionellen und endend mit Watergate. Einem Amtsenthebungsverfahren entging Nixon durch seinen Rücktritt. Bislang haben die Leitplanken gehalten, wobei das Problem der Rassenexklusion von beiden Parteien nicht gelöst ist. Erst diese Inklusion wird die USA in vollem Umfang demokratisieren.

Das Zerbröckeln der Demokratie

Beispiele von der Besetzung von Bundesrichtern nach parteipolitischen Interessen, Vorstellungen von Politik als ‚Kriegsführung‘ (Gingrich 1979) durch Herabsetzung des Gegners, Polarisierung, Kompromisslosigkeit (auch unter Gingrichs Nachfolger DeLay, und später unter Bush). Schließlich gaben beide Parteien zunehmend ihre Zurückhaltung auf: Normbrüche wurden nicht mehr verfolgt, Wahlbezirksreformen zugunsten einer Partei durchgeführt, gegenseitige Achtung und Toleranz nahm ab, Obama wurde z.B. als ‚Marxist, Antiamerikaner, verdeckter Muslim und ‚Terroristenfreund‘ dargestellt. Sein Wahlsieg weckte Hoffnungen auf eine zivilisiertere Politik, doch ging der Parteienkrieg weiter. E-Mails verbreiteten Gerüchte und Zweifel an Obamas Staatsbürgershaft (Trump), Extremismus und Intoleranz und Erosion der institutionellen Zurückhaltung nahmen zu. Gesetze wurden durch Verzögerungen blockiert. Es kam zu Normverletzungen auf beiden Seiten. Die Schuldenobergrenze wurde von den Republikanern als Druckmittel für Ausgabenkürzungen benutzt und hätte fast zur Zahlungsunfähigkeit unter Obama geführt. In die diplomatischen Verhandlungen mit dem Iran wurde eingegriffen und der Ernennung des Obersten Richters Garland nicht zugestimmt. Grundlegende Normen der gegenseitigen Achtung und Zurückhaltung zerbröckelten mit der Radikalisierung der republikanischen Partei. Die Polarisierung in liberale Demokraten und konservative Republikaner nahm zu; es bildeten sich unterschiedliche Gemeinschaften, Kulturen und Werte. Zunehmend wurden von Republikanern auch rechte, finanziell gut ausgestattete Medien genutzt. Statusangst – verbreitet durch die Tea-Party – verstärkte die Verunsicherung. Die Leitplanken der Demokratie wurden erodiert.

Trump gegen die Leitplanken

Rhetorische Angriffe auf die Medien, auf die Legitimität von Richtern und eindeutig autoritäre Neigungen wie: die Schiedsrichter gleichschalten (Entlassung von Comey), Schlüsselspieler neutralisieren (an den Rand drängen) und Spielregeln neu schreiben charakterisieren Trump; er ist feindselig gegenüber Gesetzeshütern, Nachrichtendiensten, Ethikkommissionen und Gerichten. Mit Gewalt und Drohungen versuchte er Gegner seiner Einwanderungspolitik einzuschüchtern. Meist blieb es bei Worten, doch Veränderungen von ‚Wähleridentifikationsgesetzen‘ sind auch Taten. Noch gibt es die Leitplanken, doch nach Meinung der Autoren ‚schrammt‘ Trump daran entlang.

Es folgt eine Übersicht über die autoritäre Bilanz während des ersten Amtsjahres in verschiedenen autokratischen Ländern. Fraglich ist in USA, ob die Republikaner Trump weiter unterstützen, seine Macht eindämmen, anstelle von Loyalität und bedingter Zustimmung. Die öffentliche Meinung und Sicherheitskrisen könnten ihn jedoch stärken.

Normbrüche in der Politik können destruktiv oder konstruktiv sein, da sich auch gesellschaftliche Werte verändern, sind sie mitunter sogar notwendig. Trump verletzt aber ungeschriebene Regeln, die für eine Demokratie unerlässlich sind z.B. (keine falschen Betrugsvorwürfe, keine persönliche Bereicherung, Anstand gegenüber Gegnern, keine Lügen, Beleidigungen, Selektion von Journalisten und Veränderung von Maßstäben). Die Konsequenzen sind ein aggressives gesellschaftliches Klima, wachsende Gewalt, steigender Rassismus und Sexismus.

Die Demokratie retten

Erst 1965 haben sich die USA vollends (?) demokratisiert (durch die Rasseninklusion und mehrere Parteien in den Südstaaten) für den Preis einer Polarisierung der Parteien. Liberale Parteien sind weltweit auf dem Rückzug (Vertrauenskrise), autoritäre Regime im Aufwind. Möglich, dass sich die Demokratie nach Trump rasch erholt (dann scheitert er politisch) oder dass Wahlen zunehmend mit einem nationalistischen weißen Profil gewonnen werden (Präsidentschaft der Republikaner, Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses und der Parlamente in den Bundesstaaten und am Obersten Gerichtshof, – eine undemokratische weiße Dominanz) oder weitere Polarisierungen und Abkehr von ungeschriebene politischen Konventionen (z.B. rassisch zugeschnittene Wahlkreise in North Carolina). Der Geist von Fairplay steht nicht explizit in der Verfassung sondern beruht auf dem ‚Glaubensbekenntnis‘ von Freiheit und Gleichheit.

Die Autoren schlagen vor, dass die Demokraten sich nicht den Republikanern mit den gleichen Kampfmitteln anpassen. Eine Amtsenthebung würde nur die Polarisierung verstärke. Vielmehr sollte Trump durch Einhaltung demokratischer Normen und eine breite Oppositionskoalition gestoppt werden und vor allem einer weiteren Spaltung durch Ressentiments, rassische und religiöse Unterschiede verhindert werden. Die Setzung von Normen bedarf kollektiver Anstrengungen, z.B. eine Zusammenarbeit trotz Polarisierungen, und Reformationen innerhalb der Partei. Auch die Neugründung einer großen amerikanischen Mitte ist vorstellbar (Beispiel Westdeutschland nach 1945). Durch die Reformen der 1960er Jahre haben die Amerikaner die Chance eine multiethnische Demokratie aufzubauen, wobei stagnierende Löhne, Einkommensverteilung und wirtschaftliche Ungleichheit eine wichtige Rolle spielen werden; allerdings kann Sozialpolitik auch stigmatisieren (vorbildlich dagegen die skandinavischen Länder). Deshalb ist in Demokratien eine gute Arbeitsmarktpolitik ein stabilisierendes Element.

Es folgt die lesenswerte Antwort des Schriftstellers E.B. White auf die Frage: ‚Was ist Demokratie?‘

Diskussion

Ein aufrüttelndes Buch, engagiert geschrieben, mit zahlreichen Beispielen einer Entwicklung autokratischer Regime in verschiedenen Ländern und besorgt im Hinblick auf die derzeitige Entwicklung in den USA. Es wendet sich nicht nur an die Parteien, sondern auch an die Medien, die Bürger und die Regierungen, sich ihrer Verantwortung für das Gelingen eines demokratischen Systems bewusst zu sein, die Gefahren einer Erosion nicht zu unterschätzen und neben der Verfassung und den bestehenden Gesetzen vor allem an die nicht weniger wichtigen ungeschriebenen Regeln des Umgangs mit dem politischen Gegner, den Andersdenkenden und Minderheiten umzugehen, d.h. die Macht, die einem verliehen wurde, nicht zu missbrauchen.

Angesichts der AfD in der Bundesrepublik schärft dieses Buch auch den Blick für Gefahren, die der Demokratie von autoritären oder rechtsradikalen, überhaupt von radikalen Gruppen, drohen.

Bei der Fülle der Möglichkeiten von Machtmissbrauch, auch in Demokratien, nehmen sich die ‚Rettungsvorschläge‘ relativ moderat aus, soweit sie auf die ungeschrieben Gesetze setzen. Was mir beim Lesen fehlte waren Gedanken darüber, wie man Parteien von innen her reformieren kann, da sie in einem demokratischen System eine – wie die Autoren aufzeigen – besondere Funktion und Verantwortung nicht nur dem Staat, sondern auch dem Umgang untereinander und ihren Wählern gegenüber haben.

Trotz des intensiven Bezugs auf das amerikanische System enthält das Buch viele Anregungen, über uns und unser Verhältnis zur Demokratie, zu Minderheiten, zu antidemokratischen Tendenzen nachzudenken. Es eignet sich vorzüglich für den Unterricht im Schul-, Hochschulbereich und die Arbeit mit Jugendlichen, und kann auch politisch Verantwortlichen empfohlen werden, insbesondere da auch 1933 die konservativen Parteien in Deutschland ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind.

Fazit

Trotz mancher Längen durch die vielen Beispiele aus der internationalen Politscene, doch wer sich dafür interessiert vielleicht auch gerade deshalb (!), sehr empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 04.02.2020 zu: Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben. Pantheon Verlag VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE GmbH (München) 2019. ISBN 978-3-570-55408-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26213.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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